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Schuss ins Knie / Wo noch „EU“-Begeisterung blüht, wie wir die Kritiker Brüssels plattmachen, und warum die Distel »Blume des Jahres« werden muss

 

Die „EU“-Wahl naht, die Spannung steigt. Oder? Na ja, wie soll man’s sagen, „Spannung“ wollen wir es eigentlich nicht nennen. Dafür fehlt die Euphorie, die zur Spannung dazugehört. Euphorisch ist nun aber wirklich niemand. Bei den etab­lierten Politikern und ihrem Tross aus „Experten“ und geneigten Medien macht sich eher Nervosität breit. Etwas Unheimliches scheint im Anmarsch: das Volk.

Viel Wut macht sich Luft, sobald die Rede auf „Brüssel“ kommt. Diese Wut wollen die Politiker in „Engagement“ umlenken – also auf ihre eigenen Mühlen. Deshalb wird viel Theater veranstaltet. Es geht nur leider fast keiner hin.

In den Niederlanden hat eine stolze Riege aus Politpensionären und irgendwie mit dem „EU“-Apparat verbandelten Holländern eine Initiative gegründet mit dem Ziel, die „Europäer zusammenzubringen“. Acht Organisationen haben „Reclaim Europe“ aus der Taufe gehoben. Rund 100 Vertreter von weiteren drei bis vier Dutzend Parteien und Verbänden, Initiativen und Denkfabriken aus etlichen „EU“-Ländern haben sich als Erstunterzeichner der Initiative angeschlossen. Wenn das nicht nach breiter Bürgerbeteiligung riecht! Endlich: der ersehnte Aufbruch für die „EU“.

Indes: Bürger? Fast allen Beteiligten ist gemein, dass sie auf irgendeine Weise von Steuergeldern subventioniert werden, also sozusagen beruflich bei der Sache sind. Aber das heißt ja noch nichts.

Die Initiative strotzt nämlich vor bunten Plänen zum „Zusammenbringen“. „Offene Diskussionen“ soll es geben und ein „Riesenpicknick“, wo ausgesuchte Bürgerideen vorgestellt werden sollen. Wichtig sei es, die Sorgen und Nöte der Menschen ernst zu nehmen. Deshalb wollen die Initiatoren überall dort, wo „etwas passieren muss“, im krisengeplagten Rom oder Madrid etwa, einen drei Meter großen, aufblasbaren lila Elefanten aufstellen. Der soll Aufmerksamkeit erheischen oder gar zum Nachdenken anregen. Die Brüsseler „EU“ als aufgeblasenes, hohles Riesentier. Ja, das dürfte die Vorstellung so mancher Bürger von der „EU“ durchaus nahekommen. Da müssten die Menschen doch in Scharen begeistert herbeiströmen, um bei „Reclaim Europe“ mitzumachen. Voller Stolz verkünden die Macher denn auch, dass schon 70 (keine Null vergessen: siebzig) „Privatpersonen“ die Initiative per Unterschrift auf deren Internetseite unterstützten. Da sei der Beleg: Die „Bürger Europas“ ziehen begeistert mit!

Für die „EU
begeistern sich
offenbar nur noch
Leute, die sich dafür
bezahlen lassen

Was wohl erst wird, wenn die „offenen Diskussionen“ losbrechen. Der Verfasser dieser Zeilen hat eine solche offene Diskussion zu Europa bei einer großen deutschen Volkspartei mal selbst erlebt. Wer Fragen oder Anregungen hatte, durfte diese still auf ein Zettelchen schreiben, das vorn bei einer Jury abzugeben war. Die sortierte die Fragen dann nach „Relevanz“ und legte die für hilfreich befundenen Zettel dem „EU“-Abgeordneten der Partei vor. Nicht hilfreiche kamen in den Papierkorb. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie schwungvoll, offen und kontrovers die „Debatte“ verlief!

Nun mal ernsthaft, kann das denn wahr sein? Ein ganzes Bataillon von staatlichen und staatsnahen Organisationen ruft zum „Engagement für Europa“ auf, und nur jämmerliche 70 Hanseln geben gerade mal ihre Unterschrift her? Da täuscht man „offene Debatten“ vor und fast alle merken, dass man lügt? Ja, klappt denn gar nichts mehr? Will keiner mehr mitmachen, ohne dass man ihn dafür bezahlt?

Oh doch, es gibt sie noch, die begeisterten jungen Europäer, die die „EU“ richtig spitze finden und auch was dafür tun wollen, ehrenamtlich! Das ZDF hat eine Gruppe von Studenten aufgetan, die sich „für Europa“ ins Zeug legen wollen und unter „Europa“ tatsächlich die „EU“ verstehen.

Eine Reporterin hat vier der jungen Leute in Paris besucht. Die Journalistin tourt derzeit durch die „EU-Hauptstädte“, um „EU“-Begeisterung zu vermitteln und dauerlächelt dabei mit einer natürlichen Heiterkeit, die jede Waschmittelwerbung verblassen lässt. Sie stünden auch im Kontakt mit anderen jungen Menschen in der „EU“, berichten die Studenten. Man müsse den frustrierten Altersgenossen die Vorzüge der Union nur besser vermitteln.

Das reißt einen doch mit. Zumindest bis kurz vor Ende des Beitrags. Da erwähnt die ZDF-Reporterin nämlich in betörender Einfalt: „Später einmal bei der „EU“ zu arbeiten, können sie sich alle auch gut vorstellen.“

Damit hat die Staatsfunkerin etwas verraten, was sie besser verheimlicht hätte. Ganz so porentief ehrenamtlich ist die „EU“-Euphorie also doch nicht: Die Studenten drängen bloß in die erste Reihe, um sich eine gute Ausgangsposition zu verschaffen beim Abgreifen eines der zahllosen, bestialisch gut bezahlten Posten als „EU“-Apparatschik. Und vielleicht springen vorher ja noch ein Stipendium heraus und ein paar Praktika, bei denen man „Kontakte knüpfen“ kann. Nach dem letzten Satz der Reporterin wusste ich, warum mir die jungen Leute von Anfang an irgendwie schleimig vorkamen.

Also wieder nix mit dem „Engagement“. Und jetzt? Na, wenn wir schon keine echten, nicht korrupten „EU“-Freunde mehr finden, dann müssen wir eben umso härter auf die Kritiker draufhauen. Michael Theurer, „EU“-Parlamentarier der FDP, giftet AfD-Chef Bernd Lucke als „verkappten Salonfaschisten“ an und Sachsens CDU-Ministerpräsident Stanislaw Tillich rollt gar gleich einen NPD-Vergleich in die Arena.

Staatliche und vom Staat subventionierte Institute legen sich ebenfalls ins Zeug, damit die AfD-Fresser stets auf „Experten“ verweisen können, die ihre Sicht wissenschaftlich fundiert hätten. So hat die „Bundeszentrale für politische Bildung“ der neuen Partei quasi amtlich das Kainsmal „rechtspopulistisch“ aufgedrückt, was sie damit begründet, dass die Frage, ob die AfD rechtspopulistisch sei, in „Wissenschaft und Medien“ diskutiert werde. „Wissenschaft und Medien“ können dann wiederum die AfD als rechtspopulistisch verdammen mit der Begründung, dass dies ja auch die Bundeszentrale für politische Bildung bescheinige. So wirft man sich die Bälle zu.

Zum Glück durchschauen die meisten Deutschen das Ballspiel vermutlich nicht, weshalb man es in solch strahlender Offenheit treiben kann. Manchmal geraten die Abstrafungen allerdings zum Schuss ins eigene Knie: Die „Europa-Union“, noch so ein staatlich subventionierter Laden, vergibt die „Europa-Lilie“ für die „herausragendste europapolitische Leistung“ und die „Europa-Distel“ für den „größten europapolitischen Fauxpas“.

Die Lilie für 2013 geht an den Deutschlandfunk, mit der Distel wird der Autor Henryk M. Broder für sein „EU“-kritisches Buch „Die letzten Tage von Europa“ gerügt. Ein großer Fehler: Den Bestraften erreichte die Nachricht just in dem Moment, als er gerade das Nachfolgebuch „Rettet Europa!“ (gemeint ist: vor seinen vermeintlichen „Rettern“) zu bewerben begann. Broder ist verständlicherweise ganz außer sich vor Entzücken über die ungewollte PR-Aktion der „Europa-Union“.

Und die Lilie? Dass die staatsnahe Organisation dem Staatssender einen Orden umhängt, das erinnert an die greisen Sowjetführer, die sich gegenseitig solange mit bunten Auszeichnungen beklebten, bis sie und ihr ganzes marodes System unter der Last des Blechs tot zusammenbrachen. Von der Lilie gezeichnet wird der Deutschlandfunk nur noch Gelächter ernten, wenn er sich mal wieder für seine „kritische Berichterstattung“ eigenlobt.

Broder macht in seinem neuen Buch keine Gefangenen: In Brüssel habe sich ein „EU-Adel“ eingenistet, der nur den eigenen Vorteil suche „unter dem verlogenen und vermieften Deckmäntelchen, nur so könne Europa in Frieden und Freiheit existieren“. Bei ernsten Fragen versage die „EU“ sowieso, da müssten die Nationalstaaten handeln, weshalb wir uns „den Firlefanz“ „EU“ auch sparen könnten. Wir sollten die Distel zur „Blume des Jahres“ küren!

PAZ 20-14

 

 

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lothar harold schulte
16/05/2014 08:18

Hat dies auf lotharhschulte rebloggt.

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