Eine andere Seite der deutsch-jüdischen Vergangenheit

Als der amerikanische Journalist John Sack 1994 den ehemaligen Kattowitzer Geheimpolizisten Salomon Morel in seinem Buch „Auge um Auge“ bloßstellte, brach in Deutschland eine heftige Debatte darüber los, ob Sacks Buch in Deutschland erscheinen dürfe.

Morel war nämlich nach 1945 Kommandant des berüchtigten Internierungslagers Schwientochlowitz in Oberschlesien gewesen, in dem durch Hungertod, Seuchen und grausige Folterungen über 1 500 Häftlinge, darunter viele Kinder und Frauen, zu Tode gekommen waren. Die Insassen waren überwiegend deutsche Oberschlesier, die nicht rechtzeitig aus ihrer Heimat geflohen und so in die Hände der polnischen und sowjetischen Behörden geraten waren.

Morel, damals Offizier der kommunistischen polnischen Geheimpolizei, habe sich als polnischer Jude an den Deutschen, deren er habhaft werden konnte, für die Shoah und die deutsche Besatzung gerächt, so Sack.

Polen und Deutsche. Gab es, wie Sack in seinem Buch damals andeutete, eine jüdische Verantwortung für stalinistische Verbrechen? Oder verbreitete Sack, selbst Jude, „Antisemitismus“, wie ihm damals der Schriftsteller Arno Lustiger vorwarf, weil er ausgerechnet hatte, daß polnische Juden im kommunistischen Geheimdienst Polens unmittelbar nach dem Krieg überproportional zahlreich vertreten waren?

Die These, wonach der Stalinismus eine Art jüdisches Komplott war, ist auch in Osteuropa sehr populär. Obwohl Sacks Buch inzwischen auch ins Polnische übersetzt ist und in Oberschlesien in Windeseile vergriffen war, hat man in Polen nie versucht, die Verantwortung für die Greuel von Schwientochlowitz auf ein jüdisches Konto zu buchen. Leicht wäre es gewesen, denn Morel war bekennender Jude und ging regelmäßig in die Synagoge. Doch nach den intensiven Debatten über den Kommunismus und die Vertreibung der Deutschen, die in den letzten Jahren in Polen stattgefunden haben, war den meisten klar: Was damals in Lagern wie Schwientochlowitz, Potulitz und Lamsdorf geschah, war unabhängig von der Nationalität und vom Glauben einzelner Beteiligter eine Angelegenheit zwischen Polen und Deutschen. Die polnischen Behörden haben Morel daher behandelt, wie sie auch den polnischen Kommandanten von Lamsdorf bei Oppeln behandelt haben. Gegen letzteren war bereits in den fünfziger Jahren ein Freispruch ergangen, weil so das Gericht die Beweise für die ihm vorgeworfenen Grausamkeiten nicht ausgereicht hätten. Czeslaw Geborski, so sein Name, soll damals Häftlinge gefoltert und umgebracht haben. Beim Brand einer Häftlingsbaracke soll er den Wachmannschaften befohlen haben, auf die aus dem Feuer fliehenden Menschen zu schießen. 48 starben im Kugelhagel. Inzwischen wurden entsprechende Beweise aus Deutschland nachgeliefert und Geborski, der bis heute als Rentner in Kattowitz lebt, vorgehalten.

1995 entzog er sich der Strafverfolgung durch Flucht nach Israel, wo er bis heute lebt und mehrfach erklärte, die Vorwürfe gegen ihn seien unhaltbar und stellten eine Rachekampagne polnischer und deutscher Antisemiten gegen ihn dar. Nun hat die israelische Justiz den Schlußpunkt unter die Angelegenheit gesetzt. Wie das polnische Justizministerium mitteilte, hat Israel es abgelehnt, Morel auszuliefern.

Nach polnischem Recht waren seine Taten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die in Polen nicht verjähren. Morel habe als Lagerkommandant den Tod von insgesamt 1 538 Deutschen verursacht, so die polnische Justiz.

Alleiniges Kriterium sei für ihn dabei gewesen, daß seine Opfer Deutsche waren. Doch Israel liefert seine Bürger nicht aus. Das mußte auch schon die litauische Justiz erfahren, die sich um die Auslieferung ehemaliger Mitglieder des stalinistischen Geheimdienstes und Staatsanwälte bemüht, die nach dem Zusammenbruch des Sowjetsystems nach Israel flohen und dort die israelische Staatsbürgerschaft annahmen. Israel sieht sich als Heimstatt aller Juden und dem, so eine israelische Zeitung, widerspreche eine Auslieferung.

Nach polnischen Quellen hat die Ablehnung prosaische Gründe: Morels Taten seien nach israelischem Recht verjährt. Wie auch immer: Als Verbrechen gegen die Menschlichkeit kann die israelische Justiz sie nicht eingestuft haben, denn diese verjähren nicht.

Morel wird seinen Lebensabend friedlich in Israel verbringen können. Nichts deutet darauf hin, daß ihm dort ein Prozeß droht.

Sabine Nauhaus

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