Immer mehr jugendliche gelten als verhaltensauffällig oder psychisch krank. Doch bei den Erwachsenen sieht es nicht viel anders aus. Dreht unsere Gesellschaft kollektiv durch? Tatsächlich gehen zunehmend bizarre und schockierende Meldungen durch die Medien, die das nahelegen. Doch dahinter stecken Willkür und Profit.

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Die psychologische Wissenschaft benötigt Richtlinien, um Auffälligkeiten und echte Krankheiten zu klassifizieren. Sind sie erst einmal festgelegt, dann gelten sie allgemeinverbindlich, bis neue Erkenntnisse neue Richtlinien verlangen. Wenn ein deutscher Arzt eine Depression feststellt, dann macht er das auf Grundlage von Definitionen, die in der International Classification of Diseases (ICD) aufgelistet sind. Kapitel V umfasst dabei die psychischen Erkrankungen.
Diese Klassifikation wird von der Weltgesundheitsbehörde WHO herausgegeben. So weit ist das alles nachvollziehbar. Bei näherer Betrachtung des Systems ist bemerkenswert, was hier geschieht. Im Bemühen um ein objektives wissenschaftliches Schema wird unter anderem eben auch die Psyche des Menschen erfasst und bewertet, um zwischen »normal« und »abnorm« zu unterscheiden.

Was ist normal und was unnormal?

Nun gibt es damit zunächst mindestens zwei Probleme. Erstens das Individualitätsproblem, prinzipiell Ungleiches nicht vergleichen zu können. Zweitens das Problem, keiner exakten Wissenschaft gegenüberzustehen. Unfreundlich ausgedrückt, läuft auch die medizinische Definition -selbst unter dem Deckmantel der Wissenschaft – deutlich Gefahr, einem totalitären Prinzip zu entsprechen, wenn die Willkür gesellschaftlicher Konvention nicht zuletzt therapeutische Maßnahmen fordert. Dass dies so spekulativ nicht ist, belegt das Beispiel von DS/VI-5 – dem Standardwerk der Psychologen. Wer glaubt, ein Buch könne niemanden verrückt machen, kennt DSM nicht.

Auch mit einer »Bibel der Psychiatrie« verglichen, definiert dieses Werk als Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders psychische Leiden und wird von der American Psychiatric Association herausgegeben. Im IVtei 2013 erschien die fünfte Auflage dieser Publikation, die stets auch Grundlage für spätere Überarbeitungen der ICD bildet und damit für Nicht-Ame-rikaner keineswegs irrelevant ist.
Die neueste Ausgabe, DSM-5, enthält einige Aktualisierungen, durch die zuvor ganz normale Menschen plötzlich als »krank« eingestuft werden müssen. So hat das Werk wiederholt Kritiker auf den Plan gerufen, denn letztlich geht eine mannigfaltige Bedrohung von der Publikation aus, die offenkundig auch dort (Geistes-)Krankheiten sieht, wo es gar keine gibt. Verrückt genug ist sie eigentlich, unsere Gesellschaft. Das erleben wir jeden Tag aufs Neue. Doch das DSM definiert zuweilen sogar das Menschlichste und Selbstverständlichste als krank. Deshalb warnen auch Fachleute davor, dass hier die Schwelle zur psychischen Krankheit gesenkt werde, wobei sehr schnell eine medikamentöse »Behandlung« die Folge ist.
Im vergangenen Jahr, kurz nach der Veröffentlichung von DSM-5, sagte Wolfgang Maier, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), »die Kollegen scheuten sich nicht, einen großen Teil von Gesunden zu Kranken zu machen«. Ein Beispiel: Wer nach dem Tod eines geliebten Angehörigen länger trauert, der wird heute als psychisch krank eingestuft! Wer nach einem Todesfall in Antriebs- und Appetitlosigkeit verfalle, nicht schlafen könne und länger als 14 Tage in einem gedrückten Trauerzustand verharre, bei dem sei laut DSM-5-Definition eine Depression zu diagnostizieren. Und das bedeutet: Psychopharmaka.
Die neue »Krankheit« hat auch schon einen schönen Namen: Prolonged grief disorder (PGD), was natürlich sehr fachlich klingt. Doch takt- und geschmackloser geht es kaum. Sogar einen Wikipedia-Eintrag zu PGD gibt es! Wer bei solcherlei »Krankheiten«, die aus normalen Menschen plötzlich Verrückte werden lassen, an gediegene Interessen der Pharmaindustrie sowie an potenziell unschöne Nebenwirkungen der Psychopharmaka denkt, der wird erst einmal als Anhänger von Verschwörungstheorien und als psychisch krank entlarvt. Auch kritisches Denken wird zunehmend zur Geisteskrankheit erklärt. Willkommen im Club! Des Weiteren verbleibt die Frage nach der nächsten Generation:
Wie verrückt ist die Jugend wirklich? Und: Muss sie ebenfalls bald kollektiv medikamentös therapiert werden? Laut DSM-5 offenbar schon. So wurden die Kriterien zur Diagnose von ADHS ebenfalls verschärft. Ein Schelm, der Böses dabei denkt! Immer wieder ist zu hören, dass Kinder und Jugendliche psychisch zunehmend auffällig werden.

Jeder fünfte junge Mensch sei laut Statistik betroffen. Und jeder Zehnte müsse aufgrund verstärkter mentaler Probleme behandelt werden. Nicht, dass jeder gleich ein potenzieller Amokläufer wäre, doch Verhaltensstörungen wie chronische Zwangserkrankungen bedürften einer Therapie, so erklären Fachleute, wobei Heranwachsende allerdings nur selten den Arzt oder Psychologen aufsuchten. Häufen sich Fälle psychisch gestörter Jugendlicher tatsächlich? Und wenn ja, woran liegt das?

Hat sich die Diagnostik so deutlich verbessert, dass nun plötzlich eine »Dunkelziffer« ersichtlich wird? Doch was ist dann aus den einst unerkannten, heute erwachsenen »Problemfällen« geworden? Hat sich die Gesellschaft so sehr verändert, dass vor allem Kinder und Jugendliche psychisch überfordert sind? Wer einmal aus dem Gleichgewicht gerät, sich in psychiatrische Behandlung begibt und dabei hofft, noch seinen freien Willen durchsetzen zu können, der gerät schnell in ein bedrohliches Räderwerk: So wurde eine Patientin, die zu ihren Kindern nach Hause wollte, als »krankheitsuneinsichtig« aufs Fixationsbett in der Psychiatrie geschnallt.

Psychopillen mit tödlichen Folgen

Studenten und selbst Uni-Professoren greifen heute wie selbstverständlich zu Medikamenten, um Hirndoping zu betreiben und mithalten zu können. Eine bereits aus dem Jahr 2005 stammende Studie belegt, dass rund ein Viertel der Studenten zu leistungssteigernden Präparaten griff. Per Chemie zum Genie – ein Armutszeugnis für die Leistungsgesellschaft. Bei Kindern und Jugendlichen geht es auffallend häufig darum, den »Zappelphilipp« auszutreiben und einen konzentrierten, lernfähigen Musterknaben aus ihm zu machen. Die Ruhigstellung läuft per Pille ab, die aus Menschen funktionierende Maschinen macht.

Mit teils erheblichen Nebenwirkungen, die Suizidabsichten bis hin zur Vollendung mit einschließen.

Dabei würde genügend Bewegung an frischer Luft meist ausreichen, um dem seltsamen ADHS-Syndrom wirksam zu begegnen, jenem bemerkenswerten »Aufmerksamkeits-defizit-Hyperaktivitätssyndrom«: eine nichtexistente Krankheit, wie ihr »Entdecker«, der US-Psychiater Leon Eisenberg, kurz vor seinem Tod selbst einräumte.

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