Der Wochenrückblick

Böser Bürger, guter Untertan / Was bei der Spionage-Affäre schiefgelaufen ist, für wie dämlich sie uns halten, und wie man eine Diktatur am besten vorbereitet

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Mal ehrlich, steigen Sie da noch durch? Da wurde also ein junger BND-Mann festgesetzt, weil er den Amis Geheimnisse für 25000 Euro verhökert haben soll, sagen die Nachrichten. Dann aber melden sich unentwegt Experten zu Wort, die uns – durchaus glaubwürdig – erklären, dass der BND nur ein Wurmfortsatz, eine Art Zuträgerdienst der amerikanischen Geheimdienste sei, von dem die Amis sowieso alles bekämen, was sie wollten. Aber warum bezahlen sie dann Geld für etwas, das sie sich auch auf dem Dienstweg hätten bestellen können? Merkwürdig.

Der „Skandal“ sei bloß eine Nebelkerze, mit der von etwas anderem abgelenkt werden solle, erzählen uns die ganz Abgeklärten mit dem diabolischen Grinsen des Eingeweihten. Abgelenkt? Wovon denn? Ganz schön verzwickt.

Unsere Politiker sind auch nicht hilfreich. Ihr Gezeter wirkt wie erbärmlich inszeniertes Affentheater. Innenminister de Maizière gibt sich alle Mühe, so empört wie möglich auszusehen. Bei seinem lauten „So nicht!“ zieht er allerdings die Augenbrauen hoch wie viele Menschen, wenn sie sich gerade nicht „im Zentrum der Wahrheit bewegen“, um das hässliche Wort „lügen“ zu vermeiden. Außenminister Steinmeier poltert, über die Spionage unter Freunden könne man auf keinen Fall „einfach hinweggehen“. Einfach hinweggehen? Geht ja gar nicht mehr.

„Einfach“ hinweggegangen waren wir schon über die erste NSA-Affäre, „zweifach“, als bekannt wurde, dass auch Merkels Telefon abgehört wird. Demnach wären wir jetzt bei „dreifach“.

Vielleicht ist das alles aber auch nur ein riesengroßes Missverständnis. Auffällig geworden war der BND-Mitarbeiter, als er auch zu den Russen Kontakt aufnehmen wollte. Munition gegen Mos­kau wird in Berlin derzeit gern genommen. Möglicherweise hat man die Angelegenheit nur deshalb so groß aufgeblasen, um die düsteren Moskowiter vorzuführen. Als dann herauskam, dass man nicht den bösen Russen, sondern den lieben „Freunden“ auf die Schliche gekommen ist, war schon viel zu viel heiße Empörungsluft auf den Reifen, so dass die Sache von selber weiterrollte.

Das Peinliche ist: Hätte der junge Mann nur mit den Amis weitergekungelt, hätten sie ihn nie entdeckt, weil nach dorthin, zu den „Freunden“ hin, offensichtlich gar keine Spionage-Abwehr betrieben wird. Das sollen die Deutschen aber nicht erfahren, daher muss der Innenminister nun die Brauen bewegen und sein Außenkollege den Ton aufdrehen.

Wie’s nun wohl weitergeht? Na wie schon: gar nicht! Wie beim Rest der NSA-Geschichte bleiben die bundesrepublikanischen Politiker nur so lange erregt, wie die Deutschen ihnen dabei zuschauen. In ein paar Wochen ist alles vorbei, wie bereits bei der letzten und der vorletzten US-Spionage-Kiste. Und bei der nächsten und übernächsten.

Auf den ersten Blick rührend ist, dass die Berliner Politik bis hinauf zum Bundespräsidenten anzunehmen scheint, dass die Deutschen wirklich glauben, Verbündete würden sich nicht gegenseitig ausspionieren, weil man das „unter Freunden“ ja nicht macht. Rührend, auf den ersten Blick, auf den zweiten müssten wir ihnen dafür eigentlich eine runterhauen: Halten die uns wirklich für so dämlich?

Allem Anschein nach schon, und das sogar mit einer gewissen Berechtigung. Im Politik- und Zeitgeschichtsunterricht an deutschen Schulen geht es nicht darum zu erklären, wie „Macht“ funktioniert oder wie Staaten knallhart „Interessen“ durchsetzen und welche Rolle auch Geheimdienste dabei spielen sowie die Propaganda, die aus den anderen die Bösen machen soll.

Nein, wir haben gelernt, dass es eigentlich immer nur um die „Guten“ und die „Bösen“ (meist die Deutschen) ging und alle große Politik hochmoralisch ist. Wer so gebürstet wurde, dem sollte tatsächlich die Phantasie dafür fehlen, wie Politik wirklich funktioniert. Der ist jetzt tatsächlich empört.

Doch wie gesagt, es dauert ja nicht lange. Im Grunde interessieren sich die Deutschen nämlich nicht mehr für Politik. Das heißt natürlich nicht, dass wir keine Gesinnung zur Schau trügen, aber nein! Nur hat das nichts mehr mit Überzeugung zu tun, sondern mit Mode und Pflichterfüllung.

Wie ich das meine? Früher zogen sich die Leute schicke Sachen an, um in der Gesellschaft gut anzukommen. Was darunter war, ging niemanden etwas an. Heute wickeln wir uns in die jeweils angesagte Gesinnung und tragen diese stolz herum.

Der Unterschied ist: Damals wussten die Leute sehr wohl, wie sie unter ihrem „Sonntagsstaat“ aussahen. Wir Zeitgenossen haben dagegen oft gar keine Ahnung mehr, was „darunter“ ist, also: Was wir wirklich denken. Leute, die andauernd überall „Nazis“ anprangern und „Rassismus“ wittern, weil man das heute eben so macht, pöbeln Minuten später mit übelsten Schimpfwörtern gegen „Kanaken“, ohne den Graben zwischen beidem auch nur wahrzunehmen. So habe ich es während meines Urlaubs gerade erst erlebt.

Müsste da nicht dringend politische Bildung ansetzen? Aber nicht doch, für die Politik sind solche Doppelwesen ein Geschenk des Himmels, denn sie bieten den perfekten Untertanen! Freie Bürger bestehen darauf, sich eine eigene Meinung zu bilden und diese offen zu bekunden. Solch biestiges Bürgertum wird uns mit großer Mühe aberzogen. Die staatsnahen Medien setzen alles daran, den verbreiteten Stoßseufzer „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!“ als finstere Kampfparole geifernder „Wutbürger“ zu entlarven. Wer diesen Satz sagt, so die Botschaft, der hat was Unanständiges vor.

Der gute Untertan hingegen käme nie auf die Idee, irgendetwas „wohl noch sagen“ zu wollen, wenn er den Eindruck hat, dass die Obrigkeit es nicht hören mag. Er glotzt den Mächtigen auf die Lippen und murmelt andachtsvoll nach, was ihm die Hoheiten und ihre Herolde vorsingen, um es später nachzuplappern. Irgendwann hört er völlig auf, selber zu denken, weil das eh nur schlechte Laune macht. Und wer nicht mehr denkt, der merkt nicht, dass er nichts zu melden hat, weil ihm ja sowieso nichts einfällt, was er sagen könnte.

Je mehr der Untertan den Bürger verdrängt, desto ungenierter können die Mächtigen nach Belieben fuhrwerken. Offenbar sind wir auf dem Weg schon recht weit gekommen, wie eine Nachricht aus Brüssel signalisiert. Im EU-Parlament war es bislang üblich, dass die Posten in den Ausschuss-Leitungen nach Größe der Fraktionen gerecht aufgeteilt werden. Das hat nichts mit Parteienkungelei zu tun, sondern ist demokratischer Usus. Beim Präsidium des Bundestages geht das auch so. Da wurde sogar mal ein zusätzlicher Posten eigens geschaffen, weil eine kleine Partei sonst gar keinen Vizepräsidenten-Stuhl abbekommen hätte.

Nun haben im EU-Parlament vor allem die Parteien links der Mitte (nicht die CDU) gegen die Abmachung verstoßen und Kandidaten Euro- oder EU-kritischer Parteien durchfallen lassen. Ja, wie sagte noch Walter Ulbricht, als er die Scheindemokratie der DDR beschrieb: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“ In Brüssel heißt es: Abmachungen gelten nur, solange sie unseren Zielen nützen.

So verschimmelt die Demokratie gleichsam im Stehen. Da sie dabei immer unansehnlicher wird, trauert ihr irgendwann auch keiner mehr nach. Laut Umfragen sehnen immer mehr Europäer einen „starken Mann“ herbei, und sogar die „Welt“ wünscht sich einen „europäischen Augustus“, einen Alleinherrscher also, weil unsere Demokratie ohnehin nur noch „Kulisse“ sei.

Ja, der gute, väterliche Diktator, der uns großmütig aus der selbstverschuldeten Misere zieht. Ist es das? Offenbar müssen wir alle paar Generationen erneut auf den gleichen Kokolores hereinfallen, um wieder klar zu werden.

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paz 28-14

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Konservativer
Konservativer
12/07/2014 22:11

„Was bei der Spionage-Affäre schiefgelaufen ist“ ——————————————————————- Wie kann die FDJ-lerin Merkel „empört“ sein, dass sie von der NSA abgehört und Deutschland insgesamt auspioniert wird? Was will uns diese Frau wieder vortäuschen? Alles nur Show… – So blöd kann doch kein Mensch sein: – Die deutsche Bundeskanzlerin mit kommunistischer Vergangenheit stammt aus der DDR – Der deutsche Bundespräsident mit kommunistischer Vergangenheit stammt aus der DDR Wen wunderts, dass die USA misstrauisch sind und das „Mandatsgebiet“ Merkelland bespitzeln? Die USA reagierten schon immer hysterisch auf jeden, selbst den leisesten Verdacht auf kommunistische Umtriebe – so jung ist Merkel nicht mehr, dass… Weiterlesen »

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