Gerhard Wisnewski

Preisfrage: Woran erkennt man eigentlich eine vertrauenswürdige Website?

Na, ganz einfach: daran, dass sie von der Regierung, irgendeinem Ministerium oder einer »überregionalen Tageszeitung« stammt.

Sie lachen? Sollten Sie aber nicht.

Denn genau das wird heutzutage den Schülern an unseren Schulen eingebläut.

So steht es jedenfalls in einem Handzettel über das richtige Internetsurfen, der kürzlich an einem Münchner Gymnasium verteilt wurde…

 

Mitten in der grassierenden Glaubwürdigkeitskrise von Medien und Politik versuchen unsere Indoktrinationsanstalten gegenzusteuern. So wurde in München ein richtungweisender Zettel an die Schüler eines Gymnasiums verteilt. Titel: »Das Internet nutzen«.

Das Flugblatt wirft ein Schlaglicht auf den Blödsinn, mit dem unser Nachwuchs Tag für Tag behelligt wird. »Vermutlich führt Ihr erster Weg für die Informationssuche ins Internet«, kann man da lesen. »Für die Seminararbeit ist das Internet aber in mancherlei Hinsicht mit Vorsicht zu genießen.« So weit, so gut. Natürlich sind sämtliche Informationen im World Wide Web mit Vorsicht zu genießen.

Fragwürdig sind nur die Ratschläge, die der Handzettel schon im nächsten Satz gibt: »Während Bücher und Zeitschriften meist aus seriösen Verlagen kommen, die über vielfältige fachliche Kontrollsysteme verfügen, sind die Informationen, die ins Internet eingestellt werden, oft ungeprüft und nicht verlässlich.« Schon dieser Satz ist reinster Nonsens, denn das Internet selbst, also der Übertragungsweg der Informationen, ist kein Qualitätskriterium für die Inhalte.

Das wäre so, als würde man behaupten, alle Telefongespräche seien von Haus aus unglaubwürdig. Zweitens unterhalten die erwähnten »seriösen Verlage« natürlich selbst Internetauftritte.

Gehirn abschalten

In einem weiteren Abschnitt bietet der Handzettel »Prüfkriterien für Internetseiten« an: »Da jedermann eine Internetseite veröffentlichen darf, sind deren Inhalte – anders als bei Werken aus wissenschaftlichen Verlagen, die eine umfangreiche Qualitätssicherung durchlaufen haben – grundsätzlich zunächst nicht vertrauenswürdig. Die Inhalte müssen deshalb sorgfältig geprüft werden.«

D’accord – nur warum soll das für Websites aus irgendwelchen Verlagen nicht gelten? Wie viel Nonsens ist nicht schon in »wissenschaftlichen Verlagen« erschienen? Wie viel Forschung wird nur aus Opportunitätsgründen betrieben? Zum Beispiel die aus politischen Gründen geförderte Gender-Forschung? Und wie viele Wissenschaftler haben eigentlich ihre Doktortitel erschwindelt? Soll man, wenn eine Information aus einem »wissenschaftlichen Verlag« stammt, etwa das Gehirn abschalten? Und was genau ist eigentlich ein »wissenschaftlicher Verlag«? Gibt es dafür irgendwelche Kriterien oder gar ein Gütesiegel? Natürlich nicht.

Bodenlos bedenkenlos

Das Flugblatt wartet auch mit einem Ranking auf, welche Internetseiten »ohne weitere Bedenken«, »nur unter Vorbehalt« oder »überhaupt nicht zu benutzen« seien. »Ohne weitere Bedenken« soll der Schüler die Websites »offizieller und anerkannter Einrichtungen« verwenden können, zum Beispiel Internetseiten »von Ministerien, Forschungseinrichtungen, Universitäten« – also letztlich von der Regierung.

Denn auch die meisten Forschungseinrichtungen und Universitäten werden schließlich vom Staat bezahlt und kontrolliert, wobei auch hier gilt: 50 Prozent der Wissenschaft sind politisch gelenkt und/oder Nonsens, man weiß nur nicht genau, welche 50 Prozent. Das ist aber noch nicht alles.

»Ohne weitere Bedenken« soll man auch den Internetseiten von »überregionalen Tageszeitungen« glauben können. Von jenen Tageszeitungen also, die immer mehr in die Kritik geraten, weil sie schamlos Propaganda betreiben und ihr Publikum in die Irre führen und belügen. Wobei sich auch hier die Frage stellt, inwieweit die Verbreitung einer Information eigentlich über deren Wahrheitsgehalt entscheidet: Warum sind die Informationen einer »überregionalen Tageszeitung« glaubwürdiger als die einer regionalen?

Nonsens auf dem Schulhof

Wieder andere Informationen werden in Grund und Boden verdammt, wie zum Beispiel Einträge in Foren, die »überhaupt nicht zu benutzen« seien. »Diese Informationen haben so wenig Wert wie Gespräche auf einem Schulhof.« Interessant: Schon wieder entscheidet der Verbreitungsweg über die Qualität von Informationen.

Überdies ein bezeichnendes Bild, das der Verfasser von Schülern hat: Gespräche auf einem Schulhof sind also von Haus aus wertlos. Aber kann es nicht sein, dass man sich dort auch wertvolle Tipps gibt, Matheaufgaben erklärt oder sich einfach nur angeregt unterhält? Dass sich natürlich auch Lehrer oder andere Personen auf einem Schulhof unterhalten können, wirft ein Schlaglicht auf den bescheidenen Ansatz dieses Handzettels: Der Verbreitungsweg kann nun mal nichts über die Qualität der Inhalte aussagen.

Wie viele Ideen haben Genies beispielsweise nicht schon auf dem Klo gehabt oder sich in der Sauna weitererzählt? Und auch Forenbeiträge können interessante Gedanken enthalten, Stimmungsbilder vermitteln und auf wichtige Informationen hinweisen.

Viele Forennutzer versehen ihre Beiträge auch mit Quellenlinks. Gerade Foren sind oft eine wichtige Fundstelle für unabhängige und ungeschminkte Meinungen, die sich anschließend manchmal mit harten Quellen untermauern lassen.

Schule »nur unter Vorbehalt zu benutzen«

Sinnvoll ist eigentlich nur die dritte Kategorie, in die das Flugblatt Internetinformationen einteilt – allerdings nur, wenn man die Kategorie richtig versteht: »Nur unter Vorbehalt zu benutzen«. Dies gelte zum Beispiel für Seiten von »Privatleuten« und Wikipedia-Beiträge. Wobei sich die Frage stellt, inwieweit sich die Eigenschaft »privat« auf die Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit eines Textes auswirkt.

Anders als man den Schülern in dem Flugblatt einzubläuen versucht, ist in Wirklichkeit aber jede Information »nur unter Vorbehalt zu benutzen«, egal woher sie kommt und wie sie übermittelt wird. In Wirklichkeit rechtfertigt es keine mediale Quelle, das Gehirn abzuschalten. Wie gesagt wirft dieser armselige Text nur ein Schlaglicht darauf, wie tief unsere Schulen bereits gesunken sind.

Tatsache ist: Neben der Medienkritik brauchen wir dringend auch eine Bildungs- und Schulkritik, denn hier wird unser Nachwuchs auf eine Weise verdummt und indoktriniert, die ihresgleichen sucht. Unter »überhaupt nicht zu benutzen« fallen wohl auch immer mehr Unterrichtsinhalte an unseren Schulen.

Das Flugblatt war dafür nur ein Beispiel von vielen. Obwohl auch hier gilt: Der Verbreitungsweg allein sagt noch nichts über die Qualität aus. Auch an Schulen können manchmal noch richtige Informationen vermittelt werden…

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http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/deutschland/gerhard-wisnewski/schueler-lernen-surfen-die-regierung-hat-immer-recht-.html

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