Gerechtigkeit nach allen Seiten

 

Wilhelms-Gymnasium Königsberg

Vor 140 Jahren wurde in Königsberg das Wilhelms-Gymnasium gegründet

 

Am 15. Oktober jährt sich zum 140. Male der Tag, an dem eine der bekanntesten höheren Schulen Ostpreußens, das Wilhelms-Gymnasium in Königsberg, gegründet wurde. Bis dahin hatte neben den beiden städtischen Anstalten („Kneiphof“ und „Altstadt“) nur ein königliches humanistisches Gymnasium, das Friedrichskollegium, bestanden.

Aber die Bevölkerung der „Haupt- und Residenzstadt“ war so gewachsen, dass im Jahre 1874 eine zweite Schule gleicher Art vom Staate errichtet wurde. Ein nüchterner Bau aus gelben Klinkern entstand auf dem Hintertragheim Nr. 13; das zugehörige Gelände erstreckte sich bis zum Schlossteich, an dessen Ufer, idyllisch gelegen, das Haus des Schulleiters stand.

Erster Direktor wurde der aus derr Provinz Sachsen stammende 37-jährige Oberlehrer Karl Urban. In seinem Lehrerkollegium befanden sich von Morstein, Tieffenbach und der Vorschullehrer Schoen, die über 30 Jahre an der Anstalt wirkten. 1876 kam dann der Mathematiker Peters hinzu, der bis 1921 im Amte blieb und als Professor „i“ eine populäre Erscheinung an der Schule war.

Der zweite Direktor war Geheimrat Dr. Grosse, ein grauhaariger kleiner Herr mit weißem Kinnbart, der den Schulaspiranten freundlich über das Haar zu streichen pflegte, wenn sie furchtsam an der Hand ihrer Mütter oder Väter bei dem Schulgewaltigen angemeldet wurden. So freundlich der alte Herr zu den Kleinen sein konnte, so böse soll er den Großen gegenüber gewesen sein, wenn ihre Streiche gar zu schlimm waren. Es herrschten preußische Zucht und Ordnung während seiner Direktorenzeit von 1882 bis 1903.

Sein Nachfolger wurde Prof. Dr. Ernst Wagner, der schon früher als Oberlehrer am Wilhelms-Gymnasium gewirkt hatte. Unter seiner Leitung – er war Altphilologe – wurde die humanistische Tradition nicht nur bewahrt, sie wurde eher noch vertieft. Ihm war der Humanismus die Grundlage echter Menschen- und Wissensbildung, und manch einer der damaligen Schüler mag wohl während der Schulzeit mit seinen Eltern gehadert haben, weil sie ihn ausgerechnet in eine solche Schule geschickt hatten. Aber ebenso mag mancher Vater zu seinem Sohne gesagt haben: „Du kannst jetzt ruhig auf dein Gymnasium schimpfen, wenn du erst einmal eigene Söhne hast, dann wirst du sie auch wieder auf ein humanistisches Gymnasium schicken und nach Möglichkeit in das Wilhelms-Gymnasium.“ Und die Väter haben in den meisten Fällen Recht behalten. Der Direktor, wie überall „der Alte“ genannt, gab sein geliebtes Griechisch in den Primen, und es gelang ihm, wie selten einem Pädagogen, den Schülern wirklich die Schönheiten und Klarheiten des Griechentums so nahezubringen, dass es ihnen zum unverlierbaren Besitz wurde.

Das Gymnasium hatte wohl den größten und schönsten Schulhof in Königsberg. Ein besonderes Kleinod war der am Ende des Hofes terrassenförmig zum Schlossteich abfallende botanische Schulgarten mit einem Bassin, in dem Wasser- und Sumpfpflanzen wuchsen. Dieses kleine Mustergärtchen hatte der Vorschul- und spätere Gymnasiallehrer Kirbuß angelegt, eine unvergessliche Gestalt mit blondem Vollbart und von nie erlahmender Güte; ein Genie, denn er betreute nicht nur jahrelang die Nona, er gab auch Naturkundeunterricht bis zur Tertia, brachte den Quartanern die griechische Schrift bei und war außerdem ein hochmusikalischer Gesanglehrer für alle Klassen. Daneben fand er noch Zeit zur Leitung der angesehenen „Photographischen Gesellschaft“ und machte mit Pharmaziestudenten botanische Exkursionen. Zu jenen Alten gehörte auch der von allen Schülern geliebte Schuldiener Alex, ein Veteran von 1870/71, der an den Feiertagen stets im Bratenrock mit dem Eisernen Kreuz im Knopfloch an den Flügeltüren der Aula stand und die Pennäler freundlich mit „Guten Morgen, Herr Kollege“ begrüßte. Als er starb, folgten alle Lehrer und freiwillig alle Klassen seinem Sarge, denn er genoss gleichermaßen das Vertrauen der Lehrerschaft und der Schüler.

Mit wenigen Ausnahmen herrschte eine schöne Harmonie zwischen Lehrern und Schülern; denn Gerechtigkeit nach allen Seiten gehörte zu den Grundsätzen, die Direktor Wagner selbst walten ließ und die er auch von seinen Mitarbeitern verlangte. Das Wilhelms-Gymnasium stand in dem Ruf, die „feudalste“ Anstalt zu sein, weil der Anteil an Schülern aus den Kreisen der Großgrundbesitzer, Offiziere und höheren Beamten recht groß war. Aber es gab keine Bevorzugung, ob es sich um einen Sohn eines Adligen oder eines Handwerkers handelte, die Leistung und vor allem der Cha­rakter des Jungen waren maßgebend. Entsprechend dieser Zusammensetzung war der Anteil der Primaner und Sekundaner, die sich zur Offizierlaufbahn meldeten oder Juristen wurden, hoch; doch gab es eine große Zahl bedeutender Mediziner und auch Gelehrter wie den bedeutenden Mathematiker David Hilbert unter den Ehemaligen. Unter den Lehrern befand sich immer eine größere Zahl hervorragender Fachwissenschaftler; viele wurden auch Leiter anderer Schulen.

Als Direktor Wagner in den Ruhestand trat, folgten ihm Prof. Hans Timreck (1922–1929), bis dahin Direktor des Gymnasiums Marienwerder, und Walter August (1929–1938), bisher Studienrat am Stadtgymnasium in Königsberg. Letzter Direktor war Dr. Alfred Schmidt, der während des Zweiten Weltkrieges, da er zur Wehrmacht eingezogen war, zumeist von Oberstudienrat Dr. Walter Rasch vertreten werden musste. Von 1936 an verlor die Schule schrittweise ihren Charakter als humanistisches Gymnasium und wurde zu einer Oberschule des Normaltyps umgewandelt.

Im Jahre 1924 wurde das 50-jährige Bestehen der Schule in der durch ihren Bildschmuck berühmt gewordenen Aula gefeiert. Zu Hunderten hatten sich die ehemaligen Lehrer und Schüler an dieser Stätte versammelt, wo sie viele Jahre lang täglich die Morgenandacht mitgemacht hatten. Von den Wänden grüßten wieder die von den Malern Carl Steffeck und Emil Neide geschaffenen Werke, unter anderem die großen Gemälde „Einzug des Hochmeisters Siegfried von Feuchtwangen in die Marienburg“ und „Verkündung der neuen Agende durch Herzog Albrecht von Preußen“ sowie die kleineren, aber umso bekannter gewordenen Gemälde „Königin Luise mit ihren älteren Söhnen in Luisenwahl“ und „Fried­rich Wilhelm III. mit Freiherr von Stein und General York“; unter dem Letzteren war das berühmte Wort zu lesen, dass der Staat an moralischen Kräften das ersetzen müsse, was er an physischen verloren habe. Auf dem neu beschafften Steinway-Flügel spielte zu Ehren der im Ersten Weltkriege gefallenen Lehrer und Schüler der Pianist Rudolf Winkler, auch Schüler der Anstalt, in ergreifender Weise den Trauermarsch aus der As-Dur-Sonate von Ludwig van Beethoven. Noch einmal erklang die Stimme des alten Direktors Wagner, der in bewegenden Worten der Gefallenen gedachte: „Ich sehe sie alle noch einmal vor mich hintreten in ihrer blühenden Jugend und gebe ihnen noch einmal die Hand, ehe sie wieder in das Reich der Schatten hinabsteigen.“ Eine Ehrentafel, vom Zeichenlehrer und Kunstmaler Radtke gestaltet, wurde enthüllt.

Die Zahl der Gefallenen war außerordentlich hoch; so hatte der Abiturientenjahrgang 1913 von seinen 25 Abiturienten über die Hälfte verloren, und vom Rest waren kaum zwei bis drei unverwundet geblieben. Wohl keiner ahnte damals, dass auch die nachfolgenden Schülergenerationen noch einmal ein ähnliches Blutopfer würden bringen müssen, an das jedoch keine Ehrentafel in der Aula des ehrwürdigen Schulgebäudes mehr mahnen würde.

Im August 1944 sank das Wilhelms-Gymnasium nach fast 70-jährigem Bestehen bei einem eng­lischen Luftangriff in Trümmer. Im Januar 1945, als der russische Massenangriff Ostpreußen wieder vom Reiche abgeschnitten hatte, wurde der Unterricht eingestellt: Das Wilhelms-Gymnasium hatte zu bestehen aufgehört.

E.B.–paz 40-14
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augenauf2013
02/10/2014 19:13

Ob wir jemals unseren Staat wieder bekommen?
Danke für diese Informationen………………………………………

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