Serie: Lieder unseres Volkes: „Es ist für uns eine Zeit angekommen“

.

Die Herzen von Jung und

Alt eroberte sich in der

zweiten Hälfte des 20.

Jahrhunderts das Lied „Es ist für

uns eine Zeit angekommen“. Auch

in der diesjährigen Vorweihnachts und

Weihnachtszeit wird es in vielen

Feierstunden erklingen. Es besingt

die „große Freud“ der winterlichen

Wochen, wie sie sich bei einer

Schneewanderung durch „die weite,

weiße Welt“ einstellen kann.

Überaus wohltuend ist die Ruhe:

„Es schlafen Bächlein und See unterm

Eise, es träumt der Wald einen

tiefen Traum. Durch den Schnee,

der leise fällt, wandern wir …“ Die

märchenhaft verzauberte Landschaft

erfüllt ein tiefer Friede: „Vom

hohen Himmel ein leuchtendes

Schweigen erfüllt die Herzen mit

Seligkeit. Unterm sternbeglänzten

Zelt wandern wir …“

Romantische Motive! Es klingt

eine Naturfrömmigkeit an, die sich

fast ganz von der christlichen Sphäre

gelöst hat. Das innig-stimmungsvolle

Lied geht auf eine christliche

Liedtradition zurück und ist vom

Berliner Komponisten und Musiklehrer

Paul Hermann (1904 – 1970)

im Zweiten Weltkrieg umgeschrieben

worden, wobei er die überlieferte

Melodie nur ganz leicht bearbeitet

hat. Hermann lag damit auf

der Linie jener Experten und Praktiker

der Liedpflege, die damals mit

einem gewissen Opportunismus

dem nationalsozialistischen Zeitgeist

folgend, christliches Liedgut

ersetzen wollten. Doch Hermann

vertonte auch Lieder christlichen

Inhalts, zum Beispiel Mörikes Gedicht

„In ihm sei’s begonnen“ oder

Novalis’ Marienlied „Ich sehe dich

in tausend Bildern“.

Ursprung

in der Schweiz

Für sein Weihnachtslied hatte Hermann

auf ein Lied aus dem Wiggertal

bei Luzern zurückgegriffen,

dessen 1. Strophe so lautete: „Es ist

für uns eine Zeit angekommen, es

ist für uns eine große Gnad’. Unser

Heiland Jesus christ, der für uns

Mensch geworden ist.“ Strophe 2

deutet die Krippenszene aus, Strophe

3 geht auf die heiligen drei Könige

ein. Die Melodie wurde als alter

„Sterndrehermarsch“ eingeordnet.

Ein Lied also, zu dem Erwachsene,

Jugendliche und Kinder nach

altem Brauch verkleidet und mit einem

selbst gebastelten Stern von

Hof zu Hof, von Haus zu Haus zogen

und nach dem Gesang des

frommen Liedes Gaben erwarteten.

Das alte Schweizer Dreikönigslied,

das Hermann so gänzlich umgeschrieben

hatte („Kontrafakturverfahren“,

in der Musiktradition

alles andere als unüblich), wurde

aber keineswegs in unserem

Sprachraum ganz verdrängt. Man

stößt zum Beispiel in einem Liederbuch

für die evangelische Jugend

in der DDR („Singt und klingt“, 2.

Aufl. 1964) darauf. Auch in gottesdienstlichen

Feiern beider Konfessionen

erklang es ab und zu in allen

Teilen unserer Kulturnation. Außerdem

bürgerte sich hie und da der

Brauch ein, auf die drei Strophen

Hermanns die erste Strophe des

Sterndreherliedes folgen zu lassen,

um so die schöne Umdichtung Hermanns

in einen christlichen Zusammenhang

zu stellen.

Anderes Schicksal als

„Hohe Nacht der klaren

Sterne“

Diese Kombination ließ sich bei

Hermanns Lied gut anwenden. Es

enthielt nichts, was typisch für die

NS-Ideologie gewesen wäre, und

überlebte so mühelos das Katastrophenjahr

1945. Kaum jemand wusste

etwas über die Textentstehung.

Daher regte sich, wo auch immer

Hermanns Lied gedruckt oder gesungen

wurde, kein „antifaschistischer“

Protest.

Als Gegenbeispiel nehme man

Hans Baumanns „Hohe Nacht der

klaren Sterne“, das nach den Vorstellungen

radikal-neuheidnischer

Nationalsozialisten (und ihrer opportunistischen

Nachbeter) das in

aller Welt als typisch deutsch geltende

„Stille Nacht, Heilige Nacht“

verdrängen sollte. Ein fragwürdiges

Unterfangen, wenn man bedenkt,

wie sehr „Stille Nacht, heilige

Nacht“ von vielen Millionen deutscher

Menschen verinnerlicht worden

ist. Nach 1945 erhob sich der

anklagend-mahnende „antifaschistische“

Zeigefinger gegen Baumanns

Lied. Dennoch wurde es

weiter in manchen Liederbüchern

abgedruckt und verschwand auch

nicht ganz aus der Singepraxis der

Weihnachtszeit.

Es gibt ein in der NS-Zeit entstandenes

Winter-/Weihnachtslied

(Text und Weise: cesar Bresgen)

das in den Motiven Paul Hermanns

Lied ähnelt. Es hat das Jahr 1945

ebenfalls überstanden und ist in

den Nachkriegsjahrzehnten noch

lange in Jugendgruppen und Schulen

gesungen worden, wenn die

Führer oder Lehrer ein Gespür für

die Eingängigkeit dieses Liedes hatten.

Es ist als ein Lied des Winter –

ansingens gedacht, so wie alte und

neue Lieder für das Sommeransingen

im großen Fundus unserer Jugend-

und Volkslieder zu finden

sind. „So singen wir den Winter an

…“ geht in Strophe 2 zur verschneiten

Winterlandschaft über: „… und

fern vom Himmel kommt ein Licht

und geht durch alle Wälder“. Strophe

3 verweist auf die Weihnachtsfreude:

„Das Licht wird hell und

geht ins Haus und scheint in alle

Herzen, wir hol’n den Baum vom

Wald heraus mit seinen tausend

Kerzen. Eia, eia, hell soll das Licht

uns leuchten.“

.

NZ 51-2013.

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