Starten wir zum Wirrlauf / Warum eine Kür nach der Kür folgt, warum ein Drängler schubst und ein Fußballer beißt und wie sich eine Partei durch Annäherung wandelt

 

PAZ27

 

Nun hat er sich also durchgewurschtelt, der Jean-Claude Juncker. Noch nicht ganz, aber so einigermaßen sicher. Man kann nicht sagen, dass die abermalige Nominierung des bereits Nominierten allgemein ganz große Freude ausgelöst hätte. Genau genommen hat sie gar nichts ausgelöst, nicht einmal Schulterzucken. Weil das sowieso keiner kapiert hat, warum nach der an-

geblichen Kür eine abermalige Kür notwendig sein sollte. Aber die Sache mit Juncker ist ja nicht das einzige Rätsel, vor das uns die „EU“ stellt und dessen Auflösung sie hartnäckig verweigert.

Na gut, einer muss schließlich den Chef machen. Und wenn einer Chef wird, der nicht ganz so auffällig gedrängelt hat wie der andere, dann ist das schon ganz gut. Der andere sogenannte Spitzenkandidat, der hat gedrängelt, es war nicht mehr auszuhalten. Vorgedrängelt hat sich der Martin Schulz, wie ein Fettleibiger zum Futternapf, gegreint hat er wie ein Säugling, dem der Schnuller entzogen wird, aufgestampft hat er wie ein bockiges Kind. Gefeilscht hat er wie ein Dattelverkäufer auf dem Basar von Marrakesch. Wie ein Spitzenkandidat sich eben verhält.

Dabei wussten noch längst nicht alle Wähler überall in Europa, dass es so etwas wie Spitzenkandidaten gibt. Darum waren viele auch so sauer. Die einen, weil sie etwas gewählt hatten, was es in Wahrheit gar nicht gibt. Die anderen, weil sie etwas gewählt hatten, ohne zu wissen, wen sie damit wählten. Das klingt nebulös und soll es vermutlich auch sein, denn das ist politisch, europapolitisch. Kapieren tut das ohnehin keiner.

Offenbar ging der andere Spitzenkandidat, der bislang erfolgreiche Jean-Claude Juncker, genau davon aus, dass niemand die Spielregeln der Rangelei verstehen würde. Darum bemühte er sich erst gar nicht darum. Brummelnd und nuschelnd, mit matter Stimme tat er so, als gehe ihn das ganze Gedrängel und Geschubse überhaupt nichts an, als sei er niemals in der Lage, anderen vors Schienbein zu treten. Ehrlich, wenn er es getan hat, dann hat man es nicht gesehen. Daran können sich die Kicker bei der Fußball-Weltmeisterschaft ein Beispiel nehmen. Mit ihren Beißattacken, ihren stollenbewehrten Hochsprüngen in den Nacken des Gegenspielers oder dem gestreckten Bein vor dessen Füße, zeigen sie uns augenblicklich, wie anscheinend mustergültig fair politische Kontrahenten miteinander umgehen. Was man nicht sieht, kann nicht geahndet werden. Allerdings lernen die Fußballer zunehmend auch zu piesacken, ohne dass der Schiedsrichter es sieht.

Das ist selbstverständlich reiner Selbstschutz. Sonst könnte es einem ergehen wie dem Beißer vom Dienst, dem uruguayischen Spieler Luis Suárez. Der hatte, vom Schiedsrichter unbemerkt, seinem Gegenspieler Giorgo Chiellini flink in die Schulter gebissen. Weil so etwas auf keinem Fußballplatz zu tolerieren sei, sperrte die Disziplinarkommission der Fifa den Mann für vier Monate. 100000 Schweizer Franken muss er obendrein zahlen. Da sage noch einer, bei der Fifa gehe es drunter und drüber. Eine eigene Disziplinarkommission haben die. Aber wahrscheinlich ist die für das Fifa-Präsidium nicht zuständig.

Ansonsten aber soll es im Fußball deutlich ehrlicher zugehen als in der Politik. Nicht nur wegen der oben genannten, nicht kaschierten Fouls. Beim Fußball ist ein Ergebnis ein Ergebnis. Da gibt es nichts zu deuteln, einmal abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen, über die noch nach Jahrzehnten diskutiert wird. Beim Fußball darf man darüber streiten, wie es zu einem Ergebnis gekommen ist, aber das Ergebnis steht. Und nun vergleichen Sie das bitte einmal mit der Europawahl. Nach der der Verlierer behauptete, eigentlich sei er doch der Gewinner und wenn er nicht der Gewinner sein dürfe, dann müsse er zumindest am Gewinn beteiligt werden und welcher Posten ihm zustehe, das bestimme er. Beim Fußballspiel weiß man, wann es vorbei ist.

Anders als beim Wirrlauf. Den kennen Sie nicht? Doch, Sie haben ihn nur vergessen. Der Wirrlauf wird in der wunderbar skurrilen Geschichte von „Alice im Wunderland“ geschildert. Die hat Lewis Carroll geschrieben. Der war Professor in Oxford an dem College, in dem Teile der Harry-Potter-Filme gedreht wurden, der Ort ist also versponnen. Der Wirrlauf also, an dem allerlei Tiere wie Enten, Käuze, Schildkröten, Krebse, Mäuse teilnehmen, der funktioniert so: „Sie begannen alle nach Belieben zu laufen und hörten alle nach Belieben auf, so dass nicht leicht herauszufinden war, wann das Rennen eigentlich zu Ende war. Als sie ungefähr eine halbe Stunde herumgejagt … waren, verkündete der Marabu plötzlich mit weithin vernehmbarer Stimme: ‚Der Wirrlauf ist zu Ende!‘ und alle drängten sich außer Atem um ihn herum mit der Frage: ‚Wer hat gewonnen?‘ Diese Frage konnte der Marabu nicht so ohne Weiteres beantworten … Endlich entschied der Marabu: ,Jedermann hat gewonnen und alle müssen Preise bekommen.‘“

Die Geschichte von Carroll wurde 1865 veröffentlicht. Woher hatte der Mann diese Weitsicht, woher kannte er den „EU-Wirrlauf“, bei dem angeblich auch alle gewonnen haben und somit Anspruch auf Preise anmelden? Nun sage niemand, der Mann sei schließlich Engländer und somit der geborene „EU“-Skeptiker gewesen.

Im Grunde gehört gar nicht so viel dazu, auf die Idee mit dem Wirrlauf zu kommen. Schließlich sind die Wirrläufer ganz alltäglich und immer unterwegs. Sie sind nur nicht immer gleich zu erkennen, weil viele den Wirrlauf für etwas ganz Normales halten. Nur manchmal wird ein Stückchen der verworrenen Wirrnis schlagartig erkennbar. So wie in dieser Woche, als Andrea Nahles erklären musste, warum der Mindestlohn in verschiedenen Stufen eingeführt wird. Das nannte sie die „Einphasung“. Wie bitte? Die was? Die Einfassung? Nee, passt nicht. Noch mal hingehört. Doch, sie hat tatsächlich von der „Einphasung“ gesprochen und damit sicherlich die verschiedenen Phasen des Vorganges gemeint. Kann man nachdrücklicher verdeutlichen, dass man die Einphasung in das Amt eines Ministers für Arbeit und Soziales für abgeschlossen hält und nunmehr im ministrablen Vokabular gelandet ist? Mit solchem Kauderwelsch kann der Wirrlauf erst richtig losgehen.

Die CDU hat derweil einen neuen Wirrlauf angekündigt. Sie will wieder mal ihr Programm rund schleifen, jünger, weiblicher und bunter werden. Mal abgesehen von der Frage, was bei der CDU noch runder zu schleifen ist, wo sie kaum noch Ecken und Kanten vorzuweisen hat, davon abgesehen, an welchem Profil soll die letzte große Volkspartei noch erkennbar sein? Die Große Koalition funktioniert, abgesehen von ein paar kleinen Reibereien, ziemlich geräuschlos, weil gut geschmiert. Besser kann nicht gezeigt werden, wie der Wandel durch Annäherung funktioniert. So etwas spornt an, die noch bessere SPD zu werden. Kein Wunder, dass die „Linke“ jeden Tag in Hörfunk und Fernsehen zu jedem nicht gelegten Ei gackern darf. Die sagen wenigsten mal was anders. Auch wenn es zwischen Unsinn und Blödsinn wechselt. Ach ja, neben den Jungen und den Bunten will die Noch-CDU die Ausländer stärker berücksichtigen. Vielleicht sollte sie dabei mehr Mut beweisen und Nägel mit Köpfen machen. Sie könnte sich beispielsweise einen neuen Namen zulegen. Wie wäre es mit CIU? Das klingt durchsetzungsstark und zukunftsweisend. CIU steht für Christlich-Islamische Union. Das hätte doch was.

Marie-Agnes Strack-Zimmermann ist schon bereit für einen Namenswechsel. Deren Namen haben Sie noch nie gehört? Wie kann das sein, schließlich ist sie eine Wirrläuferin der Spitzenklasse. Um den Namen der Dame geht es auch gar nicht. Es geht um den Namen der FDP. Zur Erinnerung: FDP steht für Freie Demokratische Partei. Die hat mal eine politische Rolle gespielt. Und die Dame ist stellvertretende Bundesvorsitzende dieser Partei. Weil die nun gar nicht mehr wahrgenommen wird, schlägt die Dame vor, den bisherigen Namen der Partei zu streichen und unter neuem Namen mit altem Personal neu zu starten. So geht Wirrlauf.

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paz 27-14

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