Nahrungsmittel: Wie die Saatgut-Mafia uns über den Tisch zieht

 

Das Geschäft mit Saatgut ist in den Händen von wenigen Konzernen. Deren einflussreiche Lobby sorgt jetzt in Brüssel dafür, dass immer mehr Hybridsorten die Vielfalt der Kulturpflanzen gefährden. Mit Qualität hat das aber nichts zu tun. Eher mit dem Gegenteil.

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Mit rund zwei Millionen Einwohnern ist Bursa in der Westtürkei die viertgrößte Stadt des Landes. Bislang schätzen vor allem europäische Automobilhersteller wie Renault, Fiat und Citroen, aber auch Zulieferer wie Bosch diesen Standort. Jetzt hat die Stadt gute Chancen, zum Zentrum der weltweiten Saatgutindustrie zu werden.

Der US-Agrarkonzern Monsanto will 30 Millionen Dollar (22 Millionen Euro) investieren, um seine Produktionsanlagen in Bursa erheblich auszubauen. Dem Vernehmen nach plant der Agrargigant, seine Saatgutproduktion in der Türkei in den nächsten Jahren zu verfünffachen.

Daneben baute Monsanto in der Vergangenheit drei weitere Saatgut-produktionsanlagen in der Türkei auf und verfügt heute über ein engmaschiges Netzwerk, zu dem rund 1500 türkische Bauern und 150 »Saatgut-Shops« gehören.

Die Türkei als Sprungbrett

Interessant ist für die US-Manager aber nicht unbedingt der türkische Markt, sondern die „EU“. Für Monsanto ist die Türkei das ideale Sprungbrett in den lukrativen europäischen Markt. Vor allem über Spanien, Portugal, Griechenland und Italien könnte dann auch genmanipuliertes Saatgut in die „EU“ gelangen.

So richtig überraschen können solche Nachrichten nicht, denn der europäische Saatgutmarkt ist fest in den Händen internationaler Großkonzerne. Tatsächlich werden immer weniger Sorten von immer weniger Unternehmen angebaut. Systematisch kauften diese Konzerne in den vergangenen Jahrzehnten mittelständische Züchterformen auf.

Aktuellen Schätzungen zufolge kontrollieren die drei Konzerne Monsanto, DuPont und Syngenta rund 53 Prozent des weltweit gehandelten Saatgutes. Den Rest teilen sich ebenfalls börsennotierte Großunternehmen wie zum
Beispiel BASF, Pioneer und Dow.

Allerdings geht es ihnen dabei weniger um das Saatgut als vielmehr um den langfristigen Absatz von Pestiziden und Kunstdünger. Grund: Die Agrar- und Chemiegiganten verkaufen überwiegend normiertes Hybridsaatgut, das auf Inzuchtlinien basiert. Kauft der Bauer oder Gärtner dieses Saatgut, dann muss er in der Regel zusätzlich noch Kunstdünger und Pestizide erwerben.

Bei der Erzeugung von Hybridsaatgut aus Inzestlinien sind ohnehin Labortechnik, viel Chemie und teilweise auch die von der großen Mehrheit der europäischen Verbraucher abgelehnte Gentechnik im Spiel. Hybride oder samenfeste Sorten – wo liegen die Unterschiede?

Der Züchter Michael Fleck erklärt sie anhand eines einfachen Beispiels: »Ein Bauer sät im Frühjahr Samen für Kohl aus. Im Herbst erntet er seine Kohlköpfe. Ein Teil davon landet auf dem Teller. Andere Kohlköpfe erntet der Bauer mit Wurzeln und Boden und bewahrt sie über den Winter auf, um sie im Frühjahr wieder einzupflanzen. Somit bilden sich bis zum Sommer neue Samen, die wieder ausgesät werden können.« Ein solcher Nachbau ist allerdings nur mit samenfesten Sorten möglich. Hybridsamengut weist auf den ersten Blick einen entscheidenden Vorteil auf.

90 Prozent der Ernte unbrauchbar

Durch die Kreuzung von Inzuchtlinien entstehen Obst und Gemüse, die sich durch große Einheitlichkeit auszeichnen und somit in besonderer Weise den Marktanforderungen entsprechen. Die Kehrseite der Medaille: Hybridsorten lassen sich nicht wie samenfeste Sorten nachbauen.

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Denn in diesem Fall spaltet sich das Erbgut auf und die Nachkommen degenerieren. Bis zu 90 Prozent der Ernte kann dadurch unbrauchbar werden.

Das heißt, Gärtner und Bauern sind gezwungen, Jahr für Jahr normiertes Hybridsaatgut zu kaufen. Das füllt die Kassen der Agrarkonzerne. Experten schätzen, dass sogar im Ökogemüseanbau heute überwiegend Hybride eingesät werden. Vermutlich wäre es vielen Verbrauchern egal, ob die einzelnen Obst- und Gemüsesorten nun einheitliche Größen und Farben aufweisen oder nicht. Schließlich geht es um Geschmack und Qualität. Und in dieser Hinsicht sind samenfeste Sorten den Hybriden in aller Regel überlegen.

Doch nicht die Verbraucher entscheiden, sondern Bürokraten, Politiker und die mächtige Lobby der Agrarkonzerne. Welches Saatgut vermarktet werden darf und welche Kriterien es dafür
erfüllen muss, regeln das Saatgutrecht und das Saatgutverkehrsgesetz. Nicht wenige Verbraucher dürften davon noch nie etwas gehört haben.

Um in den Handel zu kommen, müssen Obst und Gemüse bestimmte Anforderungen erfüllen. Auf die offizielle Sortenliste kommt nur, was die sogenannten DUS-Kriterien erfüllt. Diese Abkürzung steht für Distinctness (Unterscheidbarkeit), Uniformity (Homogenität) und Stability (Stabilität).

Über Qualität sagt die DUS-Formel nichts aus, sie orientiert sich vielmehr an den Sortenvorstellungen und Neuzüchtungen der Industrie. Traditionelle bäuerliche Vielfaltsorten erfüllen diese Kriterien meist nicht, dafür sind sie oft anpassungsfähiger an klimatische Veränderungen.

Wer kann die weltweit agierenden Agrarkonzerne stoppen? Sicherlich nicht die Brüsseler Eurokraten. Im Gegenteil, dort verfügt die Agrarindustrie übereine einflussreiche Lobby.

Kaum zu glauben: Die Französin Isabelle Clément-Nissou, die in der „EU“-Kommission neue Saatgutvorschriften erarbeiten soll, war zuvor für die Agrarindustrie tätig.

Ziel der „EU“ ist es, die Regelungen zu vereinheitlichen, ohne Rücksicht auf die sehr unterschiedlichen landwirtschaftlichen Strukturen der „EU“-Staaten zu nehmen.

In diese Richtung zielte der im Mai vergangenen Jahres vorgelegte Gesetzesentwurf, der erhebliche Nachteile für die bäuerliche Saatgutproduktion und die Sortenvielfalt gebracht hätte.
Vorgesehen war unter anderem, dass bäuerliche Saatgutproduzenten der gleichen Registrierungspflicht unterworfen werden sollen wie Saatgutkonzerne.

Einige Sorten konnten der geballten Macht von Agrarindustrie, deren Lobby und den europäischen Bürokraten bisher widerstehen, vor allem durch das Engagement von Erhaltungsinitiativen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

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Kopp 23-2014
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[…] "EU" – Monsanto – Saatgut-Diktatur – gegen natürliche Nahrung…. […]

lothar harold schulte
07/06/2014 08:09

Hat dies auf lotharhschulte rebloggt.

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