Frei gedacht

Eva Herman
von Eva Herman

Ein Kind wird geboren. Unschuldig liegt es in den weißen Kissen, zart, zerbrechlich, beschützenswert. Wie in Erinnerung an eine andere Welt strahlen seine Augen, weltenfern oft der Blick. Renommierte Hirnforscher haben festgestellt, dass ein großer Prozentsatz der Neugeborenen mit hohen, individuellen Fähigkeiten ausgestattet ist, die es für uns dringend zu erkennen und zu fördern gilt. Über 90 Prozent der Babys sollen hochbegabt sein; nach dem Durchlaufen von Schule und Erziehung sind es dann noch knapp drei Prozent. Was geschieht in den ersten, alles bestimmenden Jahren eines Menschen? Wie wäre er wohl ohne unsere „moderne“ Sozialisierung?

Ein Blick in das Leben der Familie XY: Schon beim Frühstück läuft der Fernseher. Man muss schließlich informiert sein, die zahlreichen Morgenmagazine arbeiten auf unterhaltsame Weise die aktuellen Themen von Politik und Gesellschaft auf, heißt es. Dazwischen läuft Werbung. Der Säugling ist jetzt einige Monate alt. Er brabbelt in seinem Stubenwagen vor sich hin, während die Familie sich eilig fertigmacht. Wenn die Musik der Spots lauter wird, hebt das Kind das Köpfchen: Werbung für Säfte, Kaffee, für Autos und kosmetische Artikel der Schönheitsindustrie. Das wachsende Gehirn erhält erste Hinweise darauf, wie die Welt sich den modernen Menschen vorstellt, was sie von einem jeden erwartet. Noch ist der innere Blick des Kindes in fremde Welten gerichtet, in unbekannte Sphären, die das zarte Wesen einst geprägt, noch sind Schleier der Erinnerung an Licht und unerklärliche Bewegungen des Raums wahrnehmbar auf seinem Antlitz, in jenem Bruchteil eines Augenblicks der Betrachtung. Und schon ist er auch wieder fort, dieser wertvolle Moment des Eins-Seins mit der Kraft des unendlichen Universums – spätestens beim nächsten Werbejingle, der laut in den Raum kracht.

Nicht ganz ein Jahr alt ist das Kind nun, als es in die ganztägige Fremdbetreuung gegeben wird. Als die Erzieherin der erschrockenen Mutter erklärt, dass der allmorgendliche Schreikrampf des Kindes völlig normal sei, dass das Kind auch sofort aufhören werde, sobald sie das Gebäude jetzt verlasse, versucht sie sich zu beruhigen: Schließlich halten alle anderen Mütter und Kinder diese tägliche Trennung ja auch irgendwie ganz gut aus. Oder? Nach wenigen Wochen bleibt das Kleine dann auch stumm bei der täglichen Übergabe in die Betreuungsanstalt. Die Erwachsenen haben keine Zeit, lange über das Innere nachzudenken, weder über die Seelenentwicklung des Kindes, noch über die eigene mahnende, innere Stimme, die doch ganz andere Dinge formulieren möchte als das, was die Welt da draußen wie selbstverständlich vorgibt. Zu erschöpft ist man, zu müde, um neben den täglichen Aufgaben über Derartiges zu sinnieren, was zum Beispiel Seele und Geist heißt, was spirituelle Kraft bedeutet, und was der Schöpfer sich eigentlich in Wirklichkeit für uns Menschen vorgestellt hatte. Hin und wieder, wenn sich die Morgensonne über den Häusern bricht in rosig-goldenem Tone, wenn das Zwitschern der heimischen Vögel wie eine Melodie aus Balsam und Wohltat die Seele streichelt, den Geist erinnert an die Schönheit der Natur, des Lebens und des ewigen Seins, dann möchten sie hervorbrechen, die unterdrückten Tränen des Schmerzes und der endlosen Sehnsucht nach dem wahren Zweck unserer Bestimmung.

Das Kind wächst. Es ist in der Schule. Hier wird das moderne Leben gelehrt, abseits von wahrer Kultur und wirklicher Erziehung. Es sind jene „Werte“, die unsere Gesellschaft heute ausmachen. Nahezu den ganzen Tag verbringt das Kind auch hier nun wieder, es lernt jetzt, dass man die Jeans von letztem Jahr nicht mehr tragen soll, auch die Blusen und T-Shirts werden schnell unmodern. Immer neue Ideen präsentieren Modeschöpfer und Kreative, das Rad dieser „Entwicklung“ steht nie mehr still. Auch Crèmes und pharmazeutische Mittel sollen eingesetzt werden, um gewissen Idealen von Schönheit und Perfektion folgen zu können. Wie eine große Schraube zieht es jeden mit hinein, ob er will oder nicht. Wer den Blick kurz öffnet, um die Wahrheit des Treibens zu erkennen, der sieht flächendeckend uniformierte Menschen, sie sehen ähnlich aus, sie tragen die gleiche Kleidung, sprechen ähnliche Dinge aus, bewegen, verhalten sich gleichförmig. Wer anders ist, wer ausscheren will, gehört nicht dazu. Er ist ein Sonderling, wird als solcher ausgemustert.

Das Kind schwimmt mit, längst ist es Bestandteil dieser Gesellschaft, tut alles, um nur dazuzugehören. In der Schule lernt es, wie man heute zu denken hat. Es erfährt, dass die Politiker sich angeblich für das Volk einsetzen. Es schreibt Klassenarbeiten über die Hergänge von Geschichte und Kriegen. Symptome sind es, die allgemein als Bildung bezeichnet werden. Wer allerdings nach den Ursachen fragt, erhält kaum Antworten. Es wird immer klarer, dass man „falsche Fragen“ nicht stellen sollte. Es geht nicht mehr um Wissen, sondern um Erlerntes. Das System funktioniert, die Abrichtung läuft. Kaum einer spürt die Beklemmung, oder doch, da ist schon etwas, was hin und wieder mal drückt auf das Sonnengeflecht, und was den Geist in einer Art Nebel festhalten will. Doch wer spürt diesen Hinweisen noch nach? Wo kommt man denn da hin, wenn man der inneren Stimme wirklich einmal Gehör schenken wollte? Grübeleien, Zweifel, Ängste kämen auf, das spürt man schnell, unbekannte Gefilde sind es, die keiner freiwillig betreten will, da es viel zu unbequem ist. Und da die anderen es ja schließlich auch nicht tun. Es geht alles viel leichter, indem man einfach mitschwimmt in dem großen Strom.

Wenn das Kind erwachsen ist, hat es alles gelernt, was es zum Überleben in dieser Gesellschaft braucht: Es weiß sich anzupassen in jeder Situation, spürt genau, was von ihm erwartet wird. Von früh an war sein Leben kollektiv geprägt, die Masse war sein Lehrer. Nur wenige lernten, zu hinterfragen, wer denn die Masse eigentlich steuert. Nur einige wagten es, Fragen zu stellen, die über das Vorgegebene hinausgingen. Es ist ihnen nicht gut bekommen, denn die Masse möchte gar nicht über anderes nachdenken, als das, was zum täglichen Überleben gehört. Der Fernseher läuft von der Wiege bis zur Bahre, die Hinweise auf unser Leben sind immer die gleichen.

Macht es Sinn, eigene Fragen zu stellen, fernab von dem großen Strom der Gleichförmigkeit? Fernab von dem pulsierenden, bunten, lauten Leben, das doch in Wahrheit so spärlich und dünn verläuft? Wo bleiben wir ohne die innere Sehnsucht nach dem wahren Leben, warum stellen wir sie nicht mehr, die Fragen nach dem urewigen Zwecke unseres Daseins? Ist es schon zu spät? Und wohin treibt uns der mächtige Strom der globalen Welt?

Ich kann die Worte des renommierten deutschen Hirnforschers Gerald Hüther nicht vergessen, der mit seinen Kollegen feststellte: Weit über 90 Prozent aller Neugeborenen sind hochbegabt, nach Durchlaufen von Schule und Erziehung sind es noch drei Prozent. Warum wehren wir uns eigentlich nicht ganz entschieden gegen diese Entwicklung? Warum drehen wir unser Leben nicht einfach um, und machen zur Masse, was gut und richtig ist? Die Zeit dafür ist gekommen, fangen wir doch einfach an!

 Preußische Allgemeine Zeitung Ausgabe 15/15 vom 11.04.2015
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Rohan vom Elbthal
Rohan vom Elbthal
12/04/2015 04:38

Von innen betrachtet sieht ein Hamsterrad wie eine Karriereleiter aus. 😉

Ronison
10/04/2015 21:56

Hier etwas zum Thema Linksfaschismus:

http://img9.myimg.de/a24f96e.jpg

Germania2013
09/04/2015 22:00

Warum sich die Masse nicht wehrt? Die Antwort ist klar:Massenkompatibles Verhalten wird belohnt, nicht massenkompatibles Verhalten wird vom „Staat“ und der „Gesellschaft“ bestraft. Meist durch gesellschaftlichen Ausschluss. Das wollen die weitaus meisten Menschen tunlichst vermeiden, weil sie HERDENTIERE, Lemminge, oder eben Schafe sind. Kinder können sich nicht wehren, sie entwickeln höchstens Eigenschaften, die als „krank“ bewertet und entsprechend „therapiert“ werden. Die Gesellschaft (das hierarchisch gegliederte System) will keine hohe Intelligenz, es will angepasste Duckmäuser. Nur eine Schafherde ist leicht führbar,, und durch wenige Slogans, Massenmedien, Brot und Spiele, beherrschbar. Beherrschbar heißt: Ausbeutbar für die Wenigen, die das System leiten. Es… Weiterlesen »

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