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Weltweit wird kulturelles Brauchtum geschützt und auf die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes gesetzt. Nur in Deutschland wehren sich unsere Politiker derzeit mit aller Macht dagegen.

Bei den Vereinten Nationen gibt es eine UN-Konvention zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes. Seitdem Deutschland der Konvention 2003 beigetreten ist, könnten in Deutschland auch ideelle Kulturgüter wie Handwerkstechniken, Volkstänze, Volksmusik oder regionale Traditionen von den UN als Weltkulturerbe ausgezeichnet werden. Sie würden dann finanziell und ideell gefördert. Deutsche Steuerzahler zählen immerhin zu den größten Geldgebern dieses weltweiten Projekts.

Ihre eigene Kultur erfährt dafür im Gegenzug vor allem eines: Verachtung. Das liegt allerdings nicht an der UNESCO, sondern an deutschen Politikern. Denn in keinem anderen Land der Welt stehen Politiker der eigenen Kultur so ablehnend gegenüber wie in Deutschland.

Flamenco ist Weltkulturerbe

Während in Spanien Politiker aller Parteien erfolgreich dafür gestimmt haben, dass der Flamenco immaterielles Weltkulturerbe wird, verhindern deutsche Politiker mit allen Mitteln, dass deutsches Brauchtum UNESCO-Weltkulturerbe wird. Man kann das mit erschreckenden Zahlen belegen: Dreißig Mal haben deutsche UNESCO-Vertreter allein im Dezember 2013 mit ihrer Stimme dafür gesorgt, dass kulturelles Brauchtum in anderen Ländern Weltkulturerbe wurde. Die Deutschen stimmten im Dezember 2013 beispielsweise dafür, dass die türkische Kaffeezeremonie in den Männern vorbehaltenen türkischen Kaffeehäusern Weltkulturerbe wird. Nein, das ist kein Scherz.

 
Zur Begründung führten die Deutschen an: »Die türkische Kaffeetradition umfasst zum einen spezielle Zubereitungstechniken und ist zum anderen ein Ausdruck von Gemeinschaftlichkeit. Kaffee wird in der Türkei hauptsächlich in Kaffeehäusern getrunken, wo sich die Menschen treffen, um sich zu unterhalten (…) Die türkische Kaffeekultur spielt eine wichtige Rolle bei gesellschaftlichen Anlässen wie Verlobungen, Zeremonien und Feiertagen.« Die Deutschen stimmten zugleich dafür, dass die islamische Pilgerreise zum Mausoleum von Sidi Abd el-Qader Ben Mohammed (Sidi Cheikh) in Algerien Weltkulturerbe und damit finanziell gefördert wird.

 
Sie stimmten auch dafür, dass die Tuareg-Zeremonien zum Vertreiben von »bösen Geistern« in Algerien, Mali und Niger Weltkulturerbe wurden. Und zeitgleich setzten sich die Deutschen im Dezember 2013 auch erfolgreich dafür ein, dass die »mediterrane Esskultur« Weltkulturerbe wurde. Begründung: »Die mediterrane Ess-kultur steht in Verbindung mit einer Reihe von Fertigkeiten, Ritualen, Symbolen und Traditionen rund um Saat, Ernte, Fischerei, Tierhaltung, Konservierung, Verarbeitung, Zubereitung und insbesondere des Teilens von Essen.

Gemeinsames Essen ist eine Grundlage der kulturellen Identität und der Kontinuität von Gesellschaften im gesamten Mittelmeerraum. Die mediterrane Esskultur betont die Werte der Gastfreundschaft, des gutnachbarschaftlichen Verhaltens, interkulturellen Dialogs und Kreativität. Sie spielt eine entscheidende Rolle bei Feiern und an Festtagen, indem sie Menschen jedes Alters und unterschiedlicher sozialer Schichten zusammenbringt.« Griechen, Italiener, Franzosen, Spanier und Portugiesen freuen sich nun darüber, dass die Deutschen Fördermittel für die Esskultur in ihren Ländern bereitstellen.

Ist Fasnet/Karneval etwa keine Kultur?

Die entsprechende Liste der im Dezember 2013 mit deutscher Unterstützung neu aufgenommenen immateriellen Weltkulturgüter und Bräuche ist lang, sehr lang. Umso verwunderlicher ist es, wie sehr sich die gleichen deutschen Vertreter dagegen wehren, deutsches Brauchtum auf die Liste setzen zu lassen.
Derzeit stehen 327 Projekte auf der UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes – nur kein einziges aus Deutschland.

Dabei gäbe es doch vieles, was es mit der türkischen Kaffeekultur ganz sicher aufnehmen könnte: der deutsche Karneval oder die schwäbischalemannische Fasnet, das Reinheitsgebot für Bier, das Skatspiel, das Brauchtum der Volksgruppe der Sorben oder auch Bergmannskapellen, die Genossenschaftsidee nach dem Westerwälder Friedrich-Wilhelm Raiffeisen, das Westerwälder Töpferhandwerk oder das Jahrhunderte alte Brauchtum der deutschen Schützenvereine.

570000 Schützen aus Nordrhein-Westfalen wollten im Januar 2014 endlich erreichen, dass ihr Brauchtum auch zum Weltkulturerbe wird. Doch der Schuss ging nach hinten los. Der nordrhein-westfälische Landtag lehnte mit einer Mehrheit aus SPD, Grünen und Piraten das Ansinnen ab, einen Antrag zur Aufnahme des Schützenwesens in die UNESCO-Liste zu unterstützen. In NRW sind 3000 Schützen-Bruderschaften aktiv und leisten bürgerschaftliches Engagement.

Man mag zu deren Ansinnen nach Aufnahme in die UNESCO-Liste stehen, wie man will. Aber man sollte wissen, dass unsere Politiker zeitgleich die Schirmherrschaft für die Ausstellung von ugandischem Rindentuch
auf der vom 13. bis 19. Januar 2014 in Köln stattgefundenen Messe »Living Interiors« übernommen haben. Und die deutsche UNESCO-Kommission finanzierte die Ausstellung des ugandischen Rindentuchs, weil dieses afrikanische Brauchtum schließlich zum Weltkulturerbe gehöre.

Afrikanischer Lendenschurz

Die deutsche UNESCO-Kommission teilte zu der wie selbstverständlich durchgeführten Werbeaktion für afrikanische Rindentuch-Lendenschurze mit: »Das Rindentuch wird für Lendenschurze, Röcke, Vorhänge und Wandbekleidungen verwendet; mehrere dicke Lagen ergeben eine ausgezeichnete Schlafunterlage. Die Kunst dieser Tuchherstellung nimmt einen festen Platz im religiösen und festlichen Leben Ugandas ein.«

Aus Sicht der Schützenvereine, Karnevalisten, Skatspieler und vieler anderer Brauchtumsvereine war das wohl ein Tritt in den Hintern.

Aber sie sollten dafür Verständnis haben.

Schließlich dürfen die Deutschen jetzt die »mediterrane Esskultur« und die »türkische Kaffeehauskultur« mitfinanzieren, weil die kulturell wertvoll sind.

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nachzulesen bei Kopp-Exklusiv 06-2014
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Runenkrieger11
08/02/2014 17:00

Hat dies auf Treue und Ehre rebloggt.

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