Der Libanon hat den wohl verrücktesten und härtesten Lockdown der Welt. Unser Autor wohnt in Beirut und weiß, was es heißt, wenn Hamsterkäufe wirklich überlebenswichtig sind. Und wenn das Recht, sein Auto zu benutzen, vom Nummerschild abhängt. (…)

Weil die Corona-Pandemie völlig außer Kontrolle geraten ist, hat die Regierung den wohl härtesten Lockdown der Welt verkündet: fast zwei Wochen lang soll das Leben komplett stillstehen.

Am Tag vor dem Lockdown bereite ich mich deshalb so gut es geht auf die Lage vor, fahre im Schritttempo quer durch das völlig verstopfte Beirut und wechsle bei einem Juwelier im Sunnitenviertel Basta noch rasch Geld zu Schwarzmarktpreisen. Ansonsten müsste ich nämlich im inflationsgeplagten Libanon für eine Packung Cornflakes 30 Dollar bezahlen.

Auf dem Rückweg sehe ich ein Toyota-Taxi. Dicht aneinander gedrängt sitzen vier Leute auf der Rückbank, der Fahrer hat die Maske auf halb heruntergezogen und raucht eine Zigarette. Immer wieder klopfen Bettler ans Autofenster und versuchen verzweifelt, irgendetwas zu verkaufen. Ich frage mich wie sie in den nächsten Wochen überleben werden. (…)

Lange bevor ein General am Fernsehen die Beschlüsse in einem monotonen Stakkato runterleierte hatten in Beirut bereits wilde Gerüchte kursiert. Auch ich bekam irgendeine Sprachnachricht weitergeleitet, in der von Horror-Massnahmen die Rede war.

Innerhalb kürzester Zeit brach Panik aus und während die Minister immer noch über die Details stritten, verwandelten sich die überfüllen Lebensmittelläden in regelrechte Superspreader-Zonen.

Dass den Supermärkten dann wenigstens noch gestattet wurde, Essen zu liefern, machte die Sache auch nicht besser. Ein Bekannter von mir probierte es aus und bekam eine Liefertermin für in vier Tagen.‼️ (…)

Es herrscht totale Depression
Die wenigen meiner libanesischen Freunde, die noch da sind, sind deshalb völlig desillusioniert. Im vergangenen Frühling waren sie noch stolz, als ihr krisengeschütteltes Land die erste Corona-Welle dank einer kollektiven Kraftanstrengung gut überstand. Aber eine tiefe Wirtschaftskrise und die Explosion holten den Libanon auf den Boden der Tatsachen zurück.
Nach der Katastrophe im Hafen war die Pandemie endgültig nur noch ein Problem unter vielen.

Inzwischen herrscht totale Depression. Als ich am Tag vor dem Lockdown mit einer befreundeten Journalistin telefoniere, will sie nicht einmal mehr über die Lage reden. „Ich kann das alles nicht mehr ertragen“, sagt sie. „Wir werden von Idioten regiert, aber ich habe keine Kraft um mich darüber aufzuregen.“

https://www.welt.de/politik/ausland/plus224351650/Libanon-kaempft-gegen-Corona-Der-haerteste-Lockdown-der-Welt.html


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