Mindestens 200 Adlerhorste in Masuren gesichtet – Hohenzollern machten Seeadler zum preußischen Wappenvogel

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Der Sturmwind selbst hat diesen riesigen Göttervogel geboren, den gewaltigen Aar, den größten aller heimischen Vögel, der einen unvergesslichen Eindruck auf uns macht, wenn er auf mächtigen 250 Zentimeter messenden Schwingen wie ein Engel plötzlich vom Himmel fällt. Masuren ist das wilde Heimatland dieser Seeadler. Für jeden, der die Natur und ihre Tiere liebt, ist Masuren ein Land von eindrucksvoller Schönheit. In diesem Zauberwald gibt es auch jetzt noch Blüten, Vögel und Tiere, die sonst selten geworden sind. In Bächen und Flüssen jagen Otter, brüten Schwäne. In Masuren sollen mindestens 200 Seeadler-Horste von der Rück-kehr der Tiere zeugen.

In Friedrichshof [Rozogy] im Süden der Johannisburger Heide, dem Ort mit der kleinen Lutherischen Freikirche, die heute noch steht, wurde mein Urgroßvater getauft. Das erklärt meine besondere Zuneigung für die Natur dort, die ich erstmals 1997 aufgesucht hatte, als wir Freunden in Litauen geholfen haben über den Naturschutz nach Europa zurückzufinden. Den Seeadler habe ich damals leider nur himmelhoch kreisend erlebt, so dass an Fotografieren nicht zu denken war.

Zehn Jahre später war ich wieder an der Rutyna. Dort liegt mitten im Wald eine große Wiese, die einst ein großer See war. Es war ein eisiger Winter, und ich habe dort bei dreißig Grad Kälte zehn lange Tage lang jeweils neun Stunden in einem winzigen Tarnversteck zugebracht um mich vor den Adlern zu verstecken, die ich fotografieren wollte. Da, wo sich am Horizont der Wald mit dem Himmel vereint, da wohnen auch die Seeadler. Meine enge Ansitzhütte, in die ich morgens schon bei Dunkelheit schlüpfe, stand an der Nordseite der Waldwiese. „Ich will den großen Adler überlisten, und nichts darf ihn misstrauisch machen.“

Um diese Zeit, Mitte Februar, sitzen die alten Seeadler schon auf ihren Nestern und brüten. Früher hat man sie auf ihren Nestern fotografiert, aber das gilt heute als verpönt, weil es stört und die Gefahr besteht, dass sie ihr Gelege verlassen. Ich warte also an einem Platz mit Lockfutter. Das sind vor allem giftfreie Innereien, aber auch Füchse von der Drückjagd oder ein eingefrorenes Reh, das auf der Straße verunglückt war. Es gibt Leute, die mich für deppert halten, dass ich tagelang bei eisiger Kälte dort warte. Nebel treibt über die Wiese, und es beginnt zu schneien. Lange sind es Kolkraben, die alleine für Abwechslung sorgen. Ende Februar singen sie ihr quorrendes Liebeslied und die verpaarten Raben machen ihre Balzflüge.

Mancher neigt dazu, Seeadler wegen ihrer Wucht und Größe für schwerfällig zu halten. Man muss erst einmal gesehen haben, mit welcher Kraft und Geschicklichkeit sie die gewaltigen Flügel einsetzen und plötzlich aus dem Stand senkrecht starten und in den Balzflug übergehen, bei dem die Tiere sich an den Fängen halten und herabtrudeln lassen.

Doch ist auch ein Jungadler schon ein gewaltiger Vogel, der, wenn er so vor einem sitzt, einen guten Meter hoch ist. Vielleicht habe ich mein Objektiv etwas unachtsam bewegt, denn der Adler entschließt sich zu einem Blitzstart. Mit mächtigem Flügelschlag katapultiert er sich senkrecht in die Höhe, erreicht den Waldrand und geht schon nach wenigen Flügelschlägen in den Segelflug über.

In den folgenden Tagen begegne ich immer wieder Adlern, meist vorjährigen Jungvögeln. Je älter ein Jungadler ist, desto brauner wird er. Der Kopf wird immer heller, der Schnabel gelber und die Iris des Auges wird hell. Morgens, wenn der Wind die Nebelfetzen über die Wiese treibt, sitzen sie irgendwo im Nebel verschleiert. Morgens um fünf Uhr treibt der Wecker mich hinaus, es ist noch dunkel, wenn ich auf meinem Stühlchen Platz nehme für die nächsten neun Stunden. Das ist immer eine Herausforderung für den Tierfotografen, denn manchmal nickt man ein. Um die Chancen zu erhöhen, lege ich ein komplettes Reh aus. Leider half es nicht, den Adler anzulocken, stattdessen kamen 30 Kolkraben die den Rehkadaver binnen zwei Tagen total aufgefressen haben.

Im Hintergrund schnarrten Tannenhäher, ein Bussard kreiste und kam an das Luder, von dem auch die Eichelhäher fraßen.

Schon bei den Römern galten Seeadler als Transporteure der Seelen. Bei Prometheus, der an einen Felsen geschmiedet war, weil er den Menschen das Feuer gebracht hatte, erschien jeden Tag ein Seeadler und fraß seine Leber.

Als der Brandenburger Kurfürst Wilhelm I. von Hohenzollern sich im Dom von Königsberg selber die Königskrone auf sein Haupt setzte, annektierte er nicht nur den Titel des Königs von Preußen, sondern auch den Preußischen Wappenvogel, und das war seit Generationen der Vogel des Landes, der Seeadler. Er ist über alle preußischen Generationen hinweg bis 1947 der Vogel Preußens geblieben und auch heute ist er noch der Adler für Deutschland. Nicht der Steinadler, sondern der Seeadler. Sie sind nicht nur unsere größten Vögel, sie sind auch unerhört vital und fressen alles, was sie erwischen und fangen oder als Luder verendet finden.

Endlich habe ich, nach so vielen Tagen vergeblicher Geduld, Erfolg. Erst segelt ein Jungadler vom Baum herab und beginnt gleich einen Fuchs anzufressen. Doch kaum hat dieses Adlerküken zu fressen begonnen, da höre ich das Fauchen der Schwingen des Alten. Dem Jungadler bleibt der Bissen im Halse stecken, denn der Altadler, der mit jedem Zoll ein König der Vögel ist, ist herabgesegelt von den Bäumen über uns und hat gleich den Jungadler mit seinen Flügeln mächtig verdroschen. Bei ihm ist der Kopf deutlich heller abgesetzt, der Hakenschnabel hellgelb und auch die Iris im Auge hell. Rundum ist er der typische Wappenvogel, ein würdiger alter Adler. Mächtig mit den Flügeln balancierend, hat er binnen einer halben Stunde den Fuchskadaver total aufgefressen. Das Junge sitzt daneben und traut sich nicht an die Beute heran. Beide starten, als der Alte fertig ist, rasch und gleiten segelnd davon und drehen eine Runde hoch über meinem Kopf. Weithin leuchtet der gespreizte weiße Schwanz des Altadlers, wie ein Schlusslicht und mit schwer schlagenden Fittichen streicht er über den Baumwipfeln zur Brutablösung in Richtung des Horstbaums davon. Ich habe zehn Tage Geduld für diese Bilder aufbringen müssen, weit mehr als jeder Jäger für die Jagd braucht.

Wolfgang Alexander Bajohr

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Arcturus
10/08/2014 00:49

Hat dies auf Oberhessische Nachrichten rebloggt.

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