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Über keinem Gipfel ist Ruh
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Goethe und Globalisierung 1

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Klassische Bücher sind solche, die alt sind, aber gleichwohl nicht veraltet. Man rezipiert sie im Hinblick auf die je eigene Zeit. Das gilt in besonderer Weise für die literarische Produktion Johann Wolfgang von Goethes. Nicht wenige seiner Texte lesen sich so, als wären es zeitgenössische.

Nun bedarf es selbst für einen wahrlich berühmten Autor wie Goethe eines Anstoßes, wenn er in der Öffentlichkeit intensiver als üblich diskutiert wird. Ein derartiges äußeres Ereignis kann ein Jubiläum sein, wie der 250. Geburtstag 1999. Im Herbst vorigen Jahres verdankten sich die Debatten jedoch dem Erscheinen der erfolgreichen Biographie Rüdiger Safranskis, der es wieder einmal versteht, den Helden seines Buches einem breiteren Publikum nahezubringen (JF 42/13). Vergleichbare Aufmerksamkeit erlangte vor über einem halben Jahrhundert die herausragende Darstellung von Richard Friedenthal. Größere Bildungseinrichtungen, etwa das Münchner Kulturzentrum am Gasteig, reagierten auf die entsprechende Konjunktur in den Feuilletons mit Vortragsreihen über die Modernität des vielleicht größten deutschen Klassikers.

Was das Studium vieler Erzeugnisse Goethes so ergiebig macht, ist deren erzählerischer, mythischer und symbolischer Horizont, der weder von ihm selbst noch von den unabsehbaren exegetischen Bemühungen seit weit über zwei Jahrhunderten auch nur annähernd ausgeschöpft werden konnte oder kann. Die Inhalte müssen vor den Erfahrungen unterschiedlicher Zeitalter jeweils verschieden ausgelegt werden. Eine der berühmten Episoden in der Faust-Tragödie geht in Wagners Laboratorium vonstatten. „Ein Mensch wird geboren“, so ist die Szene umschrieben. Vor dem Hintergrund heutiger gentechnischer Erkenntnisse ist diese Aussage so aktuell wie nur denkbar. Im frühen 19. Jahrhundert verwies sie lediglich auf scheinbar überholte Ansichten der Alchemisten.

Manche Andeutungen konkretisieren sich erst im größeren Abstand. Wie sehr Goethe seinen Blick auf die neue Zeit richtete, wird nicht zuletzt an seiner Lektüre der Zeitschriften Le Globe, Le Temps und Revue de Paris deutlich. Hier zeigt sich das Interesse an dem jüngeren Sozialtheoretiker und Schriftsteller Henri de Saint-Simon. Er und sein verzweigter Schülerkreis verknüpften frühsozialistische und technizistische Gedanken zu einer weit ausholenden Fortschrittstheorie.

Saint-Simons bedeutendster Schüler, der Vater der wissenschaftlichen Soziologie, Auguste Comte, ist als Theoretiker des Drei-Stadien-Gesetzes sogar im französischen Oberschulalltag präsent. Seiner Auffassung gemäß folgt dem religiösen Abschnitt der Menschheitsgeschichte, in dem alle Wirklichkeit nur von religiösen Kräften bestimmt wird, der philosophisch-abstrakte. Als Schlußetappe dieser aus einem simplifizierten Geist der Aufklärung gestrickten Entwicklung, die einem Aufzug gleicht, fungiert das positivistische Stadium der Gegenwart, in dem der Mensch mittels wissenschaftlicher Erkenntnis und im Takt mit der modernen Maschinen- und Finanzwelt sein diesseitiges Heil erreicht.

Goethe setzt sich kritisch mit dieser „schönen neuen Welt“ auseinander, weiß aber, daß es kein Entkommen aus deren Sog geben kann. Die Neukonstruktion von Gesellschaft und Natur geschieht im fünften Akt des Fausts gemäß des „Willens Kür“. So werden Ecksteine der Überlieferung bis auf die Wurzel destruiert. „Goethes kritische Phänomenologie der Moderne“ (Michael Jaeger) kulminiert in der Schilderung des menschenfreundlichen Paares Philemon und Baucis. Es verkörpert den alten Adam, auf dessen Trümmern die neue Welt des Übermenschen errichtet wird. Die Hütte und das Leben der beiden Bewohner fallen dem rücksichtslosen Kolonisationswahn Fausts zum Opfer.

Deutlicher konnte Goethe kaum ausdrücken, welche Ambivalenzen er mit dem „Projekt der Moderne“ verbindet. Es stellt lediglich eine Verlängerung der Vorstellungen Goethes ins 20. Jahrhundert dar, wenn der Germanist Michael Jaeger auf dem Titel seiner materialreichen Untersuchung „Fausts Kolonie“ ein Bild von Zwangsarbeitern auf einem Bahngleis präsentiert.

Stets faszinierend für die Nachgeborenen sind die geistigen Räume, die Goethes Dichtungen eröffnen. Der „West-östliche Divan“ schlägt die Brücke zum Islam. Globalität bestimmte seine Perspektiven. So interessierte er sich für Pläne zum Bau des Suez-Kanals wie auch für die Expeditionen Alexander von Humboldts in Südamerika.

Auf Widerspruch stößt bei Goethe nicht nur ein (viele zerstörerische Bestandteile einschließender) Progressivismus, sondern ebenso ein beharrender Traditionalismus, der die Welt vor 1789 restaurieren will. Der schöngeistige Geheime Rat wählte einen Mittelweg. Seine bevorzugte Haltung ist die des Reformkonservatismus, die in Edmund Burke und Justus Möser Vorbilder findet. Als Quintessenz dieser Einstellung kann man die Skepsis gegenüber Versuchen erkennen, theoretische Reißbrettentwürfe direkt in die politische Praxis zu transformieren.

Beispiele aus jüngster Zeit sind schnell ausgemacht. Wem würde hier nicht das aberwitzige Unternehmen aus der Schule des US-Neokonservatismus in der Ära George W. Bush einfallen, teilweise noch in Stämmen lebenden Völkern des Nahen und Mittleren Ostens ein westlich-demokratisches Modell überzustülpen, das politisch-institutionelle Erfahrungen über einen jahrhundertelangen Zeitraum voraussetzt? Goethe schätzte auch im Bereich des Politischen Praxis und Kontinuität.

Zu verweisen ist auch auf Goethes Umgang mit knappen Gütern, die fast automatisch zu Valeurs mutieren. Dazu zählt primär die Zeit. „Verweile doch, du bist so schön!“, heißt es an einer Schlüsselstelle im „Faust“. In einer sich immer schneller wandelnden Alltagswelt gewinnt der Augenblick an Bedeutung. Der Dichterfürst reflektiert den „verkürzten Aufenthalt in der Gegenwart“(Hermann Lübbe) als kulturphilosophischen Tatbestand erster Ordnung. „Über allen Gipfeln ist Ruh“ – das war angesichts stürmischer Umbrüche oft nur frommer Wunsch.

Fest steht, daß Goethe ein Befürworter der „Entschleunigung“ ist. Gleich dem Philosophen Pascal sieht er die „Ruhe, in einem Zimmer zu bleiben“, als Regenerationsquelle – in diametralem Gegensatz zum kraftstrotzenden Tatmenschen Faust. Eindrucksvoll ist die Wortschöpfung, alles sei „veloziferisch“, also die sprachliche Verbindung von „teuflisch“ und „eilig“. Daß der Machbarkeitsfimmel der Modernen einhergeht mit zunehmender Beschleunigung, dürfte unstrittig sein.

Nicht ohne Wehmut heißt es in einem der letzten Briefe Goethes an Zelter, er sei mit einer Epoche verwachsen, die nicht mehr wiederkehren werde. Und doch kann das Jahrtausendgenie „lebendiger und gegenwärtiger sein als manche Lebenden, mit denen man sonst zu tun hat“ (Rüdiger Safranski). Man könnte manchmal fast meinen, er sei aus seiner Zeit ausgewandert und in unsere herübergekommen, aber eben nur fast.

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nachzulesen bei Junge Freiheit 02-2014

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