Die Parallelwelt der Mhallamiye-Clans

Mhallamiye-Clans„Von etwa 25 arabischen Großfamilien in Berlin, die jeweils 50 bis 500 Mitglieder zählen, gelten sechs als besonders kriminell“, schreibt die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Es geht um kurdisch-libanesische Clans, die die Ermittler in Atem halten.

Rückblick auf Vorfälle, die symptomatisch sind, für die Schattenwelt dieser ethnischen Gruppe: Am 18. Oktober 2008 wird in Berlin ein 77-jähriger Tourist von einem 6-er-BMW, der mit hohem Tempo bei roter Ampel über die Straße rast, erfasst und tödlich verletzt. Der Fahrer flüchtet. Auf die Spur des Todesfahrers kommt die Polizei relativ schnell, denn es gibt in Berlin nicht sehr viele Exemplare des 120.000-Euro-Flitzers. Eigentümer ist ein 41-jähriger Deutscher, der jedoch das Fahrzeug nicht nutzt – ein Strohmann. Der eigentliche Besitzer der Luxuskarosse ist ein Libanese, der aber glaubhaft machen kann, zum Zeitpunkt des Unfalls nicht am Steuer gesessen zu haben. Da er den Nobelschlitten einem Verwandten geliehen hatte, berief er sich – rechtlich einwandfrei – auf sein Zeugnisverweigerungsrecht. Bevor die Polizei alle Spuren zusammengetragen hatte, um den Todesfahrer zu überführen, kam es zu einem weiteren Unfall. Kurz vor Weihnachten desselben Jahres wurden zwei junge Männer bei einem Einbruch erwischt. Sie flüchteten mit dem Auto. Schon nach wenigen hundert Metern kracht das Fahrzeug gegen einen Baum. Beide Insassen sterben. Zwei Brüder, deren kriminelles Vorleben ganze Aktenberge füllt. Eine DNA-Analyse bringt es ans Tageslicht: Der 19-jährige Fahrer, der hier den Wagen lenkte, hatte den Rentner todgefahren.

Spektakulärer Juwelen-Raub

Nur einen Monat später beschäftigt ein spektakulärer Juwelen-Raub aus der Schmuckabteilung des Noblekaufhauses KaDeWe die Berliner Ermittler. Ins Visier der Kripo geraten aufgrund von DNASpuren schon bald Hassan und Abbas O. Doch die beiden können nicht überführt werden – weil sie eineiige Zwillinge sind. Sie haben eine identische DNA, aber nur einer der beiden konnte Täter sein. Hasan und Abbas sind Cousins des Todesfahrers Ibrahim O.

In den beispielhaft genannten Fällen fokussierte sich einiges, was die Straftaten aus dem Milieu der sogenannten Mhal-lamiye-Familien in Verbindung gebracht wird. In Berlin leben rund 4000 Mitglieder dieser Ethnie.

Zweifelhafter Verdienst

Dem „Gangsta-Rapper“ Bushido gebührt der zweifelhafte Verdienst, den Clans in jüngster Zeit ausführliche Medienpräsenz verschafft zu haben. Er selbst hat sein gesamtes Vermächtnis mittels Generalvollmacht an seinen Freund Arafat Abou Chaker abgetreten haben. Der Abou-Cha-ker-Clan, als dessen Boss Arafat gilt, ist einer neben rund einem halben Dutzend weiterer Großfamilien, die im Bereich der organisierten Kriminalität fragwürdige Berühmtheit erlangt haben. Die Abou Cha-kers seien „in der Lage, aus dem Stand ein paar Hundert Männer zu mobilisieren, die dann irgendwo auftauchen. Vor Schulen, Restaurants, Clubs, wo auch immer. In Neukölln dominieren sie ganze Straßenzüge, darüber hinaus viele Läden, Imbisse, Geschäfte“, bestätigt Arye Sha-ruz Shalicar, Sprecher der israelischen Armee, der den Clan aus Berliner Zeiten kennt. Ein Großteil dieses Clans habe sich in der Neuköllner Kopf- und Morusstraße niedergelassen, weiß der „Berliner Kurier“ zu berichten: „1020 Meter Berlin sind fest in der Hand der Mafia. Sperrgebiet. Die Mehrfamilienhäuser trist und grau, eine hohe Anzahl von Menschen mit Hartz-IV-Einkommen leben hier. Auf der Straße aber parken extradicke Mercedes, aufgemotzte BMW, riesige Ami-Schlitten. Jeder für sich eine hohe fünfstellige Summe wert.“

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Mit welchen Mitteln man zu dem Geld kommt, mit dem sich ein so aufwendiger Lebensstil finanzieren lässt, listete im April dieses Jahres die Magazinsendung „Spiegel-TV“ unter ausdrücklicher Nennung des Namens Abou Chaker auf: „Prostitution, Raubüberfälle, Erpressung, Körperverletzung, Geldwäsche, Drogenhandel.“

Das Kürzel „ABC“

Wie der Zeitung „Die Welt“ vor Kurzem zu entnehmen war, benutzten Insider des Landeskriminalamtes in Berlin das Kürzel „ABC“ für „Angehörige der Familie, die Berlins Unterwelt beherrscht.“ Es stehe „aber auch für den anscheinend aussichtslosen Versuch, die familiäre Bandenkriminalität in der Hauptstadt in den Griff zu bekommen.

Verhaftungen, Prozesse und Gefängnisstrafen scheinen knapp 30 Mitglieder des Clans der Abou Chakers nicht nachhaltig zu beeindrucken.“

Aber die Abou Chakers sind nicht die Einzigen, die in der Stadt ihre Claims abgesteckt haben. Dabei kam und kommt es immer wieder zu Konflikten. Besonders dramatisch, als sich im Jahr 2003 Mahmoud Al-Zein, der sich gern als „Präsident“ titulieren ließ, mit einem Mitgliedern eines anderen Clans aneinander geraten war und daraufhin die Polizei zu Hilfe rief. Nach einem Geplänkel vor einer Diskothek war dem Präsidenten Schlimmes angedroht worden, nun sollte die Polizei die Sache richten. Am 23 April 2003 stürmte ein Spezial Einsatzkommando (SEK) die Wohnung des Kontrahenten. Dieser eröffnete sofort das Feuer. Der 37-jährige Polizeikommissar Roland Krüger wurde tödlich getroffen. Der Täter, Yassin A., wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.

Dilemma der Behörden

An der Person des längst „amtsenthobenen“ Präsidenten wird zu einem guten Teil das Dilemma der staatlichen Behörden sichtbar. Das Magazin „Focus“ enthüllte schon vor einiger Zeit: „Mohaiddine Al-Zein, genannt Mahmoud oder ,Präsident‘, laut Polizei eine ,der einflussreichsten Personen der kriminellen Szene‘, heißt tatsächlich Mahmut U. Und er ist nicht der staatenlose Libanese, als der er 1982 mit seiner Frau nach Deutschland kam, Asyl beantragte und nicht abgeschoben werden konnte. Mahmut U., so fand die Ermittlungsgruppe ,Ident‘ des Landeskriminalamts Berlin schon 2002 heraus, stammt aus der Türkei. Aber auch dorthin konnte der ,mehrfach vorbestrafte Schwerkriminelle‘ nicht abgeschoben werden, weil sein Heimatland ihn, wie Tausende andere unliebsame Landsleute, wegen vorgeblicher Wehrdienstverweigerung ausbürgerte.“

Die Mhallamiye-Kurden waren vor Jahrzehnten aus dem Südosten der Türkei geflohen und hatten sich zunächst im Libanon niedergelassen. Als dort der Bürgerkrieg ausbrach, flohen sie zu Tausenden vornehmlich nach Westeuropa. Um einer eventuellen Abschiebung zu entgehen, entledigten sie sich, bevor sie den Asylantrag stellten, ihrer Personaldokumente. Ein Taschenspielertrick, der bis heute Wirkung zeigt.

Parallelwelt

Das Binnenleben der Clans wird gerne mit dem Begriff Parallelwelt umschrieben. Dazu gehört auch, dass sie nach ihren eigenen Regeln leben. Streitigkeiten tragen sie mit Gewalt aus oder sie überlassen es einem Friedensrichter aus ihren eigenen Reihen, auf Grundlage der Scharia „Recht“ zu sprechen. Keine ungefährliche Aufgabe, wie der gewaltsame Tod von Friedensrichter Bassam Alian deutlich macht. Der 36-jäh-tige Libanese wurde am 20. Oktober 2004 mit drei Schüssen in den Oberkörper und in den Kopf regelrecht exekutiert.

Auch deutsche Richter leben gefährlich. Ulrich Pohl, der Anfang dieses Jahres im Landgericht Hildesheim das Mitglied eines kurdisch-libanesischen Clans wegen des Mordes an einem Nebenbuhler lebenslänglich hinter Gitter schickte, musste anschließend unter Polizeischutz gestellt werden.

Tod der Berliner Jugendrichterin

Wie schwer es ist, sich mit dem Milieu auseinanderzusetzen, zeigte der tragische Tod der Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig. Sie war auf der Straße Neukölln unterwegs, um sich direkt vor Ort mit den kriminellen Clan-Novizen auseinander zusetzen. Am 3. Juli 2010 wurde sie erhängt in einem Berliner Forst gefunden. Hastig diagnostizierte man von offizieller Seite einen Suizid, „dessen Umstände so fragwürdig sind, dass sich der Verdacht eines vertuschten Mordes nicht aus der Öffentlichkeit entfernen lässt“ (Neue Zürcher Zeitung).

Und die Moral von der Geschichte: „Wir brauchen eine spezielle Ermittlungsgruppe, in der qualifizierte Fahnder schon früh kriminelle Strukturen erkennen und enttarnen können“, forderte im April dieses Jahres der Chef des Berliner Landesverbandes des Bundes deutscher Kriminalbeamter (BdK), Michael Böhl In einer solchen Einheit müssten die verschiedenen Bereiche des Landeskriminalamts gebündelt werden.

kripo.at
• Peter Niggl / Berlin

 

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