Die Politik ist nun endgültig durchpädagogisiert. Gerade die Deutschen gefallen sich in 150-prozentigem Corona-Gehorsam

 

Die Debatte über den richtigen Umgang mit dem Coronavirus spaltet unsere Gesellschaft . Aber weshalb dominiert auf einmal die Fiktion, man könne dieses eine Risiko zu hundert Prozent besiegen?

Im März 2016 schrieb Nikolaus von Bomhard, damals Vorstandsvorsitzender des weltgrössten Rückversicherers Munich Re, einen bemerkenswerten Aufsatz in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Er befasste sich darin mit Fragen der Risikoanalyse für komplexe moderne Gesellschaften. In Bomhards Text standen viele wahre Sätze, zum Beispiel zur Wahrscheinlichkeit von Pandemien: «Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein entsprechend gefährliches Virus und die ‹richtigen› Umstände zusammentreffen.» Ob die Vorsorgemassnahmen der westlichen Länder im Lichte dieser frühen Einsicht ausreichend waren, wird man nach der gegenwärtigen Krise kühl bilanzieren müssen.

Bomhard formulierte einen wichtigen Gedanken: Für manche Risiken – das Coronavirus ist gerade das beste Beispiel – stehen nur wenige Informationen zur Verfügung. Deshalb müssen politisch Verantwortliche ihre Entscheidungen in Unsicherheit treffen – mit der Unterstützung von Fachleuten, aber, so Bomhard, auch auf der Basis ihrer eigenen Intuition: «Bauchgefühl ist eine grundlegende Kompetenz und darf durchaus Bestandteil eines professionellen Risikomanagements sein. Der gesunde Menschenverstand ist zu erstaunlichen Leistungen fähig, wenn es um Risikoeinschätzung geht.»

Welche Gesellschaft wollen wir sein?

Der «gesunde Menschenverstand» hat allerdings im Augenblick keine gute Presse. Wer auch nur die Frage andeutet, ob die Stilllegung des gesamten öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens angemessen und tatsächlich so alternativlos sei, wie es die deutsche Bundesregierung, ihr Robert-Koch-Institut und der staatstragende Teil der deutschen Medien darstellten, macht sich bereits verdächtig. Schon ist das Etikett des «Corona-Leugners» im Umlauf. Die Debatte über den richtigen Umgang mit dem Virus spaltet unsere Gesellschaft brutaler, als die Flüchtlingsfrage es je vermochte. Freunde reden nicht mehr miteinander. Selbst tendenziell regierungskritische Zeitungen fragen heutzutage, «welche Gesellschaft wir sein wollen: Eine Gesellschaft, die die Alten und Schwachen schützt? Oder eine, in der nur die Stärksten überleben?»

Wenn man die Frage so formuliert, möchte natürlich niemand zu den abscheulichen Sozialdarwinisten gehören. Aber ist sie eigentlich richtig gestellt? Zu den Schattenseiten unserer steigenden Lebenserwartung gehören leider, zumindest einstweilen, schwerwiegende Erkrankungen, die uns nicht heimgesucht haben, als wir noch mit dreissig Jahren im Kindbett starben oder mit vierzig Jahren an der Erschöpfung durch die Arbeit auf dem Feld oder in der Zeche. Das längere Leben ist ein Geschenk, aber es hat oft einen Preis: Krebs, Herz- und Kreislauferkrankungen, Diabetes mellitus, Alzheimer, übrigens auch Depressionen und Einsamkeit.

Nun kommt mit Sars-CoV-2 ein neues Risiko obendrauf – ein feindseliges Virus, das vor allem Hochbetagte, Schwerkranke und Immunsupprimierte angreift. Und auf einmal blenden wir alle anderen Aspekte des Alterns aus. Auf einmal dominiert die Fiktion, man könne dieses eine Risiko zu hundert Prozent besiegen, koste es, was es wolle. Doch diese Hoffnung erweist sich jetzt schon als trügerisch. Und alle anderen Risiken des menschlichen Lebens dauern fort.

Da ist, um ein lästiges praktisches Beispiel zu nennen, der alte Mann, der sich unglücklicherweise ein paar Tage vor dem Totalzugriff der Corona-Krise den Arm gebrochen hat. Er wird operiert und gut versorgt im städtischen Krankenhaus (das noch nicht privatisiert ist), aber nach vier Tagen schickt man ihn nach Hause: besser, wenn ihn die Corona-Welle nicht im Spital erwischt, besser, dass er niemandem das Bett auf der hochgerüsteten Station wegnimmt. Nach der frühzeitigen Entlassung zieht er sich eine Wundinfektion zu – seine Frau muss darum betteln, dass der Hausarzt alle paar Tage auf den geschwollenen, entzündeten Arm schaut. An Covid-19 wird dieser 81-Jährige wahrscheinlich nicht sterben. Aber er leidet durchaus unter den flächendeckenden Anti-Corona-Massnahmen.

Patienten, gerade ältere, trauen sich nicht mehr in Arztpraxen, sie gehen nicht mehr zur Physiotherapie, nicht in die Krankenhäuser – teils aus Angst vor Ansteckung, teils aber auch aus Scham und Höflichkeit, die es in dieser Generation noch gibt: Man will nicht stören. Wie viele Opfer diese Haltung am Ende fordern wird, kann erst nach der Krise ausgezählt werden, wenn überhaupt.

Der gute Deutsche

Gerade die Deutschen gefallen sich in 150-prozentigem Corona-Gehorsam, wahrscheinlich ist immer noch viel von der Ja-Nein-, Schwarz-Weiss-, Gut-Böse-, Freund-Feind-Mentalität Carl Schmitts übrig. Nur wenn die Massnahmen beinhart sind und die Unterwerfung total ist, nur wenn man kritische Nachfragen absolut unterlässt, ist man ein guter Corona-Staatsbürger. Man nimmt gefälligst bei Edeka seinen desinfizierten Einkaufswagen in Empfang, steckt aber direkt danach seinen Parkschein in den nicht desinfizierten Automaten. Man lässt sich als Paar von der Polizei auseinandertreiben bei dem kriminellen Versuch, im Park zwei Brötchen zu verzehren (Picknicks sind in der Berliner Corona-Allgemeinverfügung nicht verboten, aber die Polizei ist dagegen). Man nimmt erstaunt zur Kenntnis, dass offizielle Stellen monatelang vom Maskentragen abrieten (weil es ohnehin keine gab?), und akzeptiert, dass das Umbinden von selbstgenähten Stoffstücken mit Henkeln plötzlich erste Bürgerpflicht ist.

Obwohl, Bürger? Der ehemalige deutsche Innenminister Thomas de Maizière fühlte sich unlängst berufen, den «Ton» zu loben, in dem Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (beide CDU) mit «den Leuten» kommuniziere: «eine Mischung aus Mahnen, manchmal auch Drohen und Ermutigen». Spricht man so mit dem oder über den Souverän? Die deutsche Politik ist nun offenbar endgültig durchpädagogisiert.

Die Krise befördert viele gesellschaftliche Prozesse, die ohnehin im Gang waren: Gottesdienste sind nur noch ein Gesundheitsrisiko. Die sonntägliche Öffnung von Geschäften muss nicht mehr diskutiert werden, wenn sie zur Volksversorgung nötig ist. Die Ausgangssperren senken den CO2-Verbrauch. Die Totalüberwachung per Handy-Tracking gilt nicht mehr als Einschränkung von Grundrechten, sondern als Freiheitsversprechen: Wer freiwillig mitmacht, wird hinausdürfen. Büros? Braucht man nicht mehr, das Home-Office funktioniert doch grossartig. Der Digitalunterricht von Kindern funktioniert zwar überhaupt nicht – aber es kümmern sich ja die Mütter, die jetzt wie in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu Hause bleiben, Kuchen backen, Atemschutzmasken nähen und den Laden schmeissen.

Das deutsche Infektionsschutzgesetz wurde kurzerhand zum Ermächtigungsgesetz umfunktioniert – nur den Linken, den Grünen und der FDP ist zu verdanken, dass das Parlament sich nicht vollständig selbst aufgegeben hat.

Gott sei Dank, leben wir nicht in China – obwohl viele Menschen dieses totalitäre, machthungrige Grossreich inzwischen für ein Vorbild zu halten scheinen –, und Gott sei Dank, lässt sich Widerspruch in Deutschland nicht einmal durch die Selbstgleichschaltung der Medien unterdrücken.

Kontaktsperren-Totalitarismus

Hans-Jürgen Papier, der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts, sagt, wenn sich die vielen Einschränkungen des Alltags über längere Zeit hinzögen, sei «die Freiheit in Gefahr». Julian Nida-Rümelin, Philosoph, Physiker und ehemaliger Bundeskulturbeauftragter, plädiert dafür, die Risikogruppen besonders zu schützen, aber die Jungen und Gesunden wieder ihrer Arbeit und ihren Aktivitäten nachgehen zu lassen. Der Virologe Hendrik Streeck, der die Empirie des Virus erforscht und das Robert-Koch-Regierungsinstitut scharf kritisiert, sagt, wir brauchten «nicht auf Dauer extreme Beschränkungen». Es sei schlimm, wenn Menschen sterben würden. «Aber die Frage ist, ob man mit den Massnahmen andere Existenzen gefährdet und dadurch auch Leben aufs Spiel setzt.»

Doch solche Stimmen sind noch selten. Die Bundesregierung gefällt sich bis auf weiteres im paternalistischen Modus und würde am liebsten jede Diskussion über «Exit»-Strategien unterdrücken – obwohl auf das «Jetzt» ja ganz unweigerlich ein «Später» folgen muss. Dann wird es übrigens ein allgemeines Heulen und Wehklagen über die ökonomischen und zwischenmenschlichen Folgen des Kontaktsperren-Totalitarismus geben. Einstweilen aber verhält sich ein Grossteil der Bevölkerung selbst in der Diskussion unter Freunden regierungstreu – vielleicht in der heimlichen Hoffnung, Massnahmengehorsam sei ein wirksamer Abwehrzauber.

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Susanne Gaschke ist deutsche Publizistin und Autorin der «Welt». Zuletzt erschien von ihr: «SPD. Eine Partei zwischen Burnout und Euphorie» (DVA-Verlag, 2017).

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https://www.nzz.ch/meinung/coronavirus-in-deutschland-die-politik-ist-nun-offenbar-endgueltig-durchpaedagogisiert-ld.1551134?mktcid=smsh&mktcval=OS%20Share%20Hub

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Kategorien:Die Politik ist nun endgültig durchpädagogisiert., Virus

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