Frei gedacht
Eva Herman
von Eva Herman

Es sind ganz alltägliche Ereignisse, die manchmal den Blick öffnen für den derzeitigen Fieberzustand unserer Gesellschaft. Die Rede ist von dem einstigen Land der Dichter und Denker, die heute allerdings nur in weniger Menschen Bildungskenntnisstand, wenn überhaupt, noch namentlich vorhanden sind. Nehmen wir die deutschen Ämter und Verwaltungen. Folgende Geschichte habe ich selbst erlebt, oder, anders ausgedrückt, dieser Albtraum scheint offenbar nie mehr enden zu wollen.

Eine Freundin ist mit ihren beiden Töchtern und ihrem Lebensgefährten nach Hamburg gezogen, ganz in meine Nähe. Sie will sich und den Rest der Familie ummelden. Ich erkläre mich bereit mitzugehen, da ich selbst in dem großen Referat etwas zu erledigen habe. Gegen neun Uhr morgens betreten wir die Behörde. Eine kleine Schlange steht vor uns, diese Leute haben keine Nummer gezogen, denn sie wollen lediglich einen Termin vereinbaren, wozu ich Susanne auch geraten hatte. Anderenfalls müssten wir, wie die anderen Leute, die da drüben wie die armen Sünder in dem sonnendurchglühten Glaskasten vor sich hinbrüten, mehrere Stunden lang bis zum Aufruf warten. Nach etwa einer Viertelstunde sind wir an der Reihe. Eine Beamtin thront hinter einem hohen Desk, dessen ansehnliche Breite eine noch größere Kluft zum Besucher schafft. Susanne bittet um einen Termin. Das Gesicht der Beamtin wirkt müde, desillusioniert, gleichzeitig gerät jetzt aber auch eine Spur von Nachdruck in die Miene. Sie rafft sich etwas auf, die Schultern straffen sich, als sie auf das große Schild vor sich auf dem Pult deutet und Susanne anblitzt: „Können Sie nicht lesen?“ In der Tat hatten wir nicht auf die graue Pappe geachtet, die uns in bestürzender Sachlichkeit mitteilt, dass aus „krankheitstechnischen Gründen“ leider keine Terminvereinbarungen möglich seien. „Ja, aber Sie sitzen doch selbst hier, um die Termine zu vergeben“, wende ich ein. „Aber ich kann Ihnen nur einen Termin in sechs Wochen anbieten, da ich nicht weiß, wann die Kollegen wieder gesund sind.“ Ein kratzendes Hüsteln, das ihre Ansprache beendet, deutet auf eine mögliche Infizierung ihrerseits hin, die sich noch innerhalb der Inkubationszeit zu befinden scheint, die jedoch in absehbarer Zeit ebenso ihren Anspruch geltend machen wird. „Sechs Wochen?“ Susannes Augen verdoppeln ihre Größe. „Sechs Wochen!“ Die Frau ist fest entschlossen, von diesem Datum auf keinen Fall auch nur einen Tag abzuweichen. Susanne stöhnt, ich atme tief durch. Macht man sich nicht sogar strafbar, wenn man nicht innerhalb einer vorgegebenen Zeit umgemeldet ist? Meine Freundin denkt offenbar ähnlich, sie entgegnet nun, dass es doch irgendeine Möglichkeit geben müsse, diesen schwierigen Akt deutscher Bürokratie zeitnah zu überwinden. Die Verwaltungsfrau, die mir irgendwie leid tut, jedoch bleibt hart: „Sie können gerne morgen früh um sieben kommen und eine Nummer ziehen.“ Sie deutet mit leichtem Kopfnicken zu der dampfenden Glassauna hinüber, die sich inzwischen gefährlich angefüllt hat mit ergeben wartenden, demutsvoll gebeugten Steuerzahlern. „Aber, wie ich schon sagte, es wird wohl bis zum Nachmittag dauern!“ Es handelt sich, ganz klar, bei dieser Aussage um eine massive Drohung, die ihre Wirkung nicht verfehlt. Ein kurzer Blick genügt, dann sehen wir uns an. „Wann wird Ihr Betrieb hier denn wieder normal laufen“, will ich wissen. „Frühestens Ende nächster Woche!“ Die Amtsfrau ist nun Feldwebel! Susanne lässt sich nicht einschüchtern, sie hat noch mehr auf dem Zettel: „Sagen Sie bitte, und wo kann ich mein Auto ummelden?“ Die Beamtin scheint leise zu triumphieren: „Hier! Vereinbaren Sie am besten Anfang übernächster Woche hier einen Termin. Die Nummernschilder allerdings gibt’s hier nicht: Da müssen Sie zur Kfz-Zulassungsstelle!“ Sie lächelt milde. Nehme ich einen leicht ironischen Zug um ihre Lippen wahr, während sie sagt: „Dort brauchen Sie allerdings mindestens sechs bis acht Wochen Wartezeit!“

Fliehenden Schrittes verlassen wir das Amt. Es ist, als seien wir in einem Horrorfilm gelandet, wo man von allen Seiten verfolgt, verlacht, verhöhnt wird. Dennoch: So schnell lassen wir uns nicht unterkriegen. Zwei Tage später sitzen wir um acht Uhr morgens im bereits gut vorgeheizten Glaskasten, inmitten Dutzender anderer Wartenden, um 12.30 Uhr sind wir endlich stolze Besitzer sämtlicher Ummeldungspapiere. Da das Eisen unbedingt geschmiedet werden muss, solange es noch heiß ist, verkünde ich kühn: „Und morgen gehen wir zur Zulassungsstelle. Und zwar früh um sieben! Dann sind wir die Ersten, ruck-zuck wird es gehen!“

Selbstbewusst machen wir uns am nächsten Morgen um 6.15 auf den Weg. Kurz vor sieben ist es, als wir unser Auto an der großen Kfz-Ummelde-Anstalt parken. Wir gehen um das Gebäude herum, zum Haupteingang, und erstarren: Mehrere etwa 50- bis 80-Meter-Schlangen tun sich vor uns auf, es sind hunderte Menschen, die offenbar schon lange hier warten. Ihre Niedergeschlagenheit steht den meisten ins Gesicht geschrieben, stumpf ergeben trotten sie im Fünf-Minuten-Takt um wenige Zentimeter vorwärts. Die meisten sprechen nicht, trostlose Ferne in den Mienen, scheinen sie alle sozialen Kontakte vermeiden zu wollen. Manche telefonieren, wenige unterhalten sich miteinander: Es sind offenbar südosteuropäische Autohändler, die mit ganzen Stößen Ummelde-Papierzeugs warten. Entsetzt schaue ich Susanne an, sie starrt ebenso fassungslos zurück. Wie auf Kommando schütteln wir beide den Kopf: „Nein, hier bleiben wir ganz gewiss nicht!“ Auf dem Absatz machen wir kehrt, ein anschwellendes Stimmengewirr, das sich in Sekundenschnelle zu einem lautstarken Streit auswächst, beschleunigt unseren Schritt. Nichts wie weg hier.

Was nun? Susanne hat den rettenden Gedanken. Entschlossen lenkt sie den Wagen zu einem Vertragshändler ihrer Automarke, betritt mit nachdrücklichem Schritt das moderne Gebäude und steuert die noble Rezeption an, wo eine gutaussehende, junge Blondine sie freundlich nach ihrem Wunsch fragt. Nachdem Susanne sie gebeten hat, dass das Autohaus ihren Wagen ummelden möge, lächelt sie: „Gewiss können wir das für Sie tun, wir kennen diese Klagen schon. Bringen Sie uns morgen Ihren Wagen, wir benötigen: eine Vollmacht von Ihnen, die ASU-Bescheinigung mit TÜV-Bericht, Ihren Personalausweis, Kfz-Schein, sicherheitshalber den Kfz-Brief, ein SEPA-Formular. Dann, nach zwei, drei Tagen, können Sie Ihren Wagen mit einem nagelneuen Kennzeichen wieder abholen. Das Ganze macht nicht ganz 300 Euro.“ Die Blonde strahlt, freut sich offenbar über ihr gutes Angebot. „Aber dann habe ich ja zwei, drei Tage lang kein Auto?“ Susanne denkt an die beiden Kinder, auch an die bevorstehende Reise mit ihnen zu Oma und Opa in den Harz. Da bleibt wohl nur noch der Zug.

Als wir – autolos – schließlich unseren Kaffee im Einkaufszentrum schlürfen, meldet die Radiostimme, die den riesigen Markt geräuschvoll flutet, dass nun einer der längsten Lokführerstreiks der Geschichte Deutschlands unmittelbar bevorstehe: „Eine Woche lang geht im gesamten Schienenverkehr gar nichts mehr!“ Welch eine Überraschung!

Mein armes Deutschland …

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Preußische Allgemeine Zeitung Ausgabe 19/15 vom 09.05.2015
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