Erster Teil von drei

Erlösung in den Kommunismus
Richard Wagner und das Ende der Moderne: Der durch Besitzgier und Eigennutz entfremdete Mensch
schafft sich eine neue Ordnung / Das Kunstwerk der Zukunft als Lebensform / Erster Teil einer JF-Serie

hören statt lesen

THOMAS BARGATZKY

In einem Artikel vom 7. Januar 2012
unter dem Titel „Staatendämmerung“
in der FAZ behandelt Rainer
Hank die europäische Schuldenkrise
der Gegenwart. Hank spielt auf
„Götterdämmerung“ an, den vierten
und abschließenden Teil von Richard
Wagners Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“.
Schon George Bernard Shaw
hat in seinem Buch „The Perfect Wagnerite“
(1898; dt. „Ein Wagner-Brevier“)
Wagners Dramenzyklus als Kapitalismuskritik
gedeutet. Der Ring spiele
nicht in einer fernen Vergangenheit,
sondern handle von der gegenwärtigen
Krise des modernen Kapitalismus und
seinen zerstörerischen Einwirkungen auf
Staat und Gesellschaft.
Shaws Gegenwart ist auch die unsere.
Daß Hank ausgerechnet auf Wagners
„Götterdämmerung“ anspielt, das Musikdrama,
in dem sich der Weltuntergang
vollzieht, ist kein gutes Zeichen, denn
damit deutet er an, daß der Wandel, den
die moderne Staatenwelt zur Zeit erfährt,
mythisch ist, also nicht zu neuen Lösungen
führen wird. Der Mythos zeigt „den
Zusammenhang der Dinge, indem er
eine Geschichte erzählt“ (Carl Friedrich
von Weizsäcker), und die Geschichte des
Mythischen endet nie (Kurt Hübner);
mythische Geschehnisse wiederholen
sich. Jede Morgenröte ist Eos, jeder Lorbeer
ist Daphne. Alternativlosigkeit ist
das Wesen des Mythos, insofern besitzt
auch das Handeln von Deutschlands
Kanzlerin mythische Qualität. Ob das
Ergebnis davon Untergang ist oder „Erlösung“,
läßt sich derzeit aber noch nicht
vohersagen. „Erlösung“ ist jedoch bei
Wagner immer auch Untergang.
Wagners Musikdramen und seine
Schriften gehören zusammen, sie sind
gleichsam eine Doppelgestalt; sein musikdramatisches
Schaffen erschließt sich
erst vollständig durch die Lektüre seiner
Schriften. Daher sind jene im Irrtum,
die meinten, Wagner hätte lieber noch
ein weiteres Musikdrama schreiben sollen,
als sich an seine Schriften zu verschwenden.
Gerade am Begriff der „Erlösung“
wird dies deutlich, einem Schlüsselbegriff
im Werk des Bayreuther Meisters.
Die moderne Wagner-Forschung hat unseren
Blick auf Wagners Weg als lebenslangen,
unlösbaren Konflikt zwischen
seiner Existenz als moderner Künstler,
der von seinem künstlerischen Schaffen
leben muß, und der Unvereinbarkeit des
Kunstwerkes mit der durch den Markt
bedingten Warenform gerichtet.
Der Abhängigkeit
vom Markt suchte Wagner
durch den Appell an bürgerliche
und adlige Mäzene
zu entkommen. Daß er sich
buchstäblich in letzter Minute
gern vom jungen bayerischen
König retten ließ –
wer kann es ihm verdenken?
Karl Marx’ herablassende
Bemerkungen im August/
September 1876, in
einem Brief an seine Tochter
Jenny Longuet über den
„neudeutsch-preußischen
Reichsmusikanten“ (MEW 34: 193),
sind nicht nur aus diesem Grunde ungerecht,
denn ein Blick in Wagners Schriften
enthüllt Parallelen im Denken beider,
die geradezu atemberaubend sind.
Das wird am Begriff „Erlösung“ deutlich,
der sich wie ein roter Faden durch
Wagners Werk zieht

Wagners
Schriften von
1849 lassen
keinen Zweifel
daran, daß es
ihm um eine
„Erlösung in
den Kommunismus“
geht.

„Erlösung“ hat bei Wagner niemals
nur eine individuelle religiöse oder psychologische
Bedeutung. Seine Schriften
von 1849 „Das Kunstwerk der Zukunft“
und „Das Künstlertum der
Zukunft“ lassen keinen
Zweifel daran zu, daß es
ihm um eine „Erlösung in
den Kommunismus“ geht,
um die Aufhebung der Entfremdung
des Menschen als
Folge von Eigennutz und
Besitzgier durch die Schaffung
einer neuen Ordnung,
die den „Egoismus“ durch
den „Kommunismus“ überwindet.
Die Welt der „öden
Sorge für Gewinn und Besitz,
der einzigen Anordnerin
alles Weltverkehrs“
(„Vorspiel zu Lohengrin“, 1853) ist ein
unnatürlicher „Zusammenzwang Ungleichbedürftiger“;
der Staat ist aus einem
„wohltätigen Schutzvertrage aller“
zu einem „übeltätigen Schutzmittel der
Bevorrechteten“ geworden.
Im gemeinsamen „Kunstwerk der
Zukunft“ wird nicht mehr der Luxus

herrschen, die „Seele“ einer „Industrie,
die den Menschen tötet, um ihn als Maschine
zu verwenden“. In dieser neuen
Lebensform wird das Volk der große
„Wohltäter und Erlöser“ sein, „denn
im Kunstwerk werden wir Eins sein“.
Hier wird im Medium der abstrakten
Begrifflichkeit vorweggenommen, was
fast zwanzig Jahre später, in „Die Meistersinger
von Nürnberg“ wenigstens als
bürgerliche Gesellschaft Bühnenrealität
wird, nachdem das Revolutionsjahr
1848 zwar nicht den Kommunismus
brachte, aber das „Manifest der Kommunistischen
Partei“!
Tatsache ist, daß Wagners „Kommunismus“
kein „Unfall“ in der Biographie
des Meisters war, sondern daß er bis in
seine letzten Jahre ein „Kapitalismuskritiker“
blieb. Dies wird unter anderem
durch eine Tagebucheintragung Cosima
Wagners vom 25. Mai 1877 belegt.
Der Londoner Osten erinnerte Richard
Wagner an seinen „Ring des Nibelungen“:
„Der Traum Alberich’s (sic!) ist
hier erfüllt, Nibelheim, Weltherrschaft,
Tätigkeit, Arbeit, überall der Druck des
Dampfes und Nebel.“

Was wußte Wagner von Karl Marx?
Diese Frage ist berechtigt. Sein Verhältnis
zu Marx bleibt vorläufig ein Rätsel,
denn obwohl Wagner 1849 Freundschaft
mit Michail Bakunin schloß, der
zuvor in Paris Proudhon, George Sand
und Marx kennengelernt hatte, kommt
der Name Marx nirgendwo bei Wagner
vor. Und Wagners Freund, der Revolutionsbarde
Georg Herwegh, war seinerseits
eng mit Marx befreundet. „Kamen
die Gedanken Wagners über den Kommunismus
etwa doch über den Umweg
Herwegh von Marx?“ mutmaßt Martin
Gregor-Dellin in seiner großen Richard-
Wagner-Biographie (1980). Die Forschung
zu dieser Frage ist noch nicht zu
Ende. Eine Klärung wäre nicht folgenlos
für eine Deutung des Gesamtwerkes.

Prof. Dr. Thomas Bargatzky lehrte bis 2011
Ethnologie an der Universität Bayreuth.
Von ihm stammen mehrere, zum Teil auch
im Ausland erschienene Aufsätze über das
Werk Richard Wagners, darunter einer im Programmheft
IV der Bayreuther Festspiele 1993.
Den zweiten Teil lesen Sie nächste Woche in
der JF-Ausgabe 34/12.

entnommen aus Junge Freiheit online 33-2012

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