Frei gedacht

von Eva Herman Eva Herman  für AUDIO bitte Bild anklicken

Wer heutzutage über Naturgesetze sprechen möchte, wird von den meisten Leuten müde belächelt. Naturgesetze? Schöpfungsgesetze? Nein, nein, wir leben in einer ganz modernen Zeit, da brauchen wir so etwas nicht mehr. Wir wollen hier an einem Beispiel untersuchen, was geschieht, wenn eine moderne Gesellschaft sich nicht mehr um die Naturgesetze kümmern will. Anlass ist eine aktuelle Studie der Hamburger Wohlfahrtsverbände über die dramatische Betreuungssituation in deutschen Kindertagesstätten.

Seit vielen Jahren werden unsere Politiker nicht müde, der Gesellschaft zu erläutern, dass kleine Kinder, auch schon Säuglinge, in die „frühkindliche Bildungsbetreuung“, in fremde Hände also, gegeben werden sollten. Denn hier lernen sie, so heißt es, all das, was sie später im Leben brauchen: soziales Verhalten, eine zweite Sprache vielleicht, ein Musikinstrument, sie lernen zu singen, malen, tanzen, und so weiter. Unterdessen solle die Mutter ihrer Karriere weiter folgen und sich dabei ebenso weiterbilden. Wir sind nämlich, das sei noch betont, eine moderne Bildungsgesellschaft. Heißt es.

Nun wollen wir beleuchten, was sich die Natur im eigentlichen Sinne für uns Menschen und unsere Kinder ausgedacht hat. Für diese Untersuchung können wir durchaus eine Menge wissenschaftlicher Studien heranziehen, die von Forschern erstellt wurden, die das natürliche Verhalten des Menschenkindes und der Mutter in den ersten drei prägenden Jahren zugrunde legen. Es sind also keine Erfindungen, sondern feststehende Tatsachen.

Die Affenforschung weiß erstaunliche Zusammenhänge zu berichten, die in den 50er Jahren entstandene Säuglings-Bindungsforschung stützt sich in vielerlei Hinsicht auf zahlreiche dieser Studien. Der renommierte US-Bindungsforscher Stephen J. Suomi, dessen Vorträge ich persönlich mehrmals erleben durfte, hat in jahrzehntelanger Arbeit Rhesusaffen im indischen Subkontinent untersucht und hochinteressante Studien verfasst. Die Affen leben in Großfamilien von 20 bis 30 Tieren in freier Wildnis. Wir wollen einige Ergebnisse von Suomi zusammenfassen.

Zunächst ist es Tatsache, dass die Rhesusaffen in 95 Prozent ihrer Gene mit dem Menschen übereinstimmen, während es bei den Schimpansen gar 98 bis 99 Prozent sind. Doch bleiben wir bei den Rhesusaffen. Neugeborene Affenkinder befinden sich grundsätzlich Tag und Nacht in der Obhut ihrer Mutter: Sie trägt sie überall mit sich, die Kleinen klammern an ihr, sie sind auf dem Arm oder am Rücken. Jede Gruppe weist die gleichen Strukturen auf: Mütter, Großmütter, Tanten und die nachrückenden Töchter bilden einen Verband, der sich um alle familiären und häuslichen Belange kümmert. Väter, Großväter, Onkel und die heranwachsenden Söhne hingegen gehen aus dem Haus, um unter anderem die Nahrung heranzuschaffen, aber auch, um das Revier zu verteidigen, die Familie zu schützen.

Funktioniert die Gruppe naturgegeben, so entwickeln sich alle Beteiligten optimal. Die Mutter ist der sichere Hafen für das Baby, welches mit wachsendem Alter an einer Art unsichtbarer Leine einen immer größeren Radius seiner Umwelt erkunden kann. Nach etwa sechs Monaten beginnt eine Wechselwirkung im Spiel mit gleichaltrigen Kindern, auch mit den übrigen Gruppenmitgliedern, die Sozialisationsprozesse beginnen.

Wenn wir davon ausgehen, dass Rhesusaffen eine Lebenserwartung von etwa 15 bis 20 Jahren haben, so müssen wir beim Vergleich zu den Menschen die Zeiträume etwa vier- bis sechsmal erhöhen. Das heißt, die unsichtbare Leine des Menschenkindes beginnt im Alter zwischen drei und vier Jahren. Die Bindungsforschung bestätigt uns, dass die Entwicklung des sozialen Verhaltens durch Gleichaltrige günstigenfalls im Alter zwischen drei und vier Jahren beginnt.

Affenbabys, die durch unvorhergesehene Ereignisse ohne Mutter aufwachsen, weil diese etwa verunglückte, entwickeln andere Verhaltensweisen als üblich. Bei ihnen sinkt der Serotoninspiegel. Dieses Transporter-Gen ist unter anderem für den inneren Ausgleich und die Beruhigung wichtig. Die Folge eines zu geringen Serotoninhaushaltes: Erhöhte Gewaltbereitschaft des Kindes, es ist schwer zu beruhigen. Bei gestörten Mutter-Kind-Beziehungen gilt dasselbe, es kommt schon bald zu permanenten Frusterlebnissen zwischen Mutter und Kind, hinsichtlich der Bindung, der Kontrolle, des Lustgewinns, vor allem des Selbstwertgefühls. In der Folge zieht ein zu geringer Serotoninspiegel Erkrankungen im zentralen Nervensystem nach sich, das Krebsrisiko für den Magen-Darm-Trakt steigt erheblich, lebenslang.

Die jungen Affenkinder, deren Serotoninspiegel zu niedrig ist, werden von der Gruppe gemieden, sie werden zu Außenseitern. Ihr Verhalten ist aggressiv: Sie machen gefährliche Riesensprünge von Baum zu Baum, gehen hohe Risiken ein, sterben oft dabei. Ihr Gebaren ist grundsätzlich auffällig, sie wählen bei Versuchen zum Beispiel meist Getränke mit Alkohol, welche von den gesund sozialisierten Tieren gemieden werden. Die Außenseiter trinken so viel Alkohol, bis sie betrunken umfallen.

Pubertierende Tiere dieser eingeschränkten Art haben es in der Gruppe nicht leicht: Sie werden von den Weibchen gemobbt und angegriffen. Ihre sozialen Verhaltensweisen sind so schlecht, dass sie allermeist im Laufe der ersten Lebensjahre sterben. Der niedere Serotoninspiegel bleibt bei den überlebenden Tieren lebenslang auf niedrigem Niveau, und: Er ist hochvererbbar!

Rhesus-Affen-Weibchen, die durch Vererbung mit einem zu geringen Serotoninspiegel geboren werden, weisen von Beginn an ein schwieriges soziales Verhalten auf: Sie haben schlechte Bindungen zu ihren Kindern, diese geraten wiederum in eine Art seelischer Desorganisation, sind nicht in der Lage, mit anderen Kleinen zu spielen. Diese negative Entwicklung kommt aufgrund der defekten Gene, aber vor allem durch das fehlende Bindungsverhalten der Mutter zustande, ein neues Negativ-Kontinuum beginnt.

Das Thema Serotonin, welches wir hier nur kurz beleuchten konnten, ist übrigens nur ein Punkt einer ganzen Liste von Faktoren, die für die Kindheit wichtig sind.

Nun wollen wir noch einmal unsere „moderne“ Gesellschaft näher betrachten: Wir geben unsere Kinder früh in fremde Hände, weg von Mama! Die Betreuungsqualität, so wurde jetzt durch eine aktuelle Studie der Hamburger Wohlfahrtsverbände erneut bestätigt, ist verheerend: Bis zu acht Säuglinge und Kleinkinder werden von einer Person verwahrt, und diese kann durchaus ungelernt sein, eine Praktikantin etwa. Von Körperkontakt keine Rede, von Förderung ebenso wenig, die lebenswichtige Mutterbasis liegt in weiter Ferne. Hoffnungslosigkeit für deutsche Kinderseelen! Die Störungen für das gesamte weitere Leben dürften gewaltig sein, vor allem, wenn weitere familiäre Risikofaktoren dazukommen wie etwa Gewalt, Alkohol, Drogen, Missbrauch und so weiter.

Wir sind gerade dabei, uns selbst abzuschaffen. Man jammert über saufende Jugendliche, über Gewaltbereitschaft, mangelndes soziales Verhalten, über Depressionen und wachsende Selbstmordraten. Die Ursachen liegen auf der Hand, denn alles ist ja so einfach: Die Naturgesetze sind immer einfach. Wir müssten sie nur befolgen!

————————

paz 28-14

NEWSLETTER
0 0 vote
Article Rating
Translate »