Sprung aus dem Ahnenrad…von Eva Herman

Frei gedacht
Eva Herman
von Eva Herman

Als ich vor Jahren eine Freundin traf, wirkte sie sehr unglücklich. Sie mache sich Sorgen wegen ihrer erwachsenen Kinder. Warum, wollte ich wissen? Diese seien doch gesund, glücklich verheiratet, hätten einen guten Beruf. Die Freundin, nennen wir sie Anna, brach in Tränen aus. Seit Jahren wache sie regelmäßig mit Albträumen auf, immer die gleiche Situation: Ihre Kinder wendeten sich ab, wollten nichts von ihr wissen, am Ende stehe sie stets alleine da. Sie habe inzwischen Depressionen, „auch wegen meiner Schuldgefühle“. Welche Schuldgefühle? Sie berichtete von Versäumnissen, die sie im Laufe der Jahre ihren Kindern angetan habe, so zum Beispiel seien sie früh in eine Krippe gegeben worden, weil sie als alleinerziehende Mutter das Geld für die Familie habe verdienen müssen. „Ich konnte ihnen nicht die nötige Bindung und Liebe geben, die sie gebraucht hätten. Und jetzt?“ Sie weinte laut auf: „Jetzt werden sie mir gegenüber immer unpersönlicher.“ Sie schluchzte: „Wie wollen wir denn einen Weltfrieden hinbekommen, wenn es nicht einmal im engsten Familienkreis klappt?“

Es stimmt, solange wir derartige persönliche Probleme mit uns herumschleppen, können wir nicht offen sein für die globalen Herausforderungen, die jetzt für uns alle anstehen: Manche reden schon vom Dritten Weltkrieg. Aber wohin man auch schaut, fast überall herrscht Unfrieden in den Familien. Ich fragte sie: „Welches Verhältnis hatte Deine Mutter denn zu Dir, als Du klein warst? Und wie ist es jetzt?“ Verwundert sah Anna mich an. „Meine Mutter“, stammelte sie, „warum?“ Dann berichtete sie, dass sie ihre nun alt gewordene Mutter nur selten sähe. Diese sei kalt und herrschsüchtig, harmonische Stunden praktisch unmöglich. Anna habe alles versucht, um Frieden zu schließen, scheitere jedoch immer wieder an deren willkürlicher Art. Tatsächlich schienen unsichtbare Mauern zwischen den beiden hochgezogen, unüberwindbar für die noch verbleibende gemeinsame Erdenzeit. Unüberwindbar? „Hast Du Kenntnis darüber, wie die Kindheit Deiner Mutter war? War sie glücklich?“ Wieder sah Anna verwundert herüber. Dann berichtete sie, dass ihre Mutter als kleines Kind die Eltern verloren hatte, und darauf jahrelang von einem Waisenhaus ins nächste gewandert sei. Erst durch ihren Mann habe sie irgendwann etwas Halt erfahren, doch ihr Leben als junger Mensch sei wohl ziemlich grausam gewesen.

Bilder zogen durch mein Bewusstsein, Bilder zahlreicher Menschenschicksale: Warum wiederholten sich die Familiengeschichten immer wieder? Warum ähnelten die Lebensläufe von Großeltern, Eltern und Kindern sich so oft, ob in glücklicher Weise oder aber auf tragische Art? Da gab es eine Menge schöner Geschichten von erfolgreichen Unternehmern, die auch ihren Söhnen die Grundregeln für Verlässlichkeit, Verantwortung, Fleiß und Disziplin wie selbstverständlich weitergegeben haben, Glück und Fortschritt blühten nicht selten auch bei den darauf folgenden Generationen auf. Doch auch Misserfolg schien sich wie zu vererben, Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Depression, Familien- oder Alkoholprobleme zogen sich nicht gerade selten wie todbringende Schrauben durch die Familiengeschichten. Und dann waren da so viele kleine missbrauchte Mädchen, oft aus engstem Familienkreise heraus gequält vom Onkel, Großvater oder Vater. Sah man genauer hin, so war es schon der eigenen Mutter so ergangen, als diese noch Kind war, und meist auch der Oma. Wie unsichtbare Fäden erschien es mir oft, welche die Akteure fest zusammenhielten, in leichtem oder schwerem Schicksal verkettet. Oft hatte ich mich gefragt: Warum wurden Unglück und Schmerz weitergegeben von den Ahnen an die Jungen? Wie konnte man dieses Verhängnis lösen? Die Antwort wurde mir durch eigenes Erleben. Auch meine Mutter hatte viel arbeiten müssen, um Geld zu verdienen. Wir vier Kinder wurden oft von fremden Leuten versorgt. Die daraus zwangsläufig resultierende Distanz spürte ich schon früh, oft zog sie sich wie ein nicht enden wollender Schmerz durch die Seele. Später, als junge Frau, hatte ich meine Mutter immer wieder mit diesem Versäumnis konfrontiert, hatte sie angeklagt, herausgefordert, gerungen um Verständnis. Doch sie hatte stets beteuert, sie habe es doch nur gut gemeint, und die Zeit sei so elend knapp gewesen. Ihre Gegenrede hatte mich mit den Jahren fuchsteufelswild gemacht, weil sie mich anscheinend nicht verstehen wollte; nur wenig hatte es allerdings auch mich interessiert, dass Mutter selbst als Kriegskind Schwerstes durchgemacht hatte. Und ihre eigene Mutter, die mit ihrer Familie aus Westpreußen vertrieben worden war, ebenso. Das Ahnenrad, drehte sich weiter, und immer klarer wurde mir, dass man etwas dagegen unternehmen müsse. So las ich in jungen Jahren psychologische Standardwerke, versuchte, den Menschen zu erkennen, wie er tickt, sah mir selbst beim Leben zu und stellte mich auf den Prüfstand: War ich eigentlich warmherzig zu anderen? Hatte ich genügend Verständnis, Liebe? War ich gerecht? Immer klarer wurde mir, dass dies alles keinesfalls zutraf: Traurig schaute die, die ich sein wollte, auf die, die ich war.

So sah ich mir die einzelnen Lebensverläufe meiner Familienangehörigen genauer an. Verwundert, mit zunehmendem Respekt vor der sich entrollenden Leistung, stellte ich fest, was die Ahnen alles durchgemacht hatten. Dass die zum Teil furchtbaren Kriegsereignisse sie geprägt, verändert hatten: Das Holzbein des Opas, über das wir Kinder uns oft lustig gemacht, erhielt eine neue Bedeutung: Eine schwere Kriegsverletzung hatte die Amputation notwendig gemacht, Opa sei dadurch gebrochen, schwach geworden, hatte es geheißen. Und die übertriebene Existenzangst Omas war dem Schicksal als Vertriebenenfamilie geschuldet: Als Flüchtlinge hatten sie demütigende Situationen bewältigen müssen, Hunger, Kälte, Angst waren lange Zeit ihre Begleiter gewesen. Je mehr ich zu verstehen begann, umso deutlicher erkannte ich auch: Sie alle, die Betroffenen, sprachen so gut wie niemals darüber. Im Gegenteil: Sie schwiegen beharrlich. So begann ich, mit ihnen zu reden, immer wieder. Allmählich tauschten wir uns aus, vor allem Mutter und ich. Verständnis und Liebe begannen, wie zarte Pflanzen, zu wachsen. Als Mutter eines Tages weinte und – zum ersten Mal – jetzt auch meine Sichtweise verstand, war das Eis gebrochen: Wir versöhnten uns für immer, vergaben einander alles. Dies blieb so bis über ihren Tod hinaus.

All dies berichtete ich Anna. „Sprich mit Deinen Kindern, erklär Deine Situation von damals. Doch zeige ihnen vor allem auch Dein Verständnis für sie. Stell ihnen Fragen nach dem Seelenschmerz.“ Sie tat es. Sie redete mit den Kindern – und auch mit ihrer alten Mutter. Und es funktionierte. Zwar anfangs zäh, doch dann ging es immer besser. Sie tauschten sich alle aus, sprachen über Schmerz, Enttäuschung und Abwendung. Aber auch über die schönen Dinge, die sie sich einst gegeben. Schließlich war das Eis gebrochen. Neulich traf ich Anna: Sie hatte ein Enkelkind an der Hand und war glücklich. Ihre Albträume waren Vergangenheit. Anna hatte den Sprung aus dem Ahnenrad gewagt, sie war es gewesen, die den Familienbann gebrochen, die endlich für Frieden gesorgt hatte.

Ein Kommentar

  1. Ein sehr schöner Beitrag, danke! Ja: Wie soll der Weltfrieden gelingen, wenn es nicht mal in der eigenen Familie / Freundeskreis klappt?

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