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Hilft denn keiner

Wikipedia Deutschland: Auf dem linken Auge blind und in der Hand einer kleinen hyperaktiven Elite, sucht das Enzyklopädieprojekt das Glück in der Gender-Diversität / Zweiter und letzter Teil

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Entgegen dem riesenhaften Eindruck, den das Enzyklopädieprojekt Wikipedia äußerlich vermittelt, wird das Gros der Artikelarbeit in der deutschen Sektion von einem – fluktuierenden – Kern geleistet, der nicht mehr als tausend Personen umfaßt und seit Jahren nicht mehr gewachsen ist. Viele andere Menschen tragen sinnvolle Erweiterungen und Korrekturen bei, aber den Grundstock erarbeitet vor allem diese hyperaktive Elite.

Der enorme Zeitaufwand, den diese Gruppe dabei betreibt, erzwingt geradezu ihre Reduzierung auf eine sozial recht homogene Gruppe von Hochschülern und Singles, deren Dominanz dazu führt, daß die deutsche Enzyklopädie besonders in den Bereichen Wirtschaft und Politik jenen linksintellektuellen und überhaupt linksbewegten Anstrich bekommt, den sie aufweist.

Dabei muß die deutsche Wikipedia sich vorwerfen lassen, nicht einmal das zu tun, was sie von sich aus könnte, um ihre Inhalte auf breitere Füße zu stellen. Seit Jahren gelingt es nicht, verständige Benutzer vor politisierten und sonstigen Projektstörern ausreichend zu schützen, weil Zeitsperren für persönliche Angriffe nur gering dosiert ausgesprochen werden. Hier könnte man viel von der Arbeitsweise in der englischen Ausgabe lernen, wo progressiv steigende Strafen für Unruhestifter einen wichtigen Beitrag zum Projektfrieden leisten.

Irritierend ist die offene Präsenz, die die Antifa in der Wikipedia zeigt. Jeder Editor hat eine eigene Benutzerseite, auf der er sich selbst der Gemeinschaft vorstellen kann. Derzeit prangt das Logo der Autonomen-Bewegung, von der wesentliche Teile aufgrund ihrer Gewaltbereitschaft gegen die freiheitliche Grundordnung vom Bundesverfassungsschutz beobachtet werden, als Identifikationssymbol auf knapp dreißig Benutzerseiten und ist phasenweise auf vielen mehr erschienen.

Initiativen zu seiner Entfernung aus dem Benutzerraum wurden unter Verweis auf die Meinungsfreiheit teils rüde abgeblockt. Dagegen führt kein einziger Autor das Emblem einer der deutschen Rechtsparteien im Schild, die unter Beobachtung sind oder in der jüngeren Vergangenheit einmal standen. Offenkundig fühlen sich in der Wikipedia Linksradikale bei ihren Sympathiebekundungen deutlich sicherer.

Brisante Themen werden als Zitatsammlung präsentiert

Problematisch wird es, wenn politische Ansichten dazu führen, daß enzyklopädische Regeln mißachtet werden. Dann ist die Integrität des Ganzen in Gefahr. So legen die Richtlinien fest, daß zur weiteren Information des Lesers ein elektronischer Verweis auf die Hauptseite des jeweiligen Stichworts führt, bei Personen normalerweise auf deren eigene Homepage.

Diese Regel gilt aber anscheinend nicht für den Geschichtswissenschaftler und NPD-Politiker Olaf Rose, wo diese Verknüpfung vor fast zwei Jahren als „Reklame“ entfernt worden ist. Die Begründung der verantwortlichen Benutzer, daß Rose Geschichtsrevisionismus betreibe, ist ein Wertungsurteil, das überhaupt keine Entsprechung in den Regularien kennt. Da die einzig maßgebliche Instanz, die hausinterne „Blacklist“ für Links auf rechtswidrige oder volksverhetzende Inhalte, Roses Seite gar nicht führt, handelt es sich um einen Akt der Willkür.

Zum Vergleich: Eine Durchsicht der 78 Biographien der Linken-Abgeordneten des vergangenen Bundestages ergibt, daß in keinem einzigen Fall der Verweis auf ihre persönlichen Netzauftritte beanstandet wurde, obgleich rund ein Drittel zu extremistischen, vom Verfassungsschutz beobachteten Unterorganisationen der Partei gehört.

Ein Beispiel für die Grenzen der Schwarmintelligenz bei umstrittenen Themen bietet die Biographie der taz-Chefredakteurin Ines Pohl. Dort diskutierten ein Dutzend Benutzer tagelang über deren redaktionelle Entscheidung, im Vorfeld der Bundestagswahl 2013 einen Artikel über Pädophilie und grüne Ideologie nicht zu veröffentlichen. Eine Erwähnung dessen wurde zunächst mehrheitlich abgelehnt, da nur der Blog eines Medienjournalisten darüber berichtet hatte. Zu Recht, denn Blogs gelten in der Wikipedia nicht als zuverlässige Quelle. Nachdem aber die Massenmedien das Thema aufgegriffen hatten, war die enzyklopädische Relevanz klar gegeben. Trotzdem schaffte es im Tumult der Diskussion kein neutrales Presseerzeugnis als Quelle in den Artikel. Stattdessen ziert nun die Gegendarstellung von Frau Pohl den Passus – mit ausschließlicher Zitierung des taz-Hausblogs.

Überhaupt prallten in der „Pädophilie-Debatte (Bündnis 90/Die Grünen)“, so der Wikipedia-Titel, enzyklopädischer Anspruch und Wahlkampfrealität wie Wetterfronten aufeinander. Der Artikel wurde innerhalb weniger Monate von Dutzenden Schreibern über tausendmal geändert, erweitert und verkürzt, alles begleitet von hitzigen Debatten. Genützt hat es der Qualität des Eintrages, der sich immer noch wie eine lose Zitatesammlung liest, nichts.

Es erwies sich wieder einmal, daß das Wiki-Prinzip der allgemeinen Mitarbeit bei besonders kontrovers diskutierten Dingen zum Nachteil wird. Wo der Dissens so groß ist, daß jede Zusammenfassung der Literatur als subjektive Interpretation verworfen wird, verfallen die Autoren kollektiv in ein Sicherheitsschema, in dem die wortwörtliche Wiedergabe regiert. Das Produkt sind zusammenhanglose Abhandlungen, die eher an Textcollagen erinnern und keinen Mut zur Analyse aufbringen.

Im Eintrag über die Männerrechtsbewegung, einem Quell wiederholter Auseinandersetzungen zwischen Maskulisten und Feministen, wird seit langem auf unschöne Weise gegen das Kernprinzip der Neutralität verstoßen.

Obgleich nur ein Abschnitt als „Kritik“ ausgewiesen und damit als solche für den Leser erkennbar ist, sind es in Wirklichkeit derer zwei. Der an sich neutral klingende Absatz „politische Positionierung“, der den deutschen Zweig der Strömung analysiert, entpuppt sich bei näherer Untersuchung der zitierten Quellen im wesentlichen als eine Abfrage dreier randständiger Autoren des Feminismus, die in linken Kleinverlagen oder der parteinahen Heinrich-Böll-Stiftung der Grünen publiziert haben.

Gleich eingangs wird die Bewegung nach Kräften in die Nähe von „Netzwerken der Extremen“, „neonazistischem Gedankengut“ und dem norwegischen Terroristen Anders Breivik gerückt, während im weiteren Verlauf so ziemlich jeder Ismus von „Rassismus“ über „Antisemitismus“ bis zu „Sozialdarwinismus“ in Stellung gebracht wird. Das Kapitel wirkt gerade auch deshalb manipulativ, weil die parallele Existenz der „Kritik“, die durchaus meinungsfreudig sein kann, beim Leser eigentlich die Erwartung geweckt hatte, daß hier eine unparteiische Darstellung der politischen Position erfolgen würde. Stattdessen wird ihm unter der Hand die Sichtweise der konkurrierenden Feministenbewegung serviert.

Obwohl die technische Möglichkeit besteht, derlei Artikel mit einem gut sichtbaren Warnhinweis zur mangelnden Neutralität zu versehen, wird davon nur wenig Gebrauch gemacht. Im Gegensatz zur englischen Version, wo solche Warnschilder zähneknirschend auch vom Meinungsgegner akzeptiert werden, bis eine gemeinsame Lösung gefunden wird, ist ihre Verwendung in der deutschen Konfliktkultur eher verpönt und selbst Gegenstand von Edit-Wars. Hier bevorzugt man einen äußerlich polierten Eindruck der Artikel, ganz so als müsse man bloß das Schild „baufällig“ entfernen und schon sei das Haus wieder in Ordnung.

Die Zeit für ein Konkurrenzprodukt ist reif

Eine Stichprobe belegt, daß der wichtigste Neutralitätsbaustein in der englischen Ausgabe relativ gesehen dreimal häufiger eingesetzt wird. Die wirkliche Diskrepanz dürfte aber noch viel größer sein, da die englische Wikipedia ein deutlich ausgefeilteres Instrumentarium derartiger Signale besitzt, das den arglosen Leser schnell und effektiv über alle möglichen Sach- und Interpretationsprobleme aufklärt.

Quo vadis, Wiki? Solange die Enzyklopädie nicht Mittel und Wege findet, die Mitarbeit für alle Bevölkerungsschichten gleichermaßen zu öffnen, wird sie dazu tendieren, die politische Weltsicht ihrer Hauptmannschaft zu reproduzieren. Wie man dieses Problem nicht beheben kann, zeigt das Programm „Diversität für Wikipedia“, das 2013 in aller Stille aus den privaten Spendenbeiträgen finanziert wurde. Hier hält erstmalig auch auf der organisatorischen Ebene ein linksgrüner Geist Einzug, der selbst noch in einem Umfeld, das durch und durch von Freiwilligkeit, Individualismus und Anonymität geprägt ist, an die Kraft zentralistischer Sozialsteuerung glaubt.

Derartige Top-Down-Projekte könnten einen Wendepunkt in der Geschichte der Wikipedia markieren, die in ihren alljährlichen, von feierlicher Nüchternheit getragenen Spendenaufrufen immer darauf bedacht war, ihren schlanken und ideologiefreien Aufbau herauszustellen.

Vielleicht ist es einfach an der Zeit, ein Konkurrenzprodukt aus der Taufe zu heben, das das Monopol der Wikipedia bricht, denn Wettstreit hebt bekanntlich die Produktqualität – auch die eines Nachschlagewerks, das zwar für alle gedacht, aber nur von wenigen gemacht ist.

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