Tief im Walde / Warum Sachsen unter Kriegsrecht gehört, wo wir die NPD gefunden haben, und wie uns das Gute seine böse Fratze zeigt

PAZ

Die deutschen Medien sind enttäuscht und alarmiert zugleich. Ungeheuerlich, wen die Sachsen gewählt haben. In den Redaktionen macht sich Ratlosigkeit breit: Der „Tagesspiegel“ jammert ratlos über das aufreizende Selbstbewusstsein der AfD: „Der oft erhobene Rechtsextremismus-Vorwurf wird dort inzwischen mit trotziger Gelassenheit gesehen.“ Was für eine Frechheit!

Damit hatten wir nicht gerechnet. Das hatte doch bislang immer geklappt! Wenn Presse, Funk und Fernsehen nur oft genug irgendetwas mit „Nazi“, „rechtem Rand“ oder so geraunt hatten, war die gescholtene Gruppe nach kurzer Zeit politisch tot und alle, die dabei waren, auch gesellschaftlich.

Enttäuscht von ihrer lauen Leistung und verwirrt vom Verpuffen aller Manipulationsversuche haben die meisten Medien nun einen Gang zurückgelegt. Der Dame vom „heute-journal“ waren zwar Wut und Ekel über das Wahlresultat ins Gesicht geschrieben und die „Bild“-Zeitung versuchte es noch einmal mit dem Prügelwort „Euro-Hasser“, ansonsten aber fielen die Verdikte verblüffend zahm aus.

Indes: Blätter, die ihre politische „Überzeugung“ offenbar von anderen abschreiben, hinken verständlicherweise ein wenig hin­terher. So holte die „Brigitte“ noch einmal die flachen Schimpfereien aus dem Schnipselkasten der gestanzten Fertig-Verurteilungen heraus und hielt sie ihren Leserinnen unter die Nase: Die AfD sei trotz allem „eine Partei, die am rechten Rand mit populistischen Parolen auf Wählerfang geht“.

Gähnen Sie nicht! Natürlich ist das ranziges Zeug aus dritter Hand. Aber womöglich war es das letzte Mal, dass wir dieses Propagandagerümpel so schön abgeschmackt und nachgeplappert zu lesen bekamen, bevor der Müll endgültig in der Käseblattzone enthirnter Gossenpostillen versinkt. Ein historischer Moment, sozusagen.

„Brigitte“ scheint fest davon überzeugt zu sein, dass ihre Leserschaft weitgehend aus politischen Analphabeten besteht. Die AfD, lesen wir dort, spreche auch die an, „die mit Demokratie nicht viel am Hut haben“. Beweis: Erhebungen zeigten, „dass viele Nichtwähler und ehemalige NPD-Wähler die neue Partei wählten“. Nichtwähler gleich Antidemokraten?

Wenn’s nur das wäre: Laut Infratest dimap sind 33000 ehemalige CDU-Wähler zur AfD gewechselt, 18000 von der FDP, 15000 von der Linken und nur 13000 von der NPD. Immerhin: 16000 AfD-Wähler hatten vor fünf Jahren tatsächlich gar nicht gewählt. Den größten Brocken, 40000 nämlich, hat die „Alternative“ laut den Forschern aber aus dem Sammelsurium der „sonstigen Parteien“ herübergelockt.

Und was macht „Brigitte“ daraus? Sie haben es gelesen. Am schönsten die Unterstellung, Nichtwähler seien Leute, „die mit Demokratie nicht viel am Hut haben“. Danach müsste in Sachsen sofort das Kriegsrecht ausgerufen werden. Denn dort blieben satte 51 Prozent den Urnen fern. Wenn aber die Mehrheit der Demokratie ablehnend gegenübersteht, ist doch wohl jederzeit mit einem Umsturz durch antidemokratische Wichte zu rechnen. Da müssen harte Maßnahmen ergriffen werden, bevor es zu spät ist. Hat denn niemand aus der Geschichte gelernt?

Doch, und zwar das hier: Politiker aller Farben bejammern zwar alle Jahre wieder eine geringe Wahlbeteiligung oder sonnen sich stolz in einer wieder gestiegenen. In Wahrheit jedoch interessieren sich die meisten von ihnen nur aus taktischen Gründen dafür. Große Parteien, so heißt es, profitieren von einer hohen, kleine von einer niedrigen Wahlbeteiligung. Entsprechend verteilen sich ihre Hoffnungen.

Grundsätzlich gesehen ist der Masse der Politiker die Wahlbeteiligung ziemlich schnuppe. Und wenn gar kein Bürger mehr hinginge? Egal. Dann wählen sich die Kandidaten eben selbst und bedanken sich trotzdem anschließend vor laufender Kamera „für das in sie gesetzte Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger“.

So war auch Stanislaw Tillich sichtlich zufrieden, dass „die Sachsen“ ihn wiedergewählt hätten. In Wahrheit hat das nicht einmal jeder fünfte Wahlberechtigte getan. Bei der SPD machte nur gut jeder 20. sein Kreuz. „Volkspartei“ nennt sich das. Im Lichte der miesen Wahlbeteiligung verglüht selbst der strahlende Sieg der „Alternative“ zu mehr als der Hälfte. Allerdings: Hätte es sie nicht gegeben, wäre die Beteiligung sicherlich noch mickriger ausgefallen. Das zum Thema „mit Demokratie nicht viel am Hut“.

Die NPD immerhin ist erst einmal weg. Ganz weg? Nein, unermüdliche Antifaschisten sind ihr, verzehrt von der Sehnsucht nach ihrem Kampfobjekt, hinterher gepirscht und haben das braune Ungeheuer aufgespürt, ganz tief im Walde.

Dort, im malerischen Reinhardtsdorf-Schöna, hat die NPD 16,1 Prozent geholt, schrillen die Mediensirenen. Der Ort liegt direkt an der böhmischen Grenze, da wo sich die Eisenbahnlinie durch das romantische Elbtal in Richtung Prag schlängelt.

Experten fragen sich, wie das sein kann. Laut „Huffington Post“ sagen Studien von Experten, dass es „Rechte“ auf dem Lande besonders leicht hätten. Warum? „Wenn sie ihre Parolen laut genug brüllen, erscheinen sie als starke Kraft.“ Aha, an der Stimmgewalt liegt es also. Aber warum besonders auf dem Lande? Vielleicht, weil es in der Stadt zu viele Nebengeräusche gibt? Verkehr, Industrie und so?

Bei 1500 Einwohnern und der Tatsache, dass nicht alle wahlberechtigt sind und von den Berechtigten (wie im ganzen Freistaat) längst nicht alle hingegangen sind, dürften so um die 100 Dörfler NPD gewählt haben. Deshalb, so die „Huffington Post“, hätten die anderen Angst, ihren Mund aufzumachen, weil sie „fürchten, mit ihrer Meinung alleine dazustehen“.

Ach so: 84 Prozent halten die Klappe, weil sie fürchten, angesichts der erdrückenden Übermacht von 16 Prozent „alleine dazustehen“. Ich sehe: Mit Mathe muss ich noch mal ganz von vorne anfangen.

Wenn Sie Kinder oder Enkel haben, die noch nicht wissen, was sie einmal werden wollen, habe ich einen brandheißen Tipp: Wie wär’s mit „Rechtsextremismus-Experte“? Ohne sich mit den engstirnigen Gesetzen der Mathematik, der Logik oder den simplen Regeln des gesunden Menschenverstandes herumschlagen zu müssen, kann Ihr Nachwuchs dereinst Geld verdienen mit dem offensichtlichsten Unfug. Niemand wird ihm zu widersprechen oder kritische Fragen zu stellen wagen, denn wer möchte sich schon dem Verdacht aussetzen, er „verharmlose die Gefahr“?

Ein wunderbarer Job, vor allem für Menschen, die erkannt haben, dass wirkliche Arbeit kaum zu ihrem Lebensentwurf passt. Und dass richtiges Lernen, sorgsames Forschen oder ernsthaftes Nachdenken nichts anderes sind als purer Faschismus.

Hoffnungslos ist die Lage in Reinhardtsdorf-Schöna trotz der Übermacht von 16 zu 84 übrigens nicht. Mit der regionalen „Aktion Zivilcourage“ und einer Dorf-Ini­tiative „gegen Rechts“ werde bereits gegengesteuert, beruhigt uns die „Huffington Post“.

Solche Initiativen gibt es zum Glück überall, nicht bloß in Deutschland. Sie leben von der Überzeugung ihrer Aktivisten, das absolut Böse zu bekämpfen, weshalb sie selbst das absolut Gute repräsentieren.

Historisch Interessierten gefriert angesichts von so viel einwandfreiem Gutsein das Blut. Sie wissen noch, wie oft unter dem Banner des scheinbar unzweifelhaft „Guten“ Furchtbares angerichtet wurde. Aus dem englischen Rotherham erreichte uns dieser Tage ein Lehrbeispiel dafür, wovor gewarnt wird: Sozialarbeiter haben jahrelang die Schändung von insgesamt 1400 Kindern ignoriert. Grund: Die Täter waren pakistanischer Herkunft und die Sozialarbeiter fürchteten, als Rassisten gebrandmarkt zu werden, sollten sie das Grauen anzeigen. Drastischer haben sich die Abgründe des „Gutmenschentums“ wohl noch nie vor uns entblößt.

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paz 36-14

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