Serie: Lieder unseres Volkes: „Vom Barette schwankt die Feder“

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Heinz Thum


 

 

Ein jugendbewegter
Gassenhauer

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Franz Meyers (Jahrgang 1908)
war vielleicht der populärste
Ministerpräsident des Bundeslandes
Nordrhein-Westfalen
(1958 – 1966). Als Primaner des Stiftisch-
humanistischen Gymnasiums
in Mönchengladbach (damals: München-
Gladbach) führte er 1925/27
die katholischen Gymnasiasten, die
im Bund Neudeutschland (ND) eine
jugendbewegte Lebensgestaltung
zu praktizieren versuchten. In seinen
Jugenderinnerungen notierte
Meyers: „Wenn das Wetter es zuließ,
betätigten wir uns im Freien. Ich
weiß noch, wie erstaunt unser Studienrat
zusah, als eines Tages über
200 ‚Neudeutsche’ mit mir als ihrem
Anführer über die Straße zogen, das
Lied ‚Vom Barette schwankt die Feder’
sangen und zum Geländespiel
marschierten.“
Was der Studienrat bei diesem
zum jugendbewegten Gassenhauer
gewordenen (unechten) Landsknechtslied
zu hören bekam, wollte
nicht so recht zu den marschierenden
Jugendlichen passen, die doch
fast alle aus gutbürgerlichen Elternhäusern
stammten. Meyers war immerhin
Sohn eines berittenen Polizeisergeanten.
Dieses Lied aber
prahlte nur so mit einem derb-kraftmeierischen
Landsknechtstum, das
sogar einigen jugendbewegten Idealen
zu widersprechen schien.
Der Wandervogel Heinz Thum
(1890 – 1948) hatte das Lied nach einer
Textvorlage aus dem späten 19.
Jahrhundert verfasst und komponiert
und es 1914 in einem Wandervogel-
Liederheft veröffentlicht. Quer
durch die Bünde setzte es sich nach
dem Ersten Weltkrieg schnell durch.
Von wegen Suff und Fraß
Die erste Strophe stellt den Landsknecht
als einen Kämpfer vor mit
einem Wams „zerfetzt von Hieb und
Stich“ und mündet in den Kehrvers:
„Stich und Hieb und ein Lieb muss
ein Landsknecht haben.“ Liebschaften
und Poussiererei waren in den
meisten Jugendbünden, so auch in
der Schülerorganisation „Neudeutschland“,
verpönt – und trotzdem
sang man das mit Begeisterung.
In der zweiten Strophe wurden
die Wünsche der Landsknechte
auf „Suff und Fraß“ erweitert, in
Strophe 3 auf „Ruhm und Beute“.
Die Abrundung des Landsknechtslebens
bringt Strophe 4: „Landsknechtleben,
lustig Leben in der
Schenke Tag und Nacht! Sitzt ein fader
Kerl daneben, der nicht singt
und der nicht lacht: Schmeißt ihn
raus, reines Haus muss ein Landsknecht
haben.“

dddd

Bekanntlich verzichteten die
meisten jugendbewegten Bünde auf
Alkohol und Nikotin. Viele von der
Jugendbewegung erfasste junge
Menschen entsagten generell (im
Sinne der Lebensreform) diesen Genussmitteln,
so auch Franz Meyers
(der erst als Verbindungsstudent
diese strenge Haltung aufgab). Und
von wegen „in der Schenke Tag und
Nacht“ bekannte Meyers über seinen
Alltag als höherer Schüler und
NDer: „Rekapituliere ich den Ablauf
einer Woche von damals, so hatte
ich an den Nachmittagen montags
in ‚Neudeutschland’ Fähnlein;
dienstags (ND-)Ortsgruppe, mittwochs
15 Uhr Orchesterprobe, 17
Uhr Turnen im Gymnasialturnverein,
donnerstags Fußballtraining,
freitags Leichtathletik und samstags
Turnverein.“
Eine 1929 erschienene Liedsammlung
„Lieder der bündischen Jugend“
weist im Vorwort auf das Ergebnis
einer Erhebung hin, wonach das „Marsch-, Soldaten- und Landsknechtslied“
im bündischen Singen
der späten 1920er-Jahren überwiegt.
Mit Bedauern stellt der Herausgeber
dieser Sammlung fest: „Sicher ist,
dass das ‚Radaulied’ der gegenwärtigen
bündischen Gesamthaltung
eher gerecht wird als das musikalisch
bessere, aber ‚schwunglosere’
Lied.“ So ist es folgerichtig, dass er
„Vom Barette schwankt die Feder“
nicht in die Sammlung aufgenommen
hat. Immerhin gibt es für ihn
noch schlechtere nachempfundene
Landsknechtslieder. Etwa jenen Gesang,
in dem es heißt: „Wenn die
Landsknecht trinken, sitzen sie in
Klumpen, wenn die Sternlein blinken,
schwingen sie die Humpen.“
Wie war das
Landsknechtsleben?
In den meisten „neuen“ Landsknechtsliedern
wurde der Landsknecht
romantisch stilisiert, seine geschichtlich-
soziale Realität verblasste
dagegen. Diese war in den „echten“
Landsknechtsliedern der bündischen
Liedsammlungen durchaus
noch ablesbar. So etwa in „Gott gnad
dem großmächtigen Kaiser frumme“.
Da muss der Landsknecht
„Schnee, Regen, Wind, alles achten
geringe und hart liegen“ und kämpfen,
„bis ein’m rinnt’s Blut in d’
Schuch“. Der Erfinder dieses Liedes
(1530), Jörg Graff, wurde durch Verwundung
ein Invalide. Zur sozialen
Ächtung, der Landsknechte sich oft
ausgesetzt sahen, kam in seinem Falle
nun die bittere Armut. Und dennoch
hing Graff am Landsknechtsleben:
„Wär sunst im Orden blieben
willig bis Es war der jeweilige Grundzug
einer solchen Leitgestalt (des Scholaren,
des Landstreichers, des Zigeuners,
des Landsknechts), der die entsprechenden
echten oder nachempfundenen
Lieder bei den Jugendbewegten
(zwischen Pubertät und
Postpubertät) so beliebt werden ließ.
Man fühlte sich angesprochen von
dem Grundzug einer Lebensweise,
die in ein „Draußen“ führte, das im
Kontrast stand zu den Sicherheiten,
Bequemlichkeiten und Verweichlichungen
der Lebenswelt, aus der
die Jugendbewegten kamen. Mochte
es in den Einzelheiten noch so viele
Unterschiede geben, singend berührte
man den vermeintlichen Wesenskern
der besungenen Gestalten.
Innerbündische Kritik an manchen
Liedern (sei es am Text oder
an der Melodie) konnte zu Änderungen
oder Ergänzungen führen.
So erhielt „Vom Barette schwankt
die Feder“ eine neue abschließende
Strophe, die das lustige Sauf-Leben
relativierte. Unter Anlehnung an
Motiv echter Landsknechtslieder
hieß es nun: „Sollten wir einst liegen
bleiben in der blutdurchtränkten
Schlacht, sollt ihr uns ein Kreuzlein
schreiben auf dem tiefen, dunklen
Schacht. Mit Trommel viel und Pfeifenspiel
sollt ihr uns begraben.“
In den meisten Liederbüchern
nach 1945 fehlt diese Strophe. So
auch in der voluminösen Liedsammlung
„Deutsche Lieder“ von
Professor Ernst Klusen, die dieser
als einen repräsentativen historischen
Querschnitt verstanden wissen
wollte: als Antworten des Menschen
auf die Herausforderungen
der jeweiligen Zeit.

NZ 05-14

 

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