ln Deutschland bieten seit geraumer Zeit viele Kliniken eine von den Krankenkassen bezahlte Nierennervenverödung an, wenn man als Patient unter Bluthochdruck leidet. 0Tausende haben das leider schon bereitwillig machen lassen. Und nun kommt der Schock. 

Bis vor Kurzem haben zahlreiche deutsche Kliniken für die Anwendung einer neuen, in den USA nicht zugelassenen Methode zur Bekämpfung von hartnäckigem Bluthochdruck geworben: die renale Dener-vation oder Nierennervenverödung. Doch auf einmal macht sich Ernüchterung breit.

Denn eine in den USA an 87 Kliniken mit 535 Herzpatienten durchgeführte vergleichende Studie mit dem Namen SYMPLICITY HTN-3 kam zum Schluss, dass die mit viel Vorschusslorbeeren bedachte neue Therapiemethode nicht signifikant besser anschlägt als ein Placebo. Die Ergebnisse der Studie wurden Mitte Januar 2014 bekannt und schlugen vor allem in deutschen Krankenhäusern ein wie eine Bombe.

Stromstöße in das Nervengeflecht fotolia-darmhirn-xs

Denn schätzungsweise 200 bis 300 von ihnen bieten die von den US-Gesundheitsbehörden noch als »experimentell« eingestufte Methode als Routineverfahren an, das von den Krankenkassen mit immerhin fünfeinhalbtausend Euro vergütet wird. Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden weist aus, dass im Jahre 2012 nicht weniger
als 4366 Patienten mit dem neuen Verfahren behandelt wurden. Im vergangenen Jahr 2013 waren es vermutlich sogar noch erheblich mehr.

Die Idee, gegenüber allen bekannten Medikamentenkombinationen resistenten Bluthochdruck über die Dämpfung des für Stressreaktionen zuständigen sympathischen Nervensystems zu bekämpfen, ist nicht ganz neu.

Schon in den 1950er-Jahren durchtrennten Chirurgen bei Risikopatienten den Sympathikus, um den Blutdruck in den Griff zu bekommen. Heute wird die Methode minimalinvasiv angewandt: Durch ein Löchlein in der Leiste wird ein Katheder entlang der Bauchschlagader bis zu den Nierenarterien vorgeschoben.

An der Kathederspitze befindet sich eine kleine Elektrode, die Stromstöße aussendet. Dadurch wird das Nervengeflecht um die Arterie verödet. Die Stresssignale des Sympathikus kommen dann nicht mehr in der Niere an. Die auf den ersten Blick einleuchtend und einfach erscheinende Operation nimmt weniger als eine Stunde in Anspruch. Kein Wunder, dass so viele Krankenhäuser das neue Verfahren schnell in ihr Standardangebot aufgenommen haben, nachdem eine vom Medizintechnikherstel-ler Ardían finanzierte Studie an nur 106 Patienten (SYMPLICITY HTN-2) herausfand, dass sich mit der Dämpfung des Sympathikus im Vergleich zur rein medikamentösen Behandlung eine systolische Blutdrucksenkung in der Größenordnung von 30 Millimeter Quecksilber (mmHg) erreichen ließ.

Schon vor dem Bekanntwerden der SYMPLI-CITY-HTN-3-Studie äußerten manche Mediziner aber Zweifel an diesem Ergebnis.

So zum Beispiel Alexandre Persu von der Katholischen Universität Louvain bei Brüssel, der bei einem Kongress in Mailand die Vermutung äußerte, da sei wohl ein Placeboeffekt im Spiel. Denn man wusste aus Tierversuchen mit verpflanzten Nieren, dass auch Nieren ohne Anschluss an das sympathische Nervensystem Bluthochdruck erzeugen können. Aus diesen Gründen ver- 4 glich dann die SYMPLICITY-HTN-3-Studie die Sympathikusverödung mit einem Placebo. Dabei stellte es sich heraus, dass es keinen signifikanten Unterschied gab.

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