Amy Goodrich

Ein jahrtausendealtes Mittel zur Behandlung einer Augeninfektion, das in einem altenglischen Manuskript in der British Library gefunden wurde, versetzt die wissenschaftliche Welt in Erstaunen. Wie Forscher der Universität Nottingham ermittelten, ist es äußerst wirksam gegen den Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus, auch bekannt als MRSA.

 

Die Bekämpfung von MRSA und anderen antibiotikaresistenten Bakterien zählt zu den größten Herausforderungen der heutigen Krankenhäuser. Infolge des zu häufigen Einsatzes von Antibiotika haben einige Bakterienstämme eine Resistenz entwickelt. Dadurch ist eine ganze Armee von Superkeimen entstanden, die nur schwer zu behandeln sind und jedes Jahr mindestens 23 000Menschenleben fordern.

Dr. Christina Lee von der Universität Nottingham hat diese »Augensalbe« in Bald’s Leechbook, einer Sammlung alter Rezepte gegen vielfältige Leiden, entdeckt und übersetzt.

»Nimm gleiche Mengen an Lauch und Knoblauch, zerstampfe sie gut, nimm gleiche Mengen an Wein und Ochsengalle, mische sie mit dem Lauch, gib alles in einen Kessel aus Messing, lasse die Mixtur neun Tage lang ruhen, drücke sie anschließend durch ein Tuch, kläre sie gut und gib sie in ein Horn; zur Nachtzeit gib sie mit einer Feder auf das Auge, das beste Mittel zur Behandlung eines Gerstenkorns«, übersetzt aus Bald’s Leechbook.

Nur in Zusammenarbeit mit ihrer Kollegin Dr. Freye Harrison und deren Team aus der Abteilung Mikrobiologie konnte Lee die uralte Salbe wieder kreieren.

Sie versuchten, das Mittel so getreu wie möglich nach dem Originalrezept herzustellen. Das war nicht einfach, weil sich unsere heutigen Feldfrüchte von ihren Vorläufern im 10. Jahrhundert vielfachunterscheiden.

Die Augensalbe wurde an einer großen MRSA-Kultur getestet, mit überraschendem Ergebnis. »Es war nicht abzusehen«, sagte die Mikrobiologin und Projektleiterin Harrison. »Wir erwarteten nur eine geringe antibiotische Wirkung von Bald’s Augensalbe. … Wir waren höchst erstaunt über die Wirksamkeit der kombinierten Inhaltsstoffe.«

Die besondere Kombination von Bald’s Augensalbe tötete bis zu 90 Prozent der MRSA. Zur Untermauerung ihrer Ergebnisse testete die Texas Tech University die Salbe an MRSA-Hautläsionen bei Mäusen – mit demselben Ergebnis.

Die Salbe ist möglicherweise wirksamer als jedes heute verfügbare Antibiotikum.

»Wir ließen unsere künstlichen ›Infektionen‹ zu dichten, reifen Populationen, sogenannten ›Biofilmen‹, heranreifen, bei denen sich die einzelnen Zellen zu einer klebrigen Schicht verklumpen, sodass Antibiotika nur schwer herankommen«,sagte Harrison in einer Stellungnahme. »Aber anders als moderne Antibiotika kann Baldʼs Augensalbe diese Schutzwälle durchbrechen.«

Die neue Studie zeigt uns, dass wir aus der Vergangenheit Wichtiges lernen können. Es ist im Übrigen nicht das erste Mal, dass Forscher die Lösung in der Natur statt im Labor finden. Es mag viele zweifelhafte mittelalterliche Verfahren und Mittel geben, aber diese alten Bücher bergen auch große Weisheit. Eine wirksame Substanz ist auch das Artemisinin zur Malaria-Behandlung, das über einen uralten chinesischen medizinischen Text auf uns gekommen ist.

»Dieses wahrhaft interdisziplinäre Projekt geht Probleme der modernen Heilkunde auf neue Weise an, indem untersucht wird, ob mittelalterliche Heilmittel Inhaltsstoffe enthalten, die Bakterien töten oder sie daran hindern, Infektionen auszulösen«, sagte Dr. Harrison abschließend.

Vorgesellt wird das Forschungsprojekt bei der Konferenz der Gesellschaft für Mikrobiologie im britischen Birmingham; außerdem werden die Ergebnisse bei der Zeitschrift Nature eingereicht.

Quellen für diesen Beitrag waren u.a.:

bbc.com

gizmodo.com

usatoday.com

newscientist.com

cdc.gov

sciencealert.com

nottingham.ac.uk

 

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