Peter Harth

Die Zeit entdeckt eine neue Zielgruppe und begrüßt Flüchtlinge im Zeit Magazin jetzt auf Arabisch. Die Wochenzeitung verbreitet schon länger eine Art Asyl-Romantik – unschöne Seiten werden ausgeblendet. Diese umgekehrte Integration wird für die Stammleser jetzt zum Problem: Das Blatt – einst berühmt für seine »Meinungsbildung» – ist auf dem Weg zur politischen Erziehungsanstalt.

Mag die Zeit ihre Leser nicht mehr? Hätte sie gerne neue? Zwar ist ihr Verhältnis zu den Lesern noch nicht so zerrüttet wie bei anderen Leitmedien, aber auch die Wochenzeitung wird mit »Hass-Post« geflutet. Bisher schmettern die Journalisten alles eiskalt ab. Kommt doch eh nur von den »Abgehängten« und »Wut-Bürgern«. Wenn Kritik aber wehtut, hat sie voll ins Schwarze getroffen – und wird ignoriert. Ähnlich abweisend und arrogant reagieren nur Politiker auf die neue (Bedrohung) digitale Transparenz im Netz.

Zwei Leidende, ein Problem: das Publikum. Was liegt da näher, als sich zu verbünden? Journalisten und Politiker schmollen jetzt auch offiziell in einem Boot: In Ausgabe 22/2015 (S. 2-3, Achtung: Paywall) öffnet die Zeit unter dem Titel »Demokratie in Gefahr« ein Troll-Forum für Politiker. Zurück zu den alten Machtverhältnissen. Ab jetzt wird mit Schützenhilfe der Massenmedien zurückgeschossen – weit unter die Gürtellinie. Volksvertreter treten gegen das Volk.

In der ZEIT empfohlen: Ein »Fuck You« für die Kritiker

Volker Beck (Grüne, Vorsitzender der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe im Bundestag) hat die Troll-Logik schon bestens verinnerlicht. Er empfiehlt folgende Strategie: Pfeif dir eins, duhasserfüllter Kleingeist.

Ein herzliches Willkommen auf Arabisch

Bereits das Cover auf Deutsch und Arabisch erinnert an einen Koran-Vers. Das Einzige, was im ganzen Magazin nicht zweisprachig ist, sind die Werbeanzeigen. Ein deutscher Muttersprachler kann sich da beim Lesen bereits wie in einem anderen Land fühlen. Angesprochen werden nämlich nicht wir Kuffär und nicht einmal alle Flüchtlinge sind gemeint. Das deutsche Leitmedium spricht arabisch – zumindest im Zeit Magazin: »Jeden Tag machen sich Menschen auf den Weg, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Ihnen widmen wir dieses Heft.«

Diese »blöden Deutschen«, »dieses Devote, Kleinkarierte«

Das Wohlfühl-Magazin erklärt den Flüchtlingen diese »blöden Deutschen« (S.7) unter dem Bild einer aufgespießten Bratwurst.

Kolumnist Harald Martenstein lästert auch auf Arabisch über seine Landsleute: »Dieses Devote, Kleinkarierte. […] Wir Deutschen sind ungerecht, vor allem zu denFrauen. […] Feige sind wir auch. Es gibt nur eine Sache, die in noch mieserem Zustand ist als unser Humor: Unsere Sexualität ist ein Desaster. […] Es gibt immer mehr Nazis, sie sind überall.«

Lesen Sie das mal mit den Augen eines Flüchtlings, der sich gerade vor Granaten, Folter und dem Ertrinken im Mittelmeer gerettet hat: »Ich bin im Land der Verrückten gelandet, die Spaß an Selbstkasteiung haben. Zum Glück sterben die bald aus – freiwillig. Allah ist groß!« Auf Seite 10 erfahren die Flüchtlinge in einer hübschen Infografik, dass in Hamburg ein Flüchtling auf 60 Einwohner kommt und dass wir sie alle nach einem mathematischen Schlüssel auf unser Land verteilen. Die Logik dahinter versteht zwar niemand – aber so arbeiten unsere Behörden. Wieder etwas gelernt.

Wohlfühl-Heft oder unfreiwilliges Satire-Magazin?

Auf Seite 13 spricht der Kurde Sirwan Baban mit der Syrerin Kefah Ali Deeb. Beide sind Flüchtlinge; er kam aber schon 1997 an, sie ist erst gerade da. Ein inszeniertes Wohlfühl-Integrations-Gespräch über »Heimweh, Erinnerungen und Geduld« im fremden Land. Die Rolle Babans ist dabei klar. Er gibt das Beispiel des Muster-Integrierten: SPD-Mitglied, Dolmetscher und Betreuer für Flüchtlinge in Kiel. Unterhaltsam ist auch hier wieder eher die unfreiwillige Komik. Etwa, wenn Ali Deeb über ihren deutschen Kulturschock spricht: »Sie planen sogar ihr Wochenende im Voraus. Sie leben ein wenig wie Roboter. Sie stehen auf, dann arbeiten sie, dann gehen sie mit ihrem Hund Gassi, dann gehen sie schlafen. Wir Syrer sind ein bisschen anders, es gibt kein System, nach dem wir leben.«

Zwischen Wohlstandsbürgern und Asyl-Romantik

Jeder, der ein Abo oder am Kiosk für die Wochenzeitung bezahlt, leistet damit einen unfreiwilligen Beitrag zur deutschen Willkommenskultur, ein ZeitMagazin auf Arabisch.

Geschenkt – das wirkliche Ärgernis bleibt die blumige Weltfremdheit in diesem Flüchtlings-Heftchen. Wir werden hier nicht ausgewogen informiert, sondern schon längst manipuliert.

Ist die Liebe zu den Flüchtlingen etwa nur Mittel zum Zweck?

Das ist nicht bloß Marketing, die meinen es ernst! Besonders deutlich wird das gerade beim Thema Flüchtlinge – wo die gefühlte Realität so weit weg ist von der Medien-Wahrheit aus der Zeit. »Meinungsbilden« wird hier zu einer einseitigen politischen Erziehung der Deutschen. Bisher hat sie auch Erfolg damit.

Umgedrehte Integration: Deutschland passt sich an

Spätestens hier wird klar: Die Flüchtlinge sind für die Zeit nur ein vordergründiges Werkzeug, keine neue Zielgruppe. Das eigene Stammpublikum möchte sich das Blatt gerne nach Wunsch umerziehen. Deshalb auch die erstaunliche Menge an Wohlfühl-Themen im Blatt. So soll er sein, der gute Deutsche – tränenselig, mit Scheuklappen, das Hirn zugekleistert – ohne Wut über ungelöste Probleme.

Hier unterscheidet sich übrigens der Kurs unter den deutschen Leitmedien. Wenn Spiegel und Bildgerne auch mal türkisch texten – und das tun sie gerne – spielt dabei auch immer Pragmatismus eine Rolle. Das ist immerhin eine in sich geschlossene, aber schnell wachsende Zielgruppe.

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http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/enthuellungen/peter-harth/mehr-zeit-fuer-fluechtlinge-deutsches-leitmedium-spricht-jetzt-arabisch.html

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Arkturus
06/06/2015 22:10

Hat dies auf Oberhessische Nachrichten rebloggt.

Runenkrieger11
06/06/2015 22:09

Hat dies auf Treue und Ehre rebloggt.

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