Eine Frage, die sich die Insterburgerin Ursula Zabil ein Leben lang stellte

Vor sechs Jahren bekam ich eine Biografie übersandt, die von der Autorin mit der Widmung versehen war: „Zum Lesen und zum Nachdenken.“ Sie fesselte mich sehr, denn in diesem „Von Insterburg nach Brünn“ betitelten kleinen Buch schildert Ursula Zabil ihre Erlebnisse als junge Frau in den Wirren der letzten Kriegstage und der Nachkriegszeit, die sie in einem tschechischen Lager in Brünn verbrachte, das an Härte den russischen Gefangenenlagern nicht nachstand. Ein kurzes Kapitel hat mich besonders berührt: Die in Insterburg geborene sowie 1944 auch dort wohnende und arbeitende Ostpreußin besuchte Nemmersdorf, kurz nach dem ersten Russeneinfall, völlig ohne Ahnung von den Gräueltaten, die dort geschehen waren.

Ich konnte diesen Zeitzeugenbericht damals nicht bringen, weil für die Ostpreußische Familie nur wenig Platz zur Verfügung stand. Aber jetzt haben wir ja unsere Familienseite, und der Zeitpunkt für eine Veröffentlichung ist gegeben, denn es sind nun 70 Jahre her, da dies geschah:

Ursula Zabil, damals 18-jährig und bereits mit einem Sudetendeutschen verheiratet, der im Oktober 1944 als an der Ostfront vermisst gemeldet wurde, war in Insterburg als Wehrmachtangestellte beim Standortkommando tätig. Dort erschien an einem nasskalten Herbsttag ein Hauptmann in ihrem Dienstzimmer, der aus Nemmersdorf stammte und in dem unweit von Insterburg gelegenen Kirchdorf ein Bekleidungsgeschäft besaß. Er sagte zu Ursula und ihrer fröstelnden Kollegin, sie könnten sich aus seinem Laden alles holen, was sie bräuchen und tragen könnten, ein älterer Angestellter sei noch da.

Von den Gräueltaten, die von den Russen in Nemmersdorf begangen wurden, wussten die Frauen zu dem Zeitpunkt noch nichts.

Ursula Zabil und ihre Kollegin beschlossen, den Fußmarsch in das 13 Kilometer entfernte Nemmersdorf zu wagen. Und so marschierten sie am nächsten Sonnabend bei Eisregen und Schneematsch los.

„Wir kamen nur sehr langsam voran, es war so, als wollte uns die Natur mit aller Gewalt zurückhalten. Ich kann es immer noch nicht begreifen, warum ich die Strapazen auf mich genommen habe, warum wir überhaupt nach Nemmersdorf gegangen sind. Ein ausschlaggebender Grund war wohl der, dass wir nichts Vernünftiges mehr zum Anziehen hatten. Dann erblickten wir das Straßenschild mit dem Namen Nemmersdorf. Wir gingen nun durch einen leeren Ort. Überall herrschte Totenstille. Weit und breit begegneten wir keinem Menschen. Nicht einmal das Bellen eines Hundes war zu hören. Keine Frau trat aus einem der Häuser, um einkaufen zu gehen, schließlich war es doch Sonnabend. Kein Kind kam an der Hand seines Vaters den kleinen Bürgersteig entlang. Plötzlich sagte meine Kollegin: ,Das ist ja, als ob die Pest hier gewütet hätte!‘ Da war es mit meiner Beherrschung vorbei, mir erschien alles so geisterhaft. Von irgendwo hörte man die Einschläge der Artillerie, die Front konnte nicht weit von Nemmersdorf entfernt sein. Ich dachte, um des Himmels Willen, was machst du eigentlich hier?

Wir versuchten, irgendeinen Menschen zu finden, öffneten die Tür zu einem Haus, riefen ,Hallo‘ – aber nichts rührte sich. Hier musste etwas Unerwartetes geschehen sein. Etwas Unheimliches nahm meinem Kopf die Gedanken und die Fähigkeit, meine Sinne auf irgendeinen Punkt zu konzentrieren. Dann sah ich meine Kollegin auf der anderen Straßenseite stehen, sie hatte das Geschäft gefunden. Wir gingen in den Laden und oh Wunder: ein kleiner grauhaariger Mann kam uns entgegen und sagte: ,Bitte sehen Sie sich um, Sie dürfen alles mitnehmen!‘ Er versuchte mir zuzulächeln, aber es gelang ihm nicht. Der Mann sah aus, als hätte er nächtelang nicht geschlafen. Ich brauchte ein paar feste Schuhe, denn die ich anhatte, waren total nass. Da ich Größe 34 habe, gab der Mann mir ein Paar Kinderstiefel mit den Worten: ,Die werden Sie noch ganz lange und noch sehr weit tragen!‘ Er hat Recht gehabt, immer, wenn ich später die Schnürsenkel durch die Oesen zog, habe ich an ihn gedacht. Ich habe nicht gewagt, den alten Herrn zu fragen, was in Nemmersdorf geschehen war!“

Diese Antwort gaben ihr nach dem schnellen Verlassen des Geisterortes deutsche Soldaten, als sie die Frauen auf der Straße stehen sahen. Sie kamen mit einem Lastwagen, der mit alten Maschinenteilen beladen war. Ursula und ihre Kollegin hatten sich in einem alten Wartehäuschen versteckt, als sie das Motorengeräusch hörten – es hätten ja die Russen sein können. Ursula Zabil schreibt:

„Die Soldaten fragten entsetzt: ,Um Himmelswillen, wo kommt ihr denn her? Steigt ganz schnell ein!‘ Wir quetschten uns zwischen die Soldaten, ein Älterer, der mich hineingezogen hatte, schirmte mich so ab, dass ich nicht bei der Fahrt durch holprigen Schnee, Eis und Tauwasser gegen die Tür geschleudert wurde.

Dann sagte er plötzlich: ,Mädchen, wenn Du meine Tochter wärst und hättest so etwas gemacht, ich hätte Dir den Hintern versohlt, dass Du drei Tage nicht hättest sitzen können.

Die Russen waren doch nach Nemmersdorf durchgebrochen Sie waren dann mordend durch das Dorf gezogen. 

Die ganze Bevölkerung wurde auf grausamste Weise umgebracht.

Der Russe steht immer noch vor Nemmersdorf. Wir wissen nicht, ob wir ihn ein zweites Mal aufhalten können. Und ihr geht dann so einfach nach Nemmersdorf einkaufen!‘“

Über diesen Leichtsinn hat Ursula Zabil noch lange nachgedacht. Natürlich spielten die Unkenntnis über die ständig wechselnde Lage, fehlende oder falsche Informationen, aber auch die Unbekümmertheit der Jugend eine Rolle. Jedenfalls hat sie Nemmersdorf nie vergessen und ihre Erinnerungen spät, aber noch rechtzeitig zu Papier gebracht. Ich versuchte, sie unter der mir im Juni 2008 mitgeteilten Telefonnummer in Walsrode zu erreichen, leider vergeblich. Sollte sie diesen Ausschnitt aus ihrer Biographie „Von Insterburg nach Brünn“ (ISBN 978-3-00-024198-7) lesen, wird sie wohl überrascht sein. Vielleicht meldet sich auch ihre Tochter Heide, der sie das Büchlein gewidmet hat.


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