176 Jahre Einigkeit und Recht und Freiheit

Faksimile der Handschrift Hoffmanns. Das Original liegt in Krakau Foto: Wikimedia gemeinfrei

Faksimile der Handschrift Hoffmanns. Das Original liegt in Krakau

Heute vor 176 Jahren, am 26. August 1841, verfaßte August Heinrich Hoffmann von Fallersleben das „Lied der Deutschen“. Seitdem hat es unsere Geschichte in ihren Höhen und Tiefen begleitet – und es spiegelt auch die Ambivalenz der deutschen Nationalbewegung wider. Fast jede politische Bewegung der vergangenen 175 Jahre hat sich des Liedtextes und seiner Melodie bedient, teils vollständig, teils nur in Ausschnitten, teils durch Totschweigen.

Der 1798 geborene August Heinrich Hoffmann, der sich selbst nach seinem Geburtsort halb spöttisch Hoffmann von Fallersleben nannte, war 1841 bereits ein bekannter Lieddichter („Winter ade, scheiden tut weh“, „Alle Vögel sind schon da“, „Kuckuck, Kuckuck, ruft’s aus dem Wald“). Als Literaturprofessor in Breslau war er Teil des politischen Vormärz und trat in seinen zeitgleich zum Deutschlandlied erschienenen „Unpolitischen Liedern“ für ein liberales und national geeintes Deutschland ein.

Hoffmann schrieb das Deutschlandlied am 26. August 1841 auf der damals britischen Insel Helgoland. Es wurde von Heinrich Julius Campe (der auch die Schriften Heines und anderer Vormärzdichter herausgab) verlegt und im Oktober desselben Jahres zu Ehren des badischen Staatsrechtsprofessors Karl Theodor Welcker in Hamburg vor Streit’s Hotel auf dem Jungfernsteig unter Fackelschein und Beteiligung einer großen Menschenmenge uraufgeführt.

 Monarchietreue Melodie, liberaler Text

Die Öffentlichkeit stand 1841 unter dem direkten Eindruck zweier politischer Ereignisse: einmal der sogenannten „Rheinkrise“ infolge der zwischen 1839 und 1841 erhobenen Forderungen der französischen Regierung Adolphe Thiers nach der Rheingrenze als östlicher Grenze Frankreichs, zum anderen dem Kampf gegen die 1840 im Königreich Hannover erlassene Verfassung, deren liberalerer Vorläufer 1833 aufgehoben worden war. Pressefreiheit, Verfassungsstaat und deutsche Einigung waren die Themen auf der Tagesordnung der politischen Diskussionen.

Besonders die Rheinkrise fand in einigen politischen Liedern der Zeit Beachtung, wie etwa in Max Schneckenburgers „Wacht am Rhein“ oder Nikolaus Beckers Gedicht „Der deutsche Rhein“. Politische Lieder waren Mitte des 19. Jahrhunderts gängige Mittel der politischen Auseinandersetzung, und so reiht sich das Deutschlandlied in die Reihe solcher Lieder und Gedichte der Zeit ein.

Textlich war es eine Hymne der national-liberal-konstitutionellen Bewegung, durch seine Verbindung mit der Melodie von Joseph Haydns Kaiserquartett gewann es jedoch den Charakter einer auch königsfreundlichen Hymne: Haydns Melodie hatte bereits 1797 mit dem Text „Gott erhalte Franz den Kaiser, unsern guten Kaiser Franz“ eine Verwendung als patriotisches Lied im Gefolge der Revolutionskriege gegen Frankreich gefunden. Das Kaiserquartett hatte damals – quasi als Anti-Marseillaise – die Bindung der österreichischen Untertanen an ihren Kaiser Franz vor dem Hintergrund der heranrückenden napoleonischen Armeen stärken sollen. Die Zeitgenossen verbanden mit der Melodie also eine dezidiert antifranzösisch-habsburgfreundliche Prägung.

Die Ambivalenz des Deutschlandlieds

In Hambach 1832 wurde noch die republikanische Marseillaise gesungen, 1841 setzte Hoffmann im Gefolge der Rheinkrise jedoch eine antifranzösische Note und stellte sein Deutschlandlied in die Tradition des alten Reiches vor 1806 und den damaligen Abwehrkampf gegen Frankreich. Die Kombination der liberalen Dichtung mit der dezidiert kaiserlichen Melodie Haydns war ein kluger Schachzug, um Kleinstaaterei und innere politische Zerrissenheit der Richtungen innerhalb der Nationalbewegung zu überwinden. Der Gegensatz zwischen monarchietreuer Melodie und liberalem Text prägte also bereits die Entstehung des Deutschlandliedes.

Ganze 15 Mal kommt das Wort „deutsch“ und „Deutschland“ vor: als Bezeichnung der Herkunft (Strophe 2: „Deutsche Frauen, deutsche Treue“), als – den damaligen Gegebenheiten entsprechende – räumliche Einordnung (Strophe 1: „Von der Maas bis an die Memel“) sowie als Ziel und Bekräftigung eines politischen Programms (Strophe 3: „Einigkeit und Recht und Freiheit“) mit der direkten Aufforderung zur Teilnahme: „Danach laßt uns alle streben“.

Das Lied der Deutschen trägt alle Gegensätze des Vormärz in sich und versucht diese durch den Appell „über alles“ im größeren Ganzen aufzuheben: Einerseits die Forderung nach dem liberal-aufgeklärten Verfassungsstaat, andererseits die romantische Rückbesinnung auf historisch Überkommenes und organisch Gewachsenes; hier Volksrepräsentation und Staatsvertrag, dort Kaiser und Reich, hier christlich-germanische Ursprünge, dort Rationalismus und Vernunftreligion. Das Deutschlandlied enthält ambivalente Aussagen und bildet als Ganzes eine Synthese, einen festlichen „Ausdruck unserer vaterländischen Gefühle“, wie Friedrich Ebert später schreiben sollte.

Keine große Bedeutung für die „48er“

In der 1848er Bewegung kam das Lied wenig zum Zuge, zumal es durch die getragene Melodie nur wenig kämpferisch und revolutionär war. Nach 1849 hingegen standen andere Lieder im Mittelpunkt der offiziellen Politik, und die preußische Königshymne „Heil dir im Siegerkranz“ wurde 1871 zur Hymne des Bismarckreiches. Erst nach Bismarcks Abgang trat das Deutschlandlied wieder mehr in den Vordergrund und erhielt – dem Geist der Zeit entsprechend – eine andere Gewichtung, indem es aus seinem historischen Entstehungskontext heraustrat: 1890 wurde es bei der Übergabe Helgolands gegen Sansibar gesungen, und so fand das „Deutschland über alles“ zum ersten Mal seinen Platz im Rahmen nationalistischer Expansion und Verklärung.

1901 wurde es bei der Einweihung des Bismarckdenkmals vor dem Reichstag intoniert und 1906 bereits im Brockhaus als Nationalhymne genannt. 1914 am Vorabend des Ersten Weltkriegs war es eines der populärsten politischen Lieder und erhielt im Krieg am 11. November 1914 durch einen nüchternen Heeresbericht seinen Platz im Topos nationalistischer Verklärung: „Westlich Langemarck brachen junge Regimenter unter Gesange ‚Deutschland, Deutschland über alles‘ gegen die erste Linie der feindlichen Stellungen vor und nahmen sie.“

Lag zuvor der Schwerpunkt des Liedes auf dem nationalliberalen Programm des Vormärz, so trat durch die Betonung der ersten Strophe bis 1914 und die Verbindung mit dem Gedanken des Opfers für das Vaterland eine eher national-expansionistische Ausrichtung hinzu, die sich sehr gut mit dem romantischen Grundmotiv des Liedes kombinieren ließ.

Daß das Lied der Deutschen als Ganzes in Abgrenzung zum revolutionären Frankreich der Jahre nach 1789 auch eine Synthese sein wollte, um politische und kulturelle Gegensätze in seinen drei Strophen als Ganzheit aufzuheben, wird heute oft übersehen: Es vereint den historisch-kulturell geprägten Vaterlandsbegriff in den Sprachgrenzen von 1841 mit der romantisch-traditionellen Sicht auf das organisch Gewachsene, die programmatische Forderung nach Verfassungsstaat, politischer Einheit und bürgerlicher Freiheit mit dem Gedanken der monarchischen Einheit des Alten Reiches. Damit stiftet das Lied der Deutschen bis heute eine wichtige Identifikationsgrundlage.

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