.

Die einen schwärmen von einer »Fusion von Automobil und IT«. Die anderen warnen vor NSA-Wanzen im Fahrzeug. Fest steht jetzt: In wenigen Jahren werden Autofahrer der Totalkontrolle durch Konzerne und Behörden unterliegen. Die meisten ahnen gar nicht, was da auf sie zukommt. Aber die Entwicklung rast unaufhaltsam auf uns zu.

Komplexe Steuerungsanlagen fielen aus, permanente Systemabstürze und andere gravierende Störungen brachten die IT-Experten zur Verzweiflung: Der Computerwurm Stuxnet – eigentlich entwickelt, um iranische Atomanlagen zu sabotieren -sorgte vor einigen Jahren für Aufregung und machte wieder einmal die Risiken der vernetzten Welt deutlich. Man stelle sich vor, ein ähnlich aggressiver Computerwurm übernähme die Steuerung eines Autos.

Wer dann nur auf der Autobahn liegen bleibt, hat Glück gehabt. Wenn aber kriminelle Hacker den Motor oder die Bremsen des Fahrzeugs manipulieren, dann besteht Lebensgefahr. Ist das übertriebene Panikmache? Keineswegs, denn auf dem jüngsten Genfer Autosalon war ein Megatrend der Branche nicht mehr zu übersehen: Fahrzeuge und Informationstechnologie verschmelzen immer mehr. Da scheint es nicht weiter zu stören, dass schon heute die Technik im Fahrzeug eine der häufigsten Ursachen für Pannen ist. Das verwanzte Auto, der überwachte Autofahrer – beides könnte schon in zwei Jahren Realität sein.

Gefährliche spezielle Kfz-Wanzen

»Unsere Autos werden zu mobilen Endgeräten«, schwärmt der Chefingenieur von Audi, Ulrich Hackenberg. Und Paul Mascarenas, Technikchef bei Ford, ist überzeugt: »Moderne Kunden wollen auch unterwegs so online und vernetzt sein wie zu Hause.« Wirklich? Oder ist es nicht vielmehr so, dass Automobilhersteller in trauter Eintracht mit US-Konzernen wie Apple und der Datenkrake Google mithilfe von Big Data auch Big Business machen wollen? Stefan Brat-zel, Professor an der FH der Wirtschaft in Bergisch-Gladbach, spricht immerhin von einer »Daten-Goldmine« und einem »Megathema« für die ganze Branche.
Um die Akzeptanz oder zumindest die Duldung der Totalüberwachung durch spezielle Kfz-Wanzen zu erhöhen, werden sie den Autofahrern als Beitrag zu mehr Wirtschaftlichkeit und Sicherheit verkauft.

Rabatte für die Datenüberwachung

Bereits vor einiger Zeit machte zum Beispiel die Sparkassen Direktversicherung ihren Kunden ein nur im ersten Moment vernünftig klingendes Angebot:
Wer seinen Fahrstil elektronisch überwachen lässt, der bekommt einen Nachlass von fünf Prozent auf die Versicherungsprämie (Kopp Exklusiv berichtete). Dass schon der Einbau der Datenüberwachungsbox diesen Rabatt mehr als aufzehrt, erfährt der Kunde natürlich nicht. Vom nächsten Jahr an müssen alle Neufahrzeuge mit dem sogenannten E-Call ausgerüstet sein, so haben es die Brüsseler Eurokraten vorgeschrieben.

Die Idee klingt zunächst überzeugend: Nach einem schweren Unfall wird entweder manuell oder durch Auslösung des Airbags ein Notruf gesendet. In der Alarmzentrale erfolgt dann innerhalb von wenigen Sekunden die Ortung des Fahrzeugs. Außerdem baut ein Callcenter eine Sprachverbindung zum verunglückten Fahrzeug auf.
Gleichzeitig können die Rettungskräfte vor Ort alarmiert werden. Noch aber ist unklar, wer die über die Mobilfunknetze übertragenen Daten nutzen darf. Behörden, Versicherungen, Leasinggesellschaften und Automobilhersteller dürften daran interessiert sein. Denn auch im notfallfreien Betrieb können die mit dem E-Call-System ausgerüsteten Fahrzeuge elektronisch verfolgt werden. Das darf nach Ansicht von Datenschützern zwar nicht sein, doch spätestens seit der NSA-Affäre wissen selbst arglose Zeitgenossen: Was technisch machbar ist, das wird auch gemacht.

Man muss ja nicht unbedingt darüber sprechen. Der ACE Auto Club Europa befürchtet, dass mit E-Call »Autofahrer klammheimlich eine Art von NSA-Wanzen untergejubelt bekommen«. Die Verschmelzung von Automobil und IT ist vor allem bei Audi schon weit gediehen. So kooperiert die VW-Tochtergesellschaft mit Google, einem US-Giganten, der bekanntlich weit mehr ist als nur ein Suchmaschinenbetreiber. Google stellt Dienste für Smartphones mit Android-Betriebssystem bereit. Die Verwanzung ihrer Fahrzeuge scheint die Bürger aber nicht weiter zu stören.

Es gibt keinen Widerstand dagegen

Umfragen belegen, dass in Spanien und Italien rund 80 Prozent der dortigen Autofahrer mit der Totalüberwachung einverstanden sind, wenn sie dadurch in den Genuss geringerer Versicherungsprämien kommen. In Deutschland halten 62 Prozent der Autofahrer die sogenannten Telematik-Tarife für eine gute Idee. Das Verbraucherverhalten gleicht hier auffallend dem Umgang mit den Rabattsystemen im Einzelhandel. Für ein paar Cent Preisnachlass oder ein kostenloses Billigstprodukt nach erreichter Punktzahl lassen viele Kunden ihr Konsumverhalten ausspionieren.

Die meisten Autofahrer wüssten gar nicht, welche Informationen sie preisgäben, ist der Wirtschaftsprofessor Stefan Bratzel überzeugt. Und vor allem •wissen sie nicht, wer sich für diese Daten interessiert. Denn die Wanzen im Auto liefern nicht nur Anhaltspunkte für den Fahrstil.

Vielmehr lassen sich mit den dabei gewonnenen Daten auch komplette Bewegungsprofile erstellen. Wer zum Beispiel häufig nachts und in als besonders gefährlich geltenden Großstädten unterwegs ist, der könnte bald Post von seinem Kfz-Versicherer mit der Mitteilung steigender Prämien infolge höherer Risiken erhalten. Hält sich der Autofahrer oft in einer bestimmten Stadt oder in einem Nachbarland auf, dürfte er mit Werbe-E-Mails aus der betreffenden Region regelrecht bombardiert werden.
Vor allem birgt die Totalüberwachung der Autofahrer große Vorteile für die Behörden. Finanzämter etwa können dann jederzeit prüfen, ob die Kilometerabrechnungen für das beruflich genutzte Auto wirklich der Realität entsprechen.

Und was mag im Kopf eines Finanzbeamten Vorgehen, wenn er anhand von Bewegungsprofilen feststellt, dass ein Bürger sich auffallend häufig in der Schweiz aufhält? Unsere Nachbarländer sind zwar längst keine Steueroasen mehr, doch »rote Tücher« für den Fiskus. Ford-Marketingchef Jim Farley scheint sich in der Rolle des Hilfssheriffs sogar zu gefallen.

Vor US-Journalisten kokettierte er unlängst:
»We know everyone who breaks the law. We know when you’re doing it.« (»Wir kennen jeden, der die Gesetze bricht. Wir wissen es, sobald sie es tun.«).

Völlig ungeklärt ist darüber hinaus, wem die aufgezeichneten Daten letztlich gehören, wer also darüber verfügen und sie gegebenenfalls auch verkaufen darf, zum Beispiel an die Werbewirtschaft. Der Fantasie sind jedenfalls kaum Grenzen gesetzt. Diskutiert wird zum Beispiel über eine »elektronische Autokralle«.

Wer seine Kfz-Steuer nicht pünktlich zahlt oder mit der Leasingrate in Rückstand gerät, dem wird künftig vielleicht keine Wegfahrsperre mehr am Vorderrad seines Fahrzeugs angebracht.

Viel einfacher ist es, per Mausklick die Bordelektronik des Autos lahmzulegen.

.

NEWSLETTER
0 0 vote
Article Rating
1 Kommentar
Most Voted
Newest Oldest
Inline Feedbacks
View all comments
Arcturus
15/03/2014 02:52

Hat dies auf Oberhessische Nachrichten rebloggt.

Translate »