Burschenschaft

Hass von links, Desinteresse aus der Mitte: Burschenschafter auf der Wartburg im Sommer 2012

Der 12. Juni 1815 ist in Deutschland fast vergessen. Das sagt einiges aus über den Zustand dieser verunsicherten Nation.

In anderen Ländern wäre das Datum Anlass für ausgiebige nationale Feierlichkeiten, für umfangreiche Sonderausstellungen und Volksfeste mit Historienspielen. In Deutschland aber bleibt es weitgehend still am 12. Juni.

Was ist Besonderes geschehen an jenem Datum? Am 12. Juni vor 200 Jahren fanden sich Studenten, die siegreich aus den Befreiungskriegen zurückgekehrt waren, in Jena zusammen, um die erste „Burschenschaft“ zu gründen (siehe Seite 4). Sie wurde die Keimzelle der deutschen Einigungs-, Freiheits- und Demokratiebewegung und damit der modernen deutschen Nation schlechthin. Ein Jahr darauf stifteten die „Frauen und Jungfrauen von Jena“ den Studenten eine von ihnen gestickte Fahne. Sie war in den Uniformfarben des Lützowschen Freikorps, das sich im Befreiungskampf gegen Napoleon besonders hervorgetan hatte, gestaltet, und wurde zur Urform von Schwarz-Rot-Gold.

Die Burschenschafter waren die Speerspitze des „Vormärz“, jener Jahre der freiheitlich-patriotischen Erhebungen in Deutschland, die in die Märzrevolution von 1848 mündeten. Heute fristen die Burschenschaften nur mehr ein Nischendasein, schlimmer noch: Vom linken Spektrum werden sie mit namenlosem Hass verfolgt. Innerlich geben die Burschenschafter ein Bild der Zerrissenheit und Verunsicherung ab. Die Mehrheit der Deutschen quittiert ihre zähe Weiterexistenz mit einer Mischung aus Befremden und Desinteresse, manchmal sogar mit Häme.

Die Burschenschaft, der Umgang mit ihr und ihrer Tradition sowie auch ihr innerer Zustand sind somit ein beredter Widerhall deutscher Zustände, ein Spiegel der Nation. Denn näher betrachtet spiegelt sich darin nichts anderes als das Verhältnis der Deutschen zu sich selbst.

Es ist eine Nation, die ihre Wurzeln nicht mehr findet oder vielleicht sogar nicht einmal mehr finden will. Eine Nation, die den Kompass verloren hat und zwischen eifernder Selbstgeißelung und erlahmter Europabegeisterung herumtorkelt. Die sich höchstens ab und zu eine maue Auszeit nimmt von ihrer Seelenkrise in einem demonstrativ niedlichen Fußball-Patriotismus.

Deutschland, so wird seit einigen Jahren immer eindringlicher verlangt, solle endlich „Führung zeigen“ in Europa, um die schwankende Gemeinschaft wieder auf Kurs zu bringen. Eine absurde Forderung: Wie soll ein Volk anderen die Richtung zeigen, wenn es nicht einmal den Weg zu sich selbst finden mag? Für Europa kann Deutschland nur etwas Wertvolles leisten, wenn es zuvor die Kraft aufbringt, Deutschland zu sein.

Wer die Absonderlichkeiten des Erinnerungskults um den 8. Mai und die Ignoranz gegenüber dem 12. Juni zusammendenkt, der entdeckt, dass es zu dieser Selbstfindung noch ein weiter, steiniger Weg ist.

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Hans Heckel Preußische Allgemeine Zeitung Ausgabe 23/15 vom 06.06.2015
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Arkturus
04/06/2015 02:04

Hat dies auf Oberhessische Nachrichten rebloggt.

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