Essay: „Mein Tag“

Liebe coronageschädigte Mitstreiter,
anbei finden Sie ein ironisches, sarkastisches, wütendes, lustiges Essay, in dem ich über meinen heutigen Tag berichte.
Viel Spaß beim Lesen!
Ihre Maria Schneider
***

Mein Tag

Da auftragsmäßig tote Hose ist, stehe ich erst um 08:30 Uhr auf und mache mich auf den Weg zu meinem morgendlichen Feldspaziergang.

Früher holte ich mir immer einen Cappuccino in meinem Lieblingscafé. Dies ist aber nun schon seit Wochen wegen Corona geschlossen. In die Filiale einer Bäckereikette gehe ich nicht, da heute wieder die wahnwitzig fette Mitarbeiterin Dienst hat, die alle Kolleginnen lauthals schikaniert und vor Kunden herabsetzt. Bei meinem letzten Besuch schrie sie mich an, wegen Corona draußen zu bleiben, obwohl nur ein Kunde im großzügigen Verkaufsraum stand und 2 Personen erlaubt sind.

Als ich endlich hereindurfte, herrschte sie mich an, das Geld auf den Wechselteller zu legen und wünschte mir dann aus den Tiefen ihrer Killerbrust einen guten Tag, worauf sogar die Schaufenster bebten. Diesen Wunsch ließ ich unbeantwortet – genug ist schließlich genug – worauf sie mir nachrief, dass sie sich eben selbst einen guten Tag wünschen würde. Ergebnis: Heute kein Cappuccino, da ich diese Dame mit dem Charme einer Dampfwalze nicht noch einmal ertragen kann.

Im Feld begegneten mir die üblichen Spaziergängerinnen mit ihren vierbeinigen, schlecht erzogenen Ersatzpartnern, die auch dann noch „nur spielen“ wollen, wenn sie mich in einem engen Feldweg bellend stellen. Doch dank Corona halten diese nun auch samt Waldi und Bello gebührend Abstand. Auch der Himmel war wieder einmal herrlich blau und tröstete über das morgendliche Bäckereiärgernis hinweg. Erfrischt kehrte ich nach Hause zurück, um im „Home Office“ Verschiedenes zu erledigen.

Doch leider hatte mein Wirtschaftswunderrentnernachbar wieder einmal vor, mit Maschinen zu spielen. Ganze vier Stunden strahlte er mit einem hochfrequent jaulenden Kärcher seine Steinfliesen ab, was mir schließlich rasende Kopfschmerzen bescherte. Mein kurzes Wortgefecht am Gartenzaun brachte natürlich nichts. Auch die Hoffnung, dass derartige Rentner so wagemutig wie ältere Ossis in Dresden oder Chemnitz auf die Straße gehen würden, habe ich mir schon lange abgeschminkt. Hat dieser Spezi doch seine Erfüllung in seinem akkurat angelegten Garten und mit der Nagelschere gestutzten Grashalmen gefunden. Denn Sauberkeit und Ordnung sind schließlich ungleich wichtiger als Meinungs- und Versammlungsfreiheit angesichts sehr geringer coronischer Todesraten und fortgesetzter, zwangloser Einreisen „minderjähriger, kulleräugiger Mädchen“ mit Bartwuchs aus Griechenland.

Gerade, als ich zur Tür hinausgehe, um einzukaufen, weil ich das Gejaule nicht mehr ertrage, hört der Lärm natürlich auf. Draußen sammelt sich gerade im Garten eines Altersheims eine maskenlose, 8-köpfige Menschengruppe unterschiedlichen Alters. Sie singt mehrere Lieder, tanzt und wirft sterile Handküsse zu einem Balkon hoch. Ich spreche den Jüngsten der Runde an und frage nach dem Anlaß der schönen Lieder. Er erklärt, dass heute die Großmutter Geburtstag hat und sie nicht zu ihr dürfen. Deswegen haben sie ihr Ständchen gesungen. Ich bin schockiert. Überall neue Grenzen, neue Regeln – und soviel Isolation.

Ich radle zum Supermarkt und bin entsetzt, weil immer mehr Menschen dämliche, bunte Masken tragen. Vor dem Gemüseregal unterhalten sich eine maskenlose Verkäuferin und ein ebenfalls maskenloses Paar über die Maskenpflicht, die am Montag eingeführt werden soll. Eine junge Frau mit bunter Maske spricht die Verkäuferin an und bietet an, dass ihre Mutter für das gesamte Personal Masken nähen kann. Auch ihr schicker Mundschutz würde von der Mutter stammen. Angewidert wende ich mich von der Frau und ihrer gelben Maske mit infantilen, bunten Pünktchen ab.

Vor der Käsetheke beobachte ich, wie sich Kundin und Verkäuferin fast anschreien, weil der Abstand zwischen ihnen wegen eines rotweißen Tatort-Abstandsbandes so groß ist. Meine Verkäuferin wirft mir meinen Einkauf regelrecht zu, weil ein Zureichen nicht mehr möglich ist.

Überall kleben Poster mit Abstandsmahnungen und Mengenbegrenzungen für Mehl, Hefe, Toilettenpapier und Reis. Etliche Regale sind noch immer halbleer.

Während ich in der Schlange vor der Kasse warte, läuft ein junger Mann in meine Schlage über. Erst wundere ich mich, sehe aber dann, wie die Kundin, hinter der er gestanden war, mehrmals in ihren Ellenbogen hustet. Was für eine Hysterie!

Draußen beobachte ich zwei arabische Türsteher, die sich eng nebeneinanderstehend ohne jeden Schutz unterhalten. Warum auch? Sie wissen, dass ihnen nichts passieren kann, denn wenn es eines gibt, vor dem die braven Bürger noch mehr spuren als vor einem unsichtbaren Virus, dann sind das unsere muskulösen Neubürger mit den schönen, dunklen Augen.

Ich bin wütend und fahre auf dem Rad hinter einem rastagelockten Jüngling mit dreckiger, hängender Jeans und eindeutiger, politischer Färbung her, der mir schon im Supermarkt mein Sichtfeld unangenehm versperrt hat.

Unglaublich, wie schnell sich Menschen freiwillig wegen einer verordneten Pandemie einsperren lassen und das Elend der Unfreiheit hinter kindlich-bunten Mundschutzmasken verbrämen. Jeder denkt, er kann so dem körperlichen Tod entrinnen und merkt dabei nicht, wie Geist und Seele verkümmern.

Ich schnaube vor mich hin, schließe meine Wohnungstüre auf und will mich nun – endlich – an den Schreibtisch setzen. Doch heute ist einfach nicht mein Tag. Fast verliere ich die Fassung, als ich schon wieder lautes Maschinengejaule aus dem Hof höre. Diesmal ist es der andere Nachbar, der seit Tagen – als gelernter Schreibtischakademiker – erst eine Palette (wozu bloß?) und nun einen Tisch mit integrierter Sitzbank mit einem kleinen Schleifgerät traktiert.

Frustriert werfe ich die Röhre an und packe den tiefgefrorenen Flammkuchen aus. Dann setze ich mich hin und starre erst mal ein paar Löcher in die Luft. Es ist jetzt 18:00 Uhr und ich habe nichts von dem geschafft, was ich mir vorgenommen hatte. Aber das ist jetzt auch egal. Denn auch dieser Tag geht irgendwann vorbei und morgen ist ein neuer Tag. Heilige Corona, steh‘ mir bei!

+++
Maria Schneider ist freie Autorin und Essayistin. In ihren Essays beschreibt sie die deutsche Gesellschaft, die sich seit der Grenzöffnung 2015 in atemberaubendem Tempo verändert. Darüber hinaus verfaßt sie Reiseberichte.

Kontakt: Maria_Schneider@mailbox.org

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Kategorien:Allgemein, Essay: "Mein Tag", Maria Schneider

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