Frei gedacht!
Eva Herman
von Eva Herman

In der traditionellen Neujahrsansprache kündigte Kanzlerin Angela Merkel an, dass die „Flüchtlingskrise“ auch 2016 das beherrschende Thema bleiben werde. Davon bin auch ich überzeugt, wenngleich ich mit den übrigen Aussagen dieser Frau definitiv nichts mehr anfangen kann. Eine der dreistesten Behauptungen, mit der wir derzeit fehlinformiert werden, soll in dieser Kolumne behandelt werden.

Wie wir feststellen, wird Europa derzeit geflutet mit „Migranten“, es sind jeden Tag Tausende, die alleine nach Deutschland ungehindert einreisen dürfen – viele ohne Registrierung. Und es sind weitere Abertausende, die tagtäglich in andere europäische Länder strömen. Weil der Kontinent ein erhebliches Demografie-Problem habe, sagen die Vereinten Nationen. Wir bräuchten deswegen dringend Human-Nachschub. Und deswegen sagen das jetzt auch fast alle Politiker und Medien in Brüssel, in Rom, in Paris, in Berlin. Und in Washington. Denn, wie es heißt, führe diese Fehlentwicklung dazu, dass vor allem die Wirtschaft der EU-Länder schon jetzt zusammenbreche, weil Arbeitskräfte allerorten fehlten. Deswegen seien die „Flüchtlinge“ eine Bereicherung. Sie retteten Europa sozusagen aus dem Todeskampf. Die Politiker lächeln derweil zufrieden in die Kameras, weil sie ja sicher sein können, dass ihre Berichterstatter das nun solange gebetsmühlenartig an die Bürger weitergeben, bis die den Unsinn glauben. Doch jeder nur durchschnittlich begabte Bewohner des Abendlandes spürt, dass hier etwas gewaltig stinkt.

Und er hat Recht. Wir erinnern uns: Noch vor wenigen Jahren gab es ein Zeitfenster, in welchem über eines der verheerendsten Probleme Europas kurz berichtet wurde: Europas Jugend litt schon vor fünf Jahren unter schwerster Arbeitslosigkeit! Die „verlorene Generation“ wird sie deswegen genannt. Und das ist inzwischen keinesfalls besser geworden. Ganz aktuelle Zahlen gefällig? Nach der offiziellen Statistik lag die Arbeitslosenquote junger Menschen bis 25 Jahre im Oktober 2015 in Griechenland bei 47,9 Prozent, in Spanien bei 47,7 Prozent, in Kroatien bei über 43 und in Italien bei 40 Prozent. In Portugal waren es 32 und in Belgien 25 Prozent. Dass Deutschland noch bei unter zehn Prozent liegen soll, könnte eine gute Nachricht sein, doch in diesem Kontext gibt es keine guten Nachrichten mehr. Wir schauen noch genauer darauf: Griechenland und Italien weisen eine Jugend-Arbeitslosenquote von knapp 50 Prozent auf.

Und genau in diese durch Armut und Hoffnungslosigkeit ohnehin schon schwer gebeutelte junge europäische Generation kommen jetzt Millionen weiterer arbeitsloser Einwanderer aus Afrika und Arabien, meist ohne Schulabschluss, mit geringstem Bildungsstand; über 80 Prozent davon jung und männlich (O-Ton des „Tagesschau“-Chefredakteurs Kai Gniffke). Von den angekündigten Facharbeitern sieht man auf den Flüchtlingsbooten und überfüllten Routen indes herzlich wenig. Aber diese Facharbeiter, welche die Vereinten Nationen und der Rest der Welt herbeireden wollen, wären auch überhaupt nicht notwendig, da die eigenen jungen Facharbeiter Europas in Scharen ihre Heimatländer verlassen, weil sie zuhause keinen Job mehr finden.

Auf der Webseite der Caritas heißt es: „Die Gründe der Jugendarbeitslosigkeit sind komplex und die Hauptursachen variieren von Mitgliedstaat zu Mitgliedstaat. Insgesamt lässt sich jedoch ein Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Jugendarbeitslosigkeit und bestimmten Faktoren feststellen (zum Beispiel Bil­dung/Qua­lifizierung, Wirtschaftslage). Zudem zeigt sich, dass bestimmte Gruppen junger Menschen besonders von Arbeits­losigkeit bedroht sind, zum Beispiel junge Menschen mit Migrationshintergrund oder Behinderung. Im Hinblick ­auf den Zusammenhang von Jugendarbeitslosigkeit und Bildung lässt sich feststellen, dass gerade wegen eines insgesamt besseren Bildungsstands der Jugendlichen niedrig qualifizierte junge Menschen ein besonders hohes Risiko haben, arbeitslos zu werden.“ Das Ziel des Programms, das hier läuft, wird damit noch klarer. Inzwischen hat auch die schwer zu ertragende Arbeitsministerin Andrea Nahles eingeräumt, dass der „syrische Arzt“ unter den Einwanderern nicht der Normalfall sei. Im Gegenteil: Nicht einmal jeder Zehnte bringe die Voraussetzungen mit, um direkt in Arbeit oder Ausbildung vermittelt zu werden.

Zugegeben, in diesen schwierigen Zeiten von Verwirrung und Chaos braucht man manchmal länger, um die einfachsten Dinge noch erkennen zu können; es sind inzwischen einfach zu viele Nebelbomben, die aus unbekannter Höhe regelmäßig auf diese Welt abgeworfen werden und unsere Sicht mehr und mehr behindern. In einem Interview zur Jugendarbeitslosigkeit Europas im Jahre 2011 erläuterte mir der Demografie- und Volkswirtschaftsexperte Prof. Dr. Hermann Adrian von der Uni Mainz: „Wenn in einem Land die Arbeitslosigkeit ansteigt, dann steigt sie immer bei den jungen Menschen besonders stark an. Ansteigende Arbeitslosigkeit bedeutet ja, es werden bereits angestellte Arbeitnehmer entlassen. Durch eine ‚Sozialauswahl’ werden dann besonders häufig junge Arbeitnehmer entlassen, die noch keine Familie haben. Außerdem entsteht zwangsläufig ein Rückstau bei den jungen Menschen, die erstmals in den Arbeitsprozess eintreten wollen.“ Daraus sei zu schlussfolgern, dass mit der anhaltend hohen Jugendarbeitslosigkeit in der Eurozone (Durchschnitt übrigens heute fast 23 Prozent!), ein stetiges Anwachsen der Arbeitslosenquote aller Altersgruppen in Europa eng verbunden ist.

Wie konnte diese grauenhafte Misere – ohne Zukunftsaussichten – eigentlich über das noch vor wenigen Jahrzehnten recht stabile und gesunde Europa kommen? Dazu nochmals der Demografie-Forscher Adrian, der mit den Ursachen des wirtschaftlichen Verfalls Europas richtigerweise den Hauptzwangsfaktor benennt, dem Europa Anfang des dritten Jahrtausends endgültig unterworfen wurde, und der seitdem für extremste Veränderungen auf dem Kontinent verantwortlich zu machen ist: Die Einführung des Euro am 1. Januar 2002!: „Die Währungen der südlichen EU-Länder waren vor der Einführung des Euro ziemlich weich, das heißt, die Inflation und damit der Nominalzins waren hoch. Durch die Einführung des Euro sanken die Zinsen auf ein EU-weit einheitlich niedriges Niveau.“ Dadurch sei das geliehene Geld verlockend billig erschienen, manche Länder hatten sich zunehmend einen durch Schulden finanzierten, im Vergleich zu ihrer Wirtschaftskraft überhöhten Lebensstandard gegönnt. „Oder es entwickelten sich ein nicht nachhaltiger Bauboom und daraus eine Immobilienblase. Durch die aufgenommenen Schulden entstand ein Leistungsbilanzdefizit, was einem ‚Export von Arbeitsplätzen’ entspricht. Die Folge: Ein besonders starker Anstieg der Arbeitslosigkeit in einer Wirtschaftskrise!“

Was perfide klingt, hat System: Das Schicksal hunderter Millionen Menschen bleibt den Entscheidern gleichgültig, um ihre Ziele durchzusetzen, verzweifelte junge Menschen bleiben europaweit ohne Perspektive, ohne Zukunft, die Unruhen weiten sich massiv aus. Und unsere gutbezahlten Politikdarsteller? Sie grinsen sich zufrieden ins Neue Jahr.

paz2016-01

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neuesdeutschesreich
11/01/2016 00:25

Hat dies auf neuesdeutschesreich rebloggt.

Herbert.H
Herbert.H
10/01/2016 20:09

Auch ich kann die Lüge des Facharbeiter Mangel nicht mehr hören. Hier mal ein paar Zahlen die man durch googlen leicht finden kann. Wir haben in Deutschland ca.42,65 Millionen Erwerbstätige. Durchschnittlich haben wir ca.2,9 Millionen Arbeitslose. Offene Stellen gibt es ca.490.000 Stellen. Alleine in NRW hatten wir allein im April ca.753.659 Arbeitslose davon ca.64.956 Jugendliche bis 25 Jahre die eine Arbeit suchten,und offene Stellen in NRW ca.112.110. Viele der unter 25-Jährigen sind schon seit Jahren verzweifelt auf der Suche nach einem Job. EU-weit stellen sie ein Drittel der Langzeitarbeitslosen. Und jetzt die große Frage, sind diese 2,9Millionen Arbeitslose alles nur… Weiterlesen »

reniar
reniar
12/01/2016 02:41
Reply to  Herbert.H

die Zahl der Erwerbstätigen stimmt in etwa, aber wir habe nich 2,9 Mio. Arbeitslose, sondern über 10 Mio., das sind über 19 %.
Man kann sich die Zahlen über die Agentur/Statistik holen, die Zahlen sind nicht so einfach zu ermitteln, da alle Bereiche (bewusst ?) in verschiedenen Rubriken/Stellen auch für die MA der Ämter nicht auf „Knopfdruck“ zu finden sind.
Deutschland hat in allen Bereichen in denen angeblich Fach..Mangel vorhanden ist, viele sehr gute Leute, aber die werden nicht eingestellt, zu teuer usw.

Runenkrieger11
10/01/2016 16:38

Hat dies auf Treue und Ehre rebloggt.

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