Update: Serie: Lieder unseres Volkes: „Maria durch ein Dornwald ging" 1

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Im bekanntesten Wandervogel-Liederbuch, dem „Zupfgeigen-hansl“ (1908 in Erstauflage erschienen), findet sich ein Lied, das von den Adventsfeiern der Wandervögel her über Jahrzehnte bei den Jugendbewegten und weit über ihre Kreise hinaus weite Verbreitung fand: „Maria durch ein Dornwald ging“. Hans Breuer und seine Mitarbeiter hatten es in das Kapitel „Geistliche Lieder“ aufgenommen. Maria durch ein Dornwald gingAuf den ersten Blick mag es verwunderlich erscheinen, dass im überwiegend protestantisch geprägten Wandervogel Marienlieder gesungen wurden; im „Zupfgeigen-hansl“ standen aber gleich mehrere. Und das, obwohl damals weithin die Gegensätze zwischen Katholiken und Protestanten oft noch recht scharf herausgekehrt wurden und zahlreiche dumme Vorurteile über die jeweils andere Konfession kursierten.

Faszination Mittelalter

Für „Maria durch ein Dornwald ging“ wurde in späteren bündischen Liederbüchern als Herkunft meistens „Aus dem Eichsfeld“ abgedruckt, also auf jene katholische Exklave in Mitteldeutschland verwiesen, deren tiefe Marienfrömmigkeit beim Deutschlandbesuch Papst Benedikts Millionen Zuschauern durch die Fernsehübertragung einer Marienandacht nachvollziehbar gemacht wurde.

Im Wandervogel sah man „Maria durch ein Dornwald ging“ als ein Lied an, dessen Aussage, Wortwahl und Melodie sehr alt zu sein und aus dem späten Mittelalter oder der frühen Neuzeit herzukommen schienen. Die Wandervögel hielten nichts von der aufklärerischen Abstempelung des Mittelalters als einer finsteren Ära. Sie glaubten vielmehr, es reichten so manche wertvolle Bestandteile einer mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Volkskultur bis in ihre Gegenwart hinein, man müsse viel Verdecktes und Verborgenes nur auffinden. So sammelte man z. B. Volkslieder (wobei man den Begriff sehr weit fasste). „Maria durch ein Dornwald ging“ wurde als ein Volkslied geistlichen Charakters verstanden, in dem das deutsche Gemüt sich besonders innig und schön ausdrückte.

Was die jugendbewegten Volksliedsammler bei diesem Lied faszinierte, war der schlichte und kernige Glaube der Vorfahren, der hier anklang. Das Lied griff einen biblischen Erzählvorgang auf, den die Gottesdienstbesucher im Jahresturnus vorgetragen bekamen: Die Wanderung der schwangeren Maria

übers Gebirge, um ihre Base Elisabeth zu besuchen. Der unbekannte Textdichter unseres Liedes lässt die Gottesmutter durch eine seltsam verwandelte Landschaft ziehen. Nicht durch einen jüdischen oder deutschen Wald in gebirgiger Gegend,
sondern durch einen Wald von Rosensträuchern, der seit sieben Jahren (die Sieben als eine Glücks- und Unglückszahl im Volksglauben!) nur Dornen, aber kein Blattwerk und keine Rosen getragen hat.
Dieser Dornwald verweist auf Krankheit, Not und Elend.

Als Maria das göttliche Kind in ihrem Leibe durch diesen Wald trägt, vollzieht sich ein Rosenwunder: „Da haben die Dornen Rosen getragen . “ Seit dem Mittelalter war die Rose (insbesondere die Pfingstrose in ihrer Schönheit) ein Attribut der Himmelskönigin Maria. Sie war die Rose ohne Dornen. (Die Rosen des Paradieses hatten einer Legende gemäß keine Dornen.) Maria in einem Paradiesgärt-lein – dieses Bild der von herrlichen Rosen umgebenen Maria war den Gläubigen seit dem Mittelalter von zahlreichen künstlerischen Darstellungen her bekannt.

Heil für die Welt

Die Botschaft dieses Liedes: Das göttliche Kind bringt der heillos-unseligen Welt die Erlösung, und Maria ist es, die an diesem Heilswerk mitwirkt. Das Lied hat aber keine falsche marianische Ausrichtung. Es macht die Rangfolge klar: „Jesus und Maria“. Und in jeder Strophe wird dies durch Einfügung des uralten griechischen Einsprengsels aus der lateinischen Messliturgie verdeutlicht: „Kyrie eleison“ (= Herr, erbarme dich unser).

Ohne die Vermittlungstätigkeit der Wandervögel und der späteren Bündischen sowie der aus ihren Reihen hervorgegangenen Persönlichkeiten aus Bildung, Erziehung und Medienwesen hätte dieses Lied sich nicht so eindrucksvoll durchsetzen können: von stilvollen Feiern in Bünden, Vereinen und Schulen über das „Offene Singen“ (zur Adventszeit viele Jahre lang sehr beliebte Rundfunkübertragungen) bis zum festen Bestandteil des christlichen Gemeindegesangs in Advents- und Weihnachtszeit. Letzterem wird nun auch dadurch Rechnung getragen, dass dieses Lied in die Neubearbeitung des katholischen Einheitsgesangbuches für die Bistümer deutscher Sprache („Gotteslob“) aufgenommen wird.

Manch anderes Advents- und Weihnachtslied unserer geistlichen Volksliedtradition ist in den letzten Jahrzehnten musikalisch aufge-peppt, verschlagert, verjazzt worden

–    auch als Teilerscheinung einer Kommerzialisierung dieser Festzeit. Bei der Melodie „Maria durch ein Dornwald ging“ will das nicht recht gelingen, das Lied sperrt sich geradezu gegen solche Experimente. Es verweist in tiefere Bereiche unserer weltlichen und geistlichen Existenz. Lied- und Instrumentalsätze zu diesem Adventslied sind also danach zu bewerten, ob sie es schaffen, die tröstende Botschaft in einer oft trostlos wirkenden Zeit den Herzen heutiger Menschen nahe zu bringen.

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aus National-Zeitung 49-13

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