Oktober 1932: Die Geschichts-Not und die Gefahr der Barbarei…v. Prof. Dr. Eugen Rosenstock…Teil 2

Prof. Eugen Rosenstock-Hussey:

Wissenschaft an der Wende

Die Geschichtsnot und die Gefahr der Barbarei

Oktober 1932

v. Prof. Dr. Eugen Rosenstock

Teil 1 ist hier zu lesen

http://deutschelobby.com/2012/02/26/die-geschichtsnot-und-die-gefahr-der-barbarei/

Die Völker des Menschengeschlechts wollen in dieser Weltkrise wissen, weshalb sie anders sind als die anderen und ob sie anders bleiben sollen! Der Deutsche und der Franzose, der Russe und der Engländer, der Adlige und der Bauer, der Jude und der Christ, der Romane und der Germane, sie wollen wissen, was von ihren Unterschieden, was an ihnen selber in Gebärde und Blick, in Schulterhaltung und Handbewegung, in Profil- und in Schädelbildung, in männlicher Denkweise und in weiblicher Sitte unveränderlich und angeboren, was vergänglich, geschichtliche Angewohnheit und was mühsam errungene und verantwortlich fetzuhaltende, geschichtliche Leitstung ist.

Für jeden Freier einzeln aber für die Nation  im Ganzen wird zum Beispiel Inzucht oder Brautfahrt in die Ferne die Schicksalsfrage für die Vererbung ihrer erworbenen Eigenschaften. Wenn der Deutsche arbeitsam bis zum Übermaß, gründlich und gewissenhaft bis zur Pedanterie, ruhig und unaufgeregt bis zur Gleichgültigkeit, gelehrt und formlos den anderen Völkern gegenübersteht, die in ihm zu seiner eigenen Verwunderung in erster Linie den unbesieglichen Krieger und Soldaten sehen, so will er wissen, ob er mit diesen Eigenschaften einen bleibenden geschichtlichen Auftrag seines Volkstums erfüllt oder wie weit ihm nur vorübergehende geschichtliche Lagen andere ebenso wertvolle Eigenschaften wie die volkstümliche Rede oder den politischen Sinn oder den Glanz der Form vorenthalten haben. Ahnenfluch und Ahnensegen lasten so auf Völkern, wie auf dem einzelnen und fordern Deutung.

Die Geschichte der Völker als der Pflanzstätten bestimmter Menschenarten, als der Gartenbeete der Menschheit, wird von den Augen jener Zuschauer gesucht, die wir so oft heute auf die Ausgrabungen der Prähistoriker starren sehen.Und weshalb lesen wir den so gern Biographien? Doch wohl, damit wir einen geistigen Ahnherrn unseres eigenen Lebens in irgendeinem Zuge des Helden wiederfinden können.

Was ist der berechtigte Kern der so angeschwollenen Kulturgeschichte? Der Respekt vor den Festen, die wir heute feiern, vor den Sitten, die uns heute das Leben menschlich machen, vor der Weisheit im Zusammenleben der Arbeit und des Kriegs, des Gesetzemachens und des Friedenschließens, die uns heute in so seltsamer Weise abhandengekommen ist, dieser Respekt soll im Rückblick sich kräftigen. Respekt heißt ja Rückblick.

Staatsformen, Kulte, Konzilien, Kriege, Wechsel der Dynastien, Beränderung der Staatsgrenzen, das erscheint also wichtig unter dem höheren Geschichtspunkt: was für eine Menschenart ist mit ihrer Hilfe und in ihrem Gefolge ins Leben getreten?

Wie haben Väter dadurch ihre Kinder erzogen, wie haben Mütter dadurch ihre Söhne begeistert, wie haben Geschlechter dadurch ihre adlige Haltung empfangen, dass sie im Kampf für die Penaten, zur Befreiung des Heiligen Grabes, oder auf den Barrikaden für die Freiheit sich geopfert haben? Woher die Stämme und die Völker sich regenerieren und durch welches Feuer sie gehorsam und opferbereit bleiben, das ist die Frage aller Fragen. man könnte diese Frage gelehrt, aber kurz als die der „Laodizee“ bezeichnen. Wir fragen heute, wie die Völker lebendig bleiben und wie Völker lebendig geblieben sind trotz all ihrer Sünden und Greuel. Laodizee wäre also die Lehre von der Rechtfertigung und der Vergebung der Sünden der Völker, vom Lebenssinn ihrer Kriege, Krankheiten und Klassenkämpfen.  Wörtlich heißt nämlich „Laodizee“: Rechtfertigung des Volkes, und tritt damit an die Stelle einer Geschichtsschreibung, die in den letzten Jahrhunderten geherrscht hat und die ihr oberstes Ziel in der „Theodizee“, in einer philosophischen Rechtfertigung Gottes selber sah. Laodizee statt Theodizee, so lautet die Formel für den Wechsel des geschichtlichen Leitmotivs.

Wir wollen wissen, was Kirche und Staat, was Geselligkeit, Lebensvorm und Sitte, was Verhältnis der Geschlechter, Ehegesetze udn Schulordnungen dazu beitragen, damit zum Beispiel die herrschende Klasse ihren Aurtrag vollbringen kann, um Menschen zu erziehen, die mit Ehren das Ebenbild des Schöpfers heißen: das ist die wirkliche Frage, die von den Massen der modernen Arbeitswelt an ihre Lenker und Erzieher gerichtet wird.

Glühen die Völker im Schmelztiegel der Schöpfung zu diesem großen Ziele hin, damit sie das Geschöpf zum Ebenbild des Schöpers hin erschaffen? Wenn die Geschichte der Völker imstande ist, zur Schöpfungsgeschichte in diesem Sinn zu werden, nur dann wird sie der Frage lauschen, durch deren Beantwortung die unruhig gewordenen Völker sich in ihrer Ahnenreihe zurechtfinden wollen und durch die allein sie die Geduld zum Ertragen ihrer Leiden aufbringen können. Denn ein Volk, das keine Vergangenheit hat, hat keine Zukunft.

Daher der Erfolg zum Beispiel Spenglers, der die menschliche Geschichte zu einem Kapitel der Naturgeschichte zu machen versuchte. Sein Erfolg war um so berechtigter, als damals der Friede von Versailles gerade ein Stück unserer vaterländischen Geschichte an sich zu reissen und auszuschalten versuchte.

Daher aber auch das Interesse für Vererbungslehre und Biologie, die an Stelle der versagenden Kirchen- und Staatsgeschichte seit fünfzig Jahren verschlungen werden. Die dürftigsten Rassenkunden werden verschlungen, die ein schwacher Abglanz nur derGedanken Gobineaus und des „Rembrantdeutschen“ sind. Daher rührt auch mein eigenes Anliegen, die Geschichte der Völker im engeren Sinn als den Fortgang der Erdgeschichte nachzuweisen, als die Verlegung der Regeneration, der Schöpfung in  uns Menschen hinein (in meinem bisherigen Hauptwerk „Die Europäischen Revolutionen, Volkscharaktere und Staatenbildungen“, Verlag Eugen Diederichs, Jena). Die Reproduktionseinrichtungen für die modernen Nationalcharaktere des Engländers, des Deutschen, des Franzosen sind in vilkanischen Prozessen, die denen der Erdgeschichte vergleichbar sind, geschaffen worden – und diese Geschichte geht weiter! Daher die Begeisterung, die Edgar Dacqué durch sein Buch „Urwelt, Sage und Menschheit“ (Verlag R. Oldenbourg in München) erregt hat, der im Geraune des einfachen Kindergemüts wieder den Ansatz echten Geschichtssinnes verehr. Das Thema der Geschichte hat sich geändert.

Man spricht zwar gern von einem Einbruch der Barbarei; aber die neuen Barbaren wollen zu Trägern der eigentlichen geschichtlichen Vererbungslehre werden. Die Gefahr der Barbarei ist da; sie ist aber beschworen, wenn die große Unruhe im unterirdischen Strom des Völkerlebens ihre Fragen auzssprechen kann. Das Organ dieser Aussprache zu sein, ist die Ehre der Historiker.

Und der begreift die neue Geschichtsnot, der lauscht und hört, was in seinem eigenen Innern, was in den tiefsten Geschichten der eigenen Seele erschttert ist und nach neuer Schichtung und Ordnung ruft. Die Geschichtsschreibung wird mütterlich werden und vom Stammbaum des Menschengeschlechts erzählen und forschen. Dann wird das unlautere Raunen das zeichen unserer Geschichtsnot, sich legen und das Buch der Vergangenheit wird wieder gern gelesen werden als Gedenkbuch der Ahnen.

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So weit der Artikel.

Natürlich ist es nicht so einfach in die Zukunft zu blicken. Wir wissen schon längst eine Menge Dinge, die Professor Rosenstock damals nicht wissen konnte. Deswegen wirkt der Blick eines Menschen in die Zukunft im Nachhinein nie mehr so intensiv, wenn diese Zukunft seinen futuristischen Blick einmal überholt hat. Deswegen kann das Schlusswort zu einem solchen Artikel auf die zukünftigen Generationen nicht mehr so viel Faszination ausüben, wie auf die Zeitgenossen des Autors.

Die große Faszination des Artikels auf den heutigen Leser ist aber, dass wir heute genau vor denselben Fragen stehen: Wir leben wieder eine Zeit des „Geschichtsnots“.

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Eugen Moritz Friedrich Rosenstock-Huessy (* 6. Juli 1888 als E. M. F. Rosenstock in Berlin-Steglitz; † 24. Februar 1973 in Norwich, Vermont, USA) war ein deutscher und amerikanischer Rechtshistoriker und Soziologe, dessen lebenslanges Forschen weit gespannt war, zudem aber auch der lebendigen Sprache galt. Er war jüdischer Herkunft und ließ sich 1905 evangelisch taufen. Einige Aufsätze in der katholischen Zeitschrift Hochland (1931/32) zeichnete er mit dem Pseudonym Ludwig Stahl.

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