Schock: Billionenlöcher in den Rentenkassen Antwort

Michael Brückner

In den Rentenkassen der OECD-Staaten dürfte in den kommenden Jahren eine addierte Lücke von über 70 Billionen Euro klaffen. Von den USA über Europa bis nach China – überall ticken höchstbrisante Zeitbomben. Was da auf uns zukommen könnte, ist weitaus beunruhigender als alle Finanzkrisen der vergangenen Jahre zusammengenommen.

 

Die von den USA ausgehende Finanzkrise, die griechische Schuldentragödie, die Folgen des Flüchtlings-Tsunamis – alles schlimm genug. Aber das ist längst noch nicht so brisant wie eine andere globale wirtschaftliche Zeitbombe. Die ungedeckten Rentenansprüche drohen die führenden Wirtschaftsnationen mittel- bis langfristig zu ersticken.

Die 20 Mitgliedstaaten der OECD schieben einen Berg von ungedeckten oder unterfinanzierten Zusagen für ihre Ruheständler in der atemberaubenden Höhe von über 70 Billionen Euro vor sich her. Das hat die Citigroup errechnet. Diese Summe stellt sogar die Staatsschulden der OECD-Länder in Höhe von knapp 40 Billionen Euro in den Schatten. »Unglücklicherweise ist dies eine Bombe, die nur langsam explodiert, sodass nie das Gefühl einer Krise aufkommt«, sagt Charles Millard, einer der Autoren der Studie.

Rentenkasse in »erbärmlichem Zustand«

Weltweit seien die staatlichen Rentensysteme in einem »erbärmlichen Zustand«, stellte der anerkannte Rentenexperte Professor Laurence Kotlikoff von der Universität Boston kürzlich in einem Interview fest. Die Situation in Staaten wie Deutschland sei zwar schon ernst, aber den USA drohe bereits in den nächsten Jahren ein wahres Fiasko. Offiziell klafft in den Vereinigten Staaten zwischen den versprochenen Rentenzusagen und ihrer Finanzierung längerfristig eine Lücke von 14 Billionen US-Dollar.

Soweit die von Washington bestätigten Zahlen. Tatsächlich aber könnte es noch viel dramatischer kommen. Kotlikoff rechnet mit einer Lücke von mindestens 26 Billionen Dollar. Die USA seien finanziell am Ende, stellt der Universitätsprofessor fest. »Und zwar nicht erst in 30 oder 50 Jahren,sondern schon heute.«

Auch China droht in gut 30 Jahren ein Rentencrash. Derzeit kommen im Reich der Mitte auf jeden Rentner etwa sieben Erwerbstätige. Aus heutiger Sicht eine sehr beruhigende Konstellation. Wenn sieben Beitragszahler die Rente eines Ruheständlers finanzieren, macht das zunächst einmal einen soliden Eindruck. Spätestens im Jahr 2050 aber werden im Schnitt nur noch 2,2 erwerbstätige Chinesen die Rente eines Seniors zahlen müssen.

In Deutschland wiederum stellt sich die Situation fast schon surreal dar. Vor wenigen Tagen kündigte die Bundesregierung vollmundig die höchste Rentenerhöhung seit 23 Jahren an. Ab 1. Juli werden die Renten im Westen um 4,25 Prozent und im Osten sogar um 5,95 Prozent steigen.

Den Ruheständlern sei dieser Zuwachs gegönnt. Sie brauchen nach den Berechnungen von Experten in den kommenden Jahren nicht um ihre Altersbezüge zu bangen. Die finanzielle Reichweite der jetzigen Form der Rentenfinanzierung wird wohl noch 10 bis 15 Jahre tragen. Dann dürften die heute handelnden Politiker selbst in Renten sein und ihre satten Ruhestandsbezüge auf Kosten des Steuerzahlers genießen.

Die Abzocke der Provisions-Ritter

Manche halten die Warnungen vor einem Rentendebakel mittlerweile für ein PR-Märchen, erfunden und erzählt von Finanzdienstleistern und Strukturvertrieben, hinter denen Milliardäre wie Carsten Maschmeyer stehen. Sie hätten mit Hilfe ihrer wissenschaftlichen Propagandisten die Bundesbürger mit ständig neuen Kassandrarufen dauerberieselt und sie in Anlageformen wie die unsägliche Riester-Rente getrieben, von denen nur die Vertriebsleute in Form von satten Provisionen profitiert hätten.

Ganz falsch ist diese Einschätzung zwar nicht. Die Finanzwirtschaft und ihre Provisions-Ritter haben an den Sorgen der Menschen um ihre Altersversorgung ohne Frage fürstlich verdient. Doch »erfunden« haben sie die Rentenkrise nicht. Die schwelt bereits seit Jahrzehnten und wird immer wieder auf geschickte Weise kaschiert.

Viele werden sich noch an das Jahr 1999 erinnern, als Gerhard Schröder mit seiner rot-grünen Koalition den amtsmüden Helmut Kohl ablöste. Ein neuer Begriff machte seinerzeit die Runde und sorgte für hitzige Diskussionen. Die neue Regierung führte die heftig umstrittene Ökosteuer ein – damals ein Lieblingsprojekt nicht nur der Grünen, die zum ersten Mal in der Bundesregierung saßen. Benzin, Gas, Strom – alles wurde teurer im Zeichen der »ökologischen Steuerreform«.

Damit sollten die Deutschen animiert werden, sparsame Autos zu kaufen, öfter mit dem Rad zu fahren und ganz allgemein sparsamer mit Energie umzugehen. Die Mehreinnahmen durch diese Steuer sollten in den Ausbau erneuerbarer Energien fließen.

Doch schon bald stand fest: Die Ökosteuer war ein dreister Etikettenschwindel. Letztlich diente die Steuer in erster Linie der Finanzierung der Rente. Raser auf der Autobahn machten augenzwinkernd hehre Ziele geltend: Sie verbrauchten mehr Benzin, um Opa und Oma die Rente zu retten.

»Tausendundeine Nacht«: Flüchtlinge retten die Rente

Mittlerweile haben sich die Deutschen an diese zusätzlichen Belastungen längst gewöhnt. Und wahrscheinlich auch daran: Jahr für Jahr überweist der Bund sage und schreibe 86 Milliarden Euro an die Rentenkasse. Da klingt es wie Hohn, wenn die Bundesregierung verlauten lässt, die umlagefinanzierte Rente bewähre sich. Umlagefinanzierung bedeutet schlicht, dass die arbeitenden Menschen mit ihren Beiträgen in die Rentenkasse die Bezüge der heutigen Ruheständler finanzieren. Damit wiederum erwerben sie einen Anspruch darauf, später selbst Leistungen aus der Rentenkasse zu erhalten.

Offenkundig funktioniert das System aber nur deshalb noch, weil der Bund hohe Milliardensummen überweist – Steuergelder also. Die umlagefinanzierte Rente bewährt sich eben nicht, vielmehr hängt sie schon seit vielen Jahren am Steuergeld-Tropf, um vor dem Kollaps bewahrt zu werden. Kein Wunder also, dass laut einer jüngst veröffentlichten Umfrage 80 Prozent der Deutschen im Alter zwischen 18 und 34 Jahren nicht mehr daran glauben, von der gesetzlichen Rente einmal leben zu können. Damit nicht genug: Auch die betriebliche und die private Rente stecken angesichts der Nullzinspolitik der EZB in der Krise.

Da kamen die Flüchtlinge im wahrsten Sinne des Wortes wie gerufen. Sie würden künftig die Rente sogar derjenigen zahlen, die heute gegen sie hetzten, lautete das gängige Agitprop-Argument. Der Ökonom und neue Chef des Ifo-Instituts, Clemens Fuest, entlarvte diese Behauptung schon vor einigen Wochen als Märchen. Diese Menschen zahlten nicht unsere Rente, stellte er mit Blick auf deren Qualifikation nüchtern fest.

Was werden die Konsequenzen dieses Desasters sein? Der Autor der Citicorp-Analyse, Farooq Hanif, rechnet mit einem »Kraftakt für Arbeitgeber, Beschäftigte und Politiker weltweit«.

Auch in Deutschland droht eine Rückkehr der Altersarmut. Schon heute gilt: Wer 2600 Euro brutto verdient und nicht mehr als 33 Jahre Vollzeit arbeitet, landet später als Rentner auf dem Sozialamt.

Doch das scheint die verantwortlichen Politiker von heute nur mäßig zu interessieren.

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http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/wirtschaft-und-finanzen/michael-brueckner/schock-billionenloecher-in-den-rentenkassen.html

 

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