Wissenschaftliche Studien gelten weithin als unfehlbar. Denn die ausgereiften Methoden der heutigen Forschung lassen angeblich nur noch wenig Spielraum für Spekulation und Betrug. Doch weit gefehlt!

Kommerz, Ehrgeiz, Arbeitsdruck und Publikationsflut treiben heute unter Wissenschaftlern mehr als nur bedenkliche Blüten. Die Folgen können durchaus katastrophal sein. Vor allem auf dem von Fälschungen stark betroffenen Sektor der Biomedizin steht auch unsere Gesundheit auf dem Spiel. Schon der griechische Naturphilosoph Claudius Ptolemäus soll im 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung tüchtig »geschummelt« haben, mit gefälschten Messungen und Ideenklau. Selbst der große Kopernikus ging nicht ganz sauber mit seinen Vorgängern um. So strich er im Manuskript seines Hauptwerks den Passus über Aristarch von Samos, der das heliozentrische Weltbild bereits beinahe tausend Jahre vor ihm verfochten hatte. Und ob Galilei seine Fallexperimente wirklich auch in der Praxis durchführte, bleibt weiterhin der Gegenstand eines Gelehrtenstreits.

Immer öfter vorsätzliche Manipulation

Die Liste der größeren Betrugsfälle aus Forschung und Technik ist lang. Neben vermeintlichen »Kavaliersdelikten« finden sich darunter bis in jüngste Zeit kaum zu glaubende Skandale. Im Jahr 2005 sollte eine Umfrage des namhaften Fachmagazins Nature Anhaltspunkte dafür liefern, wie aufrichtig Wissenschaftler wirklich sind. Damals wurden 3247 US-Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen anonym befragt. Dabei kam heraus: Jeder Dritte von ihnen hatte eine Straftat verübt – durch Fälschen, Verschweigen oder Erfinden von wissenschaftlichen Daten. Wesentlich davon betroffen ist vor allem der Gesundheitssektor. Dabei gibt es ganz offenkundig auch einen Zusammenhang zur Industrienähe von Forschern. Ein Beispiel: Mitte der i99oer-Jahre führten Forscher eine große Vergleichsstudie zu den Überlebenschancen bei Brustkrebs durch. Und dabei wurde eine
4,7-prozentige Steigerung der Überlebens-zeit nach dem Einsatz von Chemotherapie konstatiert. Wie sich herausstellte, war dieses ohnehin nicht repräsentative Ergebnis auch noch vorsätzlich manipuliert worden. Traurige Berühmtheit erlangte auch die südafrikanische Bezwoda-Studie zur Hochdosis-Chemotherapie bei Brustkrebs. Auch dort wurden Erfolge suggeriert, die in der Realität überhaupt nicht Vorlagen. In beiden Fällen mussten die Verantwortlichen von ihren Posten zurücktreten.

Datensätze einfach frei erfunden

Ein besonders krasser Betrugsfall wurde Anfang 2006 bekannt. Damals gestand der norwegische Zahnarzt und Krebsforscher Professor Jon Sudb0, 900 Datensätze von Mundkrebspatienten frei erfunden zu haben. Daraus wurde dann eine »Studie«, publiziert im renommierten Magazin The Lancet. Das Ergebnis lautete: Die Einnahme des Schmerzmittels Paracetamol könne das entsprechende Krebsrisiko auf rund die Hälfte absenken. Das nationale US-amerikanische Krebsinstitut NCI hatte die »Forschungen« des Professors mit beinahe neun Millionen Euro unterstützt. Sudb0 musste nach dem Bekanntwerden des Skandals alle akademischen Ämter abgeben, genau wie der US-Strahlenonkologe, der ebenfalls 2006 schuldig gesprochen wurde, im Jahr 1997
gefälschte Daten zum Brustkrebsgen BRCAi veröffentlicht zu haben. Ein folgenreicher Wissenschaftsskandal ereignete sich gerade erst in Japan. Anfang 2014 verkündete die junge Stammzellen-Biologin Haruko Obokata, sie sei in der Lage, auf revolutionär einfachem Weg Zellen zu produzieren, die in jeder Art von Körpergewebe wachsen können. Die 1983 geborene Wissenschaftlerin hatte ihren Abschluss an der Waseda-Universität gemacht, um dann ab 2011 am biologischen RI KEN-Forschungszentrum tätig zu werden. Hier arbeitete Obokata an »STAP-Zellen«, so nannte ihre Gruppe das Prinzip – »Stimulus-Triggered Acquisition of Pluripotency«, eine durch äußeren Stimulus angeregte Fähigkeit, pluripotente Stammzellen auszubilden, die sich zu jedem Zelltyp entwickeln können. Gerade der einfache Ansatz klang verlockend. Obokata will die Zellen in einem simplen Verfahren aus Milzzellen von Mäusen hergestellt haben. Das RIKEN-Institut fand in der Forschungsarbeit der jungen Biologin dann allerdings einige Merkwürdigkeiten. RIKEN begann eine Untersuchung der Angelegenheit. Wie sich bald auch herausstellte, glichen die in Nature publizierten Bilder deutlich jenen, die im Jahr 2011 in Obokatas Doktorarbeit Verwendung fanden.

Der wesentliche Aspekt dabei war: Damals wurde ein völlig anderes Verfahren zur Gewebezüchtung verwendet. Die Forscherin hatte die Bilddaten manipuliert und Daten aus zwei verschiedenen Experimenten verwendet. Die Prüfer bei RIKEN sprachen von einer nicht tolerablen Situation, die auch nicht mit einem Erfahrungsmangel Haruko Obokatas gerechtfertigt werden könnten. Spärliche Laboraufzeichnungen ließen unter anderem auf mangelnde Forschungsethik und Integrität schließen. Anfang Sommer 2014 wurden die Nature-Veröffentlichungen zurückgezogen. Weitere Wissenschaftler aus dem Umfeld gerieten in den Strudel dieser Affäre. Obokatas Mentor, Professor Yoshiki Sasai, fand man am 5. August 2014 erhängt im RIKEN-Institut auf, offenbar hatte er Selbstmord verübt. Sasai war Co-Autor der fraglichen Studie. Zwar wurde er von Fehlverhalten freigesprochen, doch für die unangemessene Überwachung der Arbeit Obokatas kritisiert. Gerade im medizinischen Bereich locken hohe Geldbeträge (Forschungsgelder) von Pharma-riesen. Und da werden Studien gern auch mal nachhaltig geschönt. Florence Bourgeois von der Harvard Medical School hat viele Medikamentenstudien untersucht. Sie machte eine interessante Beobachtung: Die von Unternehmen getragenen Studien brachten mit etwa 89 Prozent positive Ergebnisse zugunsten der Medikamente. Aber dort, wo nur öffentliche Mittel flössen, lag die entsprechende Quote bei nur rund 30 Prozent. Dieses Ergebnis muss man nicht mehr kommentieren. Es ist verwerflich, wenn Studien mit Negativergebnissen ausgesondert werden, weil sie der Industrie nicht gefallen. Das gilt derzeit etwa für das Grippemedikament Tamiflu. Zumindest die Cochrane Collaboration und das British Medical Journal bezweifeln Sinn und Zweck der Massenanschaffung von Tamiflu sowie auch des Präparats Relenza. Dafür haben Regierungen weltweit Milliardenbeträge ausgegeben. Doch die Wirksamkeit wird klar in Frage gestellt, während gleichzeitig das Risiko von Nebenwirkungen betont wird.

Betrügerische Machenschaften

Die gemeinnützige Cochrane Collaboration, die sich für die umfassende Bereitstellung medizinischer Information einsetzt, stellt interessanterweise auch fest, dass der therapeutische Nutzen mit zunehmender Verfügbarkeit der betreffenden Herstellerdaten in den Hintergrund geriet, während die mit einer Einnahme verbundenen Risiken deutlicher wurden. Die Kosten für manipulierte medizinische Studien werden weltweit jährlich auf insgesamt mittlerweile 200 Milliarden Euro geschätzt. Studienmanipulation im Sinne der Gewinnmaximierung bedeutet einen verantwortungslosen Umgang mit der Gesundheit der betroffenen Patienten. Natürlich machen sich etliche Fachleute schon länger Gedanken darüber, wie man betrügerische Machenschaften in der Forschung sowie vor allem in der stark betroffenen Biomedizin künftig effektiv unterbinden könnte. Einige verlangen eine Revision des Medizinstudiums, mit verlagerten Schwerpunkten in Richtung Forschung. Oft fehle es gerade medizinischen Studien an wissenschaftlicher Methodik. Doch wo Vorsatz im Spiel ist, da greift der Vorschlag sicher nicht. Weil es im Forschungsbetrieb nicht immer leicht ist, echten Betrug nachzuweisen und Irrtümer auszuschließen, raten einige Fachleute von der »Kriminalisierung« ihrer Kollegen ab. Geld- und Gefängnisstrafen seien nicht angebracht.
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kopp exklusiv 52-14

 

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