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Viele Europäer ahnen, dass es wirtschaftlich nur noch bergab gehen wird. Sie träumen davon, in die USA auszuwandern. Doch die Amerikaner wollen selbst weg. Den amerikanischen Traum gibt es nicht mehr.

ami pässe

Stagnierende Löhne. Steigende Kosten. Gelähmte Politik. Und ein endloser Krimi um die Haushaltsdefizite in Washington. Dazu Schulden, die außer Kontrolle geraten. Ganz zu schweigen von sozialen Leistungen, die drastisch beschnitten werden. Millionen von Amerikanern nehmen deprimiert und zögerlich Abschied von dem Traum, der seit jeher das Land zusammengehalten hat: dass Zuversicht, gute Ausbildung und harte Arbeit jeden fleißigen Menschen auf der sozialen Leiter nach oben befördern, mindestens bis in die Mittelschicht. Doch jetzt zieht auch der US-Fiskus die Zügel an und hilft, die schwindsüchtigen Taschen zu leeren. Der Foreign Account Tax Compliance Act – 2010 vom Kongress verabschiedet

–    soll die Steuervermeidung von Amerikanern im Ausland unterbinden. Seit drei Jahren müssen dem heimischen Fiskus alle ausländischen Vermögen ab 50000 Dollar (36430 Euro) gemeldet werden. Das war der erste Schlag. Jetzt fölgt der zweite: Banken müssen nun alle Auslandskonten von Amerikanern melden.

Die Reaktion ist heftig. Von 2012 auf 2013 hat sich die Zahl der Amerikaner, die ihren Pass zurückgeben, auf 3000 verdreifacht. Seit dem Krisenjahr 2009 hat sie sich vervierfacht.

Überall grassierende Arbeitslosigkeit

Die Rückgabe des Passes ist aber nur eine Weise, in der Amerikaner auf strengere Steuereintreibung und das Ende des kollektiven Tellerwäscher-zum-Millionär-Traums reagieren. Andere verabschieden sich desillusioniert aus dem Arbeitsmarkt und geben die Jobsuche völlig auf. Das lässt die Arbeitslosenrate sinken, obwohl die Firmen enttäuschend wenig neue Jobs produzieren. Andere Amerikaner nehmen wieder mehr Schulden auf oder plündern ihre Pensionsersparnisse, um den Lebensstandard trotz höherer Preise, stagnierender Löhne und schwacher Jobperspektiven zu verteidigen.

Ihre Zuversicht in die Zukunft des eigenen Landes ist nachhaltig erschüttert. Denn der amerikanische Traum war eine schriftlich fixierte Garantie, er war fast in Stein gemeißelt. Er wird in Geschichtsbüchern der Highschools bis heute eindringlich beschrieben und beschworen. »Amerikas Versprechen« heißt eines dieser Textbücher.

Es skizziert, die Geschichte der USA als eine Abfolge von »angenommenen Herausforderungen, gelösten Problemen und überwundenen Krisen.« Die 317 Millionen Amerikaner seien trotz diverser Rückschläge immer optimistisch geblieben, heißt es in dem Buch.

Doch genau daran gibt es jetzt immer mehr Zweifel. Der Meinungsforscher Gallup stellte mitten in der Finanzkrise vor sechs Jahren erstmals fest, dass ein langjähriger Trend, der seit den 1970er-Jahren unerschütterlich galt, gebrochen war: Zum ersten Mal glaubten Amerikaner nicht mehr daran, dass sich ihre finanzielle Situation im folgenden Jahr bessern würde. 

Diese Zuversicht war vorher sogar durch die Ölkrisen der 1970er-Jahre,
durch den Börsencrash von 1987 und durch das Platzen der Dotcom-Blase Anfang des vergangenen Jahrzehnts gerettet worden. Doch seit der Finanzkrise vor sechs Jahren wurde die Illusion erst erschüttert und dann nach und nach zerstäubt.

Kein Wunder:

Die Aufstiegschancen für Kinder aus einkommensschwächeren Familien haben sich seit den i96oer-Jahren nicht gebessert und zuletzt für wichtige gesellschaftliche Gruppen sogar weiter verschlechtert. Das stellt eine Studie des Harvard-Forschers Raj Chetty fest. Er hatte dafür mit Kollegen der University of California sowie Experten des Finanzministeriums Millionen von anonymisierten Steuererklärungen ausgewertet.

Doch der Zusammenbruch der sozialen Mobilität ist nicht das einzige Problem. Seit Monaten kommt eine Hiobsbotschaft nach der anderen, die eine nie gekannte soziale Erosion in Amerika beschreibt. So haben 102 Millionen erwerbsfähige Amerikaner keinen Job. Laut dem Census Bureau empfängt ein rekord-hoher Anteil von 49 Prozent aller Amerikaner staatliche Transferzahlungen aus mindestens einem sozialen Programm.

Fast die Hälfte hängt damit in irgendeiner Form am Tropf des Staates. Das Klischee vom Lande der Macher hat einen schweren Schlag abbekommen, von dem es sich in absehbarer Zeit nicht erholen kann. Mehr noch: 82 Millionen Amerikaner leben in einem Haushalt, der Hilfen aus dem Medicaid-Programm für Arztrechnungen bekommt. Laut dem Census Bureau ist seit fünf Jahren in Folge das mittlere Einkommen, bei dem die Hälfte der Amerikaner mehr und die andere Hälfte weniger verdient, gesunken.

Die schnelle Erosion der Zuversicht

Der Anteil der Hauseigentümer geht gar seit acht Jahren zurück. Unter den Jobs, die während der Großen Rezession nach der Finanzkrise verloren gingen, waren 60 Prozent Mittelschichteinkommen. Doch die hatten unter den Arbeitsplätzen, die seitdem geschaffen wurden, nur einen mickrigen Anteil von 22 Prozent. Nicht nur die Einkommensschere klafft immer weiter auseinander, auch die Vermögensverteilung hat Rekordmaße erreicht.

Die sechs Erben von Walmart-Gründer Sam Walton vereinigen auf sich mehr Vermögen als das untere Drittel aller Amerikaner. Die Folge ist eine nie dagewesene Erosion jener Zuversicht, welche die Geschichtsbücher der Highschools immer noch beschwören. Zwei von drei Amerikanern gehen jetzt davon aus, dass es ihren Kindern finanziell schlechter gehen wird als ihnen selbst.

Denn allein zwischen 2007 und 2010 haben amerikanische Familien mit einem Durchschnittseinkommen das Vermögen einer ganzen Generation verloren. Kein Geringerer als US-Präsident Obama warnte im Sommer

2013  vor der Gefahr, dass der amerikanische Traum als Mythos enden könnte.

Die Mittelschicht habe seit einem Jahrzehnt kaum einen Anstieg ihrer Einkommen gesehen. Der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz sagt es noch drastischer: »Die Lücke zwischen Anspruch und Realität könnte kaum größer sein. Die USA bieten den
Menschne heute weniger Chancengleichheit als die meisten anderen Industrieländer.« Für Stiglitz wird ein kollektiver Traum »verraten«. Die Folgen lassen sich Woche für Woche auf der Webseite des Meinungsforschers Gallup beobachten: schwindender Optimismus, historisch niedrige Zustimmung für Präsident und Kongress.

Immer mehr Erwachsene zwischen 24 und 34 Jahren, die im Haus der Eltern leben, werden vom Tellerwäscher ohne Umweg über den Millionär zum subventionierten Untermieter.

»Wir brauchen Gallup gar nicht, um zu sehen, dass unsere Wirtschaft zum Himmel stinkt«, sagt der Kolumnist Mike Whitney. Was vor sich geht, beschreibt er so: »Frustration.« Whitney fragt, wo der amerikanische Traum geblieben sei, und gibt die Antwort gleich selbst: »Kein Mensch glaubt diesen Schwachsinn mehr.

Erzählt das doch mal einem 23 Jahre alten College-Abgänger, der Pizza ausfährt, um die 65000 Dollar (47370 Euro) zurückzuzahlen, die er bei der Bank für sein Ingenieurstudium aufgenommen hat.«

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[…] Immer mehr Amerikaner geben ihren Pass zurück http://deutschelobby.com/2014/03/15/u… […]

Arcturus
15/03/2014 04:55

Hat dies auf Oberhessische Nachrichten rebloggt.

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