Frei gedacht
eva
von Eva Herman

 

Heiß war es letzte Woche, als wir uns in Hamburg in den Wagen setzten und eine Reise ins südliche Ungarn antraten. Die Autobahnen waren brechend voll, die Menschen schwitzten, glühende Hitze breitete sich aus. Landschaften flogen vorbei, deutsche Bundesländer wechselten. Hin und wieder bogen wir von der Autobahn ab, um etwas Kühles zu trinken oder eine Kleinigkeit zu essen. Wohin wir kamen, waren die Menschen gestresst. Sie litten, unter der Wärme, wohl auch unter zahlreichen Lebensveränderungen vergangener Jahre wie auch in aktueller Zeit. Viele hasteten ihren Zielen entgegen, mit ernsten Mienen, leerem Blick, oft mit sorgenvoll gebeugten Schultern. Die meisten waren durch ein freundliches Nicken oder zustimmendes Lächeln kaum mehr erreichbar. Schwerer Druck lastete ganz offensichtlich auf ihren Schultern. Man kommt ins Grübeln angesichts solcher Eindrücke, eine Art Mitleid für meine Mitmenschen erfasste mich. Wie viele sind es eigentlich, die sich immer noch gegen feststehende Tatsachen zur Wehr setzen, die sie nicht zulassen wollen, weil das eigene noch immer bequeme Befinden einfach nicht wachwerden mag? Weil es auch politisch unkorrekt ist, weil es deswegen Ausschluss bedeutet für den einzelnen, der sich entgegenzustellen wagt all dem Irrsinn. Doch die meisten spüren es längst, was derzeit auf sie zurollt. Augen auf, möchte man immer wieder rufen, schärft eure Sinne, erhebt euch, wehrt euch! Die Veränderungen, die euch drücken, liegen ausgebreitet vor euch! Ihr könnt sie sehen, könntet das Schicksal womöglich wenden, wenn ihr nur endlich tätig werdet und zusammenhaltet! Der wachsende Kollektivdruck ist es, der die meisten Leute offenbar fortwährend im Geiste schwächt, sie bis ins Mark erschöpft. Viele Probleme bleiben vorsätzlich ungedacht, unausgesprochen, weil die Konturen nicht klar sind, auch niemals werden können, solange die öffentlichen, gesteuerten Meinungsmaschinen sämtliche Debatten über drängende Themen verhindern. Wie verkaufte Sklaven lassen wir es zu, erduldend, leidend, so, als hätten wir gar nichts mehr entgegenzusetzen.

Doch zurück zu der kleinen Sommerreise. Hinter Dresden und dem Elbsandsteingebirge fuhren wir nach Tschechien hinüber, ohne Grenzkontrollen, ohne Störung. Wir durchquerten einfach die ehemaligen Grenzstationen, kauften lediglich Maut-Vignetten, die an die Windschutzscheibe geklebt wurden. So, wie wir in Richtung Süden hindurchfuhren, so geht es für andere freilich auch umgekehrt: Keine Kontrollen Richtung Norden, Richtung Deutschland. Niemand hält irgendjemanden irgendwo auf. Das ist wahre Freiheit, sagen unsere Politiker stolz über dieses seit einiger Zeit eingeführte System, das eigentlich gegen jede Geschichtserfahrung zurückliegender Zeiten verstößt, in denen man sich, im Gegenteil, durch Hunderte Kilometer lange Wälle, Grenzen, gar Mauern stets gegen Fremde abzusichern suchte. Um das Eigene, Traditionelle, um seine Kultur und Identität zu wahren.

Von Tschechien ging es, ebenfalls ohne Kontrolle, in die Slowakei, dann nach Ungarn. Es war ganz einfach gewesen, in den Balkan zu gelangen, ebenso leicht, wie später auch die Rückreise war. Aber nun hatten wir das Land der Magyaren erreicht. Ganz hinunter in den Süden Ungarns sollte es gehen, an die serbische Grenze, wo wir etwas zu erledigen hatten. Wir beschlossen, einen Großteil der Strecke über Nebenstraßen zu fahren, um einen Eindruck von Land und Leuten zu bekommen. Einiges hatten wir in den Medien ja schon über Ungarn gelesen und gehört. Das meiste, was unsere Nachrichten verlautbart hatten, klang nicht gerade einladend: Ungarn gehört, neben Tschechien und der Slowakei, zu den ungeliebten Stiefkindern der EU. Immer wieder wird berichtet über zahlreiche Verstöße gegen die Menschenrechte, über regelmäßige Provokationen vonseiten des Regierungschefs Viktor Orbán gegen die vielfältigen EU-Maßnahmen aus Brüssel, über seine verhärteten Positionen zur Familien-und Medienpolitik, über seine „starre“ Haltung zur Flüchtlingspolitik.

Wir fuhren, man soll es kaum glauben, entgegen allen Annahmen durch blühende Landschaften. Die Felder und Agrarflächen wirkten gepflegt und aufgeräumt, ebenso wie die kleinen und größeren Ortschaften, deren bunte Blumengärten und reiche Früchte tragende Obstbäume die sauberen Häuser und Straßen säumten. Merkwürdig, oder? In den Gärten der Restaurants trafen wir auf ruhige, besonnene Menschen. Mit manchen konnten wir uns in deutscher Sprache unterhalten. Ausnahmslos sprachen sie sich voller Respekt für ihre Regierung aus, Junge wie Alte. Konnte das wahr sein, nach alldem, was geschrieben steht? Wir wähnten uns wie in einer anderen Welt, in einem noch funktionierenden Kosmos. Es war wie früher bei uns: Die Farben der Bäume und Blumen leuchteten intensiver, schöner, deutlicher, die Linien der Landschaften wirkten zuweilen fast kristallin-klar. Alles hatte eine andere Schwingung, strahlte Überlegenheit und Ruhe aus. Dieser Eindruck vertiefte sich, als wir die Hauptstadt Budapest erreichten. Sie war genauso aufgeräumt wie ihre Menschen, in deren aufmerksamen Gesichtern meist hellwache Augen strahlten. Nein, dies ist keine Glorifizierung, sondern Tatsache. Diese Welt hier hatte eine Zukunft, so schien es.

Wer aufmerksam die Fakten zusammenstellt, kommt schneller auf Antworten, als gedacht. Eine kleine Recherche genügt: Regierungschef Viktor Orbán hatte am 18. April 2011 den Gottesbezug für die ungarische Verfassung vorgeschlagen, der auch aufgenommen wurde. Die Regierung änderte damit auch ihre familienpolitischen Grundsätze, und zwar in Richtung gesellschaftlicher wie wirtschaftlicher Wertschätzung der Mutter. Begriffe wie Treue, Verantwortung, Heimatverbundenheit und Nationalstolz für das ungarische Volk wurden ebenfalls als Grundpfeiler in der Verfassung verankert. Die internationalen, vor allem deutschen Medien quittierten diese Maßnahmen mit beißendem Zorn und Begriffen wie „nationale Brutstätte“ und „völkisch-mythische Lebensraumideologie“. Während unseres Aufenthaltes in Ungarn nahm die Regierung ebenso klar zu den derzeitigen Flüchtlingsströmen Stellung. Dort meldete man im Radio, das Land habe soeben sein Asylrecht verschärft, um den Zustrom zu begrenzen. Das Parlament in Budapest hatte gerade ein entsprechendes Gesetz verabschiedet. Dieses bildet unter anderem die rechtliche Grundlage für die Errichtung eines vier Meter hohen Zauns an der südlichen Grenze zu Serbien. So solle die illegale Einwanderung gestoppt werden, hieß es. Dann wurde ein Sprecher der rechtskonservativen Orban-Regierung zitiert: „Das Boot ist voll!“

Wohlgemerkt: Die globale Völkerwanderung von Orientalen und Afrikanern in Richtung Europa haben wir durch Nichtstun mitverursacht, obwohl wir beobachten konnten, wie die Kapitalsammelbecken über ihre Aggregate wie Nato, US-Administration und so weiter die Grundlagen schufen für die heutigen Verwerfungen. Im Rahmen unserer westlichen Werte-Dogmatisierung wurden wir zu kritiklosen Mitläufern umgestaltet. Es ist an der Zeit, endlich die Ursachen zu nennen und zu eliminieren, um den Vertriebenen eine menschenwürdige Basis zu schaffen, damit sie in ihrer Heimat bleiben können. Und die Welt wieder normal wird.

paz2015-29

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Frank
Frank
18/07/2015 00:39

Genau das selbe habe ich in Weißrussland und Russland erlebt. Angeblich werden dort die Verfassungen und Menschenrechte mit Füßen getreten, das Volk leidet und Arbeit wird nicht richtig bezahlt. Lebenshaltungskosten explodieren und die Löhne sinken ins Uferlose. Renten werden eingespart und Politiker ändern mal eben die Verfassung um auch ein Drittes mal den Präsidenten zu miemen und vieles Negative mehr. Musste ich mir aus den deutschen Medien anhören und lesen, ich konnte soviel „Unheil“ garnicht glauben und tatsächlich flog ich mit viel Unbehagen in diese Länder. Ich lerne in Minsk eine Übersetzterin kennen, die als „Tschernobylkind“ an der Weißrussischen Ukrainischen… Weiterlesen »

deutschelobby
18/07/2015 01:23
Reply to  Frank

vielen Dank für Deinen ausführlichen Bericht…aus dem Leben gegriffen, ein persönlicher Reisebericht und Lebenserfahrung.

Als „nur“-Kommentar zu schade. Deshalb erscheint Dein Schreiben als eigener Artikel…

Wiggerl

MURAT O.
17/07/2015 22:55

Hat dies auf D – MARK 2.0 rebloggt.

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