Die Erfindung des häßlichen Deutschen…Vorabdruck des Mitte Juni erscheinenden Buches von Karlheinz Weißmann über die alliierte Kriegspropaganda im Ersten Weltkrieg / Teil 1


Karlheinz Weissmann

 

Zu den eindrucksvollsten Plakaten des Ersten Weltkriegs gehört ohne Zweifel ein von der US-Armee in Auftrag gegebenes: Es zeigt eine Art Gorilla mit Pickelhaube auf dem Kopf, eine Keule – darauf die Inschrift „Kultur“ – in der Rechten, eine sich windende, halb ent-blößte Frau in der Linken, im Hintergrund eine Ruinenlandschaft, die wohl das kriegszerstörte Europa repräsentierte, dann das Meer und nun die Bestie am Strand Amerikas, wie man einem Schriftzug auf dem Boden entnehmen kann. Die Aufforderung des Plakats ist unmißverständlich: „Destroy this mad brute – Enlist“ – „Vernichte dieses verrückte Vieh – Tritt ein“.Kill the huns - Tötet die Hunnen! Geheimdienste, Propaganda und Subversion hinter den Kulissen des Ersten Weltkrieges

Foto: US-Propagandaplakat von 1917, „Vernichte dieses verrückte Tier. Tritt in die US Army ein“: Den deutschen Bestien einen Platz am Ende der Völkerhierarchie zuweisen

Das Plakat gehört in den Rahmen jener Ikonographie der alliierten Propaganda, die den Deutschen nicht einfach nur karikierte – selbstverständlich wurde er auch als Kretin, als Feigling, Dummkopf, Fresser oder Säufer dargestellt –, sondern so verzerrte, daß ihm die Menschenähnlichkeit ganz oder teilweise abhanden kam. Es gehörte gleichzeitig zu einer besonderen Reihe, die die Invasionsfurcht in den Überseeterritorien Großbritanniens – vor allem in den weißen Siedlungskolonien Südafrika, Neuseeland und Australien –, dann aber auch in den USA schüren sollte, deren Bewohnern eine unmittelbare Bedrohung kaum einleuchten mochte, weshalb man eine besonders drastische Warnung vor dem „Vieh“, der „Bestie“, dem „Hunnen“, brauchte, das nach der Niederwerfung der Entente in Europa zum Sprung nach Asien, Afrika und Amerika ansetzen würde.

Denselben Zweck wie die notorische Rede von den „Hunnen“ erfüllte auch die Behauptung, die Deutschen stünden auf einer zivilisatorischen Stufe „unterhalb der Vandalen“. Bereits am 8. August 1914, das heißt vor irgendwelchen kriegsbedingten Zerstörungen größeren Ausmaßes, hatte der berühmte französische Philosoph Bergson in einer Ansprache als Präsident der Académie des Sciences Morales et Politiques erklärt: „Der entschlossene Kampf gegen Deutschland ist der Kampf selbst der Zivilisation gegen die Barbarei. Alle Welt spürt es, aber unsere Akademie hat vielleicht eine besondere Autorität, es auszusprechen. In großen Teilen dem Studium psychologischer, moralischer und sozialer Fragen gewidmet, erfüllt sie eine schlichte wissenschaftliche Pflicht mit der Feststellung, daß die Brutalität und der Zynismus Deutschlands, seine Verachtung aller Gerechtigkeit und aller Wahrheit einen Rückfall in den Zustand der Wildheit bedeuten.“

Rassentheorien als Basis für den Deutschenhaß

Bergsons Verweis auf den deutschen „Zynismus“ ist insofern wichtig, als die Barbaren in diesem Bild sich eben auch tarnen konnten, als „angebliche Kulturmenschen“, deren „Kultur“ – das Wort immer ohne Übersetzung, mit dem fremdartigen „K“ geschrieben, so wie auch das Wort „Kaiser“, als Hinweis auf die „K-boches“ – etwas vollkommen anderes sei als die „civilisation“ der vom antiken Erbe durchdrungenen Nationen. Unter dem dünnen Firnis zeige sich rasch, daß der Deutsche zu einer niederen Art gehörte, und: „Die deutsche Kultur strebt logischerweise dem Ziele zu, seine angeborene Brutalität mit Hilfe der Wissenschaft ins Unendliche zu steigern“. Diese „wissenschaftliche Barbarei“ verdiente selbstverständlich nicht die Bezeichnung „culture“, denn sie sei nur „Bluff“, und die deutsche Wissenschaft helfe bloß dazu, „Bestialität (…) methodisch“ zu machen. Diese Formulierung stammt von Léon Daudet, dessen Deutschenhaß sich auf den Typus des „bebrillten Gelehrten“ konzentrierte. Zur Vorstellung des rohen Mordbrenners kam so die des kalten und pedantischen – in gewissem Sinn: intellektuellen – Täters als notwendige Ergänzung.

Das bedeutete aber keine Zurücknahme der Idee, daß der Deutsche Bergsons „Zustand der Wildheit“ zuzurechnen sei, was im Zeitalter des Kolonialismus auch hieß, daß man die Deutschen aus der Gemeinschaft der Europäer ausstieß und ihnen einen Platz am Ende der Völkerhierarchie zuwies. Ein Bedürfnis, das außerdem im Zusammenhang mit jenen Rassentheorien stand, die in der Vorkriegszeit so große Bedeutung besessen hatten. Die Vorstellung von einem „Krieg der Rassen“ komplizierte die Sache allerdings im britischen Fall. Es sei denn, man hob den keltischen und römischen Anteil am britischen Erbe hervor, betrachtete sich selbst als „zur Hälfte der lateinischen Rasse zugehörig“ oder verlegte sich auf eine Art metaphorischen Rassenbegriff, der die Deutschen als „Hunnen“, das heißt als „Asiaten“ einer besonders brutalen und häßlichen Sorte, auffaßte.

In den USA hat man dieses Muster ohne Zögern übernommen, während es in Frankreich zu einer bemerkenswerten Sonderentwicklung kam. Bereits am 15. August 1914 erklärte ein Autor der katholischen Zeitung La Croix, daß „der alte Kampfgeist der Gallier, der Römer und Franken wiedererwacht“ sei: „Die Deutschen müssen von der linken Rheinseite weggefegt werden. Die infamen Horden müssen hinter ihre eigenen Grenzen zurückgetrieben werden. Die Gallier Frankreichs und Belgiens müssen den Eindringling zurücktreiben mit einem entschlossenen Schlag, ein für allemal. Der Rassenkrieg beginnt.“

Im folgenden Jahr veröffentlichte ein gewisser Urbain Gobier ein Buch über die Race allemande – die „deutsche Rasse“, das noch deutlich über solche Vorstellungen eines Rassenantagonismus hinausging. Gobier konnte sogar auf Vorarbeiten zurückgreifen, die in Frankreich schon seit der Niederlage von 1871 entstanden waren, mit dem Ziel, eine biologische Basis für die Behauptung zu liefern, daß die Deutschen beziehungsweise Preußen eine eigene, den Franzosen und Europäern absolut fremde Rasse bildeten. Während des Ersten Weltkriegs entwickelte Gabriel Langlois die These, daß die Deutschen – anders als die wohlgestalten Slawen – keineswegs zu den „Ariern“ gezählt werden könnten, sondern ein finnisch-baltisch-slawisches Mischvolk seien, was man schon an ihrer Grobknochigkeit und Disproportion ablesen könne; es handele sich um eine „fleißige, dumme, bei der Arbeit anstellige, mehr Willen als Wissen zeigende, eher für die angewandte als die theoretische Wissenschaft geeignete Rasse. Sie haben Liebe zur Musik, eine tobende, irritierende Musik, die Wagner zur Perfektion trieb mit seiner Kunst des boum-boum-badbaoum.“

Es bleibt allerdings zu betonen, daß die Thesen Langlois bei weitem nicht den Grad an Bizarrerie erreichten, die denen des Mediziners und Psychologen Edgar Bérillon eigneten, der die Enttäuschung über die Weigerung der Behörden, ihn trotz seines Alters als Freiwilligen in der Armee dienen zu lassen, mit Veröffentlichungen kompensierte, in denen er die Minderwertigkeit der deutschen Rasse aus angeborenen Defekten ableitete, zu denen auch die „polychrésie“ (fälschlich: „polychésie“), das heißt die überstarke Entleerung des Darms von übelriechenden Fäkalien aufgrund von Vielfresserei, gehörte.

Deutsche hätten „Mentalität minderwertiger Primitiver“

Im Jahr 1916 veröffentlichte die Association française pour l‘avancement des sciences – die „Französische Gesellschaft für den Fortschritt der Wissenschaften“, eine bedeutende Vereinigung von Naturwissenschaftlern – unter Beteiligung von Bérillon und anderer Mediziner sogar einen Sammelband mit dem Titel „La psychopathologie criminelle des Austro-Allemands“ – „Die kriminelle Psychopathologie der Austro-Deutschen“, in dem einer der Herausgeber, ein gewisser Doktor Capitan, zu dem Schluß kam: „Es gibt im deutschen Hirn eine absolute Amoralität, verbunden mit einem vollständigen Mangel an Takt, Maß, Delikatesse, Höflichkeit und auch einer präzisen Wahrnehmung des Rechts und des Rechten, des Guten, des Schönen, des Opfers, des Ideals etc. Es ist, wie ich schon vor einem Jahr bemerkte, die Mentalität des minderwertigen Primitiven, etwa die des Menschen aus dem Moustérien vielleicht, bei dem die Begriffe, Grundlage jedes Zustandes lebensfähiger Zivilisation, noch nicht ausgebildet sind.“

Der Verweis auf das Moustérien, das heißt die mittlere Altsteinzeit, rief zwangsläufig die Vorstellung des Neandertalers auf, ein Gedanke, der unschwer zu Behauptungen von der rassischen Minderwertigkeit der Deutschen paßte. Am Rande sei vermerkt, daß andere Beiträger des erwähnten Bandes diese aus den Ernährungsgewohnheiten der Deutschen ableiteten. Dabei spielte insbesondere der als übermäßig eingeschätzte Konsum von Kartoffeln beziehungsweise von Schweinefleisch eine Rolle.

Die Affinität des Deutschen zum Schwein gehörte für den französischen Kriegsgegner auf jeden Fall zu den besonderen Angriffspunkten. Auch wenn die Beschimpfung als „boche“ nur eine gewisse lautliche Ähnlichkeit mit dem französischen Wort „cochon“ für Schwein haben soll, diente die traditionell negative Wertung des Schweins als willkommene Möglichkeit, den Feind auch auf diesem Weg herabzusetzen. Es ist jedenfalls erstaunlich, wie oft der Deutsche in französischen Karikaturen der Kriegszeit als Schwein präsentiert wurde und wie viele Gegenstände erhalten sind, die den einen mit dem anderen verknüpften.

Sicher gehört die Herabstufung von Menschen zu Tieren zum üblichen Repertoire kämpferischer Rhetorik, es ist allerdings auffällig, daß es neben dem Schwein, der Bestie im allgemeinen und dem drachenartigen Ungeheuer vor allem das schädliche Insekt – Floh, Zecke, Wanze – war, als das die Deutschen dargestellt wurden. Die Scharfmacher um die britische Zeitschrift John Bull sprachen nicht nur von „huns“, sondern von „Germ-Huns“, womit einerseits „Germane“ und „Hunne“, aber auch „Germ“ – „Bakterium“ und Hunne verknüpft waren; und der Daily Mirror sekundierte dem mit der Feststellung, daß die Deutschen eben keine Menschen seien, sondern eine Krankheit: „pestis Teutonica“, die „deutsche Pest“. Eine Vorstellung, die auch in den USA Anhänger fand und angesichts der im Herbst 1918 zum Ausbruch kommenden Grippeepidemie eine Konkretisierung erfuhr, insofern man die auf die „Hun-Germs“ zurückführte.

Karlheinz Weißmann: Die Erfindung des häßlichen Deutschen. JF Edition , Berlin 2014, gebunden, ca. 200 Seiten, Abbildungen, 34,90 EuroWeißmann

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