Im Technologierausch geht der einzelne Mensch zunehmend unter. Die Zukunftsforscher entwickeln den angeblich besten Freund und Helfer des Menschen in einem »Cyber-Selbst« oder »digitalen Ich«. Und das bereits für die nähere Zukunft. Was kommt da auf uns zu?

Wenn Zukunftsforscher über neue technologische Möglichkeiten sinnieren, dann kann es dem Normalbürger dabei durchaus angst und bange werden. Gerade die Kommunikationstechnologie wurde zur verlockenden Falle. Das 21. Jahrhundert begann mit dem Verlust der Privatsphäre. Und beim Blick auf einige neue Entwicklungen kommt deutliches Unwohlsein auf. Vor allem, wenn diese Innovationen schon für die nächsten fünf Jahre prognostiziert werden. Von diesem Zeitrahmen geht auch der Futurologe John Smart aus. Sein Familienname scheint Programm. Smart, Jahrgang 1960, ist Gründer der nichtkommerziellen Forschungseinrichtung Acceleration Studies Foundation. Er zeigt sich davon überzeugt, dass jeder von uns bald über einen »persönlichen Agenten« 06_Digitale-Zwilling_shutterstock_127031756oder »digitalen Zwilling« verfügen werde, der ihm dann bei vielen Problemen mit Rat und Tat beiseitesteht. Die künstliche Intelligenz macht es möglich. Die Idee klingt zunächst gut. Zumindest auf den ersten Blick. Die vielen Namen, mit
denen Smart sein smartes Konzept belegt, laufen alle auf eine digitales Abbild des Individuums hinaus. Auf ein Computersystem oder bald auch einen Androiden mit allen wesentlichen personenbezogenen Daten, die wie ein Spiegelbild sämtliche Interessen und Werte eines Menschen reflektieren. Das System greift alle verfügbaren Quellen
auf, um ein möglichst gutes Abbild der jeweiligen Person zu schaffen. Dabei sollen auch die persönlichen »Online-Gewohnhei-ten« ausgewertet werden, genau, wie das bereits für gezielte Werbung geschieht.

Menschliche Funktionen imitierend

Diese digitalen Zwillinge sollen authentisch kommunizieren können und schließlich auch Gesichter besitzen, die menschliche Emotionen imitieren. Sie sollen lernfähig sein und sogar Entscheidungen für uns treffen. Dies auch, da wir die auf uns lastende, nicht mehr zu bewältigende Informationsflut auf sie übertragen könnten. Sie wären unser erweitertes Selbst. Wie Ron Kaplan, ein Forscher aus dem Silicon Valley, unlängst erklärte, sollen wir uns bald mit Maschinen sinnvoll unterhalten können. Software zur Erkennung und Verarbeitung natürlich gesprochener Sprache (Stichwort: Conversational Interfaces, CI) gibt es bereits. Und sie wird ständig weiterentwickelt. Aber welche Vorteile wird das mit sich bringen? Wir verfügen dann über einen »persönlichen Agenten«, eine Art digitalen Privatsekretär. Ein Beispiel: Man teilt seinem digitalen Helfer mit, krank zu sein. Der »Sekretär« greift auf seine Datenbanken zurück. Auch auf den Terminkalender seines »Chefs«, um einen geeigneten Arzttermin festlegen zu können. Er wird alle wichtigen Informationen übermitteln, Formalitäten müssen dann vor Ort nicht mehr erfüllt werden. Vieles scheint dadurch leichter zu werden. Der Forscher Smart sieht einen ganzen »Wertekosmos«, den ein solcher digitaler Zwilling mit sich bringt. Wenn er nur alle verfügbaren Informationen über eine Person speichert, wenn alle Aktivitäten, E-Mails, Interessen, Gewohnheiten, Abläufe verzeichnet werden, dann soll der lernfähige Zwilling im alltäglichen Leben als »Stellvertreter« eines Menschen erscheinen.
Seine immensen Kapazitäten lassen ihn auf einen gewaltigen Speicher zurückgreifen. Beim Einkauf greift die Maschine in Sekundenschnelle Produkte heraus, die alle vom eigentlichen Konsumenten gestellten Ansprüche so optimal wie möglich erfüllen. Bestimmte Inhaltsstoffe wie Konservierungsmittel oder Zusätze, die mit Unverträglichkeiten kollidieren, werden unmittelbar ausgeklammert. Der Forscher Smart spricht von tragbarer Technologie, die jeder mit sich führen kann. »Sie werden sich mit ihrem persönlichen Agenten unterhalten und dann sagen: >lch möchte davon mehr oder dies hier und das dazu …<«, so Smart. Die Technologie sei flexibel, die Einstellungen ließen sich jederzeit manuell abändern. So, wie einige Menschen heute ständig mit dem Mobiltelefon herumspielen, dürften sich also künftig etliche Zeitgenossen ins traute Zwiegespräch mit ihrem digitalen Ich vertiefen, das einem bald wie das zweite Gewissen vorkommt oder aber der Geist aus der Flasche. Und das dem Nutzer wohl mehr Zeit raubt als schenkt.

Unwillkürlich stellt sich die Frage: Sollen wir nun völlig für dumm verkauft werden? Bis zu einem gewissen Grad mag ein »digitaler Sekretär« ja noch sinnvoll erscheinen, aber als »digitales Selbst« scheint er vielmehr zur Gefahr für Privatsphäre und Selbstbestimmung zu werden. Wer wünscht sich einen Apparat, der alles über einen speichert? Wie wird in einer derart vernetzten Gesellschaft sichergestellt, dass Unbefugte keinen Zugriff besitzen? Und was, wenn das »Cyber-Ich« einmal zur Reparatur muss? Folgende Bemerkung von Smart lässt in anderer Hinsicht tief blicken: »Wenn Sie und ich sterben, dann werden Ihre Kinder nicht mehr die Grabsteine aufsuchen, sie werden unsere digitalen Zwillinge einschalten und mit ihnen sprechen.« Der Zombi-Zwilling als virtuelles Vermächtnis, eine synthetische Stimme netzdepeschenaus dem Reich der Toten. Wertvolle Erinnerungen lassen sich anders bewahren, der digitale Abklatsch bliebe wohl eher eine schmerzliche Illusion. Wie gläsern soll der Mensch noch werden? Die Idee zielt doch erneut auf maximale Verfügbarkeit von Informationen über Individuen ab. Die großen Unternehmen werden wohl die besten Freunde der persönlichen Agenten.

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kopp 41-14

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Runenkrieger11
14/10/2014 19:54

Hat dies auf Treue und Ehre rebloggt.

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