“Moschee des Grauens” 7

aktuell bis Kapitel 12

Ein Fantasy-Abenteuer Roman – von Otto Gottiker

Der Autor ist auf der Suche nach einem Verlag oder einer anderen Verbreitungsmöglichkeit.

Er beabsichtigt mit diesem unterhaltsamen Roman diejenigen Leser für unser gemeinsames Thema zu sensibilisieren, die an die täglichen politischen Nachrichten und an sachlichen Analysen wenig Interesse haben.

Unsere Leser sind gebeten, ihr Feedback abzugeben. Die ersten zwei Leserstimmen attestieren einen realistischen Stil, vermischt mit Fantasy-Elementen und viel Spannung.

Wir selber kennen den Roman nur teilweise und sind sehr gespannt auf die weiteren Verwicklungen.

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„Vorher“ als Audio – lesen lassen, statt lesen

weitere Kapitel ebenfalls als Audio……

Vorher

Sie kamen aus der Disco gut gelaunt und auch ein wenig zugedröhnt heraus. Das Mädchen hatte noch ein wenig mit den Türstehern geflirtet und der Junge war deswegen eifersüchtig. Er zeigte ihr ein wenig die kalte Schulter auf dem Weg zum Wagen. Sie hing sich an seine rechte Schulter, um ihn zu besänftigen, knuddelte ihn ein wenig, sprang hoch und küsste sein Ohrläppchen, denn sie wusste, dass er ihr dabei nie widerstehen konnte. Daraus wurde ein wildes Schmusen, zumal sie jetzt aus dem Licht heraus, in die Dunkelheit des Parkplatzes liefen.
Zwei Straßenlaternen waren kaputt und das Grundstück, das die Straße säumte, war auch unbeleuchtet. Sie waren so sehr mit einander beschäftigt, dass sie gar nicht mitbekamen, dass sie nicht mehr alleine waren, bis sie jäh und wild auseinander gerissen wurden.
Ein paar junge Männer tauchten aus der Dunkelheit herauf. Vielleicht waren es sechs, vielleicht auch acht. Ihre finsteren Gesichter zeigten den beiden Verliebten sofort, dass sie keinen Spaß verstanden. Der Junge versuchte instinktiv, das Mädchen zu beschützen, indem er sich vor ihr stellte und sie mit den Händen hinter sich schob.
Sie schlugen gleich auf ihn los. Sie schlugen ihn zu Boden und kickten ihn ins Gesicht, in den Rücken, in die Weichteile, überall, wo sie ihn nur erwischen konnten. Er hielt die Hände über den Kopf, aber es half ihm nichts. Er konnte seinen Kopf nicht vor den brutalen Fußkicken schützen. Jeder einzelne Hieb traf ihn wie ein Hammer, immer schwerer, immer härter.
Er schmeckte sein eigenes Blut im Mund, und er wusste, dass sein Nasenbein gebrochen war. Er hatte den Knochen brechen hören. Bald waren auch seine Augenlider zugeschwollen, so dass er nichts mehr sehen konnte. Das letzte, was er noch wahrgenommen hatte, war das Gesicht der blonden Frau. Sie kam ihm irgendwie bekannt vor, obwohl er sie noch nie gesehen hatte. Es schien ihm absurd, ein Gesicht so tief unten am Boden in seiner Augenhöhe zu sehen, irreal wie in einer Traumwelt. Dann verlor er die Besinnung.

Das Mädchen schrie und zappelte mit aller Kraft, so weit sie sich noch bewegen konnte. Sie wollte ihrem Freund zu Hilfe eilen, aber mehrere Hände hielten sie fest wie eiserne Handschellen. Sie musste zusehen, wie sie ihren Freund schlugen und kickten, bis er sich nicht mehr rührte. Dann hörte sie auf zu kämpfen und sich zu winden. Sie blieb die ganze Zeit bei Bewusstsein, aber ihr Körper wurde schlapp und kraftlos, wollte ihr nicht mehr gehorchen. Sie ließ willenlos zu, dass sie sie an den Armen packten und sie auf das Grundstück hinter die dunkle zwei Meter hohe Betonmauer verschleppten.
Sie brachten sie in ein Gebäude, durch einen stickigen Korridor, der nach ranzigem Fett und orientalischen Gewürzen roch, dann durch ein enges Treppenhaus, auf steilen Spindeltreppen in den Keller hinunter. Sie sprachen in einer fremden Sprache zueinander, so dass sie nicht verstand, was sie mit ihr vorhatten, bis sie den dunklen Mann mit dem wilden, zerwühlten Gesicht, mit schwarzen Stoppelbart und dem Messer in der Hand auf sich zukommen sah.
Kalter Angstschweiß brach an ihr aus, wie bei einem Opfertier, das mit seinem sechsten Sinn die Absicht des Schlächters riecht. Sie fing wieder an, wild zu zappeln, sich zu winden und aus voller Kehle zu schreien.
Und er tat es. Er setzte das Messer an ihre Kehle und bewegte es hin und her wie einen Geigenbogen, bis das Blut aus ihrer Kehle spritzte. Die anderen hielten ihren Kopf herunter gedrückt, damit das Blut auf dem Boden abfließen konnte. Der Körper des Mädchens zuckte heftig und zwang die Männer, ihre Hände, wie eiserne Klammern immer wieder an ihre Glieder neu anzulegen. Sobald sie nachlässig wurden und ihren Griff ein wenig lockerten, zuckte sie sofort wieder, als ob sie sich noch mit letzter Kraft freikämpfen wollte. Der Kampf hatte längst jeden Sinn verloren. Es kamen nur noch ein paar schwache Zuckungen, nur das letzte Aufbäumen des Lebens gegen den unausweichlichen Tod.
Der Schlächter sah zu, wie das Blut in einem immer dünneren Rinnsal durch den Abfluss herunterfloss, bis es ganz versiegte. Das Mädchen lag jetzt völlig reglos vor seinen Füssen auf dem Boden und gab keine Geräusche mehr von sich. Er hatte sie getötet und es tat ihm nicht Leid. Er hatte ihr die Gurgel durchgeschnitten und ihren Kopf über den Schlachtstein gehalten, bis das ganze Blut aus ihrem Körper hinaus geflossen war. Anfangs kämpfte sie verzweifelt, dann aber röchelte sie nur. Zuletzt zuckte sie nur noch unter dem Griff seiner Hände wie ein Opferlamm.
Er musste es einfach tun. Diese unbeschreibliche Macht, die viel stärker war als er, verlangte es von ihm, hatte ihn dazu gezwungen. Gott wollte es so.“ Inschallah!“ sprach er laut aus. Allahs Wille geschehe. Die anderen Männer murmelten ihm nach, wie eine Antwort auf die Worte des Vorbeters.
Sie lag jetzt regungslos da, vor seinen Füssen. Sie zuckte nicht mehr. Sie fühlte auch nicht mehr die Kälte ihre Haut zusammenziehen, ihren Muskel zusammenzucken. Die Angst war verschwunden und sie entspannte sich langsam.
Irgendwo aus der Dunkelheit hinter ihr flüsterte es:
„Komm!“.
Es war wie ein Rauschen in der Luft, so dass sie es anfänglich gar nicht wahrnahm. Aber das Rauschen wiederholte sich, wie der Sommerwind in den Feldern:
„Komm!“
Und eine Hand streckte sich ihr entgegen. Sie sah sie in der Luft schweben, und ihre Blicke folgten in die Dunkelheit hinein, dem Arm entlang, über die Schulter, auf die gewellten, langen blonden Locken, die sich golden um ein Gesicht schlängelten, das weiß wie Elfenbein war.
Sie wusste nicht, ob die Frau wirklich so weiß war, oder ihr Gesicht nur wegen der fahlen Licht so weiß erschien. Es war alles so unwahrscheinlich und dennoch selbstverständlich, so dass sie sich langsam erhob um der weißen Frau mit den blonden Locken zu folgen. Auf dem Schlachtstein blieb der leblose Körper zurück, kalt und ausgeblutet.

Kapitel 1

„Die Gesellschaft muss für die Muslime mehr tun“, sagte Salchan Edal und zog an dem Saum ihres kurzen Rocks. Von den drei Talkgästen war sie die attraktivste und sie war sich dessen vollkommen bewusst. Jung, intelligent, sexy, sehr weltmännisch wie sie war, hatte der Verein sie gezielt für die Talkrunde des Regionalfernsehens S-TV ausgesucht. Sie war bestens geeignet, alle Klischees und Vorurteile über den Islam mit einer Handbewegung und einem Lächeln zu zerstreuen. Und wenn das nicht reichte, dann hatte sie noch ihre langen Beine, die sie jetzt in schwarzen Strümpfen, lackierten Stöckelschuhen und Minirock besonders gut ins Bild setzte. Ihre üppige, schwarzgelockte Mähne, und ihre schwarzsamtenen Augen betonten ihre orientalische Schönheit. Ihre sinnlichen, vollen Lippen unter dem edlen blutroten Lippenstift ließen ihre Zähne perlweiß aufblitzen, während sie sprach. Sie bediente sich meisterhaft all dieser Gaben, mit der die Natur sie ausgestattet hatte. „Egal was wir, Muslime, für diese Gesellschaft tun, welchen Beitrag wir zur Integration leisten, es nimmt niemand zur Kenntnis. Aber wenn irgendwo ein Jugendlicher etwas Schlechtes getan hat, der zufällig ein Muslim war, dann heißt immer gleich, der Islam ist schuld an allem. Dass die Muslime schlecht integriert und gewalttätig sind. Wenn andere Zuwanderer dasselbe tun, kümmert sich niemand darum. Wenn ein christlicher Einwanderer kriminell wird, sagt niemand, dass es typisch für die Christen ist.“ Während sie sprach suchte sie mit ihren großen, dunkel schattierten Augen die Kamera und flirtete mit dem großen Unsichtbaren dahinter, mit den Millionen Zuschauern, die ihr Lächeln erst nach Tagen zu Gesicht bekommen werden, wie man ihr beim Vorbereitungsgespräch, beim Briefing erklärt hatte.
Ihr gegenüber, auf den überstylten ledernen Sitzmodulen des Studios saß der Oberstaatsanwalt Matthäus ablehnend, gereizt. Er konterte heftig, sobald sie eine kurze Pause machte:
„Wenn es nur um ein paar zufällige Fälle ginge, säßen wir nicht hier, Frau Edal. Aber die Statistiken sprechen für sich. Von 906.054 Fällen, bei denen die Täter Jugendliche mit Migrationshintergrund waren, hatten 71,2 Prozent eine muslimische Herkunft. Das sind Fakten und keine Vorurteile.“
Salchan Edal drehte zuerst ihr Gesicht in die Kamera und warf ihre Haare mit einer schwungvollen Kopfbewegung nach hinten, bevor sie antwortete:
„Die Polizei erfasst jede Kleinigkeit, wenn der Täter aus einer muslimischen Familie kommt. Bei einem deutschen Jugendlichen drücken sie ein Auge zu, weil sie seine Zukunft nicht zerstören wollen. Bei einem Muslim sagen sie sich, dass es eh egal ist, weil er so oder so keine Zukunft hat. Und die Gerichte setzen diese Linie fort.“
„Das meinen Sie doch nicht im Ernst, Frau Edal“, empörte sich der Staatsanwalt.
Die schöne Libanesin hob wieder ihre Schulter gerade, so dass sich ihr Busen hinter dem tiefen Ausschnitt ihrer roten Hemdbluse nach vorne schob, aufrecht und provokativ, wie zwei Krieger auf der Barrikade. Eine Methode, die sie sich angewöhnt hatte, um damit ihre männlichen Gesprächsgegner weich zu bekommen. Sie holte Luft, um auf Gegenangriff zu gehen. Aber die verbale Antwort konnte sie sich diesmal ersparen, denn die anderen Beteiligten eilten ihr zur Hilfe:
„Die Gesellschaft trägt einen großen Teil an Mitschuld“, sagte die Jugendpsychologin Dr. Margit Tennewill mit einer Überzeugung, die keinen Widerspruch duldete. „Wir haben zu lange weggesehen, anstatt auf sie zuzugehen um ihnen zu zeigen, dass wir uns für ihre Kultur interessieren und uns bemühen, ihre Probleme, ihre seelischen Konflikte zu verstehen. Den Menschen mangelt es heute an Zivilcourage und Anteilnahme für das Schicksal ihrer Mitmenschen. Wenn wir sie mit mehr Menschlichkeit behandeln, werden wir schnell entdecken, dass sie uns genau so menschlich und freundschaftlich gegenüber stehen. Aber wenn wir sie ständig ablehnen, benachteiligen, und uns ihnen gegenüber abwertend verhalten, dürfen wir uns über ihre Aggressionen nicht wundern. “
„Wir raten dennoch von zu viel Zivilcourage ab“, sagte der Oberstaatsanwalt Matthäus, und zog nervös an seiner Jacke, die sich bei einer heftigen Bewegung eingeklemmt hatte und jetzt unbequem spannte. Er löste das Problem dadurch, dass er einen Knopf aufknöpfte und dann wandte er sich wieder irritiert an die Jugendpsychologin „Bei vielen jugendlichen Gewalttätern handelt es sich oft um emotional labile Persönlichkeiten, die nicht immer nach einem vorhersehbaren Muster handeln. Manchmal befinden sie sich auch unter der Auswirkung von Aufputschmitteln, wie die Gewaltdroge Tilidin –„
Die Erwähnung des Tilidin wirkte auf alle Beteiligten irgendwie belebend. Sie alle fanden gleichzeitig etwas dazu zu sagen, so dass die Moderatorin sie sanft ermahnen musste, bevor sie wieder dem Staatsanwalt das Wort gab. Dieser setzte fort:
„Manchmal kann man mit einem verständnisvollen, toleranten Auftreten die von Ihnen gesagte beruhigende Wirkung ausüben. Aber vergessen Sie nicht, Frau Tennewill, dass wir von den Durchschnittsbürgern sprechen, die nicht darauf geschult sind, mit Problemjugendlichen umzugehen. Und es kann ebenso passieren, dass diese sich von solchen Erwachsenen provoziert fühlen und dann erst recht ausrasten.“
„Ich verstehe, worauf Sie hinaus wollen“, sagte die Moderatorin kopfnickend. „Aber was raten Sie den Unbeteiligten, die zufällig in der Nähe sind, wenn solche Gewalttaten geschehen?“ Sie wandte sich ohne eine Antwort von Frau Tennewill zu erwarten, erneut an den Oberstaatsanwalt: „Wie sollen sie sich Ihrer Meinung nach verhalten? Und was können sie tun, um zu helfen?“
„Nichts. Am besten sollte man sich nicht einmischen. Man sollte gar nicht zu nahe gehen, sondern so schnell wie möglich den Notruf tätigen und professionelle Hilfe herbeiholen. Diese Jugendlichen haben oftmals eine Hemmschwelle überschritten, -„
Frau Tennewill fiel ihm ins Wort:
„Sie sprechen über sie, als ob sie zügellose Schwerverbrecher wären. Als ob Sie von Tieren sprechen würden. Es handelt sich um ganz vernünftige junge Menschen, die sich nach einem festen ethischen Ehrenkodex verhalten. Wir müssen die muslimische Ethik berücksichtigen, um sie besser zu verstehen. Man muss wissen, dass bei diesen Jugendlichen die Ehre und das Ansehen innerhalb der Gruppe eine absolut zentrale Rolle spielt.“
Der Regisseur saß im Dunkeln, hinter den Kameraleuten und beobachtete die Szene argwöhnisch. Der Staatsanwalt spielte seine Rolle noch einigermaßen verträglich, so wie man es vorher besprochen hatte. Ihm war in diesem Spiel von guter Bulle böser Bulle die Rolle des bösen Bullen zugedacht und er hielt sich daran. Aber Dr. Tennewill brachte das ganze Konzept durcheinander. Bei fast jedem zweiten Satz stöhnte der Regisseur verzweifelt auf oder ließ die Luft zwischen den Zähnen raus, was für seine Mitarbeiter ein sicheres Zeichen war, dass er mit der Arbeit des Teams unzufrieden und kurz davor war, auszurasten.
„Die blöde Kuh redet nur Mist“, schimpfte er zwischen den Zähnen zu seinem Assistenten. „Wenn wir das bringen, dann gibt es draußen auf der Straße einen Aufruhr. Wir werden fast alles rausschneiden müssen.“
Der Regieassistent gab die Spannung an das Casting weiter:
„Wurde sie denn nicht gebrieft? Weiß sie nicht, welcher Druck auf dem Sender lastet? Noch dazu so kurz vor den Wahlen! Mein Gott, mein Gott!“
Es war eine Sondersendung, die überhaupt nur aus der Not heraus entstanden war, weil die Öffentlichkeit sich über den Mord in der Moschee aus dem Gewerbegebiet sehr empört hatte. Die Stadt und die Polizei wollte mit dieser Talkrunde im Regionalfernsehen den Menschen das Gefühl geben, dass es ein einmaliger, grausamer Einzelfall war, ohne politische oder religiöse Hintergründe, der sich nicht wiederholen könnte. Aber die Talkgäste waren schwer im Zaum zu halten. Der Staatsanwalt war gereizt und hatte insgeheim einen Groll auf den TV-Sender, auf den Intendanten und auch an dessen Frau, Dr. Tennewill. Die Muslimin im Minirock mochte er noch weniger. Aber es musste sein und so hatte er sich mit zusammengebissenen Zähnen dem Gespräch gestellt.
Dr. Tennewill, die Psychologin, merkte nichts von all diesen Spannungen. Sie sprach munter weiter über ihre unorthodoxen Theorien und Methoden, die sie auch in ihrem jüngsten Buch vorgestellt hatte. Man muss die Jugendlichen nach ihrer ethnischen Herkunft trennen, und je nach dem, welcher Kultur sie angehörten, unterschiedlich behandeln:
„Segregation ist die Lösung für all die Probleme der dritten und vierten Generation von Muslimen“, sagte sie. „Segregation ist der richtige Weg zur Integration. Die Städte Mannheim und Hamburg haben in zwei voneinander unabhängigen Experimenten nachgewiesen, dass die Segregation die Methode schlechthin ist, um dem Problem Herr zu werden. Denn die Jugendlichen entwickeln ihre Aggressionen erst in der Konfrontation mit der Mehrheitsgesellschaft. Wenn die türkischen Jugendlichen unter sich sind, beträgt ihr Aggressionspegel etwa 63,9 Prozent von dem, was sie entfalten, wenn sie mit der restlichen Bevölkerung, mit den Nichtmuslimen in Kontakt kommen.“
„Das können Sie nicht ernst meinen, Frau Tennewill!“, fuhr der Staatsanwalt auf.
Der Regisseur hob noch einmal, als Zeichen der Verzweiflung, seine Hände in den Himmel.
„Was erzählt die da?! Das alles muss ausgeschnitten werden! Hörst du, Holger!“ wandte er sich zu seinem Assistenten. „Von all dem darf nichts drin bleiben! Keine neue Vorschläge und Theorien, wenn es um die Jugendgewalt und Islam geht, ohne dass man sie vorher genau mit dem Intendanten und mit der Partei abklärt! Diese Anweisung kommt doch von ihrem werten Gatten persönlich, vom Herrn Chefintendanten Tennewill!“ sagte er mit einer bitterbösen Ironie. „Und wir hatten uns geeinigt, dass sie keine neuen Zahlen nennt. Nur die, die bereits veröffentlicht sind! Sie hält sich an gar nichts!“
Hinter ihm, im Halbschatten, saß ein junges Mädchen mit leuchtend blonden Zöpfen, in einem flauschigen braungestreiften Pulli auf der Kante eines Wartezimmerstuhls und hörte aufmerksam zu. Bei diesen Worten nahm sie ihren Notizblock, auf dem sie schon einige Sätze und Stichworte aufgeschrieben hatte, und kritzelte darauf: „Neue Vorschläge und Theorien, zu Jugendgewalt und Muslime müssen vorher mit dem Intendanten und mit der Partei geklärt werden – Anweisung des Intendanten Tennewill“. Dann riss sie den Zettel ab und steckte ihn in ihre Tasche.
Der Regisseur konnte sich nicht mehr zügeln. „Stop!“ brüllte er ins Mikrofon und stand auf. „Wir machen eine Pause!“
Sergio Domiani, dessen Aufgabe die Betreuung der Talkgäste war, stürzte sofort auf Dr. Tennewill, bevor der Regisseur dazu kam, sie zur Schnecke zu machen. „Gnädige Frau, ich will Ihnen lieber noch ein kleines Detail zu der politischen Ausrichtung unseres Senders erläutern. Wir müssen aufpassen, wie wir über bestimmte Zusammenhänge sprechen.“
Sie sah ihn etwas überrascht an:
„Aber lieber Herr Domiani, Sie können unbesorgt sein. Wir alle ziehen an dem selben Strang. Ich würde nie etwas tun, was Ihrem Sender schaden würde.“
„Ich weiß. Aber sehen Sie Madame, Herr Tennewill hat strickte Anweisungen gegeben.“ Domiani wischte sich den Schweiß von seiner Stirn: „Wie kann ich es Ihnen am besten erklären? Es gibt gewisse Dinge, die wir nicht öffentlich sagen können. Das wäre ein gefundenes Fressen für unsere Gegner. Die Internetblogger stürzen sich auf jeden falschen Satz, denn wir unachtsam durchschlüpfen lassen, und verwenden ihn sofort gegen uns.“
„Aber ich habe nur die wissenschaftlichen Erkenntnisse dargestellt, so wie sie heute in den Fachkreisen allgemein bekannt sind. Sehen Sie, Herr Domiani, ich bin eine Wissenschaftlerin. Ich bin in erster Linie der Wissenschaft verpflichtet.“
Domiani schluckte den Satz hinunter, der ihm auf der Zunge lag. Wenn diese eingebildete Zicke nur nicht die Frau des Chefintendanten wäre, würde man sie hochkant rausschmeißen! Ja, dann hätte man sie gar nicht in das Programm aufnehmen müssen. Was bildete sie sich ein? Eine Wissenschaftlerin! Das ganze Internet lachte über sie. In den Kommentarbereichen nannte man sie nur noch „die Rote Zicke“. Es gab doppelt so viele Interneteinträge über sie unter ihrem Spottnamen als unter ihrem richtigen Namen.
Während Sergio Domiani sich mit der Frau des Intendanten abplagte, nahm das Mädchen im braungestreiftem Pulli ihre Handtasche und schlich hinaus. Die Pause war die beste Gelegenheit, um unbemerkt zu verschwinden. Nur dem Regisseur, der vorher schon zu der Raucherecke vor dem Gebäude hinausgegangen war, fiel sie auf, als sie jetzt über den Hof ging. Er hatte ein seltsames Gefühl, als das Mädchen an ihm vorbeihuschte. Es war irgendwas Besonderes an ihr, aber er konnte nicht sagen, was. War es ihre Kleidung? Oder die Haare? Oder die Art, wie sie sich bewegte? Er versuchte noch, ihr nachzurufen, aber das Mädchen war schon um die Ecke verschwunden. Er nahm sich vor, sich nachher bei der Pforte zu erkundigen, wer sie war und was sie beim Sender machte.

***

Güzel schlürfte einen Schluck Rotwein aus ihrem Glas und rieb ihre mit weißen Söckchen bekleideten Füße an Huberts, der neben ihr auf dem Sofa saß. Dieser nahm ihre Füße in die Hand und drückte sie sanft zusammen, bis die Eigentümerin sie wieder zurück zog. „Deine Mutter hat leicht reden“, sagte sie ihm. „Wenn man in einer Talkshow sitzt und die Expertin spielt, kann man alles so schön theoretisch darstellen. Aber Ich möchte sehen, was sie sagen würde, wenn sie abends ganz alleine irgendwo in der Altstadt auf einmal von einer Jugendgang überfallen wird. Ich möchte sie sehen, wie sie ihnen erklärt, dass sie ihr nichts tun sollten, weil sie sie gut versteht. Ob ihr das helfen würde? Sie hat keine Ahnung, wie unsere Männer denken und fühlen. Ihre Theorien sind gut, um Bücher damit zu füllen und Geld zu machen. Aber draußen auf der Straße würden sie ihr nichts helfen. Sie würde sich ganz hilflos fühlen. Nicht dass ich ihr je eine solche Erfahrung wünsche. Und ihren Kindern schon gar nicht“. Sie drehte ihren Kopf etwas seitlich und sah ihn mit einem Lächeln an, das ihm deutlich sagte, dass er nicht nur der Sohn der Talkshowpsychologin, sondern auch ihr persönlicher Traumprinz ist.
Er liebte es, wenn sie ihn so ansah, mit ihren dunklen Augen unter dem Schatten ihren langen, gebogenen Wimpern. Sie wusste, dass ihr Blick und ihre ganze orientalische Weiblichkeit ihre wichtigste Waffe war, wann immer sie über bestimmte Sachen unterschiedliche Meinungen hatten. Und sie stritten sich oft über viele Dinge, denn sie war unnachgiebig, ungestüm und emotional. Er zeigte dieselbe tolerante Sichtweise wie seine Mutter und versuchte, sich betont aufgeschlossen ihrer Kultur und ihren Werten gegenüber zu zeigen. Aber sie lachte nur und sagte, dass er genau so sei wie alle Deutschen, überheblich und arrogant, und dass er gar nicht wusste, wie die Türken sind.
Am meisten lachte sie ihn aus, wenn er sich besonders bemühte, sie zu verstehen. Sie sagte, dass er nicht wirklich tolerant sei und dass es nur eine Show ist, dass er ihre Kultur nur deswegen akzeptieren würde, weil sie fremd ist und er sie nur benutzen würde, um mit ihrer Hilfe seinen Hass auf die eigene Kultur zu zeigen, um die anderen Deutschen dabei zu provozieren, und dass er dieses ganze Getue bräuchte, um sich für einen besseren Menschen halten zu können, als die anderen Deutschen. Aber sie wisse, dass er ihre Kultur in Wahrheit verachte und nur deswegen dieses Theater mit der Toleranz abziehen würde, weil er die Türken gar nicht für ebenbürtig halten würde. Und sie zählte ihm dann viele einzelne Gelegenheiten auf, bei denen er seine eingeborene Überheblichkeit und Arroganz verraten habe, so wie neulich bei einem Gespräch über die Philosophie der Aufklärung, als er mit seinen deutschen Freunden darüber diskutiert hatte, dass die Osmanen die europäische Aufklärung nie durchgemacht hatten. Und sie würde gar nicht wollen, dass ihr Volk auch so tolerant sei, sagte sie provokativ, denn sie hatte sich hineingesteigert, war wütend geworden und wollte ihn nun auch zur Wut reizen. Sie würde sich schämen, denn Toleranz ist keine Eigenschaft, auf die man stolz sein kann:
„Tolerant sind nur die Schwachen und die Feiglinge. Wir Türken sind stolz, deswegen brauchen wir nicht tolerant zu sein. Wir verlangen von anderen, dass sie uns gegenüber tolerant sind.“
„Aber du verstehst nicht, Güzel. Das ist barbarisch, rückständig. Heute können wir nicht mehr so leben wie zur Zeit der Osmanen.“
„Warum nicht? Was ist heute anders?“
„Heute haben wir mehr Wohlstand und Kultur. Heute leben wir nicht wie die Raubritter, sondern wir respektieren alle Menschen, egal welcher Nationalität.“
„So nennt man das also, was die Christen in Afghanistan tun? Respekt? Und im Irak auch?“
„Was soll das? Ich bin nicht dafür verantwortlich, was in Afghanistan geschieht. Und noch weniger dafür, was die Amerikaner im Irak getan haben. Du weißt, wie ich über Afghanistan denke. Und ich würde nie zur Bundeswehr gehen, das weißt du auch.“
Das war wieder etwas, woran Güzel was auszusetzen hatte. Ihr Großvater war ein Offizier gewesen und sie konnte keine Bewunderung für Pazifisten und Wehrverweigerer zeigen. Für sie waren das alles Memmen und Feiglinge. Manchmal fragte sich Hubert, was sie an ihn überhaupt liebte, warum sie mit ihm zusammen war, denn sie kritisierte alles an ihm und ihre Wertvorstellungen waren zu den seinen ganz entgegengesetzt. Er schaltete das Fernsehgerät aus, als Zeichen, dass sie schlafen gehen sollten. Es war weit über elf Uhr hinaus und sie blieben nur auf, um die Talkshow anzusehen, denn Margit Tennewill hatte ihren Sohn am Nachmittag angerufen und ihm ans Herz gelegt, die Sendung ja nicht zu verpassen.
„Und sagt es bitte auch euren türkischen Freunden, denn es wird sie ganz sicher interessieren“, sagte sie am Telefon.

***

Im Kriminalkommissariat der Stadt S. am Rhein fing die reguläre Dienstzeit an. Kommissar Roland Fischer griff nach der Aktenmappe, die der Staatsanwalt kurz zuvor auf seinen Schreibtisch hingelegt hatte. Die Mappe war sehr dünn, als Zeichen, dass es sich um einen ganz neuen Fall handelte.
„Sicher ein Ehrenmord“, sagte Fischer und sah seinen Chef fragend an. Der Oberstaatsanwalt Matthäus hatte ihm mit einer abwertenden Bemerkung über die Frauen im Islam den Fall erläutert.
„Eine Frauenleiche auf dem Parkplatz in der Nähe der türkischen Moschee im Industriegebiet. Sie hatten sie regelrecht abgeschlachtet und wollten sie wahrscheinlich abtransportierten. Jemand muss sie dabei gestört haben und so ließen sie die Leiche liegen.“
„Ist das nicht in der Röntgenstraße, wo sie heute Nacht auch diesen Mann zusammengeschlagen haben? Gibt es vielleicht einen Zusammenhang zwischen den beiden Fällen?“
„Ja, doch. Fünfhundert Meter weiter, die Straße dahinter“ sagte der Oberstaatsanwalt. „Wir wissen noch nicht, ob es einen Zusammenhang gibt. Es ist Ihr Job, das heraus zu finden, Fischer.“
„Wer untersucht den anderen Fall?“
„Goretzki. Er ist schon auf dem Weg ins Krankenhaus.“
„Ist das Opfer schon vernehmungsfähig?“
„Nein, er ist im Koma, glaube ich. Aber man muss ihn trotzdem ansehen, Fotos machen, mit den Ärzten reden und alles.“
„Klar Chef. Ich werde mich mit Goretzki in Verbindung setzen“, sagte Fischer. „Aber zuerst schaue ich mir den Tatort an“.

Auf dem Parkplatz waren schon die Kollegen von der Spurensicherung eifrig bei der Arbeit. Die Leiche war längst abtransportiert. Er sah sich die Stelle an, wo man die Tote gefunden hatte. Außer der Kreidezeichnung, mit der man die Kontur der Leiche markiert hatte, war nichts zu sehen. Er ließ sich die Einzelheiten berichten und sah sich ein wenig um, aber es war nicht viel zu entdecken. Es war offensichtlich, dass sie anderswo getötet und nachher hierher gebracht wurde. Inzwischen war es fast Mittag geworden und so rief er bei der Gerichtsmedizin an, dass er noch vor der Mittagspause vorbei kommen wolle.
Er machte auf dem Weg dorthin einen Umweg durch die Röntgenstraße um einen Blick auf der Stelle zu werfen, wo der fremde Mann zusammengeschlagen wurde. Auch bei Tage waren hier kaum Menschen zu sehen. Die Lastwagen, die hier verkehrten oder am Straßenrand parkten, verdeckten den Blick auf die Stelle, wo es passierte. Er sah gleich, dass es wenig Hoffnung auf etwaige Beobachtung durch Zeugen gab. Höchstens aus dem oberen Stockwerk der Moschee hätte man etwas sehen können. Aber es war einerlei, ob dort jemand etwas beobachtet hatte, denn die Leute von der Moschee gehörten normalerweise nicht zu denjenigen, die mit der Polizei zusammen arbeiten. Sie kooperierten auch dann nicht, wenn sie nicht in die Sache verwickelt waren. Sie betrachteten die Polizei einfach so, wie die Räuber den Gendarm, als Gegner. Es gehörte zu der Räuberehre, dass man der Polizei in keiner Weise half. Und dass sie in dieser Sache nicht verwickelt seien, dass konnte man zu diesem Zeitpunkt noch keinesfalls ausschließen. Im Gegenteil: Die Schlägerei hatte vor der Moschee stattgefunden und kurz darauf fand man die Leiche der Ausländerin zwei Straßen weiter. Alles deutete auf einen Ehrenmord hin. Es war fast so offensichtlich wie im Bilderbuch: Die Frau stammte aus der Türkei, und sie hatte sich mit einem Christen eingelassen. Es war unvorsichtig von ihnen gewesen, gerade in diese Disco in der Nachbarschaft der Moschee zu gehen. Sie hätten es besser wissen müssen. Klar dass sie ihren Landsleuten ein Dorn im Auge waren. Man lauerte ihnen beim Weggehen auf und machte kurzen Prozess mit ihnen.
Er war kurz ausgestiegen, um sich die Nachbarschaft anzusehen, aber es gab hier nichts für ihn zu finden. Das hier war Goretzkis Teil. Er konnte sich trotzdem nicht entscheiden, wieder einzusteigen, denn irgendwas hielt ihn fest. Er fühlte das typische Kribbeln im Rücken, zwischen den Schulterblättern, und wusste, dass er beobachtet wurde. Er sah sich überall um, aber es war niemand zu sehen. Lediglich im oberen Stockwerk der Moschee schien sich ein Vorhang leicht zu bewegen. Aber das war es nicht, was ihm das Kribbeln im Nacken verursacht hatte, das wusste er sofort. Hinter ihm sagte eine überraschte Männerstimme:
„Der Schlag soll mich treffen, wenn du nicht Roland Fischer bist! Was für eine Überraschung! Du bist es wirklich!“ wunderte sich laut der bewusst locker aussehende Mann, der auf ihm zu stürmte. Seine Kleidung war sehr salopp, aber man konnte ihm ansehen, dass diese Lässigkeit viel Geld gekostet hatte und mit Sorgfalt gewählt wurde. Fischer hatte eine Sekunde lang gefürchtet sich zu blamieren, denn er erinnerte sich nicht an den Namen seines Gegenübers. Aber dieser zerstreute bald seine Furcht, als er ihm beide Hände entgegenstreckte und fröhlich rief:
„Erkennst du mich nicht mehr? Ich bin der Rudi Steiness aus Kiel! Mensch, haben wir uns seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen! Wie lange ist es her? Zwölf Jahre?“
Sie hatten damals vor zwölf Jahren zusammen ein Segelboot für einen reichen Schnösel von Hamburg nach Miami überführt. Es war ein großartiger Törn und sie hatten danach mit dem Geld, das sie vom Besitzer des Bootes bekommen hatten, eine Rucksacktour durch die Rocky Mountains gemacht. Aber dann hatten sie sich aus den Augen verloren.
Rudi war inzwischen ein erfolgreicher Unternehmer geworden, mit über 20 Angestellten. Er war nach S. am Rhein gekommen, weil eine gute alte Freundin ihm einen Bürowagen verkaufen wollte.
„Ich hatte geschäftlich in Frankfurt zu tun und da dachte ich mir, dass ich mir gleich dieses Dehler-Büromobil ansehe.“
Wie auf ein Stichwort tauchten die Freundin und der Wagen auf der anderen Seite der Straße auf, als Rudi seinen Satz beendete. Die Frau war nicht mehr ganz jung, aber immer noch attraktiv. In ihrer Jugend muss sie eine schöne Frau gewesen sein, dachte Fischer. Sie stellte sich als Dorina Wiczelsky vor. Er wusste nicht, wie er sie einsortieren sollte, denn ihr Name klang italienisch oder spanisch, ihre blauen Augen und blonden Haare deuteten aber eher auf eine nordeuropäische Herkunft. Wie sich herausstellte, war sie halb Rumänin, halb Polin. Den rumänischen Namen und ihren großartigen Körperbau hatte sie von ihrer rumänischen Mutter, die blonden Haare und blauen Augen von ihrem polnischen Vater geerbt, erklärte sie breitwillig. Und natürlich wusste sie sofort, was Fischer dort im Gewerbegebiet zu suchen hatte:
„Es ist wegen diesem Mord an dem türkische Mädchen, nicht wahr?“
„Ja“, sagte er. „Hat es sich schon herumgesprochen?“
„Es war in den 10-Uhr Nachrichten.“
„Eine Türkin ermordet?“ wollte Rudi Steiness wissen. „Das war sicher ein Ehrenmord. Das passiert bei denen laufend. Auch bei uns hat vorige Woche ein Türke seine Tochter umgebracht, weil sie ohne seine Einwilligung geheiratet hatte.“
„Das hier ist aber kein Ehrenmord“ sagte Dorina entschlossen.
Fischer sah sie überrascht an:
„Woher wissen Sie es?“
„Ich weiß es eben“ sagte sie überzeugt.
„Dorina ist eine Esoterikerin, musst du wissen“ klärte ihn Rudi auf. „Sie hat das zweite Gesicht, wenn du weißt, was das ist.“
Fischer wusste es natürlich, aber er glaubte nicht an solche Spinnereien. In seiner Welt zählten nur die Fakten. Er nickte jedoch höfflich, als ob er ihr glauben würde, denn es hatte keinen Sinn, sie zu brüskieren.

Fortsetzung folgt

Kapitel 2

Er ärgerte sich jedoch, weil er für ein Moment auf sie reingefallen war und geglaubt hatte, dass sie etwas wusste, oder vielleicht etwas beobachtet hatte. Dorina missverstand seine Höflichkeit und wollte sofort ins Detail gehen: „Es ist wegen der Moschee. Die Moschee hätte nie hier errichtet werden dürfen. So lange die Moschee hier bleibt, wird es immer zu Streit und Ärger führen. Oder wie jetzt, zum Mord“. „Schätzchen, wo eine Moschee erbaut wird, kommt es immer zu Streit“, sagte Rudi. „Die Politiker wollen das nicht kapieren, aber es gibt kein friedliches Zusammenleben mit den Moslems“. „Ich spreche nicht von den Moslems, Rudi. Das hier ist heiliger Boden, mit besonderen Energien und Ausstrahlungen. Früher hieß die Straße ab dort, ab der Ecke, der Roterbronnweg. Ich weiss, wie du über den Islam denkst, aber die Muslime sind auch nur Menschen wie wir.“
„Hast du eine Ahnung! Du muss mal PI lesen, mein Schatz. Politically Incorrect. Dann gehen dir die Augen auf“, sagte Rudi. „Die Muslime meinen, dass Allah ihnen die Welt geschenkt hat und deswegen glauben sie, dass sie das Recht haben, sich alles zu nehmen, wozu sie Lust haben.“
„Ach, komm du nicht auch noch mit diesem PI“, sagte Fischer. Es ist nicht immer alles ganz so, wie die es dort schreiben.“ „Was ist nicht so?“ fragte Rudi. „Zeig mir einen Artikel von PI, der nicht wahr ist.“ „Was ist dieses PI“, wollte Dorina wissen. Fischer überließ die Antwort Rudi.
„Entschuldigt mich Leute, aber ich muss jetzt gehen. Ich muss noch vor der Mittagspause etwas erledigen. Vielleicht können wir uns noch treffen, bevor du wegfährst“, sagte Fischer im Weggehen. Rudi nahm begeistert an:
„Warum nicht heute Abend? Da ist eine Gaststätte gleich in der Nähe meines Hotels. Sie heißt Der Weiße Ochse oder so ähnlich.“
„In Ordnung. Ich komme um Acht.“ Damit verabschiedete sich Fischer und machte sich auf den Weg ins Leichenschauhaus.
Auf dem Korridor zu der Autopsie kamen ihm die Worte von Rudis Freundin noch einmal in den Sinn. Er wollte sich gar nicht mit ihnen beschäftigen, aber sie klangen trotzdem in seinem Ohr nach. Sie war eine esoterische Spinnerin, sagte er sich, um ihre Worte zu verscheuchen. Von wegen Energien und Strahlungen. Wenn man Ihresgleichen genaue, logische Fragen stellte, verhedderten sie sich spätestens nach der fünften Frage in ihren eigenen Antworten. Aber sie war eine nette kleine Spinnerin. Fischer fand Gefallen an sie. Sie hatte fröhliche Augen. Und ihr Busen war auch nicht zu verachten.
Bei der Autopsie traf er nur Dr. Straubel an.
„Ach, da sind Sie ja, Herr Fischer!“ kam ihm der Gerichtsmediziner fröhlich entgegen. „Wie geht’s uns heute?“
„Mir gut“, antwortete Fischer und schüttelte die Hand, die ihm entgegengestreckt wurde. „Aber es geht nicht um mich. Wie geht es der Toten, die sie untersuchen?“
Dr. Straubel lachte fast lautlos unter seinem kleinen Schnurbart. Wie alle Gerichtsmediziner liebte er auch die Scherze über Leichen.
„Ihr geht es gut, mein Freund. Da liegt sie, unsere schlafende Schöne“. Er nickte mit dem Kinn in die Richtung des Autopsie-Tisches, auf dem die Tote, blas wie eine schlafende Eisprinzessin ausgestreckt lag
Fischer wollte gleich die vorläufigen Fakten wissen.
„Ist es also wieder ein Ehrenmord“, fragte er, als der Doktor ihm die Leiche zeigte. „Je mehr muslimische Zuwanderer hier leben, um so öfters werden wir so etwas erleben“.
„Kann sein“, antwortete der Doktor. „Aber ob es dieses mal einer ist, wage ich zu bezweifeln. Es könnte natürlich auch ein Ehrenmord sein, aber mir sieht es nicht danach aus. Es war garantiert keine Affekthandlung. Es sieht eher nach einem Ritualmord aus.“
„Meinen Sie, wegen der Art, wie man ihr die Kehle durchgeschnitten hat?“
„Ja. Und weil man sie komplett ausbluten ließ. Das machen sie sonst nur mit ihren Opfertieren bei den Ritualschlachtungen. Die Moslems machen das genau so wie die Juden“, sprach er, während er an der Leiche arbeitete. „Sehen Sie ihre Augen an. Man sieht noch das Entsetzen in ihren Augen. Bei den Ritualmorden ist es nämlich wichtig, dass das Opfer weiß, was mit ihm geschieht und im vollen Bewusstsein der Opferung stirbt. Im Grunde sind die muslimischen und jüdischen Tierschlachtungen nur ein symbolischer Ersatz für das uralte Menschenopfer, das die Islamisten auch heute noch oft an Nichtmuslimen verüben. Sie leiten es von Abraham ab, als dieser auf Geheiß Gottes seinen Sohn Ismail opfern sollte. Gott schickte im letzten Moment einen Engel, der Abraham daran hinderte, Ismails Kehle zu durchschneiden. Aber auch in anderen Kulturen der Antike fand man das Menschenopfer, so auch bei den Griechen. Die Opferung der Ifigenia ist die griechische Variante der biblischen Ismail-Geschichte, aber viel ästhetischer, ausdrucksstarker. Die Mythenforscher sehen in diesen Mythen eine Allegorie der Abkehr vom Menschenopfer. Aber wie es aussieht, kehren wir heute zu den archaischen Zeiten zurück.“
Der Arzt dozierte gern über sein Lieblingsthema, der antiken Mythologie, während er an der Leiche arbeitete.
„Wer weiß, welchem Gott unsere unbekannte Schöne geopfert werden sollte.“
„Wollen Sie sagen, dass sie keine Muslimin war?“
„Schwer zu sagen.“
„Ach, wäre sie nur ein Mann gewesen!“ seufzte Fischer. „Das würde die Sache um einiges einfacher machen.“
„Meinen Sie, dass er seine Religionszugehörigkeit dann auf seinem Geschlechtsteil tragen würde?“ Der Gerichtsmediziner sah ihn aus den Augenwinkeln an. „Vergessen Sie nicht, Herr Kommissar, dass auch die Juden ihre Knaben beschneiden.“ Das Wort „Jude“ sprach er mit Nachdruck aus.
„Wollen Sie sagen, dass sie eine Jüdin war?“
„Das müssen Sie herausfinden. Aber ja, sie könnte auch eine Jüdin gewesen sein. Sie hatte so eine kleine Kaballakette bei sich, welche die Juden verkaufen, ein Andenken aus Jerusalem. Es kann auch sein, dass jemand sie ihr geschenkt hatte und es keine größere Bedeutung hat.“
„Was für eine Kaballakette?“
Die Sachen der Toten waren bereits für die forensische Untersuchung vorbereitet und warteten in mehreren beschrifteten Plastikschalen darauf, abgeholt zu werden. Der Gerichtsmediziner holte aus einem der Plastikschalen ein Armband heraus, mit mehren Talisman-Anhängern darauf: Ein magisches Auge, ein Fisch, eine Hand, eine Blühte, ein Herz, ein Schlüssel und auch ein Davidstern.
„Meine Frau hat auch so eine“, sagte er, und reichte Fischer die Kette. „In Silber. Ihre Verwandten hatten sie ihr als Andenken mitgebracht, als sie vorigen Sommer bei uns waren. Mir haben sie einen Wandteller gebracht, mit einem Bild von Jerusalem darauf. Potthässlich. Und ich kann ihn nicht mal wegschmeißen. Meine Frau würde es mir bis zum Ende ihres Lebens vorwerfen.
Fischer interessierte sich weniger für den Wandteller des Gerichtsmediziners. Er war mit der Kette in seiner Hand beschäftigt.
„Sind diese Symbole nicht allen drei Religionen gleich?“ fragte er. „Das Auge kenne ich auch aus der Türkei. Als wir dort in Urlaub waren, hat man uns irgendwo so ein blaues Glasauge geschenkt. Und der Fisch ist ein Symbol, das auch die Christen kennen.“ Er spielte die Kette durch die Finger. „Das könnte genau so einer Muslimin gehören. Ich sehe da kein Unterschied.“
„Sicher“, antwortete der Gerichtsmediziner. „Aber beachten sie, dass das Kreuz fehlt. Stattdessen ist ein Davidstern darauf. Manche Moslems haben nichts gegen das Kreuz, wenn es um solche Zauberspielereien geht. Im Gegenteil, sie lieben die christlichen Symbole, weil sie ihnen eine gewisse Zauberkraft beimessen. Deswegen macht es ihnen bei solchen Sachen nichts aus. Die Gelehrten und die Islamisten verteufeln zwar das Christentum und verbieten ihren Leuten, an solche Sachen zu glauben, aber das einfache Volk, vor allem die Frauen, glauben alles.“
„Ja und warum nicht an den Davidstern?“
„Sie sehen darin das Symbol des Staates Israel, deswegen. Der Davidstern ist für die Muslime von heute das Symbol des Bösen schlechthin.“
Fischer strich über den Hinterkopf und seufzte: „Mir gefällt dieser Fall gar nicht. Wenn es schon kein Ehrenmord war, hätte es nicht ein einfaches gewöhnliches Mädchen sein können? Eine Deutsche, oder irgendeine Christin? Da hätten wir am wenigsten Wirbel darum gehabt. Aber wenn es so ist, wie Sie sagen, dann wird uns die ganze Presse im Nacken sitzen.“
„Tja. Das kann man noch schnell ändern. Wir müssen nur die Leiche schnell austauschen“.
„Gibt es überhaupt einen Gerichtsmediziner, der keine makabren Scherze macht“, fragte Fischer zurück.

***

Hubert las über den Mord der türkischen Frau in der Regionalzeitung beim Mittagessen in der Cafeteria und rief Güzel gleich an. Er hatte sich schon früher Sorgen gemacht, denn er wusste, was so eine Beziehung mit einer Türkin bedeutete. Er wusste, dass ihre Eltern die Beziehung zwischen ihnen nicht billigten, auch wenn sie es nicht offen zeigten. Ihr Vater wäre noch gar nicht so radikal dagegen, wie ihre Mutter, denn diese hatte einen Imam in der Familie und fühlte sich schon allein deswegen verpflichtet, die Tradition zu wahren. Vater Mutoglu sah es etwas lockerer.
„Wir leben in Deutschland und hier ist alles anders. Deutschland ist ein fortschrittliches Land und gerade das gefällt uns hier. Wenn uns die türkische Art besser gefallen würde, könnten wir ebenso gut in der Türkei leben“, beruhigte er seine Frau, wenn sie zu viel nörgelte. Er hätte sich nur gewünscht, dass Hubert ein wenig „deutscher“ ist. Wenn man ihn fragte, was er damit meinte, erklärte er es so:
„Sieh mal, wir sind Türken und wir sind stolz darauf. Auch wenn ihr Deutschen uns verachtet und verspottet, wenn ihr „Dürke“ als Schimpfwort benutzt, sind wir stolz auf unsere Nation, auf unsere Geschichte. Wir glauben, dass die Türken richtige Menschen sind, mit einem richtigen Herz. Auch die Russen glauben so über sich. Ein Spanier ist stolz auf seine Nation, weil er glaubt, dass sie die beste von allen ist. Aber ihr, Deutschen, schämt euch dafür, dass ihr Deutsche seid. Du sagst, dass alle gleich sind. Wie kann man nur so denken? Ihr solltet euch höher halten. Ihr solltet auch von euch sagen, „ich bin ein stolzer Deutscher“, so wie wir sagen „ich bin ein stolzer Türke.“
Manchmal dachte Hubert, dass Güzels Vater von ihm verlangte, dass er ein Nazi wäre. Huberts Eltern waren überzeugte Multikulturalisten und sie hatten ihn im Geiste der Toleranz und der Gleichwertigkeit aller Kulturen erzogen. Aber diese uneingeschränkte Toleranz war ein Dorn in den Augen von Güzels Vater. Wenn immer Hubert von Toleranz sprach, nickte er brav dazu. Er sagte nie Nein, wenn man ihm erklärte, wie wichtig die Toleranz sei.
„Ja, ja“, nickte er brav, „Toleranz ist gut. Wir Türken sind ein sehr tolerantes Volk. Aber du musst stolz auf dein Volk sein. Du musst dein Volk über die anderen stellen, genau wie du deine Familie über alle anderen Menschen stellen musst.“
Das konnte Hubert kaum nachvollziehen, denn seine Schwester und er hatten nie diese innige Beziehung zu ihren Eltern gehabt, wir Güzel. Sie besuchte ihre Familie mindestens zwei, dreimal wöchentlich und telefonierte täglich mit ihrer Mutter und ihren Schwestern.
Als er ihr vom Ehrenmord in der Röntgenstraße erzählte und sie bat, vorsichtig zu sein, sagte sie nur, dass dieses Mädchen eine sehr komische Familie hatte und dass ihre Eltern ihr so etwas nie antun würden.
„Alle sprachen über diese Familie schlecht. Sie waren aus der Türkei, aber sie hatten hier wenig türkische Freunde. Meine Mutter ist einmal mit ihnen zusammen nach Izmir geflogen. Sie saßen nebeneinander im Flugzeug. Daher kennt meine Mutter sie. Und sie sagt, dass es gar kein Ehrenmord war, weil sie zur Hälfte jüdisch waren. Ich glaube, ihre Großmutter war eine Jüdin. Und ihre Tanten haben auch jeweils Juden geheiratet, eine in der Türkei und eine in Israel. Es kann gar kein Ehrenmord sein“, beschloss Güzel.
„Aber sie ist tot. Die allgemeine Meinung ist doch, dass es ein Ehrenmord war. Auch die Zeitung schreibt es“, versuchte er sie zu überzeugen. „Wer soll sie sonst umgebracht haben, so nahe bei der Moschee? Und du weißt dass Ehrenmorde gar nicht so selten sind.“
Sie war stur wie ein Kind.
„Nein, es sind nur die Medien, die ständig schlecht über die Türken schreiben wollen, und deswegen übertreiben sie in ihren Berichten.“
Er seufzte tief und gab es auf. Aber sie war bereits in Fahrt und ihr kriegerisches Temperament zeigte sich wieder:
„Weißt du was ich glaube? Es waren die Nazis. Deutsche Rechtsradikale“.
Er versuchte sie zu beschwichtigen, ihr das auszureden, aber sie wollte nicht mehr davon lassen. „Du weißt, dass alle Deutschen was gegen die Türken haben. Wenn sie könnten, würden sie uns alle umbringen.“
„Hör mal! Ich bin auch ein Deutscher. Und ich hasse euch nicht. Ich liebe dich!“
„Bist du ganz sicher, dass du mich liebst?“, fragte sie störrisch zurück.
„Ganz sicher!“ Er schickte ihr ein paar Schmatzgeräusche durchs Handy, als Kussersatz. „Aber pass dennoch auf, meine Schöne. Ich will nicht, dass man dich eines Tages auch so findet, mit der Kehle durchgeschnitten. Wenn nicht deine Eltern, dann könnte immer noch jemand von euren Bekannten so etwas tun.“
„Wer soll was tun?“
„Vielleicht die Anhänger deines Onkels. Du hast mehrmals erzählt, dass er dir jedes Mal unsere Beziehung ausreden will, wenn er euch besucht und er ist ein Imam.“
„Mein Onkel ist nicht so. Er sagt, dass wir nicht mit den Ungläubigen befreundet sein dürfen, weil er es so sagen muss. Es steht so im Koran. Aber er würde nichts tun.“
„Aber er mag mich nicht.“
„Du kannst nie mit ihm so sprechen, wie er es mag. Du provozierst ihn immer mit deiner Art.“
„Hör mal! Wie provoziere ich ihn? Ich sage doch nichts, was unfreundlich ist.“
„Ja aber du bist so ungläubig. Musst du immer so atheistisch sprechen, wenn er dabei ist?“
„Das ist nun mal meine Überzeugung. Ich werfe deinem Onkel auch nicht vor, dass er an den Koran glaubt, und nicht an die Wissenschaft.“
„Das ist nicht dasselbe.“
„Doch, das ist dasselbe. Ich akzeptiere seinen Glauben, aber er muss auch akzeptieren, dass ich seinen Glauben nicht teile.“
„Das kann er nicht, denn er ist ein heiliger Mann. Für ihn ist der Glaube das Wichtigste, was einen Menschen ausmacht“. Sie schwieg einen Moment, dann sagte sie: „Du könntest ihm einen Gefallen tun. Er hat dich gebeten, ob dein Vater es arrangieren kann, dass das Fernsehen in die Moschee kommt, einen Bericht über uns zu drehen.“
„Wie soll ich das tun? Du weißt ja, dass ich kaum mit meinem Vater über solche Sachen spreche. Ich würde auch nicht zulassen, dass er in meine Sachen hinein redet.“
„Versuch es, bitte. Vielleicht gefällt es deinem Vater sogar.“
„Was für ein Bericht soll es denn sein?“
„Da ist am nächsten Freitag jemand, der beim Freitagsgebet öffentlich konvertieren will. Es ist jemand bekanntes.“
„Wer?“
„Ich weiß nicht. Mein Onkel macht ein Geheimnis daraus. Er hat aber gesagt, dass es jemand Berühmtes ist.“

***

Margit Tennewill konnte ihren Wut kaum noch im Zaum halten. Gestern Abend, als sie ihre Mails abrief, fand sie mindestens fünfundzwanzig wohlmeinende darunter, die sie auf einen Internetartikel aufmerksam machen wollten. Es war eine kritische Aufarbeitung der Talkshow am Wochenende, sehr bissig, ironisch geschrieben. Ursprünglich bei Politically Incorrect veröffentlicht, verbreitete sich dieser Text wie ein Lauffeuer. Und überall kommentierten die Leute im Schutze der Anonymität mit teilweisen unverschämten Äußerungen, die keine Details über ihr Äußeres, über ihre Familie oder über ihre Finanzen aussparten. Die Kommentatoren verschonten keinen der Teilnehmer, weder die Talkgäste, noch die Moderatorin. Einige wenige zeigten dem Staatsanwalt Matthäus gegenüber einige Sympathie und Zustimmung, die aber wieder von anderen in Frage gestellt wurden. Und dazwischen derbe Beschimpfungen, von denen das meiste sich gegen sie richtete, weil sie die Frau des Intendanten war. Sie hätte sich liebend gern gegen ihren Mann ausgelassen, wenn er gestern Nacht nach Hause gekommen wäre, denn sie war überzeugt, dass die verbitterte Meinung zu einem beträchtlichen Teil der politischen Linie des Senders zu verdanken war.
„Typisch Victor“, sagte sie sich morgens zu ihrem Spiegelbild, während sie ihre kurzgeschnittene Haare zurecht föhnte. „Er ist wieder mal bei einem Flittchen hängen geblieben.“
Sie machte sich schon lange nichts mehr aus seinen Liebschaften. Sie hatten sich schon lange auseinander gelebt und waren eigentlich nur noch aus materiellen Interessen zusammen geblieben. Ihre Freunde wunderten sich oft darüber, dass die Tennewills zu den wenigen Ehepaaren gehörten, die in der heutigen Zeit so lange zusammengeblieben waren, ohne je an Scheidung zu denken. In der Wahrheit hatten sie sich nicht nur einmal, sondern sogar zweimal getrennt. Aber das war ganz am Anfang ihrer Ehe, als noch eine Liebeziehung zwischen ihnen existierte. Einmal hatte sich Victor in ein junges Mädchen verliebt und als Margit davon erfuhr, flog sie für zwei Monate nach Amerika um dort ihr Leben neu anzufangen. Aber sie fand schnell heraus, dass es nicht so einfach war, ein neues Leben auf sich allein gestellt anzufangen, ohne ihren Freundeskreis und ohne die politischen Beziehungen ihres Mannes. So überzeugte sie sich innerlich, dass sie ihn noch immer liebte und kehrte zurück, um ihm zu verzeihen. Das zweite Mal war es, als die Kinder schon etwas größer waren. Margit hatte sich in einen ihrer Studenten verliebt, der auf diesem Weg zu einer Assistentenstelle kommen wollte. Das ganze eskalierte dann, als die politischen Rivalen ihres Mannes die Affäre heraus gefunden und gegen sie eine Anzeige wegen Missbrauch von Abhängigen im Amt gestellt hatten. Es sah sehr schlimm aus für Victor, der gerade eine Stelle als stellvertretender Intendant in Aussicht hatte und keinen öffentlichen Skandal brauchen konnte, so dass er kurz davor war, die Scheidung einzureichen. Aber als Victor mit seinem Steuerberater die Folgen einer Scheidung durchrechnete, nahm er von einer Scheidung Abstand, zumal die Stelle inzwischen ein anderer bekommen hatte.
In den darauffolgenden Jahren entwickelten die Tennewills eine gut funktionierende Partnerschaft, in der jeder seine Freiräume und sexuellen Liebschaften hatte, ohne gewisse Grenzen zu überschreiten, und in der sie sich gegenseitig beschützten oder in ihren Karrierebestrebungen halfen.
Deswegen vermisste Margit jetzt ihren Mann, denn sie konnte sonst mit niemand über ihre Probleme offen sprechen, schon gar nicht bei der Arbeit. Möglicherweise war der Urheber des PI-Artikels sogar ein Berufskollege, der ihr ihre letzten Veröffentlichungen missgönnte. Sie tippte auf einen Rivalen aus Marburg, denn sie glaubte, seinen Stil in den Sätzen zu erkennen. Sicher konnte man es nicht wissen, auch wenn darin ein, zwei Hinweise auf Insiderkenntnisse zu finden waren. Der Autor des Schmähartikels versteckte sich in der Anonymität, diese feige Sau! So dass es unmöglich war, ihn zur Rede zu stellen. Die Betreiber des Blogs hatten die ganze Sendung mitgeschnitten und auf eigene Videos eingefügt, so dass sie nicht mal mehr den schlimmsten Ausrutscher entfernen lassen konnte.
Und dann hatten sie noch einen zweiten Artikel veröffentlicht, in dem es ausschließlich um den Chefintendanten ging und um die Hintergründe und die Politik des Senders. Ein guter Freund, Peter Georgen, hatte ihr geschrieben, dass dieser Artikel von einer gewissen Franzi Kehrmann geschrieben sei, eine freie Theologiedozentin, die in Dänemark lebte. Der Artikel war, verglichen zu dem anderen, und zu den unverschämten Kommentaren, sehr zurückhaltend, sachlich und professionell. Dennoch beinhaltete er viel mehr Sprengstoff als alles andere. Irgendwie muss diese Frau bei der Aufzeichnung dabei gewesen sein, denn im Artikel waren ein paar Kleinigkeiten, die gar nicht veröffentlicht wurden. Außer den etwa 20 Mitarbeitern des Senders, die bei der Aufzeichnung dabei waren, hätte niemand gewusst, dass sie von einem Aggressionspegel gesprochen hat, und dabei den Prozentsatz von 63,9 verwendete. Diese Angabe war schon in sich allein genommen falsch, denn sie hatte sie mit der fünfjährigen Steigerungsrate verwechselt. In den Statistiken stand nämlich 57. Woher sollte denn diese PI-Autorin das alles gewusst haben?
Margit Tennewill war wegen diesem Artikel so beunruhigt, dass sie nach der Arbeit zu Hause blieb den ganzen Abend mit Internetrecherchen verbrachte. Sie versuchte, sich über die Autorin Franzi Kehrman ein Bild zu machen. Als sie nach ihr googelte, fand sie das Bild eines jungen Mädchens mit goldblonden Zöpfen. Sie sah so unwahrscheinlich aus, als ob sie gar nicht aus dieser Welt sei. Sie hatte ein Gesicht, das man eher für eine Schauspielerin aus dem 19. Jahrhundert gehalten hätte, für die Rolle einer Krimhilde oder einer Germania in einer alten Wagneroper zurecht geschminkt. Oder wie das Goldmariechen aus einem alten Märchenbuch der Brüder Grimm. Die Psychologin in ihr staunte sehr, dass so eine Frau eine evangelische Theologin war und solche Internetartikel schrieb. Dann aber klingelte das Telefon – wieder einer ihrer wohlmeinenden Freunde, der sie „nur rechtzeitig warnen“ wollte. Sie verloren sich im Gespräch, und da fielen einige Fachbegriffe, die sie gleich, während sie noch zuhörte, im Internet raussuchte.
Als sie sich bewusst war, dass sie das Registerfenster mit dem Gesicht der Frau mit den Zöpfen geschlossen hatte, suchte sie wieder nach ihr, um ihr Bild abzuspeichern. Aber sie fand sie nicht mehr. Egal welche Stichworte sie nahm, es nutzte nichts. Diesmal bekam sie ein ganz anderes Gesicht, das Gesicht einer ganz normal aussenden Frau, von der man ohne weiteres annehmen konnte, dass sie einen sozialen Beruf ausübte. Die Frau hatte kastanienbraune Haare, und ein schmales, edles Gesicht, mit intelligenten, ausdrucksstarken, aber sanften Augen. Sie war schlicht frisiert und ungeschminkt, so wie man es von Frauen erwarten konnte, die ihr Leben Gott widmeten und nicht den weltlichen Eitelkeiten. Sie fand sie auch in Videos, in denen sie mit ihrem Namen angekündigt wurde, da sie für mehrere englische und dänische Islamkritiker bei einer Konferenz dolmetschte. Und sie fand das Gesicht der Franzi Kehrmann auch bei Indymedia, wo man dazu aufforderte, sie wegen Rassismus und wegen Islamophobie beim Dekan der dänischen Universität anzuzeigen und ihre Entlassung zu fordern. Es war offensichtlich, dass sie die richtige Franzi Kehrmann war. Aber wer war dann das andere Gesicht? Sie suchte sehr lange wieder nach der Frau mit den goldenen Haaren, bis sie fast hysterisch wurde. Aber sie konnte sie einfach nicht wiederfinden.
Sie war so nervös geworden, dass sie vor dem Einschlafen unbedingt eine Zigarette rauchen wollte. Etwas, was sie seit zwei Jahren nicht mehr getan hatte. Sie hatte zuerst in den Schreibtischschubladen ihres Mannes nach einer Zigarette gesucht, dann, als sie dort nichts fand, auch im Zimmer ihrer Tochter. Sie war fast erleichtert, als sie keine fand. Das gab ihr einen greifbaren Grund, zu der Tankstelle zu fahren, um sich Zigaretten zu kaufen.
Sie nahm nur ihren Autoschlüssel und ihren Geldbeutel. Erst unten in der Garage merkte sie, dass die Nacht zu kalt war, denn sie hatte nur Jeans und einen dünnen Pullover an. Sie wollte aber nicht mehr ins Haus zurück kehren und sah sich in der Garage um, denn ihr Sohn und ihr Mann ließen oft ihre Freizeitjacken dort hängen, wenn sie vom Sport kamen. Sie fand eine Jacke ihres Sohnes und zog sie an. Die Jacke war etwas schlabbrig, veraltet und formlos, aber gleichzeitig kuschelig und warm, wie die Männerjacken, die, wenn die Frauen sie anziehen, das Bestreben ihrer Besitzer in sich weiter tragen, eine frierende Frau zu umhüllen und ihr ein wenig Geborgenheit zu geben.
Als sie bei der Tankstelle ankam und aus dem Wagen stieg, steckte sie automatisch ihre Hand in die Taschen der Jacke und fand ein weiches Zigarettenpäckchen mit etwa fünf Zigaretten drin. Sie sah sie verwundert an, denn es waren türkische Zigaretten. Aber wenn sie schon so weit war, wollte sie dennoch hinein gehen und etwas kaufen. Sie bezahlte die Zigaretten und die anderen Sachen, die sie gekauft hatte, eine Schokolade, eine Brezel und eine Zeitschrift und wollte gerade hinaus gehen, als sie die Gruppe junger Männer draußen erblickte.
Es waren vielleicht fünf oder sechs. Sie traute sich nicht hinauszugehen, denn sie hatte aus einem unerklärlichen Grund Angst vor ihnen. Sie hatte das dumpfe Gefühl, dass die Männer gleich irgendwas Gewalttätiges tun werden. Sie zog sich zurück aus dem Eingang, in die trügerische Sicherheit der Tankstelle.

Fortsetzung folgt

Kapitel 3

Fischer kam erst verspätet beim Weißen Ochsen an, denn die Untersuchungen im Fall der abgeschlachteten Frau in der Röntgenstraße komplizierten sich und brachten viel zusätzliche Arbeit mit sich. Beinahe wollte er Rudi absagen. Aber dann dachte er, dass er doch mal was essen mußte, und warum nicht im Weißen Ochsen mit Rudi. Zuvor aber fuhr er noch ins Krankenhaus, um sich den zusammengeschlagenen Mann persönlich anzusehen, mit dem angeblich das Mädchen zusammen gewesen sein soll, bevor es umgebracht wurde. Er hatte zuvor mit Goretzki telefoniert und dieser hatte ihm über einige Ungereimtheiten berichtet. Es stellte sich heraus, dass er gar kein Deutscher war, wie sie ursprünglich angenommen hatten.
„Irgendwas passt nicht“, sagte Goretzki am Telefon. „Er ist ein Grieche, der erst am Dienstag nach Deutschland kam. Sein Name ist Alexios Elefteridis und er kommt irgendwo aus einer kleinen Stadt auf den Peloponnes. Die Täter haben seine Brieftasche und sein Handy mitgenommen, aber wir fanden bei ihm ein paar Tankstellenbelege, so dass wir seine Fahrt rekonstruieren und seine Personalien in Erfahrung bringen konnten. Er wohnt hier bei Freunden in der Malwenstraße. Aber sie wussten nichts von seiner Beziehung zu diesem türkischen Mädchen, obwohl sie sagten, dass er ihnen alles erzählte. Sie kennen sich bereits seit der Kindheit und ihre Eltern waren auch schon befreundet.“
„Und was passt daran nicht?“
„Nu, er kam hierher, um einen geheimnisvollen Freund zu treffen, dem er etwas mitgebracht hatte. Was es sein soll, das haben sie nicht gewußt. Wir haben sein Gepäck durckgesucht, aber wir fanden nichts. Diese Familie, bei dem er wohnt, macht einen ehrlichen Eindruck. Sie sind einfache, fleißige Menschen, die bisher noch nie strafrechtlich aufgefallen waren, weder hier noch in Griechenland. Und dasselbe sagten sie über das Opfer. Sie wußten nichts von einer türkischen Freundin hier in Deutschland und als wir sie danach fragten, waren sie entrüstet. Sie sagten, dass er in Griechenland so gut wie verlobt ist und er hätte ihnen erzählt, dass er in seine Verlobte sehr verliebt sei.“
Fischer verzog das Gesicht, denn er glaubte nicht an die große Liebe, wie in den romantischen Märchen der Vergangenheit, für die man bereit war, alles aufzuopfern und manchmal sogar den Tod auf sich nahm. Heute lebte man in einem Zeitalter der kurzen Abenteuer, Sexbeziehungen und leichten Trennungen.
„Vielleicht war der Kerl ein kleiner Casanova und hatte mehrere Eisen im Feuer. Er wäre nicht der erste, der das tut, zumal wenn die Verlobte so weit weg ist. Hast du überhaupt was gefunden, was darauf hindeutet, dass die Türkin und dieser Grieche zusammen waren?“
„Ja. Wir haben mehrere Zeugenaussagen, die sie gemeinsam in der Disko gesehen haben. Und er hatte die Telefonnummer des Mädchens auf einem Zettel in der Jackentasche. Es war so ein Fetzen Papier aus einem Notizblock einer internationalen religiösen oder wohltätigen Organisation. „Gott Abrahams“ heißt es. Darunter steht ein Spruch „Der Gott Abrahams ist unser aller Gott“. Die Organisation hat je einen Sitz in Zürich, in Haifa, und auch hier in Deutschland in Düsseldorf. Sie scheinen überall in der Welt zu operieren, so dass er diesen Zettel überall hätte bekommen können. Damit habe ich dir einige Arbeit erspart.“
Fischer lachte ins Telefon:
„Erwischt“ gab er zu. „Ich hätte nicht gewusst, wo ich anfangen soll zu prüfen, ob die beiden etwas mit einander hatten.“
„Ja, sie hatten was. Und es war mehr als nur eine Zufallsbekanntschaft. Unser Herr Alexios Elefteridis hatte die Telefonnummer der Sarah Olun mit Vorwahl notiert, was darauf hinweist, dass er ihre Nummer schon im Ausland erhalten hatte.“
Fischer pfiff zwischen die Zähne.
„So heißt sie? Sarah Olun? Woher weißt du, dass sie es ist?“
„Ich habe vorher noch ihre Identität beim Einwohnermeldeamt geprüft. Und du kannst dir vorstellen, dass ich neugierig genug war, um ihr Foto aus unserer Datenbank mit dem Bild der Leiche aus der Röntgenstraße zu vergleichen. Es ist dieselbe Frau. Du kannst dich auf mich verlassen.“
„Danke Kumpel“, sagte Fischer. Er war seinem Kollegen wirklich dankbar, und auch dem Zufall. Denn das Mädchen war auch nicht von hier und ohne ihren Namen oder den Namen ihrer Freunde zu kennen, hätte er sonst nichts gehabt, um ihre Identität heraus zu finden. Dieser Hinweis von Gorzetzki war ein größerer Fahndungserfolg, als alles, was er sonst den ganzen Tag herausgefunden hatte.
Er nahm eine Dusche, zog sich um, und machte sich auf dem Weg zum Weißen Ochsen, um sich mit Rudi zu treffen. Insgeheim hoffte er, dass die hübsche Polin auch kommen würde. Er hatte gar einige Andeutungen gemacht, als sie sich am Mittag getrennt hatten, aber er war nicht sicher, ob sie ihn richtig verstanden hatte. Er fühlte sich zu Dorina Wiczelsky hingezogen und hätte zu einem kleinen Flirt nicht Nein gesagt. So wie es aussah, war das sein Glückstag.
Rudi war noch nicht da, aber Dorina saß mit einem kräftig gebauten Mann an einem Tisch in der Nähe der Theke. Sie lachten herzhaft und prosteten sich gegenseitig mit einem Pils zu. Als sie ihn hereinkommen sah, winkte sie ihm sofort zu und nahm gleich ihre Jacke vom Stuhl neben sich, um ihm Platz zu machen.
„Ach, Herr Fischer! Schön, dass Sie gekommen sind. Sie heißen Roland, nicht wahr? Darf ich Roland zu Ihnen sagen? Ich heiße Dorina“, sagte sie mit einer fröhlich gurgelnden Stimme, die Fischer an einen turtelnden Taube mit wohlgeformten Busen erinnerte. Er nahm ihr Angebot an und küsste sie waghalsig auf ihre rosige Wange:
„Wenn wir uns duzen, steht mir ein Kuss zu“, begründete er nachträglich seine Geste. Ihr machte es nichts aus. Sie lehnte sich vor und küsste ihn wie selbstverständlich zurück.
Wie sich herausstellte, war der kräftige Mann, der mit ihr am Tisch saß, der Wirt selber. Er nahm Fischers Bestellung für ein Bier auf und ging hinter die Theke, um es ihm selber zu holen.
„Und wo ist unser Freund Rudi geblieben“, fragte Fischer. „Er sollte schon längst hier sein. Es ist nicht gut, eine schöne Frau allein in der Kneipe sitzen zu lassen.“
„Ich war nicht allein. Willy war hier“, sagte sie und zeigte mit einem Kopfnicken zum Wirt. „Rudi kommt etwas später. Er hat vorher angerufen und gesagt, dass er noch ein wenig aufgehalten wird. Er muss jeden Moment kommen.“
Fischer dachte, er hätte nichts dagegen, wenn Rudi sich möglichst lange verspätete und ihm damit Gelegenheit gab, seine Bekanntschaft mit Dorina zu vertiefen. Sie war Kindergärtnerin in einem katholischen Kindergarten, war geschieden und hatte eine Tochter und einen Sohn. Der Sohn war gerade mit dem Vater auf eine Bergtour in Nepal unterwegs. Früher war sie auch eine begeisterte Bergsteigerin und hatte einige Spitzen zusammen mit ihrem Mann erklommen, auch wenn sie noch nie einen richtigen Achttausender bestiegen hatte. Aber sie war schon in den Himalaya, bis zu 6000 Meter hoch, bis zum Khumbu-Gletscher gestiegen. Und auch in den Anden war sie mit ihrem Mann gewesen. In Afrika hatten sie den Kilimandscharo bewältigt, und in der Osttürkei den Ararat. Später, als die Kinder geboren wurden, waren solche Touren nicht mehr drin. Sie beschränkte sich nur noch darauf, ihren Mann auf seine Touren in Europa zu begleiten, wo sie die Kinder mitnehmen konnte: In die Alpen, Karpaten oder in die Pyrenäen. Der Sohn, Waclaw, war auch ein begeisterter Alpinist, aber Sonka, ihre Tochter, mochte die Berge nicht. Sie sagte, dass die Berge sie noch weniger mochten, denn sie hatte schon zweimal einen Unfall in den Bergen erlitten.
„Vielleicht liegt es an ihrem Namen“, sagte sie. „Sonka ist ein friesischer Name, er passt besser zum Meer. Und meine Tochter wollte schon immer lieber ans Meer in den Urlaub als in die Berge. Die Berggeister sind gegen so was sehr empfindlich“.
„Ich finde Sonka klingt gut“, sagte Fischer. „Wenn ich ein Berggeist wäre, hätte ich nichts dagegen.“ Er hatte es nur so dahin gesagt, um den Ball in Bewegung zu halten. Dazu reichte ab und zu eine kleine Bemerkung. Aber er hörte ihr viel lieber zu, wie sie über sich und ihr Leben erzählte. Das gab ihm die Möglichkeit, sie zu bewundern, sich an ihr satt zu sehen. Und sie erzählte gern. Sie war fröhlich und humorvoll, obwohl, wenn es um ihre Geisterwelt ging, mochte sie keine Witze.
„Die Geister sind eine ernste Sache. Es ist nicht gut, über sie zu lachen“, sagte sie mit einer feierlichen, ernsten Miene. „Wenn du sie herausforderst oder ignorierst, bestrafen sie dich. Sie haben viel Macht und sie fordern von den Menschen mit Recht, dass wir sie respektieren.“
Sie hatte zum ersten Mal in den Pyrenäen entdeckt, dass sie das zweite Gesicht besaß. Sie hatten sich verirrt und ein Gewitter kam auf. Ihr Mann, Peter, hatte den Fuß verrenkt und konnte nicht mehr laufen. Ihre Lage wurde deswegen gefährlich. Sie hatten sich vom Regen unter einem Felsvorsprung Schutz gesucht. Dort ist sie vor Kälte und Hunger eingenickt und im Traum ist ihr ein Gesicht erschienen, ein alter Mönch, barfuß, mit einem Wanderstab, ganz abgemagert, mit zotteligen, grauen Haaren und nur einer derben, braunen Kutte gekleidet. Seine Füße waren wund und blutig. Dorina hatte seine Füße gewaschen und gesalbt, denn sie hatte Mitleid mit ihm und konnte nicht tatenlos zusehen, wie der Alte sich quälte. Daraufhin sagte ihr der Mönch, dass sie nur ein wenig nach Westen, in die Richtung des Waldes, den sie in der Ferne sah, zu gehen hatte, und dort an einer Stelle, die sie wegen einem Felsen und einer Baumgruppe nicht sehen konnte, sich eine Kapelle befand, wo sie Hilfe bekommen würde.
Als sie aufwache, ging sie in die Richtung, die der Mönch ihr gezeigt hatte, und fand tatsächlich die Kapelle. Dort traf sie auch auf einen Hirten, der half, ihren Mann bis zu seiner Hütte zu bringen. Am nächsten Tag gingen sie hinunter ins Dorf, ihr Mann auf dem Rücken eines Esels, denn man hatte einen Esel aus dem Dorf für ihn geholt, und sie ging zu Fuß daneben.
„Der Mönch hatte die Wahrheit gesagt. Ich fand die Kapelle genau dort, wo er sie mir gezeigt hatte, und dort bekamen wir Hilfe. Später, als es ich den Dorfbewohnern erzählte, sagten sie mir, dass es bestimmt der Heilige Jakobus war. Denn es war nicht weit vom Jakobsweg.“
„Der Heilige Jakob ist eine traurige Figur. Wenn mir eine schöne Frau die Füße gewaschen hätte, oder noch lieber den Rücken, hätte ich für sie ein wenig mehr getan, als sie zu der nächsten Kapelle zu schicken“, scherzte Fischer. Sie hatte sich zu sehr in ihre Geister vertieft und er fand das ein wenig fade. Er wollte sie lieber in Flirtstimmung bringen. Aber dazu kam es nicht mehr, denn Rudi tauchte auf, und er riss die ganze Unterhaltung an sich.
„Entschuldigt mich, dass ich euch so lange warten ließ“, platze er herein. „Aber die Verhandlung hat sich verzögert. Ich hatte mir das Gebäude am Ende der Röntgenstraße angesehen, denn heute Mittag, als ich da war, stand dort ein Schild, dass es zu vermieten oder zu verkaufen war. Aber die Besitzer sind Ausländer, irgendwelche Türken.“
„Und was ist daran schlimm, wenn es Türken sind?“ fragte Dorina.
„Unser Freund Rudi scheint ein paar Vorurteile gegen sie zu hegen“, sagte Fischer, und beugte sich dabei vertraulich zu ihr.
„In meinem Geschäft kann man solche Vorurteile, wie du sie nennst, nicht einfach ignorieren. Solche Fehler könnten mich Kopf und Kragen kosten. In euren Berufen ist das etwas ganz anderes. Ihr als Polizist und als Kita-Tante könnt ruhig diese Gleichmacherei spielen, dass wir alle gleich lieb, gut und ehrlich sind, denn ihr kriegt so oder so eure Gehälter. Ihr müsst keine Geschäfte mit ihnen machen.“
„Ich verstehe dich trotzdem nicht. Wenn du das Haus kaufen willst, dann ist es doch egal, von wem du es kaufst. Wenn du bezahlt hast, dann gehört es dir und basta.“
„Wenn es so einfach wäre, mein Mädchen, wie es aus deinem Munde klingt!“
„Du bist einfach nur ein Rassist“ sagte Dorina und schlug ihn dabei verspielt über den Arm. Fischer rechnete, dass sie etwas über vierzig sein musste, denn sie hatte erwachsene Kinder. Aber wenn sie lachte, hatte sie etwas Kleinmädchenhaftes um den Mund. Sie warf ihren Kopf zurück und lachte mit vollem Mund, wie ein Kind, dass etwas Unartiges getan hat und dabei erwischt wurde. Ihre Zähne blitzten dabei wie eine kleine Perlenreihe, und ihre Augen zogen sich zu einer schmalen Spalte, wie bei den japanischen Zeichentrickfilmen.
„Ein Nazi. Das bist du. Ihr, Deutschen, seid alle Nazis. Auch mein Mann war so einer. Ich kenne euch alle“
„Nicht alle“, wehrte sich Fischer. „Ich bin kein Nazi. Teste mich“ bot er sich ihr an.
„Nein, du bist kein Nazi. Aber Rudi ist einer.“
Rudi sah sie scharf an. Sein Gesicht wurde unerwartet ernst.
„Ja, ich bin ein Nazi. Und was jetzt?“
Er hatte die Antwort an Dorina gerichtet, aber Fischer war es klar, dass der Satz ihm galt und es traf ihn wie ein Seitenhieb aus dem heiteren Himmel. Das Gespräch drohte sich in eine Richtung zu entwickeln, die ihm ausgesprochen unangenehm war.
„Ich will das nicht wissen, mein Junge. Wenn du einer bist, gut für dich. Aber behalte es für dich und lass mich da raus.“
„Ok, ich lasse dich da raus. Du muss das nicht wissen. Aber ich stehe dazu. Ich habe es satt, mir ewig anzuhören, dass wir Deutschen Nazis seien. Wenn sie uns immer alle beschuldigen und verunglimpfen, dann bin ich halt einer. Und ich finde nichts Schlimmes daran, ein Nazi zu sein.“
„Na gut. Dann sei ein Nazi“, sagte ihm Dorina. „Aber lass uns damit in Ruhe.“
Der Wirt, der immer wieder zu ihnen an den Tisch kam, mal um eine Bestellung aufzunehmen, mal um ein Getränk zu bringen und jedes mal sich mit ein, zwei Bemerkungen an dem Gespräch beteiligte, mischte sich jetzt auch ein.
„Dann muss ich dir heute unbedingt unser Ferkelbraten mit Sauerkraut empfehlen. Das ist nämlich ein echter Naziferkel. Der Züchter, von dem ich das Fleisch beziehe, ist auch so einer, wie du und ich. Der macht auch keine Schnörkel darum, was er denkt. Er sagt es am liebsten gerade heraus.“
„Ihr versteht euch sehr gut, muss ich konstatieren“ warf Fischer dazwischen. „Am Ende bildet ihr alle hier noch einen braunen Sumpf und ich muss euch alle in Beugehaft nehmen.“
„Mich nicht, Roland“, sagte Dorina mit ihrer aufgesetzten Kleinmädchenstimme. Ich will gar kein Naziferkel.“
„Keine Sorge. Du bekommst dein Kaninchenfutter, wie immer“ versicherte ihr der Wirt. „Und der Wein geht aufs Haus. Damit du auch was Anständiges in den Bauch bekommst.“
„Dass diese Frauen ständig hungern müssen!“ stöhnte Rudi. „Dabei mögen wir sie viel lieber, wenn sie hier und dort ein paar Kurven haben.“
Fischer antwortete nichts darauf, aber sein Blick auf Dorinas Brust war die reinste Zustimmung.
Es war ein fröhlicher Abend und sie gaben sich alle Mühe, ihn möglichst in die Länge zu ziehen. Fischer hatte sich schon lange nicht mehr so wohl gefühlt. Er nahm sich ein Taxi, denn er hatte eindeutig zu viel getrunken, um sich noch hinter das Lenkrad setzen zu können. Er versuchte gerade, sich auszurechnen, wie viele Chancen er bei Dorina hatte, und was er dafür tun konnte, um die Sache zu beschleunigen, als sein Handy klingelte. Es war eine Schlägerei bei einer Tankstelle, sagte der diensthabende Beamte von der Zentrale.
„Aber die Sache erfordert ein wenig Fingerspitzengefühl und es wäre gut, wenn wir es nicht allein der Streife überlassen. Ich hatte auch schon versucht, den Herrn Oberstaatsanwalt Matthäus zu erreichen.“
„In Ordnung. Ich bin schon unterwegs“, antwortete Fischer.
Er gab gleich dem Taxifahrer die neue Fahrtrichtung: Die Tankstelle auf der Ausfallstraße in der Weststadt.

***

Margit Tennewill hatte zuerst geglaubt, dass die Männer herein kommen würden und sie wollte dann hinaus gehen, während sie drinnen waren. Sie waren mit sich selbst beschäftigt und stritten laut mit einander in einer fremden Sprache. Einer trennte sich von der Gruppe und machte ein paar Schritte weg von den anderen, während ein anderer ihm was hinterher schrie. Nach etwa zehn Schritten drehte sich derjenige, der vorher weggehen wollte, wieder um und kam zurück. Dabei sah er so wütend aus, wie ein schnaubender Stier. Der andere, der vorher geschrien hatte, kam auf ihn zu, und schlug ihn mit ungeheuerlicher Gewalt in die Brust, so dass der Mann wie ein Brett rückwärts auf den Asphalt fiel. Margit dachte, als sie ihn so fallen sah, ohne dass er irgendeine Bewegung gemacht hätte, um den Fall zu mildern, dass sein Kopf wie eine reife Melone auf dem Asphalt zerspringen müsse. Tatsächlich erreichte der Kopf des Mannes fast noch vor seinem restlichen Körper den Boden und schlug mit einem lauten Knall auf. Aber anstatt in Stücke zu zerbersten, oder zumindest bewegungslos liegen zu bleiben, sprang der Mann fast sofort wie ein Stehaufmännchen wieder auf und ging auf den anderen zu.
Dann ging alles so schnell, dass Margit es kaum verfolgen konnte. Das Messer sah sie gar nicht, erst als einer der Männer aus der Gruppe sich am Bauch hielt und sich krümmte. Margit begriff erst, was es war, als sie seine Finger rot werden sah. Das Blut färbte zuerst seine Finger, dann tropfte es in immer größeren Tropfen auf den Boden, dunkel und lautlos, aber unaufhörlich.

Sie wandte sich zum Tankwart und beschwor ihn, die Polizei zu rufen:
„Mein Gott! Sie haben ihn umgebracht! Er wird sterben!“ schrie sie.
„Wer? Wen haben sie umgebracht?“, fragte der Tankwart und reckte seinen Hals um etwas zu sehen. Da er aber nichts sehen konnte, versuchte er die Szene auf dem Monitor der Überwachungskameras zu finden.
Margit zerrte inzwischen ihr Handy aus ihrer Jackentasche und rief selber den Notruf. Aber bis die Polizei eintraf, waren alle Männer verschwunden. Auch der Verletzte. Nur die dunklen Blutstropfen auf dem Asphalt zeugten noch von der unglaublichen Brutalität, die sich vor ein paar Minuten dort abgespielt hatte.

***

Das Martinshorn des Polizeifahrzeugs klang für Margit wie die Posaunen der Erlösung. Sie hatte sich mit dem Tankwart allein nicht mehr sicher gefühlt. Der Mann hatte den Ernst der Lage gar nicht begriffen. Ja, er schien es gar nicht begreifen zu wollen. Und als die Polizei eintraf und die Beamten ihm Fragen stellten, antwortete er so, als ob gar nichts passiert wäre, nur weil er nichts wahrgenommen hatte. Er ist wie die drei chinesischen Affen, die nichts sehen, nichts hören und nichts sagen wollen, nur damit sie ihre Ruhe haben, dachte sich Margit. Sie fühlte sich allein gelassen, und musste erkennen, dass die Polizisten sie nicht ernst nahmen, nachdem sie den nichtssagenden Bericht des Tankwarts angehört hatten. Sie kam sich unter ihren Augen wie eine überspannte Verrückte vor, die Dinge sieht, die gar nicht stattgefunden haben. Bestimmt haben sie sich ein seltsames Urteil über sie gebildet, so wie sie dastand, mitten in der Nacht an einer Tankstelle, an die sie sonst nicht mal tagsüber hinkam. Als sie nach ihren Personalien fragten und sie ihren Beruf nannte, war die Sache in ihren Augen endgültig geklärt. So blieb ihr nichts anderes übrig, als ihre letzte Karte auszuspielen, ihren geheimen Trumpf, auf den sie sonst nur sehr ungern setzte: ihren Mann, den Chefintendanten des S-TV. Aber es wirkte auch diesmal, wie immer. Der eine Polizist rief gleich bei der Wache an und versuchte, so höflich zu erklären, wie er nur konnte, wie die Situation lag, denn er war sich bewusst, dass sie ihm zuhörte. Und er bat um Anweisungen, wie er sich in dieser empfindlichen Lage verhalten sollte. Dann hörte er eine Weile zu und legte auf, bevor er verkündete, dass der Kommissar Roland Fischer in Kürze eintreffen wird.
Margit ließ sich eine Tasse Kaffee geben und fragte nach der Raucherecke, um die Wartezeit zu verkürzen. Aber dafür hätte sie nach dem neuen Gesetz hinaus gehen müssen, und herunter vom Tankstellengelände. Das war etwas zu viel für ihre Nerven. Sie dachte dabei, wie absurd es war, dass sie gerade deswegen zu der Tankstelle gekommen war, weil sie unbedingt eine Zigarette rauchen wollte. Jetzt hatte sie die Zigaretten in der Tasche, sogar zwei verschiedene Sorten: Die Türkischen, und das Päckchen, das sie soeben gekauft hatte. Aber jetzt hatte es keine Bedeutung mehr, sie wollte gar nicht mehr so dringend rauchen.
Als der Kommissar endlich auftauchte, stellte sie erleichtert fest, dass er ihr aufmerksam zuhörte und sich alle Mühe gab, sie ernst zu nehmen. Aber er konnte an manchen Stellen mit ihrer Erzählung nicht klar kommen.
„Verzeihen Sie, gnädige Frau, ich glaube, ich habe Sie nicht richtig verstanden. Könnten Sie bitte noch einmal ab dem Moment wiederholen, ab dem der Täter zu Boden geworfen wurde?“
Inzwischen waren sie hinausgegangen, und standen direkt am Ort des Geschehens, nur einige Schritte von den verräterischen Blutstropfen entfernt.
„Als der Täter zurück kam“, versuchte Margit möglichst im Polizeijargon zu sprechen, „schlug ihn der andere zu Boden. Der Täter sprang wieder auf und stach ihn nieder.“
„Vorher sagten Sie, dass er mit so einer Wucht auf dem Boden fiel, dass Sie annahmen, er müsste liegen bleiben.“
„Ja, er fiel wie ein Brett. Verstehen Sie, was ich meine?“ Sie suchte nach den passenden Worten, um eine Situation zu beschreiben, die sie vorher noch nie erlebt hatte. „Er versuchte nicht, sich auf die Seite zu drehen, oder eine Hand auszustrecken, oder sonst etwas, womit er sich beim Fallen helfen könnte. Er fiel einfach so wie ein Brett.“
„Und er sprang gleich wieder auf?“ Fischer fragte so minutiös, weil er sich diesen Kampf nicht vorstellen konnte, egal wie er sich bemühte.
„Ja, er sprang gleich wieder auf, wie ein Stehaufmännchen“.
„Könnten Sie mir die Stelle zeigen, wo sein Kopf ungefähr aufschlug?“
Margit machte ein paar Schritte, dann blieb sie stehen und zeigte direkt vor ihre Füsse:
„Hier. Hier muß es gewesen sein.“
Fischer leuchtete mit seiner Taschenlampe auf den Fleck, denn sie ihm gezeigt hatte und ließ sich in Huckestellung, damit er den Boden näher untersuchen konnte. Es gab aber nichts Auffälliges zu sehen. Nur ein leicht dunklerer Fleck. Aber vielleicht täuschte er sich nur. Oder vielleicht ein einzelnes Haar? Nein, er fand nichts, was zu erwähnen wert wäre. So stand er auf und wandte sich wieder Frau Tennewill zu: „Und dann?“
„Dann stieß er die Hand mit dem Messer nach vorn und der andere fasste sich gleich an den Bauch und krümmte sich.“
„Sie haben das Messer in seiner Hand gesehen als er zustach?“
„Erst als er die Hand zurückzog. Es ging alles so schnell.“
„Aber er stach auf den Mann ein, der ihn zuvor niedergeworfen hatte?“
„Das kann ich auch nicht genau sagen. Vermutlich hat er das.“
„Aber sie haben es nicht genau gesehen?“
„Nein.“
Es war nicht viel, was er hier erfahren konnte, dachte sich Fischer. Aber die Blutstropfen waren nicht weg zu denken. Auch wenn sie noch so stumm waren, sie verrieten einen Mordversuch. Denn wenn es so abgelaufen war, wie die Zeugin berichtete, dann muss das Opfer eine lebensgefährliche Verletzung erlitten haben. Und die Zeugin konnte ihre Beobachtung sehr genau beschreiben, auch wenn die Streife sich eine andere Meinung über sie gebildet hatte.
Er sagte nur: „Fürs erste sind wir hier fertig“. Und verabschiedete sich, um mit der Streife wegzufahren.

***

Margit Tennewill stieg in ihren Wagen und kurbelte das Fenster herunter, denn sie wollte beim offenen Fenster eine Zigarette anzünden. Die Geschehnisse des Tages drehten sich wirr in ihrem Kopf und sie wusste nicht, was sie mit ihnen anfangen sollte. Sie hatte immer versucht, die Situationen und Gefühle zu kontrollieren. Aber heute sah sie sich gleich mit mehreren Situationen und Vorstellungen konfrontiert, die sie nicht kontrollieren konnte. Da war dieser Artikel im Internet, der sie in ein sehr unangenehmes Licht stellte, ohne dass sie irgendwie eingreifen konnte. Da war diese Franzi Kehrmann, von der sie bis heute keine Ahnung hatte, dass sie überhaupt existiert. Und da war das Gesicht mit den goldblonden Haaren, das sie zuerst für Franzi Kehrmann gehalten hatte. Das war ein sehr unangenehmes Gefühl für sie, denn sie hatte keinerlei Erklärung dafür. Es war wie eine wirre Halluzination, ohne jegliche logische Erklärung und sie mochte sich damit nicht abfinden, dass sie das Opfer einer so starken Halluzination wurde.
Inzwischen war sie zu Hause angekommen und ging aus der Garage direkt durch den Keller in die Wohnung. Erst oben im Wohnungseingang zog sie die Jacke ihres Sohnes aus und hängte sie an der Garderobe auf. Sie überlegte sich, einen Drink zu nehmen, mit einer letzten Zigarette dazu, um ihre Nerven zu entspannen. Sie steckte die Hand in die Jackentasche und zog die Schachtel Zigaretten heraus. Dabei flatterte ein Zettel auf den Boden. Margit hob ihn und las darauf in einer fremden Handschrift einen Namen und eine Telefonnummer. Auf der anderen Seite war das Logo einer Organisation: „Abrahams Gott und seine Kirche“ hieß es. Darunter stand ein Spruch „Der Gott Abrahams ist der einzige Gott“.

Kapitel 4

Mutter Mutoglu wischte den niedrigen, kitschigen Couchtisch ab und fragte schüchtern die Freundin ihrer Tochter:
„Möchten Sie lieber Tee oder Kaffee?“
Die Frage klang so formell, wie die Übungssätze eines Sprachbuches. Erika, wurde von dieser Entdeckung innerlich sehr überrascht. Obwohl sie Güzel schon seit zwei Jahren kannte und seit etwa einem halben Jahr, seitdem sie zum ersten Mal ihre Familie zu Hause besuchte, hatte sie Güzels Mutter nie anders erlebt als jetzt. Sie war übertrieben höflich und schüchtern. Sie kam herein, fragte sie, ob sie Kaffee oder Tee trinken wollte und verschwand sogleich wieder in der Küche. Sie erschien dann wieder mit einem Tablett, auf dem alles ordentlich serviert wurde und auch ja nichts fehlen durfte: Tassen, Zucker, Sahne, und Kaffeelöffel. Dann kam sie noch einmal zurück mit dem Kaffee und einem Aschenbecher. Wenn irgendwelche islamischen Feste angesagt waren, bot sie ihr auch Süßigkeiten an. Ein Teller voll mit Schokolade und andere Süßigkeiten aus dem Supermarkt, wie die Sachen für Halloween: Mars, Bounty, Gummibärchen, Schokoriegel, alles. Und einige Platten mit türkischen Süßigkeiten, die allesamt sehr klein, furchtbar süß und klebrig waren und sichtbar mit sehr viel Arbeitsaufwand gemacht wurden.
Erika hatte sie gefragt, ob sie alles selber gemacht hatte, aber Güzel musste die Frage auf Türkisch wiederholen und ihre Mutter antwortete nur kurz etwas auf Türkisch. Güzel erklärte ihr dann, als ihre Mutter hinaus gegangen war, dass sie an solchen Festen schon Tage vorher von morgens bis abends in der Küche war und das Essen zubereitete. Sie ließ sich oft Zutaten von ihren Verwandten aus der Türkei schicken und wenn etwas fehlte, halfen sich die Frauen gegenseitig aus.
Es hatte lange gedauert, bis Erika begriff, dass hinter der Schüchternheit auch ein Wunsch nach Distanz steckte. Sie verstand ihre Sprache nicht. Sie verhielt sich schüchtern und zurückhaltend, nicht weil sie sich nicht traute, sondern weil sie die Welt, in der ihre Tochter verkehrte, ablehnte. Erika hatte einmal Güzel darauf angesprochen, aber diese antwortete nur ausweichend:
„Ach meine Mutter lebt in ihrer Welt, mach dir keine Gedanken darüber. Sie hat ihre Freunde, ich die meinen. Wenn meine Tanten und Onkeln kommen, dann ist es alles umgekehrt. Dann will sie, dass wir dabei sitzen und für sie die heile Familie spielen, aber das wollen wir nicht. Meine kleinen Brüder und Schwestern kann sie noch für sich haben, wie eine Glucke, was sie auch ist. Aber ich gehe dann immer weg, wenn meine Tanten kommen. Und Hakan ist schon deswegen ausgezogen.“
„Wo wohnt dein Bruder jetzt?“
„In einer Wohngemeinschaft in Frankfurt. Er hat dort mit zwei anderen Freunden zusammen eine Wohnung. Er sagt, dass er studiert, aber das glaubt ihm niemand.“
„Und was macht er dann den ganzen Tag?“
„Ich weiß nicht. Es interessiert mich auch nicht.“
Erika spielte mit der handgemachten weißen Spitzendecke auf dem Tisch.
„Kommt er euch nicht mehr besuchen?“
„Nur noch sehr selten. Er sagt, dass ihn der Mief hier erdrückt, dass er hier gar nicht atmen kann.“
Sie schwiegen beide eine kurze Zeit lang. Güzel, weil ihr Bruder und sein Tun von wenig Interesse war und Erika, weil sie nicht wusste, was sie weiter fragen sollte, ohne dass es auffiel.
„Ich dachte, ich hätte ihn neulich in der Stadt gesehen. Mit diesem Otti Dobrig und noch ein paar anderen aus deren Clique.“ Nach einer kurzen Pause, als Güzel nicht antwortete, fragte sie weiter: „Es war vor dem Ützenbrützel“
„Kann sein“, sagte endlich Güzel. „Ich habe seine Freunde nie gemocht. Auch meine Eltern mögen sie nicht. Weil sie die Söhne von Freunden sind, sagen sie nichts, wegen der Freundschaft zwischen den Familien. Aber die anderen dürfen nicht ins Haus kommen. Mein Vater sagt, dass Hakans Freunde wie der Teufel sind. Er hat nichts dagegen, wenn ich mit Hubert zusammen bin, weil Hubert aus einer anständigen Familie ist, auch wenn er ein Deutscher ist. Aber wenn ich mir eines Tages in den Kopf setzen würde, einen Jungen wie dieser Otti Dobrig oder die anderen von Hakans deutschen Freunden zu heiraten, dann bringt er mich um.“
Erika schluckte einen Knödel hinunter. Sie wussten beide, warum Güzels Vater so sprach. Der Unterschied zwischen den Familien Tennewill und Dobrig war nicht zu übersehen. Aber sie konnte es nicht laut aussprechen. Sicher waren Güzels Eltern deutschfeindlich. Auch wenn sie hier auf ihrer Couch saß und ihren Kaffee trank und mit ihnen so freundschaftlich verkehrte, fühlte sie, dass zwischen ihnen eine große Kluft lag und sie nicht wünschten, dass sie diese Kluft überquerte. Man nannte sie in ihrer Hörweite „das deutsche Mädchen“, oder einfach nur „die Deutsche“. Aber sie mochte nicht wissen, wie sie sie nannten, wenn sie nicht da war, oder wenn sie in ihrer Sprache über sie sprachen und ihr einfach nur unbeteiligte Blicke zuwarfen, als ob sie ein seltsames Insekt wäre. Sie fühlte die Ablehnung der Eltern und sie bildete sich nicht zu viel auf die Freundschaft mit der Tochter ein. Aber sie liebte Hakan mit der ganzen Verzweiflung, mit der eine neunzehnjährige junge Frau lieben kann. Er hatte nur für ein paar kurze Monate Interesse für sie gezeigt, voriges Jahr. Es war kurz und heftig wie ein Strohfeuer. Er war so verliebt, so aufmerksam, so voll mit liebenswerten Überraschungen gewesen, so wie man es sich von einem deutschen Mann gar nicht vorstellen konnte. Er war pure Poesie und Romantik. Es gab nichts, was er nicht für sie getan hätte. Und im Tausch wollte er nur eine einzige Sache. Sie konnte zu ihm einfach nicht nein sagen, denn sie wollte es ja auch. Sie war so verliebt, dass sie es auch für sich wünschte. Die anderen Mädchen, die sie kannte, wurden viel früher entjungfert. Sie tat es auch deswegen. Hakan hatte ihr ein, zweimal Andeutungen gemacht, dass sie immer älter würde. Er hatte ihr erzählt, dass die Frauen, die zu alt werden, so über zwanzig, und immer noch keinen Sex hatten, hysterisch wurden.
„Weil ihre Hormone verrückt spielen. Deswegen verheiraten wir sie so jung. Das ist gesund für die Mädchen. Ihr Körper braucht das.“
So hatte sie eingewilligt. Aber es machte ihr keinen Spaß. Sie machte trotzdem alles mit, was er von ihr wollte, weil sie ihn liebte, und weil sie ihm glaubte, wenn er ihr sagte, dass er sie auch liebte. Sie hatten nie Schluss mit einander gemacht, so dass sie sich immer noch an ihn gebunden fühlte, auch wenn er schon seit über einem Jahr weggezogen war. Sie wusste nicht, wo er wohnte und womit er sich beschäftigte. Sie hätte ihn gern in Frankfurt besucht, aber er wollte das nicht. So musste sie darauf warten, dass er wieder nach S. am Rhein kam, und sie sich treffen konnten. Er rief sie dann an und holte sie mit einem alten Wagen ab, denn er von irgendeinem Kumpel ausgeliehen hatte. Dann fuhren sie in den Wald und hatten Sex miteinander. Sie fragte ihn dann immer, wann sie zusammen ziehen werden. Aber er konnte nicht, denn er hatte keine Wohnung und kein Geld, sagte er.
„Mein Onkel zahlt für mein Studium und ich darf nichts tun, was ihn verärgert. Das Geld kommt von dem Muslim Verein und wenn sie hören, dass ich mit einer deutschen Frau zusammen lebe, streichen sie mir mein Stipendium.“
„Wenn wir zusammen wohnen, dann bezahlen meine Eltern die Miete. Und wir könnten ein wenig jobben“, versuchte sie ihn zu überreden. „Ich habe gehört, dass man in Frankfurt als Kellnerin sehr gut verdient. Man bekommt sehr viel Trinkgeld, sagt Mia.“
Er dachte einen Moment nach, aber dann winkte er ab:
„Das geht nicht. Ich darf es nicht, denn der Vorstand unserer Moschee würde das nicht dulden. Und ich will keinen Streit mit ihnen wegen einer Nichtmuslim Frau.“
So blieb Erika nichts anderes zu sagen übrig. Sie hatte viele schlaflose Nächte damit verbracht, eine Lösung zu finden, denn sie wurde so erzogen, nichts hinzunehmen. Ihr Vater sagte immer, wie er es auch schon von seinem Großvater gelernt hatte: „Es gibt immer eine Lösung für jedes Problem, wenn man den Kopf nicht verliert, sondern geduldig danach sucht.“ Sie hatte die Veranlagung ihres Vaters geerbt, einfache, funktionale Lösungen zu suchen. Wenn sie was wollte, musste sie auf dem geraden Weg weiter gehen, der zu ihrem Ziel führte. Und sie wollte Hakan. Wenn es für ihn und seine Leute die Tatsache, dass sie eine Christin war, ein Hindernis bedeutete, so wollte sie keine Christin mehr sein. Es bedeutete sowieso nichts für sie, denn sie hatte sich schon lange nicht mehr mit den religiösen Sachen beschäftigt. Sie dachte mit ihrer eigenen Sachlichkeit, eine Frau muss sich nicht einmal so beschneiden lassen wie ein Mann, wenn sie zum Islam konvertiert.
Deswegen war sie heute hierher gekommen, zu Güzel. Sie sollte hier noch einmal mit ihrem Onkel sprechen, mit Imam Dimriz. Sie warteten schon über eine Stunde, denn der heilige Mann verspätete sich. Güzel wurde langsam nervös, denn sie wollte bald zu Hubert gehen. Erika bettelte fast, denn sie fürchtete sich vor dem Gedanken, in der Wohnung allein mit Güzels Mutter zu bleiben. Sie hätte nicht gewusst, was sie tun oder worüber sie mit ihr sprechen sollte.
Nach unendlich langer Zeit, als sie schon fast eingesehen hatte, dass sie das Treffen auf einen späteren Zeitpunkt verschieben sollte, traf der Imam dennoch ein. Er spielte gern den Heiligen Mann, gab sich würdevoll und gütig. Es war dieser gewisse Blick, denn die frommen orientalischen Männer haben, wenn es um ihre religiöse Funktion geht. Dazu noch hatte er eine sehr passende Tonart, wie ein altes, gütiges Väterchen. Und um es noch mehr zu betonen, strich er manchmal gern durch seinen Bart, der allerdings nicht lang genug war, um dieser Geste die notwendige Würde zu verleihen. Er gab sich große Mühe, geduldig und aufmerksam zu erscheinen, während Erika ihm berichtete, wie weit sie sich für den Freitag vorbereitet hatte. Er lobte sie sehr, aber schnitt ihr dennoch das Wort ab und gab ihr drei Prospekte, die sie bis dahin durchlesen sollte. Dann aber wandte er sich an Güzel:
„Habt ihr es mit dem Fernsehen arrangiert? Kommen sie?“
„Ich weiß nicht, Onkel. Ich habe Hubert gesagt, was du mich beauftragt hast, aber er sagte, dass er von seinem Vater so etwas nicht verlangen kann.“
„Wieso nicht? Er ist doch sein Sohn. Wenn mein Sohn etwas will, kann er immer zu mir kommen und mit mir sprechen“. Er hatte auf Türkisch umgeschaltet, so dass Erika nichts mehr verstand. Güzel antwortete ihm auch auf Türkisch:
„Du weißt, wie die Deutschen sind. Sie sprechen nie miteinander und tun nichts füreinander. Sie sind alle so kaltherzig und egoistisch. Die deutschen Eltern denken nur an sich selbst, an ihre Karriere und vergessen dabei ihre Kinder. Seine Mutter würde nie den ganzen Tag in der Küche sitzen, so wie meine Mutter, um für uns zu kochen. Seine Mutter geht zum Friseur, macht sich zurecht, als ob sie eine Zwanzigjährige wäre und dann geht sie ins Fernsehen.“
„Ja, sie ist eine Hure“, bestätigte ihr Onkel. „Aber wir brauchen sie.“
„Du brauchst Huberts Vater, nicht seine Mutter. So hast du es gesagt.“
„Halte dich auch bei der Mutter zurück, Güzel“, mahnte sie der Imam. „Sie hat viele Beziehungen und viel Einfluss an der Universität. Sie ist für uns Türken gut. Jetzt, wo sich immer mehr Deutsche öffentlich gegen uns wenden, brauchen wir jeden einzelnen, der auf unserer Seite steht. Versuche freundlich zu ihr zu sein.“
Erika sah von einem zum anderen, aber sie verstand absolut nichts von diesem Gespräch. Ihr fiel es nicht einmal auf, dass es ihr gegenüber ein Zeichen der Unhöflichkeit sein könnte. Und hätte ihr es jemand gesagt, so hätte sie geantwortet, dass sie dafür volles Verständnis hätte, denn Imam Dimriz kann ja nicht so gut Deutsch sprechen.

***

Goretzki hatte die Kollegin gebeten, mehrmals bei der Düsseldorfer Niederlassung der Organisation „Gott Abrahams“ anzurufen. Sie waren anscheinend nicht leicht zu erreichen. Er hatte sie schon beinahe verdächtigt, eine Briefkastenfirma zu sein. Aber dann, um acht Uhr abends rief endlich die Kollegin an und meldete, dass er jetzt anrufen könnte, dass Pfarrer Topfling jetzt da sei und seinen Anruf erwarte. Er musste es dennoch mehrmals klingeln lassen, bis an dem anderen Ende der Leitung abgehoben wurde.
Ja, es handelte sich um eine Internationale Organisation, der mehrere Theologen angehörten und die sich zum Ziel gemacht hatte, die Zusammenarbeit zwischen den drei großen Weltreligionen zu fördern.
„Wir beten im Grunde alle zum selben Gott, nicht wahr?“ fragte wie selbstverständlich der Pfarrer.
Goretzki betete zwar zu keinem Gott, aber er dachte, das geht den Pfarrer nichts an. Der Mann am anderen Ende der Leitung klang eher wie ein geölter Versicherungsvertreter oder ein Anwalt aus dem Bereich der Finanzen und Abmahnungen, als ein traditioneller Geistlicher. So ging Goretzki instinktiv in Reserve und nahm die Haltung an, mit der man sonst solchen Gestalten zu begegnen pflegte, die einem sagten: „Ich kaufe nichts und ich sage nichts, womit du mir nachher einen Strick um den Hals drehen kannst“. Er besann sich sofort und kehrte seine eigene Professionalität als Polizeibeamter heraus:
„Ist Ihre Organisation in Deutschland als gemeinnütziger Verein anerkannt?“
Er spürte, wie sein Gegenüber zurückschnaubte, wie ein Pferd, bei dem man die Zügel anzog.
„Nein, wir sind es nicht, aber das Verfahren läuft bereits und es ist nur eine Frage der Zeit, von ein paar Monaten oder nur Wochen.“
Goretzki rückte gleich mit der nächsten Frage nach, bevor Pfarrer Topfling wieder richtig in Fahrt kam:
„Wo ist der Sitz der Mutterorganisation ihres Vereins?“
Die Frage war spürbar unangenehm und Goretzki nahm ein kurzes äh… wahr, bevor die Antwort kam:
„Die Zentrale befindet sich in Südafrika, aber hier in Europa haben wir mehrere Zentren, das größte von ihnen in Rotterdam. Und in Deutschland finden Sie uns in Düsseldorf, in Neu-Ulm, in Frankfurt, in Regensburg…“
„In Frankfurt, sagten Sie? Ich habe keine Eintragung für Frankfurt gefunden.“
„Unsere Filiale in Frankfurt ist noch sehr klein und relativ jung. Wir befinden uns sozusagen noch im Aufbau. Ich selber fahre noch jeden Monat hin, um nach den Rechten zu sehen. Am nächsten Montag bin ich auch in Frankfurt.“
„Das trifft sich gut“, sagte Goretzki prompt: „Wenn Sie Ihre Geschäfte dort erledigt haben, können Sie das Polizeipräsidium von S. am Rhein mit Ihrer Anwesenheit beehren. Ich schicke Ihnen die Einladung umgehend raus.“
„In Ordnung“, antwortete Pfarrer Topfling zögerlich. „Ich werde am Montag zu Ihnen kommen. Es wird aber erst spätnachmittags möglich sein, denn wir haben sehr viel zu erledigen“.
So viel war es auch nicht und sein Zeitplan war flexibel, so dass es ihn nicht daran gehindert hätte, bereits vormittags zum Polizeipräsidium zu gehen. Aber er wolle sich ein wenig wichtig tun, denn er mochte es nicht, wie der Kommissar ihn behandelte.

***

Der große Freitag rückte näher. Man hatte der Moschee einen neuen Gebetsraum und ein Internat für die Koranschüler hinzugefügt. Und man erhielt endlich die Genehmigung, auch ein Minarett zu bauen. Der Architekt Boris Dhimmer hatte wirklich eine gute Arbeit geleistet, besser als man es hätte erwarten können. Die Stadt wollte das Minarett ursprünglich nicht genehmigen und sie hatte alles Mögliche dagegen aufgeführt. Diese lächerlichen Deutschen, die sich in ihren eigenen Gesetzen verheddern, sie werden den Islam nie aufhalten können. Sie sprechen immer von Parkplätzen und Bauvorschriften, anstatt das Schwert zu nehmen.
„Lass sie nur machen. Sie machen es für uns“, sagte Faisal Edal. Dimriz mochte den Mann nicht, aber er beugte sich seinem Willen. Wer bezahlt, der befiehlt, pflegte schon sein Vater zu sagen, und Dimriz wusste, wann er sich klein und unterwürfig geben musste. Faisal war mächtig und gefährlich. „Wenn er auf unserer Seite ist, gelingt uns alles. Wenn er gegen uns ist, gelingt nichts“. Darin waren sich alle Mitglieder des Moscheevorstandes einig.
Der deutsche Architekt hatte für sie gute Arbeit geleistet, das musste Imam Dimriz zugeben. Er hatte den neuen Gebetsraum errichtet, so dass der alte, der miefige alte Raum jetzt ganz den Frauen überlassen werden konnte. Man hatte die Fenster zugemacht, damit niemand von draußen hinein sehen konnte und auch die Frauen nicht mit den Dingen der Außenwelt abgelenkt wurden.
Als er aber mit dem Bau des Minarettes anfangen sollte, passierte etwas Seltsames. Ein kleiner, dicker Mann tauchte von irgendwoher auf und wütete, dass man den Bau und damit auch die Ehre der Moschee, einem Ungläubigen überließ.
„Habt ihr keine eigenen Architekten, die das machen können? Was für elendige Faulenzer seid ihr geworden! Und ihr nennt euch Muslime? Dass ich nicht lache.“ Und er lachte demonstrativ. Er lachte fistelnd und ließ dabei bis in den Rachen hinein sehen, denn seine Vorderzähne fehlten.
Was diese Erscheinung zu bedeuten hatte, wusste Imam Dimriz nicht, aber er fürchtete sich instinktiv vor dem kleinen Mann. Die Muslime haben keine Heiligenbilder, denn Mohammed hatte solche Bilder verboten. So konnten sie den Unterschied nicht wissen, aber er spürte es dennoch. Tief in seinem Inneren wusste er es und fürchtete sich.
Also kündigten sie dem deutschen Architekten und nahmen einen Muslim. Sie warfen dem Deutschen Betrug vor. Jetzt war die Sache in der Zeitung und das tat ihnen nicht gut. Der Imam hatte diesen Freitag irgendwie anders geplant. Er hatte darauf gebaut, dass die Journalisten kommen und dass sie gut über die Moschee schreiben werden. Und auch das Fernsehen. Aber jetzt kam ein dumpfes Gefühl des Hasses auf, der ihnen unterschwellig aus den Zeitungen entgegenschlagen würde. Er fühlte es und er hasste sie dafür. Er fürchtete sich vor dem, was über sie kommen würde. Aber was hätten sie anders tun können? „Sie können nicht verstehen, dass wir das für unsere Ehre, für unseren Stolz tun müssen“, sagte er sich. „Sie sind nur unverständige Ungläubige, gefühllose Deutsche.“
Der neue Architekt war ein Schützling des Faisal Edal. Er hieß Ali Bin Edali und war einer aus Edals Sippe. Deswegen mussten sie ihn nehmen, ob sie wollten oder nicht. Edal bestand darauf. Der Neue taugte nicht viel und er war nicht zu finden, wenn man ihn brauchte. Dimriz vermutete, dass er mehr tat, als nur den Bau zu überwachen. Yusuf der Wachmann hatte ihm erzählt, dass die Leute unter dem Internat einen dunklen Raum einbauten, von dem nirgendwo gesprochen wurde und der von niemandem genehmigt worden war.
Imam Dimriz stieß einen tiefen Seufzer aus. „Inschallah“, sagte er sich. „Allahs Wille geschehe!“

***

Ein dunkelroter BMW bog auf dem Parkplatz vor dem Autobahnzubringer A61 ein, fuhr eine Runde und parkte dann neben einem alten schwarzen VW-Diesel. Die Fahrerin des BMW stellte den Motor ab und vergewisserte sich, dass sie nicht verfolgt wurde, bevor sie die Tür öffnete und ausstieg. Es hatte in der Nacht vorher geregnet und sie musste einige Wasserpfützen umgehen, die sich in den Spurrinnen und Schlaglöchern des Parkplatzes angesammelt hatten. Sie schaffte es mit der Grazie einer Gazelle, denn sie wusste, dass ein bewundernder männlicher Blick ihre Schritte verfolgte. Sie kam zur Beifahrertür des VW und stieg ein.
„Wo warst du so lange? Ich habe gedacht, du kommst nicht mehr.“
„Ich musste warten, bis mein Mann von zu Hause wegging. Wir haben uns wieder gestritten und er wollte mich einsperren.“ Sie brach in Tränen aus: „Hakan, ich kann nicht mehr.“
Er zog sie zu sich und küsste sie leidenschaftlich auf dem Mund, auf das Gesicht, auf die Augen. Er wollte sie näher zu sich ziehen, sie drücken. Sie stöhnte schmerzhaft auf.
„Was ist los, Salchan?“ fragte er zärtlich.
„Er hat mich geschlagen“, schluchzte sie. „Oh, Hakan, er war so brutal! Er hat mich an den Haaren gezogen, dass ich dachte, er reißt sie mir aus. Und dann hat er mich am Arm genommen und gedrückt und geschüttelt… Ich glaube, dass ich überall blaue Flecken habe.“
Hakan streichelte und tröstete sie.
„Fahr los, Hakan“, drängte sie. Wenn jemand kommt und uns hier sieht, dann bringt er mich um. Und wenn er von dir erfährt, dann lässt er dich töten.“
Hakan ließ den Motor an und fuhr von der Parkstelle hinaus auf die Schnellstraße.
„Komm, hauen wir ab. Fahren wir weg von hier.“
„Aber wo sollen wir hin?“ fragte Salchan.
„In die Türkei zu meiner Tante.“
„Das geht nicht. Er wird uns finden. Er wird uns überall finden. Und deine Tante wird mich hassen, wenn sie erfährt, dass ich verheiratet bin und so mit dir zusammen lebe.“
„Sie muss das nicht erfahren“.
„Und wovon sollen wir leben? Du hast kein Geld und keine Arbeit. Und wenn ich ihn verlasse, sperrt er mein Konto. Von meinem Vater kann ich auch nicht erwarten, dass er uns Geld gibt.
Sie fuhren von der Schnellstraße ab, auf Feld- und Waldwegen, wo sie bei diesem regnerischen Wetter ungestört und für sich allein sein konnten. Die Zeit verflog wie im Fluge. Irgendwo auf einem einsamen Waldweg stellte Hakan den Motor ab und sie stiegen aus und liefen Hand in Hand durch den Wald. Salchan musste sich immer wieder auf Hakan stützen, denn sie schlitterte ständig mit ihren Stöckelschuhen auf dem nassen Waldweg. Diese kurzen, gestohlenen Momente des Glücks waren ihr gut gehütetes Geheimnis. Salchan, die Tochter eines reichen Libanesen, verheiratet mit einem Unternehmer irakischer Herkunft, durfte alles haben, was man mit Geld kaufen kann. Sie durfte sich ganz mondän und oberflächlich emanzipiert geben. Aber alles nur mit Maß, nur so weit ihr Ehemann es ihr gestattete. Beim Minirock, Fernsehauftritte und kleinen Rollen als Vorzeigemuslimin sagte er großzügig ja. Aber bei einem türkischen Liebhaber war es eindeutig nein.
„Wann sehe ich dich wieder?“ fragte Hakan, als sie wieder am Parkplatz angekommen waren und Salchan ihm diskret zwei Hunderterscheine zusteckte.
„Ich weiß nicht“, vielleicht nächste Woche?
„Ich fahre aber am Freitag nach S. am Rhein. Mein Onkel hat mich gebeten, denn es ist für ihn sehr wichtig.“
„Vielleicht kann ich auch am Freitag nach S. am Rhein kommen. Mein Mann muss nächste Woche nach Amsterdam und wenn er bis Freitag nicht zurück kommt, dann fahre ich auch nach S. Ich besuche dort eine Freundin und dann können wir uns wieder treffen.“
Sie gab ihm einen letzten Kuss, dann stieg aus.
„Wenn es klappt, dann schicke ich dir eine SMS“, sagte sie zum Abschied. Dann stieg sie in ihren Wagen und das Schäferstündchen war zu Ende.

***

Der Geruch von frisch gekochtem Kaffee und gebratenem Speck verbreitete sich angenehm aus der offenen Küche kommend im gesamten Haus. Margit Tennewill hatte ein umfangreiches Buffet mit kalten Platten und Salaten aufgestellt und Victor holte einen Korb voll frischer Brötchen von der Sonntagsbäckerei.
Um den großen Esszimmertisch der Familie Tennewill saßen mehr als zehn Leute zu einem Sonntagsbrunch. Die Tennewills hatten Gäste eingeladen: Der evangelische Dekan Edwin Dobrig mit seiner Gattin Ursula, ein Industriellen-Ehepaar, die Gudweiß, die vor ein paar Tagen von ihrer Finka aus Spanien zu Besuch nach Hause gekommen waren und die wichtigste Person, der zuliebe eigentlich die Party veranstaltet wurde, die liebe Tante Therese.
Die Tennewills hatten lange überlegt, ob ein Brunch das Richtige sei, denn Tante Therese war altmodisch und sehr anspruchsvoll, wenn es ums Essen ging. Wenn sie selber Gäste zu Tisch einlud, dann war es zum Dinner. Nun wartete Margit mit großer Spannung auf Thereses Reaktion. Aber der Brunch hatte sich als eine gute Idee herausgestellt. Therese sprach den vielen feinen französischen Salaten und italienischen Schinken kräftig zu. Und wie es schien, hatte sie auf ihren vielen Reisen, seitdem sie verwitwet war, gelernt, die feinen exotischen Gerichte zu schätzen, die jetzt das große Jugendstilbuffet an der Wand des Esszimmers im Erdgeschoß der Villa Tennevill zierten: japanische Sushi-Häppchen mit Wassabisenf, italienischer Parmaschinken und Spanischer Nußschinken, nebst ungarischer Gänseleber und russischem Kaviar, Käsesorten aus mehreren Ländern, darunter auch Thereses Lieblingskäse, ein feiner, reifer Appenzeller. Der Tisch krümmte sich regelrecht unter den vielen Speisen, und Therese sagte immer wieder:
„Ach, ihr habt einfach zu viel vorbereitet! Es ist zu viel von allem hier. Wer soll das alles essen?“ Aber dafür langte sie kräftig zu und spülte fleißig mit dem besten Kessler Sekt, den die Tennewills direkt aus der Cannstatter Kellerei geschenkt bekommen hatten, eine Kiste vom feinsten Kessler Hochgewächs. Wasser war nichts für sie. „Das könnt ihr trinken“ gab sie zur Antwort, als man ihr solches angeboten hat – natürlich nur Perrier, Thereses Lieblingssorte.

Auch die Kinder hatten ihre Freunde an diesem Tag dabei. Güzel saß ganz eingeschüchtert zu Huberts rechter Seite. Sie hatte sich Mühe gegeben, zu gefallen, denn sie kam mit der Bitte ihres Onkels an den Intendanten, ein TV-Team am Freitag in die Moschee zu schicken. Sie hatte sich sorgfältig gekleidet, in einem türkisblauen, leicht silbern gemusterten Shirt mit einem engen, weißen Jeansrock und mit einem pinkfarbenen Haarreifen in ihren üppigen, schwarzen Locken, die leicht nach Yasmin dufteten. Sie hatte sich nach ihrer gewohnten Art geschminkt. Hubert sagte, als Tante Therese die zu viel Schminke kritisierte, dass Güzel nicht mal den Müll hinaustragen kann, wenn sie vorher nicht geschminkt ist. Er meinte es als einen netten Witz, um das Eis zwischen seiner Freundin und der Tante zu brechen. Aber weder Therese noch Güzel fanden die Bemerkung witzig. Therese mochte auch das türkische Gelee nicht, das ihr Güzel als ein nettes Geschenk mitgebracht hatte. Sie hatte überhaupt an allem etwas auszusetzen, was sie sagte. Güzel nahm es natürlich persönlich und zog sich in ein schmollendes Schweigen zurück. Woher hätte sie wissen sollen, dass Tante Therese bei ihren Sympathiebekundungen jungen Mädchen gegenüber sehr wählerisch war? Sie nahm die Ablehnung der dicken alten Frau, die wie ein mit Brillanten bestücktes, heidnisches Götzenbild am Ende des Tisches thronte, und zu allem eine resolute Meinung äußerte, sehr persönlich.
Tante Therese war nur eine Cousine von Victors Vater, aber die Tennewills hüteten diese Verwandtschaft sorgsam und hingebungsvoll, denn sie hatten sonst keine anderen Blutsverwandten. Dagegen hatte sie mehrere Häuser in Frankfurt, in Wuppertal und auch in Erfurt. Die Tennewills hatten eigentlich den Dekan Dobrig mit seiner zickigen Frau Ursula nur Tantchen zuliebe eingeladen, damit Tantchen sich mit ihm unterhalten konnte, denn sie wussten, dass sie eine Vorliebe für kirchliche Würdenträger hatte.

Zu Huberts Linken ein wenig abseits, saß Thomas, der auf Vicky Tennewill, eine gewohnheitsmäßige Langschläferin, wartete. Hubert war mehrmals zu ihr ins Schlafzimmer hochgegangen, bis es ihm endlich gelungen war, sie zu wecken. Jetzt war sie bereits unter der Dusche, so dass Thomas sich langsam Hoffnungen machte, sie zu sehen. Nach dem Austausch der Begrüßungen hatte er sich weder an dem Gespräch noch an der Schlemmerei beteiligt. Er hatte sich lediglich zu einer Tasse Kaffee überreden lassen. Er gehörte einfach nicht dazu. Er teilte diese Meinung sowohl mit den Tennewills, wie auch mit dem Ehepaar Dobrig. Das einzige Bindeglied zwischen ihnen war die verwöhnte Vicky, der ihr Vater alles verzeihen konnte, sogar einen, seiner Meinung nach, rechtsextremistischen Freund. Thomas sah es von seiner Warte aus genau so, nur umgekehrt: Vicky zuliebe war er bereit, gelegentlich diese spießigen roten Parteikarrieristen, wie er sie klammheimlich nannte, zur ertragen, wenn es sein musste. Er hielt auch den Dekan Dobrig für einen Roten, obwohl dieser ein Geistlicher war. Thomas und seine Freunde stellten sogar die Gottesgläubigkeit des Pfarrers in Frage. Sie waren überzeugt, dass Dobrig nur wegen der Karriere und wegen seines ansehenswerten Gehalts in der evangelischen Kirche war und sonst von Gott, Kreuz und Jesus nicht viel hielt.
Auch Sergio Domiani der Castingbeauftragte vom Sender, wurde eingeladen, speziell von Margit. Er hatte begeistert zugesagt. Er hatte seit der Talkshow mit Margit einen kleinen, aber
vielversprechenden Flirt angefangen und brannte darauf, diese kleine Affäre voran zu treiben. Wenn er die Sache geschickt lenkte, konnte er vielleicht seinem beruflichen Weg, der seit drei Jahren auf einer Stelle festgefahren war, helfen. Aber jetzt war er garnicht mehr sicher, ob es klug gewesen war, die Einladung anzunehmen. Er hatte geglaubt, dass der Intendant sich nicht um das Liebesleben seiner Frau kümmerte. Zumindest so hatte sie es ihm zu verstehen gegeben, wenn sie darüber zu sprechen kamen. Und jeder Mitarbeiter des Senders war genauestens über die Geliebten des Chefs informiert. Nun saß er hier, am Tisch seines Chefs und hatte das Gefühl, dass dieser ahnte, weswegen er da war, und ihn deswegen nicht besonders schätzte. Victor Tennewill sah nicht nach einem Mann aus, der billigend im Kauf nahm, wenn seine Frau mit einem anderen Mann schlief.
Wie es sich jetzt herausstellte, war Dekan Dobrig keine gute Wahl gewesen, denn er konnte sich genauso wenig wie Güzel, bei Therese beliebt machen. Diese hatte zwar eine Schwäche für Theologen, aber sie bevorzugte eindeutig die Katholiken, und auch unter ihnen die konservativeren Ränge, wie die Jesuiten oder gar die Pius Brüder. Alles andere, egal von welcher Kirche, war für sie eine ausgedünnte, verwässerte Garde, wie sie sich ausdrückte, ein Verrat an den alten Werten.
„Dann schon lieber ein Atheist“, sagte sie dem Dekan klipp und klar ins Gesicht, als dieser ihr von dem neuen Programm berichtete, einem Seminar über die Gemeinsamkeiten der drei großen abrahamitischen Religionen.
Dekan Dobrig traute sich nicht, ihr zu widersprechen. Er versuchte sich lediglich zu verteidigen:
„Wir alle beten zum selben Gott, gnädige Frau. Und wir wollen versuchen, unseren christlichen Werten den muslimischen Mitbürgern zugänglich zu machen. Deswegen haben wir dieses Programm gestartet.“
Therese kannte keine Gnade. Sie verabreichte dem bedrängten Dekan gleich den nächsten Stoß:
„Alles Humbug! Wie viele Muslime sind zu Ihrem Seminar gekommen? Wie viele haben Sie zu ihrem Glauben bekehrt?“
Und da der Dekan bedrohlich rot wurde, und nur verlegen brummte und stotterte, gab sie selber die Antwort:
„Keinen. Eher ist so, dass junge Menschen zum Islam überlaufen, damit sie nicht gemobbt werden. Sie sind schon selber auf dem Wege, zum Islam überzulaufen!“ stieß sie nochmals zu, kämpferisch wie eine Brunhilde der alten Zeit. „Die evangelische Kirche von heute hat kein Rückgrat mehr. Sie würden am liebsten selber zum Islam überlaufen, nur um sich noch mehr zu erniedrigen und die christliche Religion zu zertrampeln.“
Therese dominierte die ganze Gesellschaft und ließ keine anderen Ansichten gelten. Güzel schob sich verlegen hin und her auf ihrem Stuhl. Sie war in der Hoffnung hergekommen, einen günstigen Moment zu finden, um dem Intendanten Tennewill Onkel Dimriz‘ Einladung übermitteln zu können. Der Imam hatte lange Zeit an der Konvertierungen am kommenden Freitag gearbeitet und es war sein größter Wunsch, dass die Presse oder das Fernsehen kommt.
„Du musst ihn unbedingt überzeugen, Güzel“, legte er ihr ans Herz. Diese Person, die am nächsten Freitag zum Muslim wird, ist sehr wichtig für uns. Er ist berühmt. Sag ihm das, damit er das Fernsehen zu uns schickt.“ Aber wie sollte sie jetzt anfangen, mit dem Intendanten darüber zu sprechen, wenn diese alte Frau hier so gegen die Muslime hetzte? Sie war eine braune alte Hexe, das war sie! Ja!
Die Tennewills umschwärmten aber Tante Therese, wie eine reiche Königin, nur weil sie ein paar Häuser hatte. Und sie sagte jetzt offen heraus, was sie vom Islam hielt, nämlich gar nichts!
Hubert hörte eine Weile zu und tat aus Bequemlichkeit so, als ob er die spitzen Bemerkungen nicht verstehen würde, denn er war ein gemütlicher Typ, der allem Streit aus dem Weg ging, wenn es nur möglich war. Normalerweise nannten seine türkischen Freunde diese Haltung tolerant, aber jetzt kamen Güzel ganz andere Bezeichnungen in den Kopf, einige darunter wenig schmeichelhafte, wie Schlappschwanz.
Therese Sommer-Widde hatte von ihrem verstorbenen Mann neben den Häusern auch die Mitgliedschaft in einem internationalen Ritterorden das Kreuz der Nibelungen geerbt und sie nahm ihre Ritterschaft sehr ernst. Der Orden war eine Neugründung, nicht älter als 30 Jahre, aber die Mitglieder hielten sich für die direkten Nachfahren der einstigen Nibelungen. Das Alter des Ordens war ihnen so ziemlich egal. Sie wollten überall in der Welt Gutes tun. Und das Beste, was sie tun konnten war, andere Interessenten zum Ritter zu schlagen. Und solche willigen, zahlungskräftigen Interessenten gab es immer wieder. Mal waren es die Nachfahren von Deportierten in Australien, oder irgendwelche Stammeshäuptlinge in Zentralafrika, deren Großväter zum Christentum konvertiert waren. Sie wollten gern einem europäischen Ritterorden mit einem wohlklingenden Namen angehören. In solchen Fällen schickte der Orden jemanden, der den Kandidaten vor Ort mit einem Rittermantel und einem Ordenskreuz ausstattete und anschließend mit einem Schwert, oder viel häufiger mit einem Stab, zum Ritter schlug. Sehr oft fiel diese Aufgabe Tante Therese zu, da sie als wohlhabende Witwe immer bereit war, die Kosten und Mühen einer solchen Fernreise auf sich zu nehmen, um zu den hohen Ehren zu kommen, die einer Rittersfrau in Afrika oder Australien zukommt. Auf diesen Reisen hatte sie manche Konflikte mit dem Islam erlebt, gerade wenn er in einem bestimmten Gebiet die Staatsreligion war. Die muslimischen Behörden sahen dem Tun und Treiben eines christlichen Ritterordens in ihrem Hoheitsgebiet nicht gern zu, schon gar nicht, wenn er von einer Frau vertreten wurde. Und die vielen Freunde berichteten Tante Therese von manchen Gräueltaten, die ihre Mitglieder und Freunde von den muslimischen Machthabern erlitten. So dass Therese, obwohl sonst sehr multikulturalistisch und tolerant eingestellt, den Islam grundsätzlich ablehnte.
„Ihr habt keine Ahnung, was der Islam in Wahrheit ist!“ verkündete sie vom Kopfe des Tisches in die Runde der Anwesenden. „Vor zwei Jahren haben mir die Leute in Kenia erzählt, dass dort im Norden Kenias, die Dorfbewohner zwei junge Männer gesteinigt hatten, weil sie schwul waren. Die zwei lebten an der Küste und verdienten viel Geld. Und weil sie sich auch mit Touristen abgaben, hat man sie getötet. Sie schickten ihren Familien immer wieder Geld. Dafür waren sie gut. Ihr Geld hat jeder gern genommen, obwohl es von den verhassten Touristen kam. Aber als sie zu Besuch nach Hause kamen, hat der Imam in der Moschee die Dorfbewohner gegen sie aufgehetzt. Am Freitag nach dem Gebet in der Moschee, sind die Dorfbewohner zu der Familien der zwei Jungen Männer gegangen, haben sie abgeholt und dann konnte niemand mehr etwas dagegen tun. Sie waren richtig in Rage, im Blutrausch. Sie gruben die Beiden bis zur Hüfte in die Erde, bedeckten sie mit einem Tuch und warfen so lange mit Steine auf sie, bis sie sich nicht mehr bewegten. Auch die Kinder mussten sich daran beteiligen. Die Erwachsenen gaben ihren Kindern die Steine in die Hand, damit sie sie werfen. Grausam! Das ist der Islam. Aber ihr wollt das nicht wahrhaben.“
Margit war schockiert. Nur leider brach die falsche Reaktion aus ihr heraus:
„Aber Tantchen, das kannst du nicht vergleichen. Sie befinden sich dort im Krieg!“
Therese sah sie an, wie man ein hübsches, aber dummes Schaaf ansieht.
„Was soll das daran ändern? Ist das etwa eine Entschuldigung?“
Thomas erinnerte sich, über den Vorfall auf PI-News gelesen zu haben. Aber er dachte, dass sei in Somalia passiert. Und er wusste einige andere Geschichten, aber er hielt sich zurück. Dagegen fühlte sich Hubert langsam genötigt, ein Wort für die Seite Güzels einzulegen:
„Das ist sicher brutal, aber das ist Afrika. Dort sind sie alle brutal, ob Christen, Muslime oder die Angehörigen der Naturreligionen. Und auch wir Weißen werden wie sie, wenn wir länger dort leben. Aber hier in Europa erleben wir die Muslime ganz anders. Sie sind genauso friedliebend wie wir, sehr freundlich und offen. Sie wollen im Grunde nur in Frieden leben und in Ruhe gelassen werden.“
„Ach du meinst, wenn jemand nach Europa kommt, ändert er in zwei Wochen seine ganze Lebenseinstellung? Hoffentlich werdet ihr nicht eines Tages durch eine Erfahrung am eigenen Leibe eines besseren belehrt.“
Die Worte der Tante klangen fast ungewollt prophetisch. Alle schwiegen einen kurzen Moment betroffen. Fast so, als ob sie mit den Augen ihrer Seele einen Moment in die Zukunft schauten und dort Dinge erblickten, die sie viel lieber nicht sehen wollten. Es hat nur einen Augenblick gedauert, dann war das Zauber vorbei.
Die Situation drohte langsam peinlich zu werden. Die Tennewills hatten eigentlich geplant, Tante Therese mit allem zufrieden zu stellen, was sie sich nur vorstellten konnten, das ihr gefallen könnte. Aber so wie die Dinge sich entwickelten, wurde die Stimmung gereizt. Auch wenn die kleine türkische Freundin Huberts nichts sagte, sprach ihre Haltung Bände. Sie zeigte mit jedem Blick, mit jeder Bewegung ihres hübschen Kopfes, wie beleidigt sie sich fühlte. Solche Worte in Margit´s Haus! An ihrem Tisch! Und Güzel und das Ehepaar Dobrig als Zeugen dabei, so dass es morgen bereits die ganze Stadt wusste! Und andererseits Tante Therese, die sie schon seit Jahren hofierten und die ständig auf der Suche nach einem Erben war, dem sie ihr Vermögen vererben konnte. Ein Vermögen, das sie gut gebrauchen konnten, denn sie lebten nicht gerade bescheiden. Allein auf dem Haus hier hatten sie noch 760.000€ Hypotheken abzuzahlen.
Ihre Hoffnung, Therese würde sich mit dem Dekan Dobrig angenehm unterhalten, konnten sie vergessen. Zum Glück hielt Therese vom Sekt der Tennewills mehr, als von deren Gästen. Sie war bereits beim vierten Glas und es schien ihr immer besser zu schmecken. Sie prostete dem Ehepaar Gudweiß zu und diese kamen sich auch über die anderen Annehmlichkeiten des Lebens überein, so wie ein gutes Essen oder ein paar exotische Reisen. Die Gudweißes machten auch gerne teure Fernreisen, die sich nicht jedermann leisten konnte und die aus diesem Grunde außergewöhnlich waren. Sie hatten aber keinen politischen oder gutmenschlichen Ehrgeiz dabei. Ihr Interesse an exotischen Ländern war rein hedonistisch.
Nach dem fünften Glas Sekt hatten die Gudweißes und Tante Therese so viele Gemeinsamkeiten entdeckt, dass Herr Gudweiß gleich beschloss, dem Nibelungenorden beizutreten.
„Wie ist es mit diesem Orden? Was für Bedingungen muss man erfüllen, um darin aufgenommen zu werden?“, erkundigte sich Thomas, der bisher das Warten auf die Tochter des Hauses damit verbrachte, dass er den langweiligen Ausführungen des Dekans Dobrig höflich zuhörte. Die Geschichte eines Ritterordens, der zum Greifen nahe lag, schien ihm aber tausendmal interessanter, als die langatmigen Erzählungen über einen gemeinsames Religionsunterricht für christliche und muslimische Kinder, der didaktisch so formuliert war, dass die Väter der muslimischen Schüler ihre Zustimmung erteilten konnten. Der Dekan aber ließ nicht locker. Froh, dass er endlich auch einen willigen Zuhörer gefunden hatte, blieb hartnäckig dabei, während Thomas sich die größte Mühe gab, den Anschein zu geben, ihm höflich zuzuhören, während er mit seinem anderen Ohr verstohlen Thereses Erzählungen lauschte.
Zum Glück, und zu Thomas‘ Rettung, tauchte endlich Vicky auf und postierte sich hinter seinem Stuhl, so dass er offensichtlich vom Zwang erlöst wurde, dem Dekan zuhören zu müssen. Thomas konnte kaum erwarten, der netten Gesellschaft „Auf Wiedersehen“ zu sagen. Er dauerte nur noch einige wenige Augenblicke. Er müsse sich nur noch ein wenig gedulden, bat ihn Vicky. Denn sie konnte sich nicht vorstellen, den Tag ohne eine Tasse Kaffe und einer Zigarette anzufangen. Der Kaffee wartete bereits in der Tasse. Die Zigaretten dazu fehlten noch.
Margit erinnerte sich an das Päckchen, das sie vorige Nacht an der Tankstelle geholt hatte.
„Geh und hol dir welche aus Huberts Jacke. Sie hängt an der Garderobe.“
Vicky steckte die Hand in die Jackentasche und holte das Päckchen heraus. Mit den Zigaretten flatterte auch ein Zettel heraus und fiel zu Boden. Sie hob ihn auf, sah sich das seltsame Logo an und zog dabei die Augenbrauen zusammen. Da gerade jemand aus der Gästetoilette heraus kam, überlegte sie nicht lange, sondern steckte das Zettel schnell in die Tasche ihrer Jeans.

Kapitel 5

Die Moschee war zum Bersten voll. Der Verein hatte dafür gesorgt, dass an diesem Tag zehnmal so viele Gläubige anwesend waren wie sonst und niemand ihnen den Vorwurf machen konnte, sie würden Moscheen nur deswegen bauen, um möglichst viel Boden der Ungläubigen dem Islam zuzuführen. Denn das hatten die Ungläubigen auch schon längst entdeckt. Zuerst hat ein französischer Journalist darüber geschrieben, dann eine deutsche Journalistin, diese dreckige Jüdin, und jetzt wussten es alle, die es wissen wollten. Zumindest alle, die uns aufhalten wollen. Aber sie hatten auch dagegen eine Medizin. Sie ließen Muslime von überall aus der Gegend kommen, auch Frauen und Kinder. Auch aus den anderen Städten kamen welche. Aus Ludwigshafen und aus Mannheim kamen zwei Busse. Sogar aus Amsterdam und aus Brüssel waren welche gekommen. Es war ein großer Tag, ein Tag des Sieges.
Auch der evangelische Dekan Dobrig war anwesend. Imam Dimriz hatte sich beim Vorstand des Moscheevereins für ihn stark gemacht, denn der christliche Geistliche konnte die Dinge so erklären, wie man sie sagen musste, damit die Deutschen sie akzeptierten.
Die muslimischen Zuhörer interessierten sich kaum dafür, was Dekan Dobrig zu sagen hatte. Aber er predigte selbsterfüllt, überzeugt, dass nur er allein wusste, was der richtige Weg war und was der einzige Gott der Welt, Allah der Barmherzige mit den Menschen beabsichtigte. Imam Dimriz hörte ihm mit Verachtung zu, wie der verachtete Christ sprach:
„Liebe Freunde, ich bin zutiefst geehrt, hier mit euch die Einweihung des neuen Gebetraumes feiern zu können. Wir alle sind Brüder und Schwestern im Glauben, auch wenn sich unsere Vorfahren in der Vergangenheit oft in blutigen Kriegen bekämpft hatten. Ich als Deutscher schäme mich dafür und bitte euch hiermit demütig um Vergebung. Entschuldigt bitte die Kreuzzüge, die meine Vorfahren gegen euch geführt haben. Wir alle wissen, dass es nur einen einzigen Gott geben kann, unser aller Gott, der Gott Abrahams, denn die Juden Jahwe nennen und die ihr, meine Brüder und Schwestern, Allah nennt. Es war Allah, der die Welt erschuf und der Abraham befahl, seinen Sohn Ismail zu opfern. Es war Allah, der die Sintflut über die sündigen Menschen schickte und Noah und seine Familie rettete, so wie es in der Bibel, im Koran und auch im Talmud berichtet wird. Und es war Allah der Allmächtige, der Suliman befahl, ihm einen Tempel, ein Gotteshaus auf dem Heiligen Berg zu errichten, dort wo heute die Al-Aksa Moschee in Jerusalem steht. So wie dort in Jerusalem die Muslime ein Haus Gottes bauten, so bauten sie ihm hier am Rhein eines, damit wir ihn gemeinsam preisen können. Ihn, den Allmächtigen Allah, den Gott Abrahams. Ich bekenne, dass es keinen Gott außer Allah gibt und das Mohammed sein Prophet ist.“
Imam Dimriz sah verächtlich drein. Er weigerte sich, die Worte des Christenpfarrers als Gebet, als heilige Worte zu würdigen. Weiter hinten, im Schatten einer Säule, grinste der kleine Mann, dem die Vorderzähne fehlten. Er war zufrieden mit sich selbst. Er war gekommen, auch wenn seine Leute vergessen hatten, ihm eine Einladung zu schicken.

***

Dobrig sah zufrieden um sich. Er fühlte sich großartig. Heute hatte er das islamische Bekenntnis, die Schahada, einmal aufgesagt und er wusste, dass viele Kenner es bemerkt hatten. Es hatte gute Gründe, dieses Bekenntnis heute hier zu sprechen, in seiner Eigenschaft als christlicher Pfarrer. Jetzt, wo die Zeremonie vorüber war, übergab er sich den Genüssen. Er liebte die orientalischen Speisen und bediente sich ausgiebig. Schade nur, dass die Muslime keinen Wein trinken, dachte er sich. Das müsste man ihnen ausreden, ihre Abneigung gegen Alkohol. Gott hatte den Menschen das Wissen geschenkt, wie man Wein herstellt, denn das gehört zu den höchsten Genüssen der Welt.
Er füllte seinen Teller mit den leckersten Sachen und setzte sich zu Tisch. Er lächelte seine Tischnachbarn an und sie lächelten zurück. Er sagte ihnen ein, zwei Nettigkeiten und sie gaben ihm genau so höfliche, nichtssagende Antworten. Aber er konnte keine richtigen Gespräche mit ihnen knüpfen. Wenn immer er es versuchte, da war dieser kleine Dicke mit den goldenen Zähnen , der ihn verstohlen beobachtete. Er war die Ursache dafür, dass der Dekan sich in seiner Haut nicht mehr wohl fühlte. Der Dicke sah ihn mit Augen an, die wie Kohle brannten, verächtlich und voller Hass.
Er ging zu den deutschen Gästen, die da waren und sprach zu ihnen. Er wollte über diese große Verbrüderung diskutieren, er wollte über seine Bedeutung als Botschafter der Christen in diesem wichtigen Pakt der Verbrüderung aller großen Abrahamiten hier auf rheinischem Boden sprechen. Er suchte nach dem Rabbi Yodda, der den Juden vertreten hatte. Dieser hatte sich aber klammheimlich verdrückt. Der Rabbi war eh kein geselliger Mensch. Er war gekommen, erfüllte die Aufgabe, die ihm der Zentralrat auferlegt hatte, sprach noch ein paar Worten mit dem Dicken und dann sah er zu, wie er schnellstens verschwinden konnte. Denn er persönlich hielt nicht viel von dieser Art von Verbrüderung mit solchen Leuten. Ihm konnte man nichts vormachen.
Dobrig fürchtete den kleinen Dicken, ohne sich der magischen Wirkung entziehen zu können, die dieser um sich ausstrahlte. Seine goldenen Zähne glänzten wie Feuer zwischen seinen schmalen Lippen, wenn er mit jemanden sprach. Und es war zu sehen, dass wenn er einmal bereit war, mit jemand überhaupt ein, zwei Worte zu wechseln, er seinen Gesprächspartner dominierte. Er sprach jetzt mit Imam Hafiz, dem fremden Imam, von dem man nur über zwei Ecken erfuhr, dass er einen radikalen, salafistischen Islam predigte. Dobrig war zu weit weg, um die Worte zu verstehen, deswegen maß er ihnen keinerlei Bedeutung zu. Der Imam hatte eine unterwürfige Haltung eingenommen und sprach zu dem kleinen Dicken in einem arabischen Dialekt:
„Oh, du Gesandter, wir haben gehandelt, wie du es uns befohlen hast. Wir hoffen, dass du mit uns, nichtsnutzigem Staub unter deinen Füßen zufrieden bist.“
Der kleine Dicke sah mehr aufwärts, denn Imam Hafiz war ein großgewachsener Mann, auch wenn er sich jetzt Mühe gab, sich vor dem anderen klein zu machen. Der kleine ließ indessen seine Goldzähne aufblitzen und zischte wütend:
„Wie? Du sagst, dass ihr meine Befehle ausgeführt habt? Nichts habt ihr getan, ihr dummen Hohlköpfe! Sieh hin, da ist sie! So lebendig wie all die anderen hier. Ihr habt die falsche Frau ermordet! Das habt ihr!“
Dabei nickte er in die Richtung einer Fensternische. Dort stand Erika Dietmann, ganz allein für sich, hilflos und verloren in der großen Halle voll mit Menschen. Ein paar Schritte weiter, im Schatten einer Säule, stand eine große, schlanke Frau und schien sie zu beobachten, ja über sie zu wachen. Versunken in ihren Gedanken wie sie war, hatte sie keine Ahnung, weder von der Frau hinter ihr, noch von den zwei Muslimen, die sie von der ferne mit Blicken verfolgten.
Imam Hafiz sah den kleinen Mann erschrocken an, dann wandte er sofort seinen Blick zu Boden, denn er fürchtete, von den Blitzen aus den Augen des Kleinen mit den goldenen Zähnen vernichtet zu werden.
„Sollen wir es noch einmal versuchen? Wir könnten die deutsche Frau in eine Falle locken, wenn sie von hier weggeht.“
„Nein, jetzt nicht mehr. Es ist zu spät. Jetzt hat sie schon ihre Beschützerin um sich“, winkte der Dicke wütend und sah dabei de unbekannte blonde Frau an, die neben Erika Dietmann stand. „Lassen wir es bis auf ein anderes Mal.“
Dobrig, der die Zwei verfolgt hatte, entdeckte den Gegenstand ihres Gesprächs, die so gedankenverloren vor dem Fenster stand und ging auf sie zu. Sie fühlte sich innerlich unwohl, es fröstelte sie in ihrer Ecke und sie zog ihre Jacke enger um sich, als ob sie sich in ein unsichtbares Schneckenhaus zurückziehen wollte.
Sie hatte heute auch die Schahada öffentlich aufgesagt und jetzt hatte sie auf einmal mulmige Gefühle bekommen. Sie hatte sich zum Gott der Muslime bekannt, weil sie so verliebt war und sie gehofft hatte, mit ihrem Geliebten Hakan auf diese Art zusammen zu kommen, von seiner Familie akzeptiert zu werden und ihn heiraten zu können. Aber sie hatte sich geirrt und sie erkannte es jetzt, wo es zu spät war.
Hakan war auch gekommen, er war auch hier beim Fest. Sie hatte ihn gesehen. Sie hatte ihr neues, großes schwarzes Tuch über das Gesicht gezogen und war ihm nachgeschlichen.
Da war noch eine Frau, die genau so ein Tuch über dem Gesicht hatte wie sie. Und Erika sah die beiden, Hakan Mutoglu und die Frau mit dem Schwarzen Tschador über ihrem Gesicht, hinter dem Eingang zum Internat verschwinden.
Sie konnte ihnen nicht weiter folgen, denn sie kannte sich nicht mehr aus und sie fürchtete sich in dieser so fremden Welt. Die Tür, hinter der sie verschwanden, ließ sich auch nicht mehr so ohne weiteres öffnen.
Aber Erika hatte genug gesehen. Hakan liebte sie nicht, er liebte eine andere. Das ganze war umsonst gewesen. Irgendwo in ihrem tiefsten Inneren keimte ein Gefühl des Ekels auf, der sich langsam ihrer Eingeweide bemächtigte. Dort in ihrem Bauch, wo noch bis vor kurzem die Schmetterlinge kribbelten, nagte etwas Unangenehmes, Unaussprechliches. Was suchte sie überhaupt hier in diesem sinnesleeren, kitschigen Religionstheater? Sie wusste gar nicht, ob sie an einen Gott glauben sollte und wenn ja, ob dieser Moslemgott für sie der Richtige war oder Jesus Christus, Buddha oder ein anderer Gott. Eine Stimme hinter ihr flüsterte „Ja“, es war eine weibliche Stimme.
Als der Dekan sie begrüßte, fuhr sie aus ihren Träumereien auf und wollte ihn zuerst abschütteln, aber dann besann sie sich, dass er vielleicht der richtige Mann für diese Fragen zu Gott und Glauben sei:
„Herr Dobrig, ich muss Sie was fragen“, sprach sie ihn unverschnörkelt an. „Ich bin froh, dass Sie da sind, denn Sie sind der Fachmann, denn ich jetzt brauche.“
„Guten Tag, Frau… Frau…“ versuchte der Dekan sich zu erinnern. „Sie haben also auch diese schöne Religion entdeckt? Fragen Sie nur mutig“ nickte er ihr freundlich zu, als er merkte, dass sie zögerte. „Wenn ich die Antwort kenne, helfe ich Ihnen sehr gern.“
„Dietmann. Mein Name ist Erika Dietmann und ich war mit Ihrem Sohn in derselben Klasse.“
„Schön, Frau Dietmann.“ Der Dekan sah sie fragend an.
Jetzt, wo sie ihre Gedanken in Worte fassen sollte, musste sie sich anstrengen, die passenden Sätze zu finden.
„Sie haben sich vorhin in Ihrer Rede zum Islam bekannt, denn Sie haben die Schahada aufgesagt. Und das bedeutet nichts anderes, als dass man sich zum Islam bekennt. Aber Sie sind ein Christ, nicht wahr? Wie ist beides möglich?“
„Warum sollte es nicht möglich sein, liebe Frau Dietmann? Wir alle glauben nur an einen allmächtigen Gott, nicht wahr? Und wir können nicht behaupten, dass es dieses mal ein christlicher Gott ist, nächstes Mal es sich aber um einen jüdischen oder um einen islamischen Gott handelt.“
„Ich bin nicht so erfahren mit der Religion, Herr Dekan, denn meine Eltern sind Atheisten und sie haben mich nicht religiös erzogen. Aber ich habe jetzt, für diesen Tag, den Islam ein wenig studiert. Und der Imam hat mir gesagt, dass es gewisse Unterschiede zwischen dem Islam und dem Christentum gäbe und dass es deswegen nicht egal ist, ob ich an Jesus glaube oder an Allah. Mein Lehrer, das war der Hilfsimam Almedin, sagte mir, dass die Christen glauben, dass Jesus selber ein Gott ist, und auch Maria eine Göttin. Deswegen beten die Christen zu Jesus und zu Maria genau so, wie sie zu Gott beten. Und darüber hinaus haben viele Christen noch viele kleinere Götter, die Heiligen. Die Griechen und die Katholiken beten die Heiligen genau so an, als ob sie selber Götter wären“ sagte sie.
Der Dekan legte sein inzwischen leer gewordenes Teeglas beiseite und fragte das Mädchen
„Ich sehe nicht, wo das Problem liegt. Was stört Sie?“
„Ich denke mir, wenn wir zu ein und demselben Gott beten, dann ist es egal, ob wir Christen, Muslime oder Juden sind, nicht wahr, Herr Dekan?“
„Ja, so ist es meine Liebe. Genau wie Sie es sagen.“
„Aber warum legen die Muslime dann Wert darauf, dass nur der Islam die richtige Religion sei und warum sagen sie über die Christen, dass sie mehrere Götter haben? Wer hat dann Recht, wenn es doch noch Unterschiede zwischen den Religionen gibt? Denn es gibt sie, nicht wahr? Das kann man nicht leugnen.“
Sie hörte die Stimme wieder „Ja“ flüstern. Es war dieses mal, als ob diese weibliche Stimme aus ihrem tiefsten Inneren käme, von dort, wo sie soeben noch die Krallen ihre Eingeweide gequält hatten. Gleichzeitig hörte sie aber laut und deutlich, wie eine Dissonanz, den Dekan sagen:
„Nein, meine liebe Frau Dietmann, es gibt keine Unterschiede. Sehen sie, wir alle haben nur einen Gott und einen Glauben, ob Juden, Christen.“
Sie sah Sie! Jetzt, noch während der Pfarrer sprach, sah sie Sie! Sie war noch in ihrem Inneren, aber gleichzeitig auch vor ihr, um sie, mächtig, übermenschlich. Und Sie war sehr wütend! Sie erhob sich mächtig, wie eine übermenschliche Gestalt aus den alten Sagen und schmetterte gegen den Pfarrer mit der ganzen Wut eines allmächtigen Wesens:
„Du kleiner, elendiger Menschenwurm! Du maßest dich an, über uns Götter zu bestimmen! Du verdienst nicht einmal deine menschliche Gestalt! Du bist ein Nichts!“
Erika stockte der Atem. Was sie soeben erlebt hatte, war nicht einmal mit dem Bruchteil einer Sekunde auszudrücken. Es war mit menschlichen Maßstäben überhaupt nicht zu beschreiben. Nach nur kurzer Zeit war sie sich nicht mehr sicher, was es war, was sie erlebt hatte. Sie wusste nicht einmal mehr, ob sie es überhaupt erlebt hatte. Der Dekan war nicht mehr da. Aber war er zuvor da gewesen? Vielleicht hatte sie das Ganze nur geträumt? Es kann nur ein Traum gewesen sein, eine Halluzination, denn in der Realität passierten solche Dinge nicht. Vielleicht war er gar nicht da gewesen. Überhaupt, was hatte sie dort zu suchen? Sie schüttelte ihren Kopf, als ob sie dieses unmögliche Traumbild damit loswerden könnte und ging hinaus, ohne sich überhaupt von jemand zu verabschieden
Eine kleine Ratte beobachtete sie aus dem Winkel einer Nische, seltsam, nachhaltig. Ihre kleinen schwarzen Äugelein erschienen fast wie das Fenster zu einer menschlichen Seele.

***

Die jungen Männer sprachen auf Arabisch miteinander, so dass Denic nichts verstand und deswegen fragte er immer wieder dazwischen. Sie warteten auf eine deutsche Schlampe, um es ihr richtig zu besorgen.
„Bist du sicher, dass wir das alles mit ihr tun sollten“, fragte er den, der ihr Anführer war.
„Ja, Mann! Ich habe dir doch schon gesagt. Wie oft sollen wir noch besprechen? Sie kommt gleich. Sie trägt ein schwarzes Hijab auf den Kopf. Die dumme Schlampe wollte uns vormachen, dass sie an den Islam interessiert ist und so.“
„Aber wenn sie es ernst meint? Der Prophet hat uns gesagt, dass wir die Ungläubigen erst fragen sollten, ob sie zum Islam konvertieren wollen und wenn sie es nicht wollen, nur dann sollen wir sie töten.“
„Ach! Halt deinen Maul und tu, was man dir sagt!“ gab der Anführer zur Antwort. „Der Imam hat uns gesagt, dass wir diese Erika, oder wie die heißt, erst richtig behandeln sollen „ – dabei machte er eindeutige, obszöne Bewegungen – „und dann töten“.
„Das hat der Imam Dimriz gesagt? Das kann ich nicht glauben, Mann!“
„Nein, nicht Dimriz, du Hohlkopf! Dimriz ist nur ein sanfter Memme. Er ist nur einer für die Frauen und für die Ungläubigen, die nicht wissen dürfen, was der wahre Islam ist. Der echte Imam ist Hafiz. Wir machen, was er uns sagt, kapiert?“
Der Kumpel, der um die Ecke Schmiere stand, gab ihnen das Zeichen: „Sie kommt, und sie ist allein“.
Der Anführer zog sein Messer aus der Tasche.
„Willst du sie gleich niederstechen?“ fragte einer.
„Nein, ich will ihr nur Angst einjagen. Aber wir wollen erst ein wenig Spaß mit ihr haben, bevor wir sie töten.“
„Das meine ich auch, Mann!“

Währenddessen erreichte die Frau im schwarzen Tschador die Ecke und wollte gerade in Richtung Parkplatz einschlagen, wo sie ihren dunkelroten BMW geparkt hatte, als die Männer ihr den Weg versperrten. Sie zog den Tschador ängstlich ins Gesicht und schrie auf. Sie schrie umsonst, denn niemand hörte sie.

Kapitel 6

Als Fischer am Tatort eintraf, stellte er fest, dass sein Kollege Goretzki auch schon anwesend war. Der Dönerbudenbesitzer aus der Röntgenstraße hatte die Leiche entdeckt und gleich die Polizei gerufen als er heute Morgen zur Arbeit kam.
Fischer pfiff laut zwischen den Zähnen:
„Wenn das ein Selbstmord war, dann möchte ich wissen, wie sie da hoch gekommen ist.“
Die junge Frau hing an der Straßenlaterne, in einer Höhe von 5 Metern. Ein schwarzer Stoff war um ihren Hals geknotet, damit hatte man sie dort oben aufgehängt, direkt an der Ecke, etwa sieben Meter vom Eingang des Dönerladens entfernt. Ihre schwarzen Locken flatterten im Wind zusammen mit ihrem Tuch, wie die stumme Flagge eines Piratenschiffes. Ihre Beine baumelten nackt und ungelenk in der Luft. Fischer kam auf die abartige Idee, dass sie ihn an die Lieblingspuppe seiner Schwester erinnerte, die er einmal gestohlen und misshandelt hatte. Er hatte ihr die Beine ausgedreht und sie baumelten genau so ungelenk herum, wie die der Frau da oben auf dem Lichtmasten. Aber das war nur eine Puppe und er hatte dafür eine ganze Woche Stubenarrest bekommen. Sein Taschengeld wurde auch gekürzt denn man musste eine neue Puppe für Petra kaufen. Aber das hier war etwas ganz anderes. Die Frau da oben war ein Mensch aus Fleisch und Blut.
Zuerst hieß es, es sei ein Selbstmord. So etwas kam öfters vor. Gerade bei denen. Sie zwangen ihre Töchter, irgendwelche brutalen Kerle zu heiraten, die sie nie zuvor gesehen hatten. Die Mädchen liefen oft weg, wenn sie einen Freund hatten, der ihnen helfen konnte. Wenn sie niemand hatten, dann begingen sie Selbstmord. Aber nicht so. Wie hätte sie das überhaupt hingekriegt, da hinauf zu kommen, ohne Hilfe?
Man hatte einen Einsatzwagen von der nahegelegenen Feuerwehr angefordert, um sie herunter zu holen. Inzwischen sammelten sich einige Gaffer und Fischer rechnete, dass binnen weniger Minuten die ersten Journalisten auftauchen würden.
„Wer kam auf die Idee, dass es ein Selbstmord war?“ fragte Fischer.
„Die Pressestelle natürlich. Wer sonst?“ antwortete Goretzki. „Sie haben die Meldung, dass es ein Selbstmord war, gleich veröffentlicht, noch bevor die Einsatzfahrzeuge die Zentrale verlassen hatten.“
„Wahrscheinlich haben die von der Presse hellseherische Fähigkeiten entwickelt, so dass wir gar nicht mehr zu ermitteln brauchen“, murrte Fischer wütend. Solche Falschmeldungen verhinderten die Ermittlungen und erzeugten Unmut und Misstrauen in der Bevölkerung, sowohl bei den Türken wie auch bei den Deutschen. Aber die Leute in der Presseabteilung waren unbelehrbar.
„Wünsch dir lieber, dass sie Selbstmord begangen hat, denn wenn nicht, dann ist hier bald die Hölle los.“
„Warum? Wir könnten uns darauf einigen, dass es ein Ehrenmord war.“
„Matthäus sagte, dass wir möglichst alles ausschließen sollten, was auf einen ethnokulturellen Hintergrund deutet“.
„Ihr Tuch ist doch ethnokulturell genug.“
„Vor allem wünscht er, dass wir alles ausschließen, was darauf hindeutet, dass es die Rechtsextremisten gewesen waren“, sagte Goretzki.
„Warum sollen die Rechtsextremisten dahinter stecken?“ fragte Fischer verdutzt. „Hier ist nichts, was ihren Stempel trägt.“
„Holen wir sie erst einmal herunter, dann sehen wir weiter.“
Sie ließen die Straße auf einer Strecke von zweihundert Meter absperren und warteten, bis die Kollegen von der Feuerwehr mit ihren Vorbereitungen fertig waren.
Sie war sehr jung. Man erkannte noch die Spuren der Schönheit, obwohl sie sichtbar misshandelt wurde, bevor man sie aufgehängt hatte. Ihr Körper war voll mit blauen Flecken und Blutergüssen. Es war offensichtlich, dass sie vergewaltigt wurde. Auf die Brust hatte man ihr einen Zettel angesteckt, mit einer Botschaft. Es hatte eine Weile gedauert, bis alles dokumentiert wurde und die Spurensicherung fertig war. Als sie endlich heruntergenommen war, konnten sie erkennen, dass man sie mit ihrem eigenen Tuch erhängt hatte.
„Wie heißt der Fachausdruck für dieses Tuch, das sie da um hatte?“ fragte Fischer.
Goretzki wusste es auch nicht. Einer der Feuerwehrmänner half ihnen mit der Antwort:
„Man nennt es Tschador oder Burka, je nachdem. Wenn sie kurz sind, nur über den Kopf und den Hals, dann nennt man es Hijab. Das hier sieht aus wie ein Tschador, meine ich.“
„Jedenfalls ist es keine schöne Art, so zu sterben“.
Die zwei Ermittlungsbeamten widmeten sich endlich der Botschaft, die bei der Toten war.
„Und deswegen sollte man glauben, dass sie Selbstmord begangen hat?“, wunderte sich Fischer. „Auch der letzte Dummkopf hätte erkennen müssen, dass dies kein Abschiedsbrief, sondern eine Botschaft der Täter war.“
Er las laut vor: „Nehmt sie zurück. Wir wollen sie nicht“. Die Botschaft war in Druckbuchstaben geschrieben, und das Wort „zurück“ hatte einen Rechtschreibfehler.
„Die Rechtsextremisten kann man jedenfalls ausschließen“ , beschloss er seinen kleinen Diskurs.
„Also doch ein Ehrenmord?“

***

Bis zum Nachmittag hatten sie die Identität der Toten herausgefunden und auch einen Verdächtigen festgenommen. Es war offensichtlich, dass eine Verwechselung vorlag, dass die Tat einer ganz anderen Frau galt. Aber das machte die Sache auch nicht besser. Oberstaatsanwalt Matthäus schickte einen Beamten zu der Familie Dietmann. Dieser kam unerledigter Dinge zurück und sah sich genötigt, einen richtigen Telefonterror zu veranstalten, bis jemand bei den Dietmanns den Hörer abnahm. Die Eltern waren beide verreist, die Mutter in Bayern und der Vater geschäftlich in Thailand. Nachdem Erika endlich den Hörer abgenommen hatte, zitierte sie der Beamte noch für denselben Tag zum Präsidium. Sie kam bereitwillig und hatte auch einiges zu berichten.
Inzwischen hatte sie ihrer neuen Religion wieder den Rücken gekehrt. Sie reagierte überrascht und war erschrocken, ja fast panisch, als sie hörte, dass jemand sie ermorden wollte. Andererseits war auch etwas Gutes daran, dachte sie, als sie sich einigermaßen beruhigt hatte, denn jetzt hatte sie einen Grund, den Islam wieder zu verlassen und sie brauchte niemandem von dem Vorfall mit dem Dekan zu erzählen. Auch wenn der Mord an dieser Moslemfrau tragisch war und auch wenn er eigentlich ihr gegolten hatte, das war leichter hinzunehmen. Das waren Dinge, die man mit dem Verstand begreifen konnte. Dagegen hatte sie für das, was mit dem Dekan passiert war, keinerlei Erklärung und fürchtete deswegen um ihren Verstand.
Über die Tote konnte sie nichts sagen. Sie hatte sie nicht gekannt. Ob es vielleicht diese Frau war, die mit Hakan hinter der Tür zum Internat verschwunden war? Damit kam Hakan auch unter Verdacht. Man hatte ihn zum Verhör abgeholt und gleich festgenommen.
Inzwischen brodelte draußen auf der Straße die Gerüchteküche. Die Presse war nicht unschuldig dabei. Bei den muslimischen Bewohnern der Stadt, hieß es, dass es deutsche Rechtsextremisten waren. Manche flüsterten dagegen auch, dass es arabische Islamisten waren, weil sie damit die Stimmung zwischen den Türken und den Deutschen vergiften wollten. Wer dieses Gerücht in die Welt gesetzt hatte, konnte niemand mehr sagen. Die Medien hielten sich bei der Version mit den Rechtsextremisten und forderten gleich mehr Maßnahmen gegen Rechts. Manche mutmaßten, dass es sich möglicherweise auch um einen Ehrenmord handeln könnte, denn die Tote war die Ehefrau eines bedeutenden muslimischen Geschäftsmannes und sie soll eine Liebesbeziehung gehabt haben.
Auf den deutschen islamkritischen Internetseiten konnte man derweil auch lesen, dass möglicherweise eine Gruppe von muslimischen Männern eine deutsche Frau ermorden wollten, dass sie die Frauen verwechselt und so eine Libanesin statt der Deutschen ermordet hatten. Wie diese Angaben hinaus gesickert waren, wusste niemand. Aber die Gemüter kochten über. Es war regelrecht zu riechen, wie sich die Gruppen zusammenrotteten. Der Polizeipräsident machte seine Meldung in der Landeshauptstadt und bat sogleich um Verstärkung. Man beobachtete besorgt die Sozialnetzwerke und die Mobiltelefon-Netzwerke. Ja, es braute sich etwas zusammen.
Im Internet drohten sich die Deutschen und die Türken gegenseitig mit Kampfparolen und sprachen über Racheaktionen. Auf PI, das einen Artikel zu den Entwicklungen in S. am Rhein mit dem Hinweis, dass die Tat eigentlich einer jungen deutschen Frau galt, veröffentlicht hatte, hatten sich binnen zwei Stunden über 400 Kommentatoren geäußert. Bei Youtube erschien ein Video, das jemand gedreht hatte, während die Polizei die Leiche von der Laterne herunternahm. Das große Tuch, ein schwarzer iranischer Tschador, war gut zu sehen, denn man hatte es extra ausgebreitet und in die Kamera gehalten. Binnen kurzer Zeit hatte es über 50.000 Zugriffe darauf gegeben. Auch hier kamen unzählige Drohungen aller Art und aus allen Lagern, manche von ihnen gar so brutal, dass man sie strafrechtlich hätte verfolgen können, wäre die Staatsanwaltschaft nicht mit Wichtigerem ausgelastet gewesen. Und sie kamen in solchen Mengen, dass es unmöglich war, sie überhaupt noch durchzulesen. Ein neuer Damm war heruntergerissen und die Kommentatoren achteten nicht mehr darauf, ob ihre Äußerungen zu rechtlichen Schritten gegen sie führen könnten. Sie alle ließen einfach Dampf ab, wie die Kampfhähne vor einem brutalen Kampf.
Draußen im Industriegebiet fuhren zwölf Einsatzfahrzeuge der Polizei auf. Auch vor der Moschee wurden zwei Einsatzfahrzeuge postiert. Gegen ein Uhr in der Nacht atmete die Polizei langsam auf. Die Lage schien sich endlich ein wenig zu beruhigen, auch wenn man noch keine Entwarnung geben konnte.
Die Polizei blieb das ganze Wochenende in Alarmbereitschaft. Beim kleinsten Vorkommnis waren die Beamten sofort zur Stelle, bereit jeden Zwist radikal im Keim zu ersticken. Lediglich in der Innenstadt hatte es zwei kleinere Schlägereien gegeben. Die eine fand samstagnachts, kurz nach Mitternacht statt. Dabei wurden ein paar alkoholisierte Besucher einer beliebten Szenenkneipe auf dem Weg nach Hause von einer Gruppe Jugendlicher überfallen und zusammengeschlagen. Das war nichts Außergewöhnliches. Und am Sonntag kam es zu einer Schlägerei zwischen Türken und Italienern, den Inhabern von zwei benachbarten Gaststätten, die sich ständig rauften, weil der Türke seine Tische in der Fußgängerzone weit über seinen Bereich hinaus stellte, und dem Besitzer der italienischen Pizzeria den Platz wegnahm. Aber auch diese Schlägerei ging mit nur einer gebrochenen Nase und einer eingeschlagenen Schaufensterscheibe vorüber.

***

Endlich war der Grieche Alexios Elefteridis aus dem Koma aufgewacht. Goretzki erhielt am Dienstagvormittag einen Anruf aus dem Krankenhaus, dass der Mann einmal kurz die Augen geöffnete habe und danach hatte man beobachtet, dass er irgendetwas zu sagen versuchte. Aber auch wenn seine Worte irgendeine Bedeutung gehabt hätten, konnte man ihn nicht verstehen, denn er war kein Deutscher. Das Krankenhaus hatte für solche Ausländer einen Kommunikationsbeauftragten, der vom Integrationsministerium bezuschusst wurde, aber leider konnte Frau Güle Kilic ihn auch nicht verstehen, denn der Patient sprach wahrscheinlich griechisch.
„Woher soll ich jemand auftreiben, der griechisch spricht?“ fragte Goretzki seine Kollegen im Büro. „Endlich ist der Mann erwacht, und wir haben niemand, der mit ihm sprechen kann. Dabei könnte es lebenswichtig sein, was er uns zu sagen hat. Es sind bis jetzt schon genug Morde in Verbindung mit dieser Moschee passiert.“
Fischer, der gerade vom nächtlichen Einsatz herein kam, sagte müde:
„Nimm die Aushilfe vom Kindergarten, wo Dorina arbeitet. Die ist eine Griechin, sie wird mit ihm sprechen können.“ Er wischte über sein unrasiertes Gesicht und murmelte: „Mensch, ich würde mit dir kommen, aber ich kann kaum noch auf den Beinen stehen. Das war eine sehr lange Nacht.“ Er schüttelte den Kopf, als wollte er den Schlaf wegschütteln und sagte: Ich brauche erst mal einen Kaffee. Fahr du nur los und ich rufe im Kindergarten an, damit sie sich bereit hält.“
Er erledigte den Anruf, nahm seinen Kaffee und setzte sich, um seinen Bericht zu schreiben. Es graute ihm davor. Noch vor zwölf Jahren, als er den Polizeidienst anfing, erinnerte er sich mit Wehmut, schrieb man im Bericht genau das, was im Einsatz passiert war, auch wenn die Kollegen sich über das Beamtendeutsch ärgerten. Aber sie hatten sich daran gewöhnt und kamen klar damit. Inzwischen war es ganz anders geworden. Die Berichte mussten politisch korrekt formuliert werden und es durften darin gewisse Vorkommnisse nicht mehr erwähnt werden. Die ethnische oder die religiöse Herkunft der Täter war ein Tabu, wenn diese eine Rolle spielte. Und man war eifrig dabei, die Vorfälle bewusst so hinzustellen, um sie in einem rechtsextremistischen, ausländerfeindlichen Licht erscheinen zu lassen. Das waren schlicht und einfach die Regeln, die jeder Kollege befolgte, wenn er seine Pension im Dienst erreichen wollte.
Es hatten sich einige Vorfälle ereignet, wo ein unachtsamer Kollege in seinem Bericht manche Dinge benannte, die nach der Ethik, der neuen politischen Korrektheit tabu waren. Und es hatte jemand gegeben, der solche Berichte den Internetwebseiten wie Politcally Incorrect, Nürnberg2.0 oder in einem speziellen Fall sogar Jihad Watch zugespielt hatte. Da war vielleicht die Hölle los! Der Polizeipräsident, in dessen Zuständigkeit das passierte, ließ eine ganze Abteilung von Internetfachleuten wochenlang nach den Tätern ermitteln, die, wie er sagte, „die Beamtentreue verletzt und Internas verraten haben“. Man fand sie nicht, denn sie waren wie die Füchse der Nacht. So ging man dazu über, die Schreiber der Berichte zu bestrafen, um solche Vorkommnisse zu unterbinden.

***

Die diensthabende Schwester auf der Intensivstation ließ sich von der bärtigen Gestalt mit dem strengen Blick, der im Befehlston Einlass begehrte, nicht beeindrucken.
„Hören Sie, das hier ist ein Krankenhaus und keine Moschee. Sie können dort, in ihrem Verein befehlen. Aber hier gelten immer noch unsere Regeln. Und Sie können außerhalb der Besuchszeit nur mit der speziellen Genehmigung des behandelnden Arztes Ihren Sohn hier besuchen. Doktor Bohl ist es. Lassen Sie sich von ihm eine Genehmigung ausstellen und dann können Sie zu ihrem Sohn. Ansonsten lasse ich Sie nicht hinein.“
Goretzki hatte keine Geduld, diese Auseinandersetzung zu verfolgen, so zeigte er seine Dienstmarke und trat ein. Achaios Simonidis, sein griechischer Dolmetscher, hielt sich an seinen Fersen. Die Schwester richtete einen fragenden Blick auf ihn, und Goretzki erklärte kurz gebunden: „Er ist mit mir. Dienstlich.“
Der bärtige Mann motzte laut auf:
„Wieso dürfen die Griechen hinein und uns Muslime lassen Sie nicht rein? Das ist Diskriminierung und ich werde Anzeige machen! Bei der Polizei!“
Die Schwester zuckte nur die Schulter:
„Wenn Sie sich diskriminiert fühlen, dann können Sie sich bei der Krankenhausleitung beschweren. Die werden sich freuen.“
Kaum um die Ecke und außer Hörweite, beschleunigte Achaios Simonidis seine Schritte, um sich dem Polizisten anzuschließen und zupfte ihn am Ärmel. Als dieser ihn fragend ansah, sagte er flüsternd, fast wie ein Verschwörer:
„Ich glaube nicht, dass dieser Muslim hier seinen Sohn sehen wollte. Da stecken andere dunkle Sachen dahinter.“
Der Mann kam mit ihm anstatt der Kindergärtnerin, um zu dolmetschen. Fischers Freundin Dorina hatte Goretzki versichert, dass Simonidis ein Priester sei und dass er genau die passende Person wäre, die die Polizei bräuchte. Er ist mit der Familie der Kindergärtnerin befreundet, vielleicht sogar mit ihr verwandt. Irgendein Onkel oder so, erklärte Dorina, aber das konnte niemand so genau wissen. Er sprach aber sehr gut Deutsch, so dass es keine Probleme geben dürfte. Er sprach darüberhinaus sogar noch Englisch, Aramäisch, Französisch und Russisch, mehr als die Polizei brauchen konnte. Und er hatte Zeit mitzukommen, während seine Nichte im Kindergarten unabdingbar war. So hatte Goretzki ihn mitgenommen. Ob es in Griechenland viele Priester gäbe, wollte Goretzki wissen.
Nicht so viele. Es sei so, wie überall in Europa. Die Menschen sind heute nicht mehr so fromm. Außer in den ehemaligen Ostblockländern, die ja zwangsweise entchristianisiert wurden und deswegen die Lehre des Christentums schätzten, weil sie ihnen früher verboten war. Überall haben die christlichen Kirchen Probleme, Nachwuchs an Priester zu finden.
„Mit den Klöstern ist es noch schlimmer. Immer mehr historische Klostergemeinden schwinden und die Klöster werden verlassen, da die Alten sterben und die Jungen hören nicht mehr auf dem Ruf des Herrn.“
„So wie hier bei uns“, stellte Goretzki fest. Er empfand eine natürliche Scheu vor dem heiligen Mann, so dass er seinen atheistischen Sarkasmus aus diesem natürlichen Respekt heraus zügelte. „Aber diejenigen, die glauben, sind fest in der Tradition verankert, nicht wahr?“
„Wie meinen Sie das?“
„So wie Sie. Hier im Westen experimentieren die Religionsvertreter selber mit den unmöglichsten Religionsmischungen, so dass sie ihre gläubige Anhängerschaft viel eher verunsichern und viel öfters irreführen, anstatt ihnen Halt zu geben und sie auf einen geraden Weg zu führen, wie es einst die Aufgabe der Priester war. Man findet bereits innerhalb der Staatskirche die merkwürdigsten experimentellen Religionsformen, die kaum noch etwas mit dem Christentum zu tun haben.“
Achaios Simonidis sah ihn eindringlich aus seinen dunklen, eindrucksvollen Augen an:
„Wenn Sie es so sagen, dann gehöre ich zu genau dieser Sorte, von der Sie sprechen. Wie sagten Sie? Merkwürdige experimentelle Religionsformen? So kann man es auch nennen, wenn man nicht daran glaubt.“
„Ach, machen Sie auch solche Sachen? Gemeinsam mit anderen Religionen beten, den Gläubigen den Koran statt die Bibel predigen, oder Partys und Disco in der Kirche veranstalten?“ Goretzki konnte kaum seine Enttäuschung verbergen.
„Nein, das alles mache ich nicht. Denn als ich mich für einen neuen Weg entschloss, verließ ich erst die Kirche. Ich wollte meinen Weg nicht mit einer Unehrlichkeit anfangen.“
„Welche neue Religion ist es?“ Goretzki fragte mehr aus Höflichkeit.
„Eigentlich kann man sie gar nicht eine neue Religion nennen, denn es ist eine Uralte. Sie ist viel älter als das Christentum oder das Judentum. Ich glaube an unsere alte Götter.“
„Ach!“ staunte Goretzki. „Gibt es denn heute noch Menschen, die an die alten griechischen Göttern glauben?“
Die Idee war so faszinierend, so neu und erfrischend, dass er allein bei diesem Gedanken fröhlich gestimmt wurde. Mittlerweile waren sie am Krankenzimmer angelangt, so dass sie das Gespräch abbrechen mussten.
„Das müssen Sie mir später näher erzählen. Wenn Sie Zeit haben, würde ich Sie gern einmal besuchen, damit Sie mir alles in Ruhe erzählen. Geht es?“
Als sie zum Bett des Patienten traten, waren dessen Augen geschlossen. Aber sein Bettnachbar, ein Handwerker mit einem schweren Unfall an den Beinen sagte ihnen, dass er bei Bewusstsein war.
„Vorher hatte er wieder die Augen geöffnet. Und er spricht dauernd. Er sagt immer irgendwas wie memete, memete. Aber ich verstehe ihn nicht.“
Achaios Simonidis trat ans Bett heran und nahm die Hand des Kranken:
„Du wirst gesund, mein Sohn. Wer immer dir das angetan hat, die Götter werden ihn bestrafen.“
Der Kranke machte die Augen auf und blickte den Priester an:
„Danke, Heiliger Mann. Danke, dass Ihr gekommen seid.“
Er drückte die Hand des Priesters, dann ließ er sie los und wandte den Kopf leicht in die andere Richtung. Dabei murmelte er abwesend:
„Minin ide The… minin ide… the… Pilia…”
„Was sagt er?“ fragte Goretzki in einem dringlichen Flüsterton.
„Er rezitiert ein antikes Gedicht“, antwortete Achaios Simonidis. „Das ist die erste Zeile des Ilias – Singe oh, Göttin den Zorn des Peleaden Achileos… – so fängt es an.“
Der Grieche drehte sich wieder, besann sich seines Besuchers und bat den Heiligen Mann:
„Bringt für mich ein Opfer an die Göttin, Pater…“
Viel mehr konnten sie bei diesem ersten Besuch nicht aus ihm heraus bekommen.

***

Fischer räumte die Akten weg und nahm seine Jacke.
„Mit anderen Worten wir haben bisher gar nichts herausgefunden. Ein Opfer, das den Ilias rezitiert, ein türkisches Mädchen, das wegen einem Ehrenmord getötet wurde, wo sich im Nachhinein herausstellte, dass sie gar keine Muslimin, sondern eine nichtmuslimische Türkin war.
„Oder eine Jüdin, wie der Gerichtsmediziner behauptet“, ergänzte Goretzki.
„Ja, richtig. Vielleicht ist sie gar eine Jüdin. Und dann haben wir noch eine Muslimin, die mit ihrem eigenen Schleier erhängt wurde, angeblich von den Rechtsextremisten. Und bei der sich im Nachhinein heraus stellt, dass sie gar nicht von den Islamhassern, sondern von den Muslimen selber ermordet wurde, aber es dennoch kein Ehrenmord war.“ Er ließ einen tiefen Seufzer hören.
„Wir kommen einfach nicht weiter.“
Goretzki nickte ihm zu, ohne die Augen von den unendlich langen Listen auf dem Bildschirm seines Notebooks zu heben.
„So ist es. Aber wie sollen wir etwas rauskriegen, wenn wir nur noch von Lügen und Verklärungen umgeben sind?“
„ Die Stimmung ist kurz vor der Explosion und wir haben kaum etwas in der Hand. Und das Wenige, was wir herausgefunden haben, müssen wir auch noch verschweigen und vergessen! Zum Kotzen ist das! Hast du noch etwas über diesen Kerl gefunden, der bei der Moschee zusammengeschlagen wurde? Oder ist er gar nicht bei uns in den Akten?“
„Doch, er ist drin“, nickte Goretzki bedächtig. „Aber er ist passgeschützt.“
Fischer kam näher und warf einen Blick auf Goretzkis Schirm.
„Am Ende ist er noch ein V-Mann, oder sowas?“
„Ein V-Mann, ja. Aber in wessen Auftrag? Das macht keinen Sinn.“
„Egal. Ich gehe erst mal zum Mittagessen.“
„Warte, Roland, ich komme mit.“
Sie gingen gemeinsam zum Weißen Ochsen hinüber, obwohl Fischer einen kurzen Moment daran dachte, seinen Kollegen abzuschütteln, denn er wollte sich heute zum zweiten Mal mit Dorina treffen. Und er hatte diese kurze Zeit der Freude bitter nötig, nach all dem Stress, den sie derzeit bei der Arbeit hatten.

Willi der Ochsenwirt begrüßte sie herzlich, als ob sie seine Brüder wären. Er begrüßte übrigens jeden Gast so herzlich. Es reichte, dass man einmal in seinem Restaurant war und zum zweiten Mal wieder kam. Dorina kam gleichzeitig mit dem Tagesessen, das sie sich bestellt hatten.
„So etwas bekommt ihr in den Schickimicki Ausländerkneipen nicht!“
Der Wirt hielt ihnen die Teller mit der duftenden bayrischen Schweinshaxe vor die Nase, bevor er sie auf den Tisch stellte, und wandte sich gleich an Dorina:
„Komm, Mädchen, lass das Grünzeug für die Kaninchen und nimm lieber ein anständiges Stück Fleisch“.
Sie lachte, bestellte aber ihren gewohnten Salat.
„Kein Fleisch für mich heute“, sagte sie.
„Warum nicht?“
„Ich habe ein komisches Gefühl im Bauch. Eine Vorahnung“.
„Gefühle sind immer gut, vor allem bei schönen Frauen“, scherzte Goretzki. „Erlauben Sie mir, dass ich mich vorstelle: Markus Goretzki. Und ich teile ein Büro mit diesem Schlägertyp hier“ fügte er hinzu.
„Komm, du brauchst dich nicht so vorzudrängen. Ich hätte euch einander vorgestellt, sobald Dorina sich gesetzt hätte. Das hier ist Dorina“, fügte er zeremoniell hinzu, dann wandte er sich ihr zu: „Erzähl uns von deinen Gefühlen. Worum dreht es sich?“
Dorina hatte sich über das ganze Wochenende eingeredet, dass irgendetwas Bedrohliches auf sie lauerte. Was das war, hätte sie nicht sagen können. Es stand im Horoskop auf ihrem Internetportal, die Tarotkarten zeigten es ihr und sie hatte es auch in ihrem Traum gesehen. So war sie ganz sicher, dass ihr in der nächsten Zeit etwas Unangenehmes zustoßen würde. Was das sei? Sicher ein materieller Schaden, Geldverlust, oder eine Krankheit. Oder vielleicht eine Autopanne? Sie wüsste es nicht, lediglich dass es was Unangenehmes sein wird. Und es wird ihr persönlich geschehen, das war klar.
„Dann pass gut auf dich auf, Mädchen“, sagte Fischer zärtlich.
„Ich meine es ernst“, sagte sie, denn sie wusste, dass er ihr Interesse für esoterische Dinge nicht teilte.
„Doch, ich meine es sehr ernst“ sagte er nachdrücklich.
„Dazu braucht man keine hellseherische Fähigkeiten“, sagte auch Goretzki. „Heute kann jeder prophezeien, dass uns etwas Schlimmes bevorsteht.“
„Was meint ihr damit?“ Dorina blickte vom einen zum anderen mit fragender Miene.
„Wir sitzen auf einem Pulverfass, meine Liebe“. Fischer streichelte sie sanft über den Rücken. „Jeden Moment kann es losgehen.“
„Was soll losgehen?“
„Die Krawalle. Am Wochenende hatten wir mehrere Sondereinheiten zur Verstärkung hier. Aber wenn sie wieder abziehen, dann sieht es nicht rosig aus.“
„Ist es so schlimm?“ fragte Dorina. Sie hatte auch einiges von der gespannten Lage mitbekommen, auch wenn sie kein besonders großes Interesse an den sozialen Spannungen zeigte. Ihre eigenen Kinder, Sonka und Vaclav, wussten natürlich genau Bescheid von den Spannungen zwischen den Muslimen, Deutschen, Linksautonomen und Rechtsextremisten, denn die Jugendlichen waren schon längst auf solche verfeindeten Gruppen aufgespalten, die sich gegenseitig misstrauisch beäugten und sich gelegentlich auch in Schlägereien verwickelten.
Aber an Dorina selber waren diese Spannungen bis jetzt überwiegend unbemerkt vorbeigegangen. Hier und dort hatte sie mal ein Wort aufgeschnappt gehabt oder einen rassistischen Witz gehört, über den sie vielleicht gelacht hatte, aber mehr nicht. Jetzt auf einmal hatte sie durch die Art, wie die zwei Polizeibeamten in ihrer Gegenwart sprachen, den Eindruck von einer ganz anderen Dimension der Gefahr.
„Ist es so schlimm?“ Wiederholte sie die Frage.
„Es ist schlimmer als schlimm.“ Goretzki blickte ihr ernst in den Augen. „Die Frage ist nicht ob, sondern wann es passiert.“
„Das sind also die Prophezeiungen!“ nickte sie verständig. „Die Maja hatten es schon vor Jahrhunderten vorher gesagt. Und auch Nostradamus hat es prophezeit.“
„Was haben die Maja damit zu tun?“ wunderte sich Goretzki.
„Sie meint diese Vorhersagen für 2012“ klärte ihn Fischer auf. Er nahm Dorinas Hand in die seine und sagte ihr beruhigend, wie zu einem Kind:
„Mach dir keine Sorgen darüber. Diese Prophezeiungen haben nichts zu bedeuten. Die Leute denken sich immer solche Sachen aus, und nachher, wenn die Zeit vorbei ist, ohne dass was passiert, vergessen sie es einfach.“
„Ihr glaubt mir nicht. Aber warten wir das Ende des Jahres ab und dann sehen wir, wer Recht hatte.“

Kapitel 7

Vicky traf sich mit Thomas und mit zwei anderen Freunden am späten Abend. Sie saßen im Hobbykeller von Thomas‘ Onkel in ihrem vertrauten Versteck. Hier wussten sie sich sicher, denn keiner wäre auf die Idee gekommen, gerade hier nach ihnen zu suchen.
Und auch wenn jemand hier in den Keller herunter gekommen wäre, hätte man sich höchstens im vorderen Teil umgeschaut. Das Haus wurde im Krieg von einer Bombe getroffen. Danach hat man eine Hälfte des Hauses abgetragen und nur noch die andere Hälfte wieder aufgebaut. Der Kellerteil unter der fehlenden Haushälfte wurde zum Geheimversteck der Jugendlichen. Es war ihr großes Geheimnis, seit der Zeit ihrer Kindheit. Zuerst war es nur der Ort ihrer kleinen Phantasieabenteuer, so wie es sich eine kleine Rasselbande von verwöhnten Kindern gerne ausdenkt. Aber inzwischen wurde aus dem Spiel ernst und aus dem Spielkeller ein sicheres Versteck.
„Was ist los, was wolltest du mit uns besprechen“, fragte Mike, als Vicky herein kam.
„Kennst du Erika Dietmann?“
Mike sah sie fragend an:
„Wer ist sie? Und was ist mit ihr los?“
„Sie war in derselben Klasse mit mir und Otti Dobrig, im Guttenberg-Gymnasium.“
„Keine Ahnung. Aber wenn sie eine Freundin von diesem Otti ist, dann habe ich meine Meinung über sie.“
„Nicht so schnell. Sie hat mit Otti nichts zu tun, außer dass wir alle in dieselbe Schule gingen. Übrigens waren gestern die Eltern von Otti bei uns zu Brunch. Hast du jetzt auch über mich deine Meinung?“ äffte Vicky ihn nach.
„Über dich habe ich schon lange meine Meinung“, lachte Mike, denn er hatte oft versucht, bei ihr zu landen. Sie hielt ihn für ihren „bester Freund“, der immer herhalten musste, wenn sie wieder mal Zoff mit ihrem Thomas hatte. Dann aber war Mike nach Frankfurt gezogen aber zwischen ihnen blieb die gegenseitige Freundschaft bestehen. Vielleicht war er immer noch in sie verliebt, aber er zeigte es nicht mehr so offensichtlich.
„Was ist jetzt mit dieser Erika“, fragte der andere Junge mit einem stark slawischen Akzent, der Andrej hieß.
Thomas nahm es auf sich, die Sachen mit Erika zu erzählen:
„Sie war in diesen Hakan verknallt, dem Bruder von Huberts Freundin.“
Sie alle wussten, dass Hubert mit einer Türkin zusammen wohnte und sie fanden das alles andere als gut. Und das sagten sie auch immer wieder, sobald das Gespräch auf Hubert kam. Vicky zog in solchen Fällen hilflos die Schulter hoch.
„Was soll ich tun? Ich kann Hubert nicht bevormunden, nur weil er mein Bruder ist. Eines Tages wird er schon merken, was es heißt, eine Türkin zur Freundin zu haben.“
Thomas erzählte also den anderen Zweien, dass Erika, weil sie in Hakan so verliebt war, zum Islam konvertiert ist.
„Das war jetzt am Freitag, in der türkischen Moschee in der Röntgenstraße. Sie hatte sich so ein schwarzes Tuch mitgenommen, einen Tschador. Sie hat uns erzählt, dass bei dieser Konvertierung noch ein Imam anwesend war, ein ganz radikaler. Das war ein Araber, ein Bekannter von diesem Edal, dessen Frau erhängt wurde. Und Erika meint, dass der Mord ihr galt. Sie sagte, dass man sie ermorden wollte.“
„Wie?“ fragte Mike. „Und warum hat man dann die Araberin erhängt?“
„Weil man sie verwechselt hatte. Die Araberin trug genau so ein Tuch wie die Erika, weil sie sich mit ihrem Lover treffen wollte. Der zufällig gerade Hakan ist.“
„Mann, das glaube ich nicht!“ stöhnte Mike. Er strich sich mit beiden Händen übers Gesicht. „Und warum wollten sie Erika ermorden?“
„Das weiß sie nicht.“
„Mensch, wie dumm muss man sein, um zum Islam zu konvertieren!“ wunderte sich Andrej.
„Sie hat das inzwischen auch erkannt. Deswegen hat sie mit Vicky gesprochen.“
Vicky bestätigte es. „Sie will nichts mehr mit dem Islam zu tun haben, aber sie hat Angst. Sie war eh nie gläubig, das war nur aus Liebe zu Hakan, denn im Grunde ist sie eine Atheistin. Vielleicht glaubt sie gerade mal so an Gott, aber sie hat sich nie was aus der Religion gemacht.“
„Und was will sie von uns?“
„Sie braucht Hilfe“, sagte Thomas.
„Sie muss aus der Stadt verschwinden und sie weiß nicht wohin“, setzte Vicky fort. „Sie möchte nicht nach Frankfurt, denn sie befürchtet, dass Hakan oder seine Freunde sie dort erkennen könnten. Und sie traut auch der Polizei nicht ganz. Sie glaubt, dass sie nichts für sie tun wollen, weil sie eine Konvertitin ist.“
„Wie? Ist sie jetzt eine Muslimin oder ist sie keine?“ wollte Andrej genau wissen.
„Sie war eine, aber sie ist es nicht mehr. Sie war gerade mal für eine halbe Stunde zum Islam konvertiert. Das hat ihr gereicht.“
„Mensch, ist das alles verzwickt. Am besten wäre es, wenn wir uns mit ihr treffen. Kann sie morgen Mittag zu der italienischen Pizzeria in der Unteren Frankfurter Straße kommen? So um 14 Uhr?“
Es war der Wille des Schicksals, dass sich gerade zu dieser Zeit noch jemand in derselben Pizzeria in der Unteren Frankfurter Straße verabredet hatte, und noch dazu fast genau zum selben Zeitpunkt.

***

Pfarrer Topfling hatte gerade Kommissar Goretzki angerufen, als dieser sich auf den Weg machen wollte, um sich mit dem ehemaligen griechischen Priester Simonidis zu treffen. Ja, er hätte am Dienstagnachmittag Zeit und er würde der Polizei jedenfalls behilflich sein wollen. Er hatte am Nachmittag nur noch einen Termin, mit Dekan Dobrig, so dass er nicht genau sagen konnte, wie viel Zeit er für den Kommissar erübrigen könne, aber es würde bestimmt passen.
Goretzki war sich nach den zwei Telefonaten sicher, dass er den Düsseldorfer Pfarrer nicht mochte. Selten wirkte ein Geistlicher derart negativ auf ihn. Topfling hatte kaum die Ausstrahlung eines Geistlichen. Eher das Gegenteil davon, so dass man fast vergessen konnte, mit welch himmlischer Botschaft er unterwegs war und man reihte ihn zu denjenigen ein, die ganz irdische, materialistische Ziele verfolgten. Er bietet einem seine Religion an, wie andere Menschen einem Kredite oder Zeitungsabonnements anbieten, bar jeglicher höherer geistlicher Gefühle. Wie viel anders wirkte der andere, der griechische Pfarrer! Obwohl er doch aus der Kirche ausgetreten war, blieb er durch und durch ein Mensch, in dessen Nähe man sich Gott auch dann näher wähnte, wenn man an ihn eigentlich gar nicht glaubte.

Goretzki war zwar kein eingefleischter Atheist, aber er zerbrach sich nie den Kopf über Gott und wenn einmal gelegentlich, sehr selten, das Gespräch darauf kam, neigte er meistens dazu, die Existenz irgendwelchen Gottes für eine Erfindung der Menschen zu halten. Sein Interesse an anderen esoterischen Sachen war eher Neugierde, wenn er mit einer Frau zusammen war, die sich mit solchen Sachen beschäftigte, oder wenn er an einem Fall arbeitete, der irgendwelche Berührungspunkte damit hatte.
So sagte er sich auch jetzt, dass er Achaios Simonidis aus rein beruflichen Gründen sprechen wollte und blendete damit die Tatsache aus, dass alles, was der ehemalige Priester ihm sagen konnte, logischerweise nichts mit seinem Fall zu tun hatte.
Wer immer Alexios Elefteridis zusammengeschlagen hatte, hatte mit Achaios Simonidis nichts zu tun. Er freute sich trotzdem auf das Gespräch. Der Grieche hatte, nachdem er aus der Kirche ausgetreten war, einen kleinen Antiquariat- und Trödelladen eingerichtet. Überwiegend handelte er mit alten Büchern, aber dazwischen hatte er auch einige Sachen wie Kunst, Kleinplastiken, Graphiken, Gegenstände aus Halbedelsteinen oder orientalische Handarbeiten – mit einem Wort hat er allen möglichen Krempel anzubieten.
Goretzki vermutete, dass ein, zwei Sachen dazwischen vielleicht ein paar Hundert Euro wert sein konnten, aber sicher nichts besonders Wertvolles, denn der Laden sah weder edel aus, noch war er gut gesichert. Ein Einbrecher hätte sicher keine große Mühe gehabt, herein zu kommen.
Der Grieche wohnte hinter dem Laden, in einem kleinen Schlafzimmer. Sein Wohnzimmer war bereits der innere Raum seines Ladens, wo er gelegentlich Stammkunden empfing und sie mit einem Kaffee oder einem griechischen Wein bewirtete – „aber immer erst, wenn man das Geschäft abgeschlossen und das Geld gezählt hatte. Man sollte während des Geschäfts keinen Alkohol trinken“, war sein Leitspruch.
Er hatte auch jetzt einen goldfarbenen Wein auf den Tisch gestellt, von den Hängen aus Thessaloniki, wie er sagte. Er schenkte ein, kostete selber genießerisch, dann legte er los:
„Sie wollen also etwas über unsere alten Götter hören?“
Goretzki nickte ihm ernsthaft zu. „Und von den Menschen, die heute wieder an sie glauben“. Wer sind sie? Und wie kamen Sie dazu, den Christlichen Glauben für Zeus auszutauschen?“
„Wer wir sind? Es gibt wahrscheinlich mehrere kleine Gruppen oder auch einzelne Menschen. Wer kennt sie alle? Möglicherweise hatten wir nie richtig aufgehört, an sie zu glauben, auch als wir alle zu Christen wurden. Wir behielten viele Bräuche und wir übertrugen viele Eigenschaften der Götter auf die Christlichen Heiligen.“
„Meinen Sie die dionysischen Züge bei Jesus?“
„Ja, das. Oder auch die Beschreibung des Teufels als Gott Pan. Oder den Kult der Diana. Aber Sie wollten über diejenigen hören, die das Christentum verlassen haben und sich ganz öffentlich zum alten Glauben bekennen. Es gibt eine Gemeinschaft namens ELINAIS , oder „die Heilige Gemeinschaft der Gläubigen der Antike“. Ich gehöre auch zu ihnen. Wenn ich in Athen bin, besuche ich sie immer. Ich habe viele Freunde unter ihnen. Sie haben sich zu einem Verein zusammen geschlossen, der inzwischen Tausende von Mitgliedern hat. Im Jahre 2005 hatte ein Richter in einem Gerichtsprozess den Verein offiziell als eine Religionsgemeinschaft anerkannt.“
„Wie üben Sie diesen Glauben aus, und wo? Lässt man sie in den Tempeln der Götter an den antiken Kultstätten praktizieren?“
„Wir haben einige Gebete und Praktiken erhalten, denn sie waren in den antiken Schriften niedergeschrieben. Und gelegentlich, recht selten, dürfen wir auch in den großen Tempeln die Götter anbeten und ihnen Opfer darbringen, obwohl es mit vielen Schwierigkeiten verbunden ist. Denn zum einen wollen die christlichen Behörden uns bekämpfen und sie haben in Griechenland immer noch viel Macht. Aber auch der Staat, versucht uns zu verhindern. Sie benutzen unsere Heiligtümer als Touristenattraktion und sehen es ungern, wenn wir dort religiöse Ansprüche stellen und solche Handlungen durchführen wollen“.
„Das verstehe ich nicht. Genau die Touristikbehörde müsste begeistert sein, denn ich stelle mir vor, dass Sie für viele Besucher eine Touristenattraktion darstellen.“
„Mag sein. Aber wir möchten auch nicht als Spektakel für zahlende Ausländer herhalten. Und es gibt viele Wissenschaftler, die meinen, dass sie die Weisheit gepachtet und ein Recht darauf haben, mit gottgleicher Macht über alles bestimmen zu können. Sie sind die Mitarbeiter des griechischen Kultusministeriums, sie sitzen in wichtigen Ämtern und wollen über alle archäologischen Stätten bestimmen, was dort geschehen darf und was nicht. Sie sind natürlich allesamt Atheisten, oder zumindest glauben sie nicht mehr an die alten Götter. Oft sogar sind es die ausländischen Archäologischen Institute,, die das Ministerium bedrängen, uns zu verbieten. Die ausländischen Professoren in Archäologie aus London, Berlin oder aus New York, die hier bei uns Ausgrabungen machen, glauben ein Recht über uns, unseren Glauben und unsere Vergangenheit zu haben. Griechenland braucht die Partnerschaft des Westens und der Westen nutzt es aus, um über uns zu bestimmen.“
Achaios Simonidis gab sich große Mühe, keine Bitterkeit in diesen Sätzen mitklingen zu lassen und betonte, dass man nicht gegen die Ausländer, sondern gegen die Archäologen und Geschichtsprofessoren verbittert sei, die das ganze Material an sich reißen, um es dann von der Seele, vom Geist zu entkernen und nur noch die materielle, tote wissenschaftliche Hülle zu bewahren.
„Und dann betreiben sie einen Kult mit dieser toten Hülle, der manchmal ritualisierter und fanatischer ist als der wahre Glaube an die beseelten Götter.“
„Was meinen Sie damit?“
„Die Menschen verehren unsere Götter, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst sind. Denn die Götter sind viel mächtiger und sie zwingen auch die Ungläubigsten dazu, ihnen die gebührende Verehrung zu erbringen. Ich habe das an einem warmen Septembernachmittag auf dem Parnassos begriffen, oberhalb der Ruinen des Apolloheiligtums von Delphi. Ich war dort mit Verwandten meiner verstorbenen Frau aus Amerika, die zu Besuch in Athen waren und sich die Orakelstätte ansehen wollten. Sie fotografierten überall, stellten sich überall hin, fassten jeden Stein, jede Säule an. Dabei sprachen sie über die banalsten Dinge der Welt, wie es die Touristen überall an solchen Stätten zu tun pflegen. Wir folgten dem Reiseleiter, der auf Englisch sprach. Andere Touristen folgten genau so ihren Reiseleitern, die ihnen dieselben Texte aufsagten, auf Französisch, auf Deutsch oder auf Griechisch, je nach dem, aus welchem Land sie kamen. Ich empfand es als unerträglich, denn ich war früher schon öfters dort gewesen, als dort weniger Touristen waren. Ich wünschte mir, dass all diese Menschen einfach nicht da wären, dass ich allein an dieser Stätte wäre, damit ich den Geist der Vergangenheit besser in mir aufnehmen könnte. Ich setzte mich ein wenig abseits auf einen Stein, aber es half nicht viel, denn überall wimmelte es von Menschen. Ich schloss meine Augen, um sie nicht mehr sehen zu müssen. Und da begriff ich es. Der Gott war da. Apoll, war anwesend, lebendig, genau wie vor zweitausend Jahren. Er berührte meine Augen mit seinen warmen Sonnenstrahlen, streichelte über mein Gesicht, über meinen Kopf, über meinen ganzen Körper. Und ich wusste, dass es ihm dort gefiel, wie es war. Denn es war genau so, wie vor zweitausend Jahren, belebt mit Menschen aus aller Herren Länder, die als Pilger oder Touristen nach Delphi kamen um ihn, den Gott zu huldigen. Sie gaben dafür viel Geld aus, nahmen viele Unannehmlichkeiten und Gefahren in Kauf und waren glücklich, die rituellen Handlungen durchzuführen zu können. Sie absolvierten jede Etappe des Rundgangs pflichtgemäß. Im Laufe der Zeit hat sich einiges geändert. Die Touristen waschen sich nicht mehr bei der Kastilischen Quelle, aber dafür gehen sie alle zu den Sanitäranlagen beim Eingang zum Heiligtum. Die Zeit bringt immer einige Änderungen mit sich, und zweitausend Jahre sind eine lange Zeit. Aber Gott war da, die Pilger waren da, das Ritual, und bei vielen auch der Glaube. Ich wusste es damals noch nicht, ich fühlte es aber mit meinem inneren Auge.
Seither habe ich viel mehr erfahren, so dass ich heute mit Gewissheit sagen kann: An den Heiligen Stätten der alten Götter ist viel mehr Glaube da, als viele ahnungslose Menschen meinen würden. Es sind meistens einzelne Geister, die dort irren, vielleicht als Touristen, vielleicht als Suchende. Viele von ihnen tragen den Glauben im Inneren, manche bewusst, andere ohne es zu wissen. Und in Westeuropa ist es nicht anders.“
Goretzki hatte wie verzaubert dem alten weisen Mann zugehört, wie er von fernen Stätten und Sagen erzählte. Jetzt wurde er gewahr, dass vielleicht solche Stätten in seiner Reichweite liegen könnten.
„Was meinen Sie? Welche unserer alten heidnischen Kultstätten kann man mit dem Heiligtum von Delphi vergleichen?“
„Vergleichen kann man sie nicht, denn alle diese Stätten sind einzigartig, genau so wie die Götter, denen man dort einst gehuldigt hat. Nehmen Sie die Steinzeithöhlen aus Südfrankreich oder Stonehenge und Avebury in England. Heute pilgern viel mehr Menschen dorthin als damals, als sie den Göttern und Geistern huldigten.“
Der alte Mann wandte den Blick nach unten, als ob er dort am Boden nach weiteren Stätten suchten würde.
„Ihre alten Kultstätten kenne ich leider nicht so gut, wie ich mir wünsche. Aber es gibt einige solche. Die Externsteine im Teutoburger Wald waren so eine Stätte. Und unweit von hier, im Odenwald, finden Sie eine ganze Reihe, wenn sie danach suchen.“
„Im Odenwald?“ Goretzki besann sich auf einige Male, als er im Laufe der Jahre beruflich oder aus anderen Gründen in der Gegend dort zu tun hatte. Aber es waren immer ganz nüchterne, pragmatische Gründe, die ihn dorthin geführt hatten. Um die Märchen der Vergangenheit hatte er sich nie gekümmert. Seltsam, dachte er, dass ein Fremder von einem ganz anderen Teil Europas kommen musste, um ihn daran zu erinnern, wie schön und reich an alten Mythen seine eigene Heimat war. Und noch dazu ein Fremder aus einem Land, dessen Mythen und Geschichten zu den edelsten in der ganzen Welt gehörten.
„Ja, sicher. Auf einer Fläche von einigen hundert Quadratkilometer finden Sie dort fast in jedem Ort Spuren und Geschichten, die Sie in eine Sagenwelt hinein führen. Nehmen Sie zum Beispiel die Geschichte der Nibelungen, mit ihrem wunderbaren Helden Siegfried, der ein Bruder unseres Achilles sein könnte. Oder der Kloster Eberbach, mit seiner sagenumwobenen Entstehungsgeschichte.“
„Ich sehe schon, dass ich an einem der kommenden Wochenenden einen Ausflug in den Odenwald machen muss“, lachte Goretzki.
„Das wäre sicher eine sehr sinnvolle Verwendung Ihrer Zeit“, stimmte der Grieche zu. „Aber wenn Sie Lust auf solche alten Kultstätten gewonnen haben, können Sie gleich dort bei der Moschee anfangen, wo unser Freund Alexis zusammengeschlagen wurde. Die Leute erzählen, dass sich dort einst auch so eine Stätte befunden hatte. Dort irgendwo hat sich ein Weg befunden, der Rotenbronnweg, der zu einem heiligen Brunnen geführt hatte.“

***

Es war reichlich spät geworden, als Goretzki den kleinen Antiquitätenladen verließ, und auch dann tat er es zögerlich. Seine Gedanken blieben bei dem Griechen und bei seinen Göttern hängen, während er die Straße hinunterlief, dorthin wo er seinen Wagen geparkt hatte. Er trug eine alte, zerknitterte Plastiktüte in der Hand, und darin nach Trödlerart in Zeitungspapier eingewickelt eine kleine Statue, die Göttin Demeter oder Hera, er wusste es nicht mehr so genau, welche. Er wusste ja nicht einmal mehr, wozu er dieses Ding gekauft hatte, denn es passte gar nicht zu seiner Wohnung.
Der Laden und sein Inhaber hatte eine magische Wirkung auf ihn ausgeübt und er konnte irgendwie nicht widerstehen.
Einen Moment lang fühlte er sich verleitet, eine große, bronzene Figur des Gottes Apollo zu kaufen, als Simonidis ihm seine Offenbarungserlebnisse im Heiligtum des Gottes erzählte. Aber sie kostete zu viel und darüber hinaus war sie zu sperrig, so dass er sich besann, wie viel Mühe es ihn zusätzlich kosten würde, sie bis zum Wagen zu tragen, und dann wieder in seine Wohnung. Er ließ die Finger von Apoll und nahm stattdessen dieses Weib mit, Demeter oder Hera, oder wer immer sie war.
Die Figur aus weißem Alabasterstein hatte zarte, klassische Gesichtszüge, die ein wenig plump gearbeitet waren, wahrscheinlich in einem dieser modernen Werkstätten, die Massenware für den Touristenmarkt anfertigten. Simonidis beteuerte jedoch, dass die Statue alt sei.
„Nicht zweitausend Jahre alt, aber auch nicht von heute.“
Goretzki dachte sich, dass dies der Verkaufsspruch des Griechen sei, den er jedem Interessenten wiederholte. Die kleine Göttin war etwa fünfundzwanzig Zentimeter hoch, mit einem zart drapierten Stoff um ihrem wohlproportionierten Körper, der ihre Busen und Schenkel zwischen den Falten des Kleides erkennen ließ, nach der Art der berühmten antiken Götterbilder. Auf ihrem Kopf stand ein Behälter, etwas wie eine Vase oder ein Eimer, den Simonidis einen Kalathos genannt hatte. Darin waren Spuren einer schwarzen Substanz zu erkennen. Simonidis konnte ihm jedoch nicht sagen, was das sein mochte.
„Vielleicht Weihrauch?“, mutmaßte er.
Goretzki glaubte, dass möglicherweise der Grieche selber Irgendwas hinein geschmiert hatte, um bei den etwaigen Käufern die Lust an Rätseln zu erwecken.
Er hatte noch ein paar hundert Meter zu laufen, denn er hatte seinen Wagen in der Nähe des Bahnhofs geparkt und war zu Fuß bis zur Altstadt gelaufen, wo es abends schwer war, einen Parkplatz zu finden. Gerade hatte er für einen Moment gedanklich die Erzählungen des Griechen beiseite gelegt und dachte, dass ihm der kleine Spaziergang in der frischen Nachtluft gut tat, als er eine Bewegung hinter sich wahrnahm. Bevor er sich besann, war er von drei jungen Männern umzingelt. Goretzki hatte keine Angst, denn er war gut trainiert und hatte darüber hinaus einige Spezialgriffe gelernt. Er war schon einige Male während seiner Laufbahn in heikle Situationen geraten. So hatte er auch diesmal als erstes gleich darauf geachtet, sich so zu drehen, dass man nicht so leicht hinter seinen Rücken gelangen konnte, bevor er fragte:
„Was wollt ihr?“
Der eine, der direkt vor ihm stand, ließ ein Messer in seiner Hand aufblitzen. Sein Gesicht war nicht zu sehen. Nur zwei Funken glitzerten gelegentlich auf, wo Goretzki seine Augen vermutete und die Zähne leuchteten weiß aus seinem schwarzen Bart, als er sprach:
„Gib dein Geldbeutel her! Und dein Handy!“
Goretzki machte eine Bewegung mit der rechten Hand, als ob er die geforderten Objekte aus seiner Tasche holen wollte. Blitzschnell aber schwang er in derselben Zeit die Linke mit der Tüte über den Arm seines Gegenübers, der das Messer hielt. Das Messer viel zu Boden, der Mann schrie auf und griff an seinen Arm. Aber im selben Moment bekam Goretzki einen Fausthieb auf seine rechte Schläfe, so dass er ins Wanken kam. Der dritte Mann, der eher klein wirkte, hing sich an seinen linken Arm, drehte ihn nach hinten und entriss ihm so die Tüte mit der Statue.
Er versuchte mit aller Kraft, sich frei zu kämpfen, aber er hatte kaum Möglichkeiten. Er hatte den Kleinen in das Schienbein gekickt, so dass dieser ein wenig von ihm abließ, aber die anderen Zwei schlugen kräftig auf ihn ein. Derjenige, der ihm den Hieb auf die Schläfe verpasst hatte, drückte jetzt seinen Kopf herunter, während der andere ihm mit irgendeinem Gegenstand ins Genick schlug. Goretzki hörte gerade noch die Sirene eines Einsatzfahrzeuges, der aber zu weit weg war, um seine Angreifer zu stören. Er fühlte, dass er so weit war, zu Boden zu gleiten und er wusste, dass er wenn kein Wunder geschah, erledigt war.
Gerade in diesem Moment, als er sich aufgeben wollte, kamen wie aus dem Nichts Schritte auf sie zu. Ein großer, blonder Mann, wie ein heidnischer Athlet aus einer alten, barbarischen Legende tauchte aus dem Eingang des Mehrfamilienhauses, vor dessen Tür sich die Schlägerei abspielte, auf. Der Mann hatte nichts gesagt. Er hatte lediglich die zwei Angreifer am Genick gepackt und ihre Köpfe gegeneinander geschlagen, so dass sie wie leblose Säcke zu Boden glitten. Der Dritte, der Kleine, der immer noch die Plastiktüte in der Hand hielt, sah den Riesen entsetzt an, ließ die Tüte fallen, dann drehte er sich um und rannte wie von Sinnen davon. Bevor Goretzki etwas sagen oder sich bedanken konnte, war der Riese genauso schnell verschwunden, wie er zuvor aufgetaucht war. Er war wie vom Erdboden verschluckt.
Goretzki wankte benommen zu seinem Wagen. Erst dort rief er seine Kollegen von der nächsten Wache an, damit sie sich um die Angreifer kümmerten.

Kapitel 8

Zur selben Zeit landete ein Flugzeug aus Karthum kommend auf dem Pariser Flughafen Orly, mit einem etwas ungewöhnlichen Artefakt im Frachtraum. Sorgfältig in einer Holzkiste verpackt und mit vielen kleinen, weißen Styroporkügelchen umgeben, lagerte eine etwa zwei Meter große steinerne Bestie, halb Tier, halb Mensch. Die Flughafenarbeiter, die mit der Frachtentladung beschäftigt waren, schoben die Kiste unachtsam hinaus und warfen sie auf die nächste Lore, um sie in die Abfertigungshalle zu fahren.
Es war die Zeit des Schichtwechsels und das war ihre letzte Fuhre. Der Algerier Ahmed hatte es gar eilig, denn er wollte sich an diesem Abend mit ein paar Landsleuten treffen, um mit ihnen über die politische Lage in seiner Heimat zu debattieren. Sie trafen sich jede Woche einmal, denn sie waren Sympathisanten der FIS und das war ein wichtigster Teil ihres Lebens. Die FIS galt als eine Terrororganisation sowohl in Algerien als auch in Frankreich und in den anderen maghrebinischen Staaten. Ahmed und seine Freunde waren Muslime und sie hielten sich für Freiheitskämpfer, die ihre Heimat von irgendwas oder irgendwem befreien wollten. Es fiel ihnen schwer zu sagen, wen sie für den Feind hielten, von wem sie ihre Heimat befreien wollten. Wenn man sie fragte, war es der böse Westen, der Einfluss der herrschsüchtigen ungläubigen Christen aus Europa und aus Amerika, also genau diejenigen, denen sie in allen kleinen Dingen des Lebens nacheiferten. Deswegen wanderten sie nach Europa oder nach Amerika aus, damit sie endlich so leben konnten, wie die gehassten Ungläubigen. Sie setzten alles daran, wenn es sein musste, auch ihr Leben, um in die verhassten Ländern zu gelangen, um dort Fuß zu fassen und einen Brocken, egal wie klein, vom deren Wohlstand für sich zu sichern. Sie brachten aber gleichzeitig auch den Hass und den Wunsch, diese Länder zu zerstören, in ihrem Gepäck mit sich.
So ging Ahmed früher weg und ließ Lumi, den Tunesier, allein die letzte Fracht wegfahren. Es handelte sich dabei nur um eine kurze Strecke von kaum mehr als einem Kilometer, vom Bauch der Boing 747 bis zur Frachthalle hinter dem Terminal 8. Aber die Lore kam nie dort an.
Erst zwei Stunden später fanden die Sicherheitsleute den leblosen Lumi neben der Lore liegen. Sein Genick wurde mit solcher Brutalität gebrochen, dass man sich gar nicht vorstellen konnte, dass Menschen zu solchen Taten fähig sind. Lumi war ein herzensguter Mensch, beteuerten seine Kollegen. Er tat nie jemand was Schlechtes an, er wollte nur in Frieden gelassen werden, nur arbeiten, um seine Familie und seine sieben Kinder zu ernähren. Seine Chefs waren sich ziemlich sicher, dass Lumi keine Kontakte zu den Islamisten oder anderen radikalen Organisationen hatte.
Auch Cranberaux, der stellvertretender Chef der Security vom Flughafen war sich ziemlich sicher, denn all die Ausländer, die dort beschäftigt waren, standen unter Beobachtung. Man wusste deswegen auch über Ahmed genau Bescheid, dass er einer verbotenen Organisation angehörte. Aber Lumi nicht. Und überhaupt deutete alles eher auf einen Antiquitätenraub hin, denn auf der Ladefläche der Lore stand eine Kiste offen, und die Styroporkügelchen lagen überall am Tatort verstreut herum.
Um was für eine Fracht es sich dabei handelte? Der Filialleiter studierte sorgfältig die Liste, um dem Chef der Security die erwünschte Antwort geben zu können.
„Es war eine alte Figur aus der Zeit des antiken Ägyptens. Irgend ein alter Gott, ein Mensch mit einem Löwenkopf. Hier steht auch sein Name: Apodomak, Gott des Krieges aus Soleb.“ Er sah noch einmal genau auf das Blatt, das scheinbar schwer zu entziffern war. „Nein. Apedemak heißt er“, korrigierte er sich selbst. „Wahrscheinlich lebten die Ägypter damals auch im Sudan, nicht nur in Ägypten. Denn diese Figur kam aus Khartum, aus dem Sudan.“
„Zu viel Kultur kann man diesem Flughafenbeamten nicht unterstellen“, dachte Cranberaux sarkastisch.
***

Die zwei Männer hatten den Auftrag erhalten, die Figur zu entwenden und sie in einem weißen Lieferwagen gen Osten zu fahren und sie taten wie ihnen geheißen. Sie wussten nicht, wer ihr Auftraggeber war oder was dahinter steckte. Die Zahlung war gut und sie brauchten das Geld. Alles andere kümmerte sie wenig. Sie fuhren im Dunkeln der Nacht mit Hundertachtzig auf der leeren Autobahn Richtung Osten, zur Grenze. Sie hatten Reims vor etwas mehr als einer Stunde passiert und sie befanden sich kurz vor Metz. Der Beifahrer bat um eine kurze Pause an der nächsten Raststätte, um sich die Beine zu vertreten und ein Bier zu kaufen.
„Nein, kein Bier“, sagte sein Freund. „Wir fahren zügig weiter, damit wir die Ware noch heute Nacht ausliefern können. Danach kannst du von mir aus alles haben, was du willst.“
„Aber eine Pinkelpause werden wir uns doch leisten können. Sonst mache ich mir in die Hose“, sagte der Beifahrer.
Am nächsten Parkplatz, einer einsamen, dunklen Stelle am Rande eines elsässischen Waldes, fuhren sie herunter von der Autobahn. Der Beifahrer sprang gleich raus, und verschwand in der Dunkelheit der Nacht, während der Fahrer sich eine Zigarette anzündete. Als er mit der Zigarette fertig war und sein Freund immer noch fern blieb, stieg auch er aus und rief nach ihm. Rings herum war alles still und dunkel, keine Antwort. Er machte ein paar Schritte in die Richtung des Waldes, aber dann bekam er Angst und kehrte um. Gerade in diesem Moment traf ihn ein Schlag im Genick und er verlor die Besinnung.
Er wachte erst am Morgen auf, mit höllischen Kopfschmerzen. Um ihn herum zwei Polizeifahrzeuge und ein Notarztwagen. Ein Sanitäter im weißroten Overall beugte sich über ihn. Hinter sich sah er, wie zwei andere eine Bahre in einen Wagen schoben, mit einem menschlichen Körper darauf. Er hatte eine fürchterliche Vorahnung.
Ein Polizeibeamter trat zu ihnen und nickte.
„Sie haben sehr viel Glück gehabt. Den da hat es schlimm erwischt. Waren Sie zusammen?“
Der Fahrer versuchte etwas zu sagen, aber er konnte seine Zunge kaum bewegen, darum nickte er nur.
„Haben Sie hier in der Nähe irgendetwas Ungewöhnliches gesehen oder gehört?“ fragte der Beamte. „Vielleicht das Gebrüll eines Wildtieres?“
Der Sanitäter war ein sehr junger Mann, noch ein Anfänger. Er blickte den Polizisten neugierig an.
„Warum fragen sie das? Glauben Sie etwa, dass das ein Wildtier war, das ihn angegriffen hat?“
„Es könnte gut sein. Die Leute meldeten in den letzten paar Wochen immer wieder, dass sie einen Puma oder einen Löwen hier in den Wäldern herumstreichen sahen. So was kommt in den letzten Jahren immer häufiger vor. Die Leute kaufen sich irgendwelche exotische Tiere und wenn sie mit ihnen nicht mehr fertig werden, lassen sie sie einfach frei. Dort drüben findet man eine Menge seltsamer Spuren, wie von einer übergroßen Katze. Und die Leiche war fürchterlich zerfleddert. So etwas macht kein Mensch.“
Der Sanitäter machte große Augen.
„Dinge gibt’s! Man kann es gar nicht glauben“, wunderte er sich.
Erst später, während der Fahrt zum Krankenhaus besann er sich und sagte zu seiner Kollegin:
„Weißt du was, Silvie? Ich glaube nicht, dass Löwen einen mit einem Stein oder einem Stab ins Genick niederschlagen.“ Er nickte in die Richtung des verletzten Fahrers, der auf dem Bett des Rettungswagens lag. „Das war kein Tier, das war ein Mensch.“

***

In derselben Nacht, während auf dem Pariser Flughafen diese seltsamen Dinge passierten, war Frau Efgenidis im Obergeschoß des ältlichen Einfamilienhauses in der Malwenstraße dabei, die frisch gebügelte Bettwäsche in den Schlafzimmerschrank zu räumen. Sie war davor zusammen mit ihrem Mann bei Alexios Elefteridis im Krankenhaus, der inzwischen außer Gefahr war, dem es aber immer noch sehr schlecht ging. Er hatte sehr viel Glück gehabt, sagten die Ärzte, denn neben seiner Kopfverletzung und mehreren Knochenbrüchen hatte er auch an inneren Organen einige schlimme Verletzungen erlitten. Gott sei Dank, sagte sich Frau Efgenidis, ging es mit dem Jungen bergauf. Aber die Ärzte hatten gesagt, dass er mindestens noch ein, zwei Wochen im Krankenhaus bleiben musste, der arme Junge.
Am schlimmsten war es ihr gefallen, mit Elefteridis‘ Mutter zu telefonieren und ihr zu erzählen, wie kritisch die Lage des Jungen gewesen war. Es war herzzerreißend, auch nur zuzuhören, wie Frau Elefteridis am Telefon geweint hatte.
Aber jetzt ging alles besser und die Dinge würden sich langsam wieder einrenken. Und sicher wird es dem Jungen noch besser gehen, wenn sein Vater heute ankommt und sich um ihn kümmert. Auch wenn es hier Deutschland ist und nicht wie in Griechenland, manche Dinge bleiben doch gleich. Wenn die Verwandten da sind und sich um einen zu kümmern, mit den Ärzten und den Schwestern sprechen, den Schwestern ein Päckchen Kaffee geben, ist das doch anders.
Langsam müsste sein Flugzeug in Frankfurt landen, rechnete sie sich aus. Georgios Efgenidis war gleich nach dem Krankenhausbesuch zum Flughafen nach Frankfurt gefahren, um Herrn Elefteridis abzuholen. Sie werden ihn in Alexios‘ Zimmer unterbringen. Da war Platz genug, so lange der Junge noch im Krankenhaus war, überlegte sie sich und drehte sich zur Gästezimmertür, die am schattigen Ende des kleinen Ganges lag.
Sie blieb mitten in der Bewegung versteinert stehen, ihr Gesicht starr vor Angst. Hinter dem halb durchsichtigen Glas der altmodischen Gästezimmertür sah sie eine Gestalt, die regungslos dastand und sie beobachtete. Die Glühbirne im Flur leuchtete nur ungenügend die Glastüre des Gästezimmers aus, aber sie war sicher, dass sie sich nicht irrte, dass dort jemand hinter der Tür stand und sie genau so anstarrte, wie sie ihn.
Einen kurzen Bruchteil einer Sekunde geschah nichts und man konnte die Stille mit der Hand greifen. Dann riss der Mann die Tür auf und stürzte auf sie zu. Was dann geschah, wusste Agatha Efgenidis nicht mehr, denn sie wachte nur Stunden später im Krankenhaus auf.

***

„Ja, sie haben alles durchwühlt“, bestätigte Herr Efgenidis auf Goretzkis Anfrage. „Aber wir haben keine Ahnung, was sie bei uns suchten, denn wir sind arme Menschen und haben nichts, wofür es sich lohnt bei uns einzubrechen.“
Der Kommissar gab sich Mühe, die langatmigen Erklärungen des Griechen geduldig anzuhören. Es waren einfache, freundliche Leute und sie hatten gerade einen schlimmen Schock erlitten, sagte er sich. Sie befanden sich in einem fremden Land, sie wurden überfallen, zusammengeschlagen und in ihrem eigenen Haus ausgeraubt. Es fehlte nur noch, dass die Polizei sie auch bedrängte, wie es manchmal seine Kollegen mit den Ausländern taten. Er selber hatte sich bis dahin keine Gedanken über die verschiedenen Ausländergruppen gemacht und gehörte zu den wenigen, die weder für noch gegen sie waren. Wenn er bei der Arbeit mit ihnen zu tun hatte, handelte er immer nach den Dienstvorschriften. In seiner Freizeit wiederum hatte er kaum Kontakt zu ihnen, außer beim Einkaufen oder in den Bars und Restaurants, wenn er sich manchmal abends mit Freunden traf.
Aber seit einigen Tagen wurde er von einem seltsamen Interesse für diese Griechen und ihrer uralte Kultur ergriffen, ohne dass er sich dessen bewusst wurde. Vielleicht lag es an Simonidis, dem alten Trödler und seinen Geschichten, vielleicht war es auch nur berufliches Interesse wegen dieses Falles, wer konnte das schon sagen?
Jedenfalls war im durchwühlten Haus der Familie Efgenidis nichts zu finden. Die Kollegen von der Spurensicherung blieben noch da, um die Fingerabdrücke zu sichern und Goretzki fuhr ins Krankenhaus, um noch einmal zu versuchen, mit Maria Efgenidis zu sprechen. Sie konnte ihm aber leider keine brauchbare Beschreibung des Menschen oder des Wesens geben, der sie überfallen hatte. Nach ihrer unverständlichen Beschreibung klang dieses Wesen gar nicht nach einem Menschen, sondern nach einer entsetzlichen Kreatur, die übergroß gewesen war und schwarzglühende Augen hatte.
Das konnte sich Goretzki nun wirklich nichts vorstellen. Die Frau erdichtete diese Dinge unter der Einwirkung ihrer grausamen Erlebnisse, sagte er sich, und verabschiedete sich, um endlich zurück nach Hause zu kommen und vielleicht vor seinem Dienstantritt noch zwei, drei Stunden Schlaf zu erhaschen.
Bevor er ging, wollte er nachsehen, ob Alexios Elefteridis vielleicht einige Fragen beantworten konnte. Er hatte Glück, denn der Junge war wach, weil er Schmerzen hatte. Man hatte ihn inzwischen von der Intensivstation auf die Chirurgie verlegt, wo er das Zimmer mit einem alten Mann teilte, der aber die meisten Zeit über schlief und von dem es hieß, dass er sterbenskrank sei. Goretzki wollte natürlich nichts von sterbenskranken Fremden hören, sondern mit dem Griechen sprechen und vielleicht das Tatmotiv herausfinden, warum man den Jungen und später auch seine Gastgeberin so brutal überfallen hatte.
Alexios hatte keine Ahnung. Er war nach Deutschland gekommen, um irgendwelche Filter für die Olivenpresse des väterlichen Betriebs abzuholen, die man eigentlich auch per Versand hätte bestellen können. Aber er war jung, abenteuerlustig und deswegen wollte er ein wenig ins Ausland reisen und ergriff diese Gelegenheit, um mit dem Auto nach Deutschland zu fahren und die bestellten Filter selber abzuholen. Und nein, er habe nichts nach Deutschland mitgebracht, dass müssen die Efgenidis falsch verstanden haben.
„Da wäre noch eine Frage“, sagte Goretzki zögerlich. „Wie haben Sie Sarah Olun kennengelernt?“
Zuerst machte Alexios ein Gesicht, als ob er die Frage nicht verstanden hätte:
„Wenn?“
„Die Frau, mit der Sie an dem Abend in der Disko waren, als man Sie zusammenschlug.“
„Ach, die! Der Vater eines Freundes hat mich gebeten, eine kleine steinerne Figur für sie mitzubringen. Es ist nichts von Bedeutung gewesen. “ Er überlegte einen Moment, dann fragte er verwundert: „Glauben Sie etwa, dass man uns wegen dieses Steines überfallen hat? Das kann gar nicht sein, denn er war nichts wert. Der Diakon Stavros wollte sich die Mühe sparen, ein Paket zu verschicken und deswegen bat er mich, die Figur nach Deutschland zu bringen und dieser Türkin zu geben oder wenn ich sie nicht finde, dann einem deutschen Pfarrer nach Düsseldorf zu schicken.“
Er schwieg und verzerrte sein Gesicht als Zeichen, dass er Schmerzen hatte.
„Also riefen Sie die Frau an, und verabredeten Sie sich mit ihr?“
„Ja. Sie war nett und wir haben schon am Telefon geflirtet. Wir haben uns am nächsten Tag in der Stadt getroffen, in einer Pizzeria in der Stadt. Und dann habe ich sie eingeladen, abends mit mir in die Disco zu gehen.“
Goretzki überlegte sich, dass der Steinsockel sich dann immer noch im Besitz der Ermordeten befinden musste. Vielleicht sollte er seinem Kollegen Fischer sagen, dass er sich noch mal in der Wohnung der Türkin umsehen sollte.
„Wann haben Sie der Ermordeten diese Steinfigur übergeben? Am Tag, an dem Sie sie in der Pizzeria trafen, oder erst am nächsten Tag, beim Discobesuch?“
„In der Pizzeria. Wir haben uns deswegen dort getroffen. Alles andere hat sich nur so ergeben.“
„Wie sah diese Figur denn aus?“ fragte Goretzki.
„Es war nur der Sockel von irgendwas, mit zwei kleinen, geschnitzten Löwen, die sich gegenüber standen, auf zwei entgegengesetzten Seiten eines Säulenfundamentes, auf dem zwei Fußspuren zu sehen waren und ein Loch. Früher einmal war dort sicher eine Statue befestigt, und diese kann vielleicht wertvoll gewesen sein, der Sockel allein war jedoch nichts wert. Das Ganze war vielleicht sieben oder acht Zentimeter hoch und so etwa zwölf, vierzehn Zentimeter breit.“
Dabei zeigte Alexios die Spanne zwischen seinem Daumen und Zeigefinger, um zu verdeutlichen, wie klein und bedeutungslos der Stein wirklich war.
Goretzki unterdrückte sich ein Gähnen. Dieses steinerne Ding klang ziemlich uninteressant. Jedenfalls war es nicht das, wofür man einen Menschen Töten würde. Es war gewiss nicht das Ding, in dem man was anderes, Heroin oder anderen Drogen verstecken konnte, denn dafür war es zu auffällig und jeder Zollbeamte würde es als erstes genauer kontrollieren.
„Also nichts mit Antiquitäten schmuggeln?“, sagte er nur so, weil ihm keine andere Frage einfiel.
„Nein. Garantiert nicht. Der Diakon hatte es seinem Freund zu seinem Geburtstag schicken wollen, einem deutschen Priester, mit dem er in demselben Verein ist. Aber dieser Mann wohnt nicht hier, er wohnt in Düsseldorf und kommt nur ab und zu nach S. am Rhein. Deswegen hat er mir gesagt, dass ich mich mit dieser Türkin treffen und ihr den Stein geben soll.“ Er schwieg eine Weile, dann fuhr er fort: „Wir haben uns in der der Pizzeria getroffen, und ich habe ich sie nachher zu einem Drink eingeladen. Sie hatte mir Hoffnungen gemacht, wissen Sie? Ich dachte, dass ich ihr auch ein wenig gefalle. Zu Hause in Griechenland kann ich nicht so leicht auf Abenteuertour gehen, weil ich verlobt bin.“
Goretzki hörte jetzt wieder aufmerksam zu. Inzwischen war ihm ein Verdacht gekommen, und so fragte er:
„Wissen Sie etwa den Namen des deutschen Priesters, oder des Vereins, in dem er und auch der Vater Ihres Freundes Mitglieder sind?“
Alexios gab langsam Zeichen der Ermüdung, denn es war ein ziemlich langes Gespräch geworden. Goretzki versprach ihm, gleich Ruhe zu geben, und half ihm, sich das Wasser vom Nachttisch zu holen um ein paar Schluck zu trinken.
„Den Verein weiß ich nicht mehr, obwohl er auf den Zettel stand, auf dem ich mir die Telefonnummer der Türkin notiert habe. Irgendwas mit Gott und Abraham oder so etwas.“
„Abrahams Gott und seine Kirche“, korrigierte ihn Goretzki. „Wir haben Ihren Zettel gefunden.“ „Und der Pfarrer?“
„Sein Name war Topfer oder Topfring oder irgendwas mit Topf“, sagte Alexios.
„Pfarrer Topfling?“
„Ja. So hieß er.“ Alexios bewegte seinen Kopf auf den Kopfkissen hin und her, als Zeichen der Bejahung.

***

Endlich war es halb zwei geworden und Erika konnte sich langsam auf dem Weg zur Pizzeria machen. Sie hatte sich schon vor zwei Stunden fertig gemacht und sie war mehrmals so weit, aus der Wohnung zu gehen, hatte sogar ihre Jacke angezogen, aber dann zog sie sie wieder aus und entschied sich doch dazu, in der Wohnung die Zeit abzuwarten. Zu Hause wähnte sie sich einigermaßen in Sicherheit, obwohl sie sich dort auch fürchtete. Sie sah sich die Eingangstüre an und überlegte sich, wie lange jemand brauchen würde, sie aufzubrechen. Sie war zum ersten Mal glücklich darüber, dass sie in einem Mehrfamilien- und nicht in einem Einfamilienhaus lebte und dass diese Wohnung sich im Dachgeschoss befand. Ein Eindringling konnte also nur durch die Eingangstür hinein kommen, beruhigte sie sich. Sie zuckte aber jedes Mal zusammen, wenn sie ein Geräusch im Treppenhaus oder den Aufzug hochfahren hörte. Sie blickte immer wieder durch das Wohnzimmerfenster auf die Straße und beäugte jeden Menschen misstrauisch, der nicht schnell und gleichmäßig weiter ging.
Vor etwa einer halben Stunde hatte ihr Herz gestockt, als sie einen Mann gesehen hatte, der unten auf der Straße herum lungerte. Wie es sich herausstellte, wartete er nur auf ein Mädchen aus dem Nachbarhaus. Als sie heraus kam, küsste er sie und stieg mit ihr zusammen in ein Auto ein und fuhr davon. Puh, war das noch einmal gut gegangen! Dann klingelte es an der Eingangstür und ihr Blut fror wieder in den Adern. Aber es war nur ein Paket für die Nachbarin, wie sie sogleich feststellen konnte, denn der Lieferwagen der Post hielt gerade vor dem Haus.
Die ständige Angst nagte an ihr, obwohl sie nicht sagen konnte wovor, vor wem oder weswegen. Sie wusste lediglich, dass sie sich unversehens mitten in irgendwas drin befand und sie von allen Seiten mit Gefahr rechnen musste. Sie konnte nicht einmal begreifen, wie es dazu kam. Am Anfang stand nur diese dumme schwärmerische Kleinmädchen-Liebe zu Hakan. Obwohl die Ernüchterung erst vor ein paar Tagen eingesetzt hatte, fühlte sie sich Lichtjahre von dem dummen, naiven Mädchen entfernt, das damals den türkischen Liebhaber vergöttert hatte. Wie konnte sie nur so dumm gewesen sein?
Schwer war es nicht zu begreifen, wenn sich jemand Mühe gegeben hätte. In der Schule hatte man ihnen dauernd eingehämmert, was für eine großartige, vielseitige Kultur die türkischen Einwanderer mit sich brachten und wie sehr der Kontakt zu ihnen den Horizont der jungen Menschen erweitern würde. Man bombardierte sie ständig mit Beispielen, deren Auswertung sie zwingend in eine Richtung lenkte. Jene, die sich den Einwanderern – darunter waren immer nur die Türken zu verstehen – verschlossen oder sie gar ablehnten, waren schlechte, engherzige Rassisten, die von der ganzen Gesellschaft geächtet wurden. Es war einfach gut, weltoffen, moralisch und dazu noch ganz die letzte Mode, türkische Freunde zu haben.
Und da war auch noch Doris, die Deutschlehrerin. Sie war Erikas Vorbild, die sie bewunderte und nachgeahmt hatte. Als sie eines Tages entdeckte, dass Doris mit einem türkischen Mann zusammenlebte, war es für sie irgendwie beschlossene Sache, dass ihr „Erster“ unbedingt ein Türke sein musste. Ihre Oma, die Einzige, die sich bemühte, ihr gewisse Werte und Prinzipien zu vermitteln, hatte ihr immer gesagt, dass es sehr wichtig sei, wer ihr „Erster“ sein würde, dass sie sich nicht leichtfertig an jemand wegwerfen sollte, sondern sich vorher gut überlegen, ob er „der Richtige“ ist.

Es hat sich nicht gelohnt. Sie wusste jetzt, dass sie ihr Leben lang mit Reue an diese erste Liebe denken würde. Die Frage war nur, wie lange sie noch leben wird. Hakan hatte sie nie geliebt, wahrscheinlich auch nicht, als er ihr zum ersten Mal seine Liebesschwüre ins Ohr flüsterte. Sie war nur eine in seiner Sammlung und bestimmt nicht einmal eine die Wichtigste.
Erika hatte ihn dort in der Moschee gehört, wie er dieser Araberin dieselben Sachen zuflüsterte, bevor er mit ihr durch den Eingang zum Internat verschwand. Dieselben schmalzigen Liebesschwüre, wie noch vor einem Jahr zu ihr. Und dann fand man sie tot. Und die Polizei sagte, dass
dieser Mord höchstwahrscheinlich ihr, Erika, gegolten hatte.
Warum und vor allem wer sie ermorden sollte, das haben sie ihr nicht erklärt und sie konnte es sich auch nicht denken, obwohl sie mit allen Poren ihrer Haut fühlte, dass es stimmte. Und sie fürchtete sich. In den vielen Krimis, die sie gesehen hatte, wurden die bedrohten Opfer von der Polizei geschützt und sie konnten sich auf die Polizei verlassen, die am Ende die Täter fand und sie hinter Gitter brachte. Auch standen sie in den Krimis Tag und Nacht Wache vor dem Haus eines bedrohten Menschen. Aber das hier war kein Krimi, das war die bittere Realität. Sie standen vor der Moschee, vor dem Vorder- und Hintereingang. Und sie standen vor dem Rathaus, in der Fußgängerzone und vor dem Bahnhof. Woher hätten sie noch Leute nehmen sollen, um auch sie zu bewachen?
Zwischen den Zeilen hatten sie ihr das auch zu verstehen gegeben. Als sie ihre polizeiliche Aussage gemacht hatte, begleitete der freundliche Beamte sie hinaus und draußen, bevor er in seinen Wagen stieg, fragte er sie noch einmal betont, wo ihr Vater derzeit lebte. Der Beamte, sein Name war Fischer, wollte ihr sicher helfen, das fühlte sie. Er hatte ihr seine Karte gegeben und ihr gesagt, dass sie ihn Tag und Nacht anrufen könne. Wenn sie verreisen wollte, so ginge das auch in Ordnung. Sie sollte nur der Polizei mitteilen, wohin. Es war ein sehr vertrauliches Gespräch und sie hat ihm gleich alles über sich erzählt, auch über Hakan und über ihre idiotische Konvertierung. Nur die Sache mit dem Dekan Dobrig hatte sie ihm verschwiegen. Aber wie hätte sie das ihm oder sonst einem Menschen erklären können? Jeder hätte sie für verrückt gehalten und ihr gleich die Klapse empfohlen.
Als es endlich so weit war, machte sie sich auf dem Weg zu der Pizzeria in der Frankfurter Straße. Bei der Stadtbahnhaltestelle blickte sie verstohlen und ängstlich alle Wartenden von der Seite an und prüfte in Gedanken jeden, ob er sie verfolgen könnte. Auch in der Bahn blieb sie jede Sekunde wachsam. So erkannte sie beim Aussteigen den Jungen sofort an seinem Verhalten. Er hatte sich mit Kleinigkeiten verraten, obwohl sie gar nicht sagen konnte, womit. Er sah aus, wie einer von den Antifa-Freunden des Otti Dobrig.
Warum er sie gerade jetzt verfolgte, war ihr schleierhaft. Aber sie war sich sicher, weil er sie zweimal angesehen hatte und dann die Straßenseite wechselte. Er ging auf der anderen Seite weiter, im Gleichschritt mit ihr, während er mit jemand telefonierte. Sie ging in eine Passage hinein und sah aus dem Schaufenster zurück. Das war dumm, denn er entdeckte sie im Fenster und überquerte sofort die Straße, um sie nicht entwischen zu lassen. Sie ging schnell die Rolltreppen hoch, überquerte eine Passage im oberen Stockwerk und ging die Hintertreppe wieder hinunter. Dort sah sie ihn wieder, wie er nach ihr suchte. Er drückte fast die Nase platt an der Schaufensterscheibe, so intensiv hielt er nach ihr Ausschau.
Nicht weit von ihm stand aber noch jemand. Als sie die andere Gestalt erkannte, wurde sie kreidebleich und ihre Füße drohten unter ihr zusammen zu klappen. Es war die blonde Frau aus der Moschee. Die Frau, die den Dekan verschwinden ließ.
Die Frau stand zwischen ihr und ihrem Verfolger, so dass dieser keine Möglichkeit hatte, sie zu sehen. Sie aber hatte Erika gesehen, jedoch schien sie kein Interesse an ihr zu haben.
Erika riss sich zusammen und entfernte sich so unauffällig, wie sie nur konnte. Kaum außer Sichtweise, rief sie Vicky in der Pizzeria an und bat um Hilfe. Sie einigten sich, dass Andrej und Thomas ihr entgegen gingen um sie abzuholen.
„Du siehst aus, wie jemand der einen Geist gesehen hat“, rief Thomas aus, als er sie sah.
„Ich habe auch einen gesehen“, sagte sie mit klappernden Zähnen. „Oder vielleicht sogar zwei.“
„Wie zwei? Ich dachte, da war nur einer, der dich verfolgt hat.“
„Ja, einer. Ich weiß auch nicht. Komm, verschwinden wir von hier.“
Sie mussten Erika bis zu der Pizzeria fast tragen, denn sie war immer noch sehr mitgenommen. Als sie endlich da waren, boten sie ihr erst mal ein Glas Wein an, damit sie sich einigermaßen beruhigte, bevor sie das Gespräch auf das Ziel ihres Treffens lenken konnten.
Sie hatte sich mit keinem Wort gegen ihre Vorwürfe gewehrt. Als sie ihr Vorhaltungen wegen ihrer Liebesbeziehung machten und sie schlichtweg dumm nannten, nickte sie willig dazu und bekräftigte es sogar.
„Und was erwartest du jetzt von uns?“, fragte Mike, als sie mit den Vorwürfen fertig waren.
Sie sah ihn zuerst mit großen Augen an, denn sie kannte ihn nicht und wusste nicht, ob sie ihm vertrauen konnte. Den anderen Jungen kannte sie wenigstens ein wenige und wusste von ihm, dass er Vickys Freund war. Und auch Andrej hat sie ein paar Mal gesehen. Güzel hatte sogar einmal den Verdacht geäußert, dass Andrej möglicherweise der neue Freund von Vicky wäre, denn die deutschen Frauen wechseln oft ihre Geliebten, sagte sie. Aber Hubert hatte sie gleich beruhigt, dass seine Schwester nie einen anderen als diesen Thomas hatte. Und er hatte die Gelegenheit benutzt, um ihr einmal zu zeigen, dass seine Schwester keine Ausländerfeindin war.
„Du siehst doch, sie hat nichts gegen Ausländer, denn Andrej kommt auch aus der Ukraine.“ Dabei hatte er natürlich vor seiner Freundin verschwiegen, dass er von Thomas vermutete, der Junge hätte zu irgendwelchen rechtsextremistischen oder ausländerfeindlichen Gruppierungen Kontakte. Hubert hatte keine genauen Vorstellungen, aber er wusste, dass Thomas alle Muslime ablehnte, denn Thomas selber hatte einige Male geäußert, dass die Muslime nur deswegen hierher kommen, um Europa zu islamisieren. Von Thomas Freunden wusste Hubert nichts. Er hatte sich aus ein oder zwei Sätzen, die Vicky gelegentlich fallen gelassen hat, seine Meinung gebildet. Aus seiner Warte heraus waren so ziemlich alle Menschen Ausländerfeinde und Rechtsextremisten, die etwas gegen den Islam hatten, denn er liebte Güzel und er sah sie stellvertretend für alle Muslime an, als den wunderbarsten, liebenswertesten Menschen der Welt. Wie konnte jemand eine Kultur hassen, zu der Menschen wie Güzel gehörten?
Erika hatte ihrerseits diese Sichtweise geteilt, denn sie fand Hakan genau so einen wunderbaren, liebenswerten Menschen, wie Hubert Güzel. So hatte sich Erika zusammen mit Güzel entschieden, dass Vickys Freunde allesamt Rassisten und Ausländerfeinde sein mussten. Jetzt saß sie da mit ihnen an einem Tisch, und wusste nicht mehr, was sie von ihnen halten sollte. Sie hoffte nur mit der Überzeugung des Verzweifelten, der sich an den letzten rettenden Strohhalm klammert, dass sie ihr helfen konnten.
Sie sah Vicky mit ihren großen Augen fragend an, dann blickte sie wieder zu Mike:
„Ich weiß auch nicht. Aber ich brauche Hilfe und ich weiß nicht, wohin ich gehen soll.“
„Was sagt die Polizei?“ fragte Thomas. Wenn sie zu wissen scheinen, dass dieser Mord dir galt, dann müssten sie was für dich tun.“
„Sie können nicht viel tun. Der Kommissar, mit dem ich gesprochen habe empfahl mir, zu meinem Vater zu ziehen.“
„Und?“ wollte Vicky wissen, „Warum fährst du nicht zu ihm?“
Erika wollte sich beinahe in ihr Schneckenhäuschen zurück ziehen. Sie überlegte sich, was sie hier machte und ob diese Leute ihr wirklich helfen würden. Sie könnten es und sie waren auf der richtigen Seite, um es zu können und auch um es zu wollen. Nur leider waren sie nicht ihre Freunde und sie gaben es ihr zu fühlen. Sie hatte sie immer als irgendwelche moralisch schmutzige Menschen betrachtet, in dem Bewusstsein, dass sie zu den guten Menschen gehörte. Sie hatte sich immer für etwas Besseres gehalten als Vicky. Sie und ihre Freundinnen hatten sie für die verwöhnte Göre aus gutem Hause abgestempelt, die alles hatte und nichts schätzte, und deswegen keine andere Freunde hatte, als diese zwei drei andere Rassisten, wie Thomas oder Andrej hier.
Und jetzt saß sie hier und ihre Welt stand auf dem Kopf, ohne dass sie wusste warum, wie es dazu kam und was dahinter steckte. Sie brauchte ihre Hilfe, aber wie konnte sie sie darum bitten? Sie wusste wirklich nicht, was sie ihnen sagen und wie sie ihnen alles erklären sollte. Sie machte sich zu viele Gedanken und sie war sich ihrer Verklemmtheit peinlich bewusst, denn sie fühlte sich, als ob sie auf einmal nackt vor ihnen stehen würde. Aber zumindest einer der Männer beschäftigte sich gar nicht mit ihr. Mike beobachtete intensiv einen Tisch an der anderen Seite der Bar.
„Kennt ihr diesen Mann?“ fragte er.
„Welchen? Du meinst den großen Dunkelhaarigen oder den mit der Brille, der wie ein ausgekochter Versicherungsvertreter aussieht?“ fragte Vicky.
„Den Dunklen. Den anderen kenne ich auch.
„Der dunkle ist ein Polizist“, sagte Erika. Er war auch dort, als ich meine Aussage machte. Ich glaube, er heißt Goretzki oder so was.“
„Und der andere? Was ist mit ihm los?“, wollte Thomas wissen.
„Der ist eine elendige Ratte“, sagte Mike verächtlich. „Ich habe ihn einmal in Rotterdam getroffen. Unsere Freunde dort haben ihn mir gezeigt und gesagt, dass er sehr gefährlich ist. Er gehört zu einem Kirchenverein, der hier in Europa überall predigt, dass wir alle zum selben Gott beten und wir alle Brüder sind, aber einige Christen aus dem Irak haben ihn erkannt. Er hatte dort den Behörden die Menschen verraten, die insgeheim zum Christentum konvertiert waren. Diese gutmenschlichen, politisch korrekten abrahamitischen Theologen tun das. Sie predigen hier bei uns, dass wir alle zum selben Gott beten würden und so erschleichen sie das Vertrauen der Christen, die aus diesen Ländern zu uns flüchten. Und gleichzeitig verraten sie ihre Angehörigen dort an die Religionsbehörden, um sich niederträchtig politische Vorteile zu sichern. Sie begründen es sogar damit, dass sie die Gesetze und die Behörden der jeweiligen Staaten respektieren müssen, denn Jesus habe es mit dem Spruch gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, den Christen geboten, alle Gesetze des Staates, in dem sie leben, zu respektieren.“
Vicky sah in die Richtung der Zwei und machte dabei ein derart angewidertes Gesicht, dass Thomas sie warnen musste:
„Sieh ihn nichts so an! Er braucht nicht zu merken, dass wir ihn beobachten.“
Aber es war nicht möglich, sie zu beruhigen, so dass Thomas sich gezwungen sah, seinen Stuhl mit ihr zu tauschen, damit sie mit dem Rücken zu dem Polizisten und dem Pfarrer saß. Erst dann konnte sie sich allmählich beruhigen und normal antworten ohne hysterisch zu keiffen.
„Das ist so was von hinterhältig. Hier bei uns verlangen sie aber von den Muslimen nicht, dass sie sich unseren Gesetzen unterordnen, sondern unterstützen jede Forderung der Islamverbänden nach Sonderrechten.“
Thomas, der jetzt von seinem Platz die beiden gut im Blickfeld hatte, holte sein Handy heraus und legte es auf den Tisch vor sich hin, in die Richtung der Beiden, die er intensiv beobachtete.
„Wie heißt dieser Verein, von dem du sprichst“, fragte Andrej etwas laut. Er hatte sich angewöhnt, lauter zu sprechen, denn er fürchtete, dass man ihn sonst nicht so gut versteht, mit seinem starken slawischen Akzent.
„Pst! Nicht so laut“ zischte ihn Thomas an.
„Was tust du? Nimmst du sie etwa auf? Kann dein Handy so weit die Töne erfassen?“
„Ich weiß nicht. Aber einen Versuch ist es wert.“
„Pass nur auf, dass sie dich nicht bemerken“, lachte Mike. „Es könnte böse enden!“ Er wandte sich zu Vicky und schüttelte lachend den Kopf:
„Ich glaube das nicht! Der Mann will die Polizei abhören.“ Dann wieder zu Thomas: „Du hast Mut!“
Andrej wiederholte seine Frage:
„Wie heißt der Verein? Es ist wichtig, den genauen Namen zu wissen.“
„Ich kenne den Namen des Vereins nicht. Aber er bekommt deswegen viel Geld aus Saudi Arabien oder aus den Emiraten, ich weiß nicht mehr genau.“
„Das ist nicht zu fassen!“ stöhnte Vicky.
„Du kannst mir ruhig glauben“, beteuerte Mike. Ich habe mit einem Konvertiten gesprochen, der berichtete, dass man ihn ausspionierte, weil der Polizeichef in seiner Stadt seine Tochter heiraten wollte. Die Muslime nennen das Heiraten, wenn sie die Töchter der Christen rauben! Sie war sehr schön und er hat sich in sie verknallt, der alte Sack. So hat er diesen Konvertiten ins Gefängnis stecken lassen, die Tochter entführt und zum Islam gezwungen. Seitdem hat der Christ seine Tochter nie mehr gesehen. Und der Verräter war dieser Topfling oder euer Dekan Dobrig. Einer der beiden. Dieser Konvertit war sich hundertprozentig sicher, denn nur die zwei wussten, dass er und seine Familie zum Christentum übergetreten waren. Von wegen, wir beten alle zum selben Gott! Die beten zu ihrem politischen Teufel!“
„Ist er mit Dobrig bekannt?“ fragte Erika stotternd. Sie hatte bis dahin ziemlich still da gesessen und den anderen zugehört. Durch die Worte der Anderen öffneten sich ihr ganz neue Perspektiven, die sie sich noch bis vor Kurzem nicht einmal im Traum hätte vorstellen können. Sie kam sich vor, als ob sie in eine ganz neue, fremde Welt geraten wäre, wo nichts mehr so war, wie sie es von früher kannte, sondern alles auf den Kopf stand, wie in Platons Höhlengleichnis.
Mike antwortete ihr:
„Ja, sie gehören beide in diesen abrahamitischen Verein. Aber ich glaube, dass dieser Topfling der Chef ist, und Dobrig nur sein Untergebener.“
Andrej, der eine Weile geschwiegen hatte, um Thomas‘ Aufnahmen möglichst nicht zu stören, und der im Allgemeinen wenig sprach, zeigte jetzt mit seinem Kinn zum Fenster.
„Da scheint noch jemand an dem Herrn Pfarrer interessiert zu sein“.
Erika drehte sich zum Fenster und schrie unterdrückt auf: „Oh, Gott! Da ist wieder diese Frau!“
„Was für eine Frau?“ fragte Thomas dazwischen. Vicky drehte sich in die Richtung, in die Erika blickte und zog ihre Augenbrauen konzentriert zusammen:
„Mir kommt es auch vor, als ob ich sie irgendwo schon mal gesehen habe, aber ich weiß nicht, wo.“
„Wer ist sie“, fragte auch Andrej. Nur Mike sagte nichts.
„Sie war am Freitag in der Moschee“, fing Erika an. „Und auch vorher, als mich dieser Mann verfolgte, war sie da. Diese Frau hat sich irgendwie so hingestellt, dass der Mann mich nicht sehen konnte und so konnte ich verschwinden.“
„Und sie soll in der Moschee gewesen sein? Das glaube ich nie!“ sagte Vicky. „Eher glaube ich, dass der Papst in die Moschee geht als sie.“
„Warum?“ fragte Thomas.
„Ich weiß nicht. Sie sieht einfach nicht danach aus“, antwortete Vicky.
„Vielleicht ist sie auch eine Konvertitin?“ witzelte Andrej. „War sie vielleicht mit ihrem türkischen Lover dort um zum Islam zu konvertieren?“
Erika lief rot an, denn diese Worte zielten auf ihre missratene Liebesgeschichte.
„Nein, sie war dort ganz allein. Sie schien zu niemand zu gehören und ich glaube nicht, dass viele Leute sie dort bemerkt haben. Ich sprach gerade mit dem Dekan Dobrig, als sie wie aus dem Nichts neben uns auftauchte. Sie war sehr wütend auf Dobrig und sie sprach zu ihm sehr seltsam, als ob sie ihn verfluchte oder verhexte oder ich kann es auch nicht beschreiben.“
„Am Ende willst du behaupten, dass sie eine Hexe ist?“ fragte Andrej skeptisch. Für ihn existierten nur die nüchternen materiellen Dinge der Welt. Er war ein überzeugter Materialist und bereits ein Fantasy-Film erzeugte normalerweise bei ihm Irritationen. Unter seinen ketzerischen Fragen fiel es Erika schwer, über die Szene in der Moschee zu sprechen. Aber Vicky ließ nicht locker:
„Wenn sie zu Dobrig sprach, dann müssen die beiden sich gekannt haben.“
„Ich weiß nicht. Dobrig hat so was gesagt, dass wir alle zu einem einzigen Gott beten und es keine Unterschiede zwischen den Religionen gibt. Sie stand daneben und hörte zu. Und dann kam sie zu uns und verfluchte ihn wütend.“
„Und dann? Was sagte Dobrig dazu?“
„Nichts. Er ist einfach verschwunden.“
„Wie verschwunden? Ist er weggegangen?“
„Nein, er war einfach nicht mehr da.“
„Wie, nicht mehr da? Willst du sagen, dass er sich in der Luft aufgelöst hat?“
„Nein. Ich weiß nicht.“
„Sag mal, nimmst du gelegentlich Drogen?“
„Hast du an dem Tag was geraucht? Oder getrunken?“
„Du weißt doch, dass Muslime keinen Alkohol trinken dürfen“, wehrte sich Erika.
„Sie trinken trotzdem“, stellte Andrej lakonisch fest.
„Ja, aber ich wollte an diesem Tag zum Islam konvertieren. Ich hätte nicht mal eine Praline mit Alkohol angerührt.“
„Und auch nichts geraucht?“
„Ich habe in meinem ganzen Leben keinen einzigen Joint geraucht“ beteuerte Erika. Ich kann es mir auch nicht erklären. Es war alles so überirdisch. Zuerst hat Dobrig dort in der Moschee eine Rede gehalten-
Thomas unterbrach sie:
„Wie? Sie haben es zugelassen, dass er für sie predigt? Womöglich über das Christentum?“
„Nein, er hat eine Rede über das Miteinander der Religionen gehalten, und am Ende die Schahada aufgesagt.“
„Was ist das denn?“ fragte Vicky.
„Das Glaubensbekenntnis der Muslime“, klärte sie Mike auf, bevor Erika antworten konnte. „Wenn jemand die Schahada aufsagt, bekennt er sich damit zum Islam. Danach gilt er als Muslim.“
„Dann ist also Dobrig klammheimlich zum Islam konvertiert?“ rief Vicky empört aus.
„Geheim war es nicht, du hörst es“ antwortete Thomas. „Es war vor der ganzen Versammlung. Da konnte es jeder hören.“
„Dennoch! Er ist so ein Schwein! Aber so ein richtig großes, erbärmliches Schwein! Wenn du ihn nur gehört hättest, wie er bei uns geschleimt hat, vorigen Sonntag als er zu Brunch war. Er kroch regelrecht Tante Therese in den Hintern. Er hat sie fast angebettelt, dass sie ihn in ihrem Ritterverein aufnimmt. Er gab sich für den besten, engagiertesten Christen der Welt aus! Und jetzt das hier! Nicht mal eine Woche danach konvertiert er zum Islam! So ein verlogener Dreckskerl! Ich hoffe, dass diese Frau, diese Hexe oder was immer sie ist, ihn richtig verflucht hat. Möge sie ihn in eine kleine miese Ratte umwandeln, denn er ist nichts anderes und er verdient nichts Besseres!“
„Weißt du was? Ich glaube, dass sie genau das mit ihm gemacht hat: in eine Ratte verwandelt.“

Kapitel 9

Pfarrer Topfling war innerlich in Alarmbereitschaft, aber er gab sich alle Mühe, es vor dem Polizisten zu verbergen. Er nutzte geschickt alle Möglichkeiten, die ihm seine Umgebung bot, um abzulenken und seine Gedanken zu sammeln. Er verlangte vom Kellner erst den Gewürzständer und kaum war dieser auf den Tisch, besann er sich, dass er doch lieber eine Pizza statt einem Salat bestellen wollte. Kaum hatte er seine Bestellung geändert, fiel ihm ein, dass er unbedingt Peperoni und Anchovis auf seiner Pizza wünschte. Er vermied dabei sorgfältig die abgenutzten Tricks, wie zur Toilette zu gehen oder sein Besteck fallen zu lassen, die den Verdacht des Polizisten wecken konnten.
Es waren nur ein paar kurze aber lebenswichtige Momente, in denen er sich überlegte, was die Polizei wusste. Viel konnte es nicht sein, auch wenn der Grieche bereits aus dem Koma erwacht war, denn dieser hatte keine Ahnung. Ihn hatte man nur als Kurier benutzt, ohne ihn über die Bedeutung des Steins aufzuklären. Die Türkin war tot, auch sie konnte nichts mehr ausplaudern.
Wegen der Frau hatte er nur eine einzige Sorge: Das Armband. Er hätte sich für diesen einen Fehler ohrfeigen können, aber als er es gemerkt hatte, war es bereits zu spät. Die paar jungen Muslime, die mit der Drecksarbeit beauftragt wurden, durften nichts darüber erfahren. Auch so hatten sie sehr viel gepatzt, zuerst beim Überfall auf die Türkin und dann bei dem anderen Überfall. Jetzt war das Armband bestimmt in den Händen der Polizei und man musste geduldig abwarten, bis die Polizei es den Angehörigen zurück gab. Es bedeutete eine Verzögerung, aber man durfte jetzt keine zusätzlichen Risiken eingehen.
Hoffentlich haben seine Leute den Stein des Griechen gefunden, und wir können damit weitermachen, tröstete er sich bei dem Gedanken an den kleinen, steinernen Sockel mit den zwei sitzenden Löwen. Vielleicht war die Figur, die auf den Sockel gehörte auch bereits in Deutschland, oder zumindest auf dem Weg dahin. Nach gründlicher Überlegung kam er zu dem Schluss, dass wer immer die Statue in seinen Besitz gebracht hat, alles daran setzen wird, sie nach Deutschland zu bringen. Deswegen antwortete er dem Polizisten, der ihn nach dem steinernen Sockel fragte, mit einer Miene, die viel Gelassenheit vortäuschte
„Es war nichts besonders, nur ein Imitat des frühen zwanzigsten Jahrhundert, irgendwo im Orient angefertigt, den der Großvater meines Freundes Stavros in irgendeinem Souvenirladen in Beirut für die Touristen erstanden hatte.“
„Und er wollte Ihnen den Stein schenken? Was war er in etwa Wert?“ fragte Goretzki. Er dachte dabei an die Statue, die er bei Achaios Simonidis erworben hatte. Der Grieche hatte ihm den Preis mit denselben Worten gesagt, wie jetzt Pfarrer Topfling: Es ist nichts Besonderes, nur eine Kopie aus dem späten neunzehnten Jahrhundert, für die Touristen.
„Das kann man nicht sagen, denn inzwischen gelten diese nachgemachten Kopien bei den Sammlern auch als Antiquität, weil sie immerhin um die hundert Jahre alt sind, je nachdem. Manchmal sind sie ein wenig jünger oder älter. Sie sind auf alle Fälle sehr dekorativ und deswegen bei dem unerfahrenen Antiquitätenkäufer beliebt. Sie wissen, solche Leute, die mal ein Geschenk für fünfzig oder hundert Euro suchen, um einem Verwandten eine Freude zu machen. Mein Freund hatte mich gesehen, als wir vor ein paar Monaten zusammen in Kairo waren, als ich dort auf dem Touristenbazar eine kleine Selket-Figur gekauft habe. Er sagte, dass er den passenden Sockel dazu hätte, mit zwei Löwen, die perfekt zu meiner kleinen Löwengöttin passten.“
Pfarrer Topfling hatte diese Erklärung für einen genialen Einfall gehalten. Er ahnte nicht, wie verdächtig er sich damit bald machen würde, denn er hatte keinen blassen Schimmer vom Vorfall auf dem Parkplatz bei Metz.
„Wie erklären Sie sich, dass man gestern bei der Familie, bei der dieser junge Grieche übernachtet, eingebrochen wurde?“ wollte Goretzki wissen. Entweder der Pfarrer, der vor ihm saß, oder der Junge hatte ihn belogen. Er tippte auf den Pfarrer, denn die Geschichte des Jungen wurde auch von dem Ehepaar bestätigt, bei dem er wohnte. Aber man kann ja nie wissen. Im Laufe seiner Karriere hatte er oft Verbrecher getroffen, die bis man ihnen den letzten unumstößlichen Beweis vorlegte und sie der Lüge überführt waren, einen sehr ehrlichen Eindruck gemacht hatten und die erfahrensten Kriminalbeamten täuschen konnten. Andererseits musste der Pfarrer Nerven aus Stahl haben, denn er ließ sich mit nichts aus der Fassung bringen. Er antwortete auch jetzt ganz gelassen:
„Es ist Ihre Aufgabe, diese Sachen aufzuklären, nicht die meine, lieber Herr Kommissar. Mir reicht es zu wissen, dass weder ich noch meine Organisation irgendetwas damit zu tun haben.“
Goretzki versuchte es von einer anderen Seite, den Pfarrer gesprächiger zu machen:
„Erzählen Sie mir bitte mehr über Ihre Organisation. Ich habe im Internet nur wenig darüber gefunden, um mir ein richtiges Bild über sie zu machen.“
Topfling ließ sich nicht so leicht aus der Fassung bringen. Er überhörte den Kommentar des Polizisten und sagte:
„Im Grunde steht alles, was man über uns wissen muss, bereits auf unserer Webseite.“
„Nun, das ist herrlich wenig“, gab Goretzki sarkastisch zurück. „Ich habe daraus nichts erfahren. Versuchen wir es mal mit ein paar konkreten Fragen: Was ist das Ziel des Vereins?“
„Unser Ziel ist einfach: Zwischen den verschiedenen Glaubensrichtungen Frieden zu stiften und uns gegenseitig zu helfen. Sehen Sie, in der Welt gibt es zu viel Elend und Armut und wir hier in den reichen Ländern, die wir viel Glück hatten, hier geboren zu werden, sind verpflichtet, unseren Mitmenschen, denen es nicht so gut geht, zu helfen. Um das zu tun, brauchen wir die Akzeptanz der dortigen Geistlichen, denn die Menschen in diesen Ländern hören auf ihren Imamen, Priester oder Mullahs viel mehr als hier im Westen. Wir können nicht einfach nach Nigeria oder in den Jemen gehen, um den Menschen dort gegen den Willen ihrer Imame zu helfen. Wenn wir das versuchten, würden die Hilfsbedürftigen selber unsere Hilfsangebote ablehnen. Deswegen ist eine friedliche Zusammenarbeit mit den lokalen Religionsvorstehern zwingend nötig.“
„Sie operieren aber auch hier in Europa, wenn ich es richtig verstanden habe?“ unterbrach ihn Goretzki, der erkannte, dass der Pfarrer, wenn man ihn nicht unterbricht, seinen vorgefertigten Werbetext aufsagt, denn er schon bestimmt -zigmal an den verschiedensten Stellen und vor den verschiedensten Zuhörern abgeleiert hatte.
„Ja, denn inzwischen ist der Bedarf an Wohltätigkeitsarbeit auch in Europa sehr groß geworden und wir müssen die Gemeinsamkeiten der Religionen hier in Europa ausarbeiten um den Menschen eine Basis für ein friedliches Zusammenleben zu geben. Viele muslimische Einwanderer trauen sich nicht, die sozialen Hilfsleistungen der christlichen Kirchen in Anspruch zu nehmen, weil sie fürchten, dass sie damit eine Sünde begehen. Deswegen müssen wir das Vertrauen der muslimischen Gemeindevorsteher gewinnen um durch sie an die Menschen heranzukommen.“
Er hatte sich schon wieder von seinen Wohltätigkeitstexten mitreißen lassen.
„Das alles klingt schön und gut“, unterbrach Goretzki wieder. „Ich nehme an, dass Sie dafür einen gemeinsamen Glaubensatz haben, mit dem sie sowohl die Christen, wie auch die Muslime ansprechen können?“
„Sicherlich haben wir das, Herr Kommissar. Sehen Sie, alle drei große monotheistischen Religionen haben gemeinsame Wurzeln, deswegen ist es sehr leicht, die Gemeinsamkeiten so auszuarbeiten, dass die Gläubigen sie erkennen und sie über die trennenden Elemente stellen, die früher zu so vielen Kriegen geführt hatten. Wenn wir nur die drei heiligen Bücher, die Bibel, den Talmud und den Koran miteinander vergleichen, finden wir auf Schritt und Tritt Parallelen, und gar gemeinsame Erzählungen. Die Sintflut mit der Geschichte Noah oder die Geschichte Abrahams sind nur zwei davon.“
„Ach ja, sie nennen Ihren Verein deswegen „Abrahams Gott und seine Kirche“?
„Ja. Mit diesem Namen haben wir bezweckt, sowohl die Christen wie auch die Muslime anzusprechen. Auf Arabisch sagen wir natürlich „Abrahams Gott und seine Moschee“.
„Ich verstehe“, nickte Goretzki. „Jedem nach seiner Zunge zu sprechen, ist ein geschickter Zug. Aber geht dabei die Wahrheit nicht verloren?“
„Nein, keinesfalls. Sehen Sie, Lessing hat es in „Nathan der Weise“ brillant ausgearbeitet: Wir sind alle Brüder und Schwestern, auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen. So wie in Lessings Theaterstück die Jüdin Reha und der Templer Leu von Filneck Brüder und Schwester eines Muslimischen Vaters und einer Christlichen Mutter waren, so sind wir alle aneinander gebunden. Wir beten alle zu ein und demselben Gott, dem Gott Abrahams.“
„Vielleicht funktioniert es auf der theologischen und literarischen Ebene, Herr Pfarrer. Ich bin aber ein Kriminalbeamter und ich kann nur aus meinen alltäglichen Berufserfahrungen sprechen. Im Alltag stehen die Menschen verschiedener Konfessionen sehr weit entfernt von einem friedlichen Zusammenleben, so wie Sie es darstellen. Wir haben täglich Fälle aufzuklären, die nur deswegen verübt wurden, weil die Menschen verschiedener Glaubensrichtungen sich gegenseitig feindlich gesinnt sind.“
„Wollen Sie behaupten, dass dies unseren Gesetzen nicht konform ist, Herr Kommissar“
„Nein, nicht gesetzeskonform. Aber realitätskonform. Denn es ist die Realität, die wir da draußen auf der Straße sehen.“
Goretzki fühlte sich langsam vom politisch korrekten Getue des Pfarrers angewidert. Er hielt sich sonst immer als Polizist aus solchen politischen und ideologischen Fragen heraus und kümmerte sich lediglich um seinen Job. Nur selten fand er wie jetzt, dass die unehrlichen Allüren eines Politikers oder Soziologen zu überzogen wirkten und in ihm einen negativen Klang erweckten.
„Wenn ich mich recht erinnere – verzeihen Sie, aber meine Schulzeit liegt ein paar Jahre zurück und ich habe mich seither nicht mehr um die klassische Literatur bemüht – sagt die Ringparabel, dass nur einer von den drei Ringen echt war und nicht alle drei.“
„Wie meinen Sie das?“, fuhr Pfarrer Topfling auf. Er versuchte sofort, seine unkontrollierte Reaktion zu vertuschen, indem er eilig weitersprach, aber dem Kommissar entging es nicht. „Die Ringparabel“, erzählte Topfling in einem schnellen Wortschwall, „will uns dazu anhalten, uns für die Sichtweise der anderen zu öffnen und nicht automatisch davon auszugehen, dass wir allein die Wahrheit besitzen. Deswegen lautete die Empfehlung des Richters sinngemäß, dass jeder so handeln soll, als ob er im Besitz des richtigen Rings wäre, also wie es seine Religion gebietet

‚Es eifre jeder seiner unbestochenen,
von Vorurteilen freien Liebe nach!‘

„Was im Grunde nichts anderes bedeutet, als dass die Christen die christliche Nächstenliebe praktizieren, während die Muslim den befohlenen Jihad betreiben sollen“, platzte Goretzki heraus, bevor er sich versah. Er entschuldigte sich sofort und schalt sich innerlich für diesen unprofessionellen Patzer. Aber es kam in ihm eine wachsende Antipathie gegen den Pfarrer auf, die er kaum bezähmen konnte. Er war der Prototyp des pharisäischen Tempelpriesters, der seinen Gott und seine Religion als ein lukratives Geschäft vermarktete.
„Sehen Sie Herr Kommissar, “ erklärte dieser, „es ist wichtig, dass wir diese Menschen dazu bringen, sich für die Sichtweise des anderen zu öffnen. Noch vor zwanzig Jahren hatten sich alle Religionen als die einzig wahre Religion betrachtet und lehnten die anderen als „Heiden“ ab, als Menschen, die an einem Irrglauben festhielten. Heute sind wir so weit, dass wir gemeinsam beten können, Muslime Juden und Christen.“
„Das klingt sehr schön, Herr Pfarrer. Aber andererseits haben wir in unserem Alltag mit vielen muslimischen Mitbürgern zu tun, die die Christen beschimpfen und zum bewaffneten Kampf gegen die Mehrheitsgesellschaft aufrufen.“
„Das sind kleine Übel, die wir im Kauf nehmen müssen, wenn wir eine bessere, friedlichere Welt errichten wollen, eine Welt, in der Kriege zwischen den verschiedenen Glaubensrichtungen der Vergangenheit angehören werden.“
„Ihre edlen Ziele in allen Ehren, so lange Sie die Gesetze unseres Landes dabei nicht überschreiten.“
„Das kann nicht Ihr Ernst sein?“
„Hören Sie, Herr Pfarrer! Meine Aufgabe ist nicht, Ihre religiösen und politischen Träumereien zu unterstützen, sondern dem Rechtsstaat zu dienen. Ich habe hier einen Mord aufzuklären und das ist meine ganz konkrete Aufgabe. Sollten wir feststellen, dass Sie oder Ihr Verein irgendetwas damit zu tun haben, dann müssen Sie die juristischen Konsequenzen genauso tragen, wie jeder andere in diesem Land.“
Goretzki war innerlich überzeugt, dass der Pfarrer ihm etwas vormachte. Seine langjährige psychologische Schulung zeigte ihm deutlich die vielen kleinen unbewussten Gesten eines unehrlichen Menschen, die einem unerfahrenen Beobachter vielleicht nie aufgefallen wären, aber die ein Experte in der Körpersprache richtig zu deuten wusste.
Pfarrer Topfling war seinerseits über den Ausgang dieses Gesprächs unzufrieden, um nicht zu sagen besorgt. Normalerweise schaffte er es schnell, die Kontrolle über eine Situation oder ein Gespräch zu übernehmen. Seine Vorgesetzten hatten seine natürliche Begabung, Menschen schnell zu erkennen und zu manipulieren, durch regelmäßige Schulungen in kostspieligen ausländischen Seminaren gefördert und professionalisiert. Nach den Standards seiner Ausbildung im Bereich der Marketing- und Kommunikationspsychologie war es ihm unerklärlich, wieso das Gespräch mit dem Polizisten dermaßen schief ging. Er hatte sich die größte Mühe gegeben, gegenüber dem Polizisten so überzeugend und aufgeschlossen aufzutreten, wie seine Schulung ihm die Behandlung der Vertreter europäischer Menschen vorgab, mit besonderer Rücksicht auf die Eigenarten der deutschen Volks- seele. Aber der Polizist wich bei jedem zweiten Satz von jenen Verhaltensmustern ab, die man nach normalen Maßstäben von ihm hätte erwarten müssen. Ja, es war der Polizist, der ständig aus der Reihe tanzte, der die Regel des Normverhaltens missachtete. Er, Topfling hatte sich immer wieder bemüht, die Taktlosigkeit des Anderen auszubügeln und den Takt zwischen ihnen wieder herzustellen, nur damit der Polizist wieder eine neue Taktlosigkeit begehen konnte.
Goretzki war es bewusst, dass er sich gegenüber dem Pfarrer sehr unprofessionell verhalten hatte und war über sich selber verärgert. Er hatte vom ersten Telefonkontakt eine starke Abneigung gegenüber dem Pfarrer entwickelt, die er einfach nicht unterdrücken konnte. Je mehr er es mit seinem Verstand versuchte, umso stärker überwältigte diese Abneigung seine Gefühle. Es war so, als ob etwas Mächtiges über ihm die Kontrolle über sein sonst immer sachliches Urteilsvermögen ergriffen hätte, gegen das er machtlos war und dem er gehorchen musste. Er, der kontrollsüchtige, streng materialistische Atheist konnte dieses Gefühl später, als er es seinem Kollegen Fischer beschrieb, nur als etwas Schicksalhaftes, als Kismet beschreiben. Freilich ging er nicht so weit, deswegen das Gespräch für gescheitert zu erklären, wie sein Gegenüber. Ganz im Gegenteil, er fühlte sich im Nachhinein innerlich zufrieden, ohne zu wissen, dass diese Zufriedenheit aus etwas herrührte, was er schon lange nicht mehr praktiziert hatte: die Aufrichtigkeit zu sich selbst, zu seinem eigenen Inneren. Er hatte sich zu lange nur noch als Staatsbediensteter betrachtet, der immer anderen, höheren Interessen zur Verfügung stand, die er nie in Frage stellte und immer seltener begreifen konnte. Er diente der Überzeugung anderer und merkte dabei nicht, dass er seine eigene Überzeugung gänzlich verdrängt hatte.
Umso beunruhigter verabschiedete sich der Pfarrer. Nicht nur das Gespräch mit dem Polizisten ging daneben, nein. Er hatte noch beim Weggehen die fünf jungen Menschen an einem Tisch gesehen und er konnte den Verdacht nicht los werden, dass sie ihn beobachteten. Sie gaben sich zu viel Mühe, uninteressiert zu wirken, was seinen Verdacht nur noch stärker schürte. Nur kein Risiko eingehen, sagte er sich und rief, noch bevor er ein Taxi nahm, die Nummer der Security-Abteilung der Organisation an. Der Rest ging ihn nichts mehr an, sagte er sich in der weißen Manier der drei chinesischen Affen, die nichts hörten, nichts sahen und nichts sagten. Er war überzeugt, dass es für den Fall der Fälle besser war, über die Arbeitsweise der Security-Abteilung unwissend zu bleiben.

***

Lange blieben Erika und ihre neuen Freunde nicht in der Pizzeria sitzen, nachdem sich der Pfarrer und der Kriminalbeamte voneinander getrennt hatten. Mike wollte noch am selben Tag nach Frankfurt zurück und bot sich an, Erika mit zunehmen und ihr zu helfen, in Frankfurt einen Unterkunft zu finden. Vicky und Thomas versprachen, sie mit nach Hause zu begleiten, damit sie einige Sachen einpacken konnte.
Andrej wollte natürlich zurück zu seiner Arbeit, denn als Angestellter konnte er sich keine längere Abwesenheit erlauben. Er war als Programmierer in der Niederlassung eines großen globalen Unternehmens beschäftigt, wo er in einem kleinen Team für das hochsensible Gebiet der Internetspionageabwehr tätig war. Er gehörte zu den wenigen Experten, die sich mit den Methoden der Ostasiaten und der Russen auf dem Gebiet der Industriespionage auf höchster Ebene auskannte und aus diesem Grunde hatte er für seinen Arbeitgeber einen unerlässlichen Wert.
Genau so bedeutend waren seine Kenntnisse auf diesem Gebiet für seine Freunde im privaten Bereich, denn er verhalf ihnen zu manch wichtigen Information oder warnte sie vor Gefahren und Fallen in denen sie ohne seiner Wachsamkeit unweigerlich hineingestolpert wären. Ab und zu bat ihn Mike um eine kleine Gefälligkeit für seine Kölner Freunde, ein andermal für die Züricher oder für die Dänen und die Niederländer. Und Andrej lieferte meistens innerhalb von ein paar Stunden, manchmal auch innerhalb ein paar Tagen die gewünschte Information. Nur selten kam es vor, dass er zu manchen Personen oder Sachverhalten keinerlei Information liefern konnte, weil sie als streng geheim, oder auf Englisch als classified eingestuft waren. Gleichzeitig warnte Andrej immer: „Seid sehr vorsichtig, in allem, was ihr tut, was ihr am Telefon sagt oder als E-Mail schreibt. Denkt daran, dass unsere Gegner auch Leute haben, die dasselbe können wie wir. Sie haben ihre Leute, die viel besser ausgebildet sind als ich.“
„Besser als du geht doch nicht“, sagte Vicky, die selber kaum technische Fähigkeiten im EDV-Bereich hatte und deswegen Andrej einfach als den besten Programmierer anhimmelte.
„Aber sie sitzen an wichtigen Schlüsselstellen“, mahnte Andrej.
„Ja, sie haben uns vierzig Jahre voraus“, stöhnte Mike. „Wir haben noch so viel aufzuholen, dass es manchmal zum Verzweifeln ist. Sie haben ein sehr gutes Netzwerk und sie bestimmen über die meisten öffentlichen Ämter.“
Mike war derjenige unter ihnen, der die meisten Kontakte in Deutschland und auch im Ausland hatte und deswegen verließen sich alle auf ihn, um zu erfahren, was die Gruppen in den anderen Städten machten, oder um Nachrichten über sich selber und über die Lage in S. am Rhein den anderen zu schicken. Auf dieser Weise gelangten einige Informationen und Artikel auf die Webseite Politically Incorrect, zum großen Verdruss Margit Tennewills, die von allen Menschen gerade ihre eigene Tochter am wenigsten verdächtigt hätte, einen der beiden ominösen Artikel über ihren Auftritt bei der Talkshow geschrieben zu haben.

***

Erika war noch mit dem Packen beschäftigt, denn sie meinte, auf eine Menge Kleinigkeiten nicht verzichten zu können. Sie hatte keine Vorstellung, wo sie die nächsten Tage unterkommen konnte und wie ihr Leben weiter gehen sollte. Aber ohne ihr Nagelset, ihren Föhn oder ihr Kuschelkissen war das Leben nicht lebenswert. Ihr Handyladegerät, ihr Laptop, ihre Zeugnisse – sie fand immer noch etwas, was sie unbedingt mitnehmen musste, denn es dauerte noch Tage, bis ihre Eltern zurück waren, um ihr etwas nachzuschicken, falls sie etwas vergessen haben sollte. Ihr Vater war noch mindestens zwei Monate in Thailand und ihre Mutter würde frühestens in elf Tagen aus Murnau zurück kommen, wenn es der Oma, bei der Reha dort besser ging.
Erika war gerade dabei, ihren Laptop einzupacken, als Thomas sie aufhielt:
„Kann ich bei dir kurz online gehen?“ fragte er, nachdem er eine SMS auf seinem Handy gelesen hatte.
„Klar. Warte nur einen Moment. Es dauert ein wenig, bis er hochgefahren ist“ antwortet Erika und packte ihren Laptop wieder aus.
„Du solltest dir endlich einmal einen iPod kaufen“ nörgelte Vicky, die nicht zur Kenntnis nehmen wollte, dass ihr Freund nicht aus einer genau so finanzkräftigen Familie kam wie sie und dass er seinen Unterhalt während des Studiums mit kleinen Jobs finanzieren musste. Thomas beachtete sie wenig. Er öffnete die Mails, die Andrej ihm geschickt hatte und zeigte Erika die Fotos von mehreren jungen Männern.
„Welcher von ihnen hat dich vorher verfolgt. Sieh bitte genau hin, denn es ist sehr wichtig.“
Sie hatte sich kaum angenähert, um sich das erste Foto anzusehen, als ein Pop-up mit hell leuchtender Aufschrift nervös aufklappte:

VERSCHWINdeT SoFORT!
Ihr SEID IN GEFAHR!

Der Text blinkte schrill, so dass Erika sich ohne zu überlegen, instinktiv ihren Laptop zuklappte, obwohl Thomas zuerst noch sehen wollte, wer ihnen diese Botschaft geschickt hatte. Auch Vicky wunderte sich, während sie in Windeseile Erikas Reisetasche zumachte und sie über die Schulter warf.
„Kommt, verschwinden wir!“ rief Thomas.
Er schnappte sich einen Rucksack, der neben der Eingangstür bereit stand und fragte im Gehen:
„Ich möchte aber für mein Leben gern wissen, wie Andrej das gemacht hat.“
Niemand antwortete ihm. Erika, mit dem Laptop in der Hand, schloss die Eingangstür, während Vicky den Aufzugknopf drückte. Thomas wollte nichts vom Aufzug wissen.
„Wir nehmen lieber die Treppe. So kann man uns wenigstens nicht so leicht überraschen“, beschloss er und ging gleich als erstes, um den Frauen einigen Schutz zu bieten, denn inzwischen hatte sich auch bei Vicky einige Nervosität breit gemacht.
„Es ist auch besser für die Gesundheit.“
Sie waren problemlos die Treppen herunter gekommen, mit der einzigen Unannehmlichkeit, dass sie Erikas schweres Reisegepäck fünf Stockwerke aus der Dachgeschosswohnung herunter tragen mussten. Thomas öffnete vorsichtig die Türe zur Straße und blickte nach rechts und nach links, bevor er hinaustrat. Die Straße war menschenleer und so winkte er den zwei Frauen, ihm zu folgen. Aber kaum waren sie draußen und hinter ihnen der Tür zugefallen, als drei südländisch aussehende Gestalten wie aus dem Nichts vor ihnen auftauchten.
Sie fingen mit den üblichen Schimpfwörtern und Rempeleien an, die Thomas schon aus einigen früheren Zusammenstößen gut kannte. Nur dass er damals immer ein paar Freunde bei sich hatte, während er diesesmal nur zwei verängstigte Frauen auf seiner Seite wusste. Er versuchte sich im Kopf auszurechnen, ob sie es bis zum Wagen schaffen könnten, denn da wären sie in Sicherheit, aber er musste gleich einsehen, dass sie dazu keine Chancen hatten. So beschloss er, sich dem Unausweichlichen zu stellen und warf den Rucksack herunter, bevor er sich seinen Angreifern mit dem Ruf zuwandte:
„Was wollt ihr?“
„Gib deine Handy und dein Geld her!“ rief der eine zurück, der ihr Anführer zu sein schien.
„Komm und hol sie dir, wenn du dich traust!“ antwortete Thomas, und er wurde sich gleichzeitig bewusst, wie lächerlich das klang. Irgendwie waren die Angreifer bereits vier geworden, obwohl Thomas nicht sagen konnte, woher der Vierte aufgetaucht war. Er hatte Erikas Rucksack abgeworfen, um sich besser bewegen zu können und ging in leicht gebückte Kampfstellung.
Vicky hatte inzwischen ihr Pfefferspray aus der Tasche raus gekramt, aber bevor sie abdrücken konnte, wurde sie vom vierten Angreifer gepackt, der ihre Hand nach hinten drehte, so dass sie das Spray fallen ließ und vor Schmerz laut aufschrie. Der junge Muslim schien die Gewalt über sie zu genießen, denn er schlug sie genussvoll mit der Faust ins Gesicht, so dass sie taumelte.
Erika, die an die Wand angelehnt die Szene beobachtete und dabei vor Angst mit den Zähnen klapperte, sah mit vor Furcht wahnsinnigen Augen, wie einer der anderen Drei, die inzwischen Thomas zu Boden gezerrt hatten und jetzt auf ihn einschlugen, sich von ihnen trennte und mit aufgeklapptem Messer auf sie zukam. Im Gesicht hatte er ein fürchterliches Grinsen. Die Panik diktierte ihre Handlungen, als sie den Laptop, den sie in der Hand hielt, ihrem Angreifer mit voller Wucht ins Gesicht warf. Sie wäre am liebsten weggelaufen, wenn sie einen Fluchtweg vor sich gesehen hätte. So konnte sie nur stehen bleiben, mit dem Rücken zur Wand. Der Mann aber, der den Laptop ins Gesicht bekommen hatte, taumelte vom Schlag getroffen und stolperte über seinen Kumpel, der jetzt gerade mit seinem rechten Fuß ausholte, um Thomas in den Rücken zu kicken. Gleichzeitig fiel ihm auch das Messer aus der Hand.
Für Thomas war es ein glücklicher Moment, denn er hatte für ein paar kurze Sekunden nur einen einzigen Gegner, der voller blinder Aggression und bar jeder Überlegung handelte, wie unter einer Gewaltdroge. Gleichzeitig fiel ihm das Messer des Anderen fast in die Hand. Er erkannte sofort die Gelegenheit, ergriff das Messer und stieß es vor, in den Unterleib des Mannes, der über ihn gebeugt war. Er fühlte das Messer durch den Flanellstoff des schlabbrigen Kapuzenshirts des Mannes ins Fleisch hinein gleiten, wie in einen Laib Brot, dann zog er es mit einem Ruck nach oben, bevor er es wieder herauszog. Der Mann war so verblendet von seiner Angriffslust, dass er dass Messer gar nicht bemerkt hatte. Erst als er den stechenden Schmerz in seinem Bauch fühlte, heulte er auf wie ein verwundetes Tier.
Irgendwo in der Nähe heulte das Martinshorn eines Polizeiwagens auf.
Wie auf einen unsichtbaren Befehl sammelten sich die vier Angreifer und rannten weg. Binnen Sekunden waren sie von der Straße verschwunden, auch derjenige mit der Wunde im Bauch. Zwei der Anderen hatten ihn irgendwohin weggezerrt, aber keiner von den drei Opfern hätte sagen können, wohin.
Thomas gab seinerseits das Kommando:
„Komm, packt eure Sachen und verschwinden wir von hier!“
Damit nahm er wieder den Rucksack und sie liefen zu ihrem Wagen, warfen das Gepäck auf den Rücksitz, um keine Zeit mehr zu verschwenden. Dann sprangen sie hinein und fuhren sofort los.
Erst allmählich wurde ihnen bewusst, welcher Gefahr sie gerade ausgesetzt waren und wie viel Glück sie dabei hatten. Erika war in ihrem Inneren überzeugt, dass der Anschlag ihr gegolten hatte und dass man sie einfach umbringen wollte. Der Polizist hatte es ihr auch gesagt. Dass Unerträglichste daran war, dass sie keine Ahnung hatte, wer sie umbringen wollte und aus welchem Grund. Sie wollte nur noch aus dieser Stadt verschwinden, irgendwo weit weg sein, in einer Welt, wo diese unsichtbare Gefahr ihr nicht folgte.
Thomas aber, der einige schlimme Schläge einstecken musste, wollte unbedingt eine Wundsalbe und einiges Verbandzeug in der nächsten Drogerie kaufen. Und gleich als dies erledigt war beschloss er, noch einmal an der Stelle, wo die Schlägerei stattfand vorbei zu fahren.
„Um einen Blick darauf zu werfen, mindestens aus der Ferne“, wie er sagte. Aber da war gar nichts mehr zu sehen, weder Polizei noch Südländer oder irgendetwas, was die Spuren der Schlägerei vor noch nicht einmal zehn Minuten verraten hätte.
„Ohne meine Wunden würde ich gar nicht glauben, dass es passiert ist“, sagte er verwundert.
„Ja, aber die Blessuren sind garantiert echt“, antwortete Vicky und rieb sich ihr geschwollenes Kinn. „Ich glaube das Schwein hat mir das Kinn gebrochen“ stöhnte sie.

***

Was aber ist aus dem Promikonvertiten geworden, den Imam Dimriz für diesen denkwürdigen Freitag in der Moschee angekündigt hatte und bei dem er ganz sicher war, so bedeutende Medien wie ein Team des Regionalsenders S-TV für die Berichterstattung zu gewinnen.
Es war ein Prominenter, der bereits aus dem Fernsehen, dem ZDF und auch aus dem RTL bekannt ist. Manche seiner Fans behaupten sogar, dass er einen internationalen Bekanntheitsgrad hat, denn er hatte sogar schon einmal eine Nebenrolle in einem Hollywood-Film gehabt. Nun aber war es seit einiger Zeit still um ihn geworden. Und da solche Menschen zu einigen Opfern bereit sind, um nicht aus dem Rampenlicht abgedrängt zu werden, hatte unser alternder Star beschlossen, für seine Karriere zu kämpfen. Er hatte mit seinem PR-Berater einige Konzepte durchgekaut, so auch eine erneute Entziehungskur, eine kleine Haftstrafe und sogar die Rettung von irgendwelchen Kindern oder Walen.
„Es wird nicht funktionieren. Diese Masche ist bereits vor zehn Jahren aus der Mode geraten“, war jedes Mal der Refrain. Und beide, unser Star und auch sein PR-Berater schüttelten deprimiert den Kopf.
Unser Promi war schon dabei, sein Comeback aufzugeben und sich wieder seinem Lieblingshobby, dem Alkohol zu widmen, als eines Morgens sein PR-Berater mit drei Zeitschriften in sein miefiges, abgedunkeltes Schlafzimmer hineinplatze und die Jalousien aufriss.
„Das ist es!“ platze er heraus indem er die Zeitschriften auf das Bett war. Eine von ihnen traf die Nase unseres alternden maskulinen Schönlings, als er noch bei seinen schönsten Träumen weilte, so dass er sich von seinem Traum verabschieden musste und laut aufjaulte, wie ein Schoßhund, dem man auf den Schwanz getreten hatte.
„Was ist los? Sind deine Gläubiger hinter dir her? Oder brennt die Bude über unseren Köpfen?“ fragte er mürrisch.
„Weder, noch! Ich habe die Lösung gefunden!“ brüllte der PR-Berater wie auf Extasy. „Sieh hier!“
Damit schob er seinem Star, in den er bereits einige seiner Ersparnisse investiert hatte, eine Zeitschrift unter die Nase, auf der drei buschige marokkanische Pinselbärte an der Seite eines glattgeschniegelten Innenministers prangerten.
„Was ist das denn?“
„Das ist die jüngste Erfolgsband aus Frankreich! Eine junge muslimische Rapperband. Sie haben eine Aufnahme mit dem Innenminister gemacht, um zu zeigen, was Frankreich alles für die Integration tut. Das ist der Megahit, Mann!“ brüllte der PR-Berater begeistert. „Der Song ist erst vorgestern raus, aber bei Youtube hat man ihn bereits schon zwei Millionen Mal angeklickt.“
„Und was hat das mit mir zu tun?“ fragte dusselig der Star.
„Verstehst du denn nicht? Das ist die Lösung. Du musst zum Islam konvertieren! Dann kommst du auch wieder auf die Titelseite! Was sage ich? Dann kommst du erst richtig raus, so wie nie zuvor!“
Der Star starrte das Bild der drei Marokkaner auf der Zeitschrift an und überlegte eine lange Zeit. Dann erst winkte er ab.
„Nein, Jürgen, das mach‘ ich nicht. „Ich werde wie der letzte Depp dabei aussehen. So ein Bart steht mir gar nicht.“
„Du brauchst dir doch keinen Bart wachsen zu lassen, wenn du nicht willst. Aber wenn du mich fragst, ein hängendes Doppelkinn steht dir noch weniger. Ein Bart ist für einen Mann sogar eine Chance. Stell dir vor, was die Mädels dafür gäben, ihr Doppelkinnproblem mit einem Muslimbart lösen zu können. Stattdessen müssen sie gleich zu einem teuren plastischen Chirurgen gehen.“
Das hatte die Angelegenheit entschieden.
Unser Star fragte nur noch einmal, beim Frühstück:
„Du, Jürgen, habe ich wirklich einen Doppelkinn?“ Und als der PR-Berater es bejahte, schob er sein Schinkenbrötchen angeekelt von sich weg.
Jürgen, der PR-Berater übernahm nun den Rest. Er kümmerte sich um die Vorbereitungen, nahm Kontakt zu Imam Dimriz auf und arrangierte sogar schon einen Termin in einer kleinen, privaten Klinik für die Beschneidung.
Am Vorabend der Konvertierung saß nun unser berühmter Promipopsänger, dessen Name wir aus rechtlichen Gründen nicht verraten dürfen, an der Bar eines Fünfsternehotels und verwöhnte sich und seine Freunde zum Abschied von seinem christlichen Dasein mit ein paar auserwählten Cocktails.
Ob es die Cocktails oder die Vorhaut diejenigen wichtigen Teile seiner Kultur waren, von denen er auf einmal meinte, sich nicht mehr trennen zu wollen, kann man nicht mehr so genau sagen. Jedenfalls nahm er Reißaus und setzte sich noch am selben Abend in ein Flugzeug nach Brasilien ab, wo er sich wieder intensiver mit dem Christentum beschäftigte und zu einem begeisterter Anhänger der Pfingstkirche wurde.
Imam Dimriz musste also an seinem großen Tag diesen Verlust verschmerzen. Natürlich trauerte er seinem prominenten Konvertiten nach, aber noch mehr trauerte er dem Fernsehteam nach, der ebenfalls weggeblieben war.
Der Imam war sehr zäh in seinen Bemühungen gewesen. Er hatte sich nicht allein auf seine Nichte Güzel verlassen, nein. Er bemühte auch den christlichen Dekan Dobrig, von dem er wusste, dass er auch private Beziehungen zu der Familie des TV-Intendanten hatte. Und der Intendant blieb nicht untätig. Er hatte die notwendigen Anordnungen getroffen und im Arbeitsplan für die kommende Woche den Termin kurzfristig einfügen lassen. Leider waren alle Teams für Außenberichte bereits ausgebucht, da genau an diesem Tag ein Pokalspiel und auch noch eine internationale Messe auf dem Programm standen.
So beschloss der Intendant, den netten, strebsamen Italiener Sergio Domiani, den er für seinen jugendlichen Freund hielt, der aber eigentlich der jugendliche Freund seiner Frau war, testweise zum Produzenten zu avancieren und ihn mit dieser sensiblen Aufgabe zu belasten.
„Aber pass auf, Sergio, denn es ist eine sehr heikle Angelegenheit. Du kennst ja die politischen Auswirkungen, wenn wir etwas falsch machen.“
„Keine Sorge, Chef“, beruhigte ihn der Italiener. „Du kannst dich hundert Prozent auf mich verlassen, denn ich werde keine Fehler machen. Wir, Sizilianer kennen die Muslime sehr gut. Wir haben Jahrhunderte lang Tür an Tür mit ihnen gelebt. Wir kennen ihre Bräuche und ihre Denkweise besser als jede andere Kultur in Europa. Ja wir haben sogar einiges von ihnen übernommen.“
So beruhigt, machte sich Victor Tennewill wirklich keine Sorgen mehr.
Wie sich im Nachhinein herausstellte, hatte Sergio Domiani tatsächlich nichts Falsches gemacht, denn er hatte gar nichts gemacht.
Der Italiener hatte für diesen Tag von seinen Schicksalsgöttern nicht nur diese eine Chance, auf der Karriereleiter höher zu klettern, sondern auch noch einer anderen, in das Ehebett des Intendanten zu gelangen, die zwar nicht so hoch hinaus führte, aber nicht minder reizbar war. Man kann ja nie wissen. Es wäre nicht die erste bedeutende Karriere, die durch das Ehebett des Chefs seine Entwicklung begann. Diese zweite Chance war auch viel reizvoller, denn sie war in teurer La Perla Reizwäsche verpackt.
Man muss wirklich Verständnis dafür haben, dass der feurige Italiener Domiani beim Anblick der exquisiten italienischen, also heimatlichen Damenunterwäsche Feuer fing und sich so stürmisch für seine Kariere einsetzte, dass er nachher K.O. ausgestreckt auf der Matratze liegen blieb.
Und wer kann es ihm übel nehmen, wenn er dabei den Moschee-Termin einfach verschlief?
Als sich dann später herausstellte, dass der Star, der konvertieren sollte, Reißaus genommen hatte, kümmerte sich niemand mehr um den neuen Produzenten Domiani und um seinen Verbleib an diesem Tage.
Ja sogar der Imam Dimriz war glücklich, als er begriff, dass das Fernsehen sein Versagen nicht dokumentieren würde. Einige andere Medienleute waren dennoch gekommen. Ein Fotograf von einem Käseblatt und ein Journalist von der Dumontpresse, für den sich aber in islamkritischen Kreisen sicherlich niemand interessieren wird.

***

Otti Dobrig war mit einem Freund unterwegs nach Wiesbaden, um sich mit Daggy Palmer zu treffen. Er machte sich Gedanken über das Verschwinden seines Vaters und wusste nicht, mit wem er sonst darüber sprechen sollte. Er wollte keineswegs zur Polizei gehen, bevor er sich nicht mit jemand aus dem Netzwerk darüber beraten hatte. Er wusste nur wenig von den Tätigkeiten seines Vaters für den Verein und schon deswegen hielt er es nicht für besonders klug, gleich zur Polizei zu gehen. Seine Freunde und er standen überhaupt nicht auf freundschaftlichem Fuß mit der Polizei, um gleich mit einer solchen heiklen Frage dorthin zu gehen.
Es war viel besser, mit Daggy Palmer darüber zu sprechen und am besten nicht am Telefon, denn man konnte nie wissen, wer alles bei den Telefongesprächen mithörte. Sie hatten doch ebenfalls keine Bedenken andere Leute abzuhören, deswegen rechneten sie ständig damit, ihrerseits verfolgt, beobachtet oder abgehört zu werden.
Otti und sein Freund Nick hatten etwa die Hälfte der Strecke zurück gelegt, als sie den Anruf der Security-Abteilung bekamen. Man brauchte sie unbedingt im S. am Rhein, sagte Mario von der Security, denn die Türken hatten so ziemlich alles verpatzt, was sie nur verpatzen konnten.
„Sie waren so nahe dran und wieder haben sie sie laufen lassen“, schimpfte Mario. „Was nützt es uns, dass sie zu jeder Schlägerei bereit sind, letztendlich aber jede Schlägerei vermasseln! Sie sollten lediglich eine Frau aus dem Weg schaffen und nun haben sie sie schon zum zweiten Mal entkommen lassen. Jetzt ist diese Frau vorgewarnt und wird sich in Acht nehmen.“
Otti schnalzte mit der Zunge. Er konnte sich nicht vorstellen, was daran so kompliziert war, eine Frau wie die Erika loszuwerden.
„Wie, ist sie schon wieder entkommen? Dabei ist sie ziemlich einfallslos. Schon in der Schule war sie immer eine langweilige dumme Pute. Und diese Kanaken werden nicht mal mit so was wie der fertig? Aber sie geben ständig an, die besseren Kämpfer zu sein und wollen uns immer sagen, was wir zu tun haben.“
Mario hätte dem jungen Deutschen für das Wort Kanake am liebsten eine geschmiert. Seine Frau war eine Mulattin und er liebte sie sehr. Er lebte viel mehr in ihrer Kultur als in seiner, feierte mit ihren Freunden und in den Urlaub fuhren sie jedes Mal nach Brasilien. Mit seinen eigenen Eltern hatte er seit zehn Jahren keinen Kontakt mehr und wenn ihn jemand darauf ansprach, sagte er klipp und klar, dass er sie hasste, weil sie sich ständig nur um ihre eigene Karriere kümmerten. Ihre Kinder waren für sie wie Fremde. Er sprach das Wort Karriere immer mit besonderer Verachtung aus, als ob seine Eltern niemals etwas Nennenswertes zustande gebracht hätten. Dabei war sein Vater Musiklehrer und Gründer einer alternativen Musikschule. Seine Mutter hatte sich, nachdem sie sich scheiden ließ, um sich verwirklichen zu können, als Umweltaktivistin einen bescheidenen Namen gemacht. Die vier Kinder hatten sich immer nach einer heilen Familie gesehnt und jeder von ihnen versuchte auf seine Art eine zu finden. Mario hatte sich eine Frau ausgesucht, bei der Familie großgeschrieben wurde. Er war regelrecht neidisch auf ihre Kindheit und als er sie heiratete, tat er es vor allem, um ein Teil ihrer Familie zu werden.
„Was ist eine Beziehung?“ fragte er immer, wenn im Freundeskreis das Thema aufkam. „Es ist etwas ganz unverbindliches, aus dem sich jeder verabschiedet, wenn er keine Lust mehr hat. Eine Beziehung hat keinen Wert, egal was ihr mir erzählt. Nur in der Familie kann man sich aufeinander verlassen.“
Er hatte die Familie seiner Frau Camila adoptiert. Er mochte ihre Cousins und Onkels und kochte immer vor Wut, wenn jemand sie Kanaken, Bimbos oder etwas anderes abwertendes nannte. Und er war empfindlich, wenn jemand dumme rassistische Sprüche gegen andere Farbige benutzte. Eines Tages würde er es ihnen heimzahlen, sagte er sich. Aber seine Zeit war noch nicht da, deswegen ließ er sich nichts anmerken. Er hatte mit diesen linken deutschen Gruppen zu arbeiten, die behaupteten, den Rassismus und die Ausländerfeindlichkeit zu bekämpfen, aber selber viel rassistischer waren als ihre selbsternannten „Gegner“.
„Egal. Jetzt können wir eh nichts mehr daran ändern“, antwortete er in den Hörer. „Schade, dass ihr gerade jetzt nach Frankfurt fahrt. Sobald ihr zurück seid versucht ihr, sie zu beschatten und passt vor allem auf, denn jetzt hat sie sich den Leuten von Thomas angeschlossen.“
„Das ist halb so schlimm“, antwortete Otti. „Wir werden mit den Kerlen jederzeit fertig. Wir zermalmen sie mit dem kleinen Finger, wenn es darauf ankommt.“
„Nur seid lieber vorsichtig. Hochmut kommt vor dem Fall, wie man so schön sagt.“
Wenn Mario Otti nicht mochte, beruhte diese Abneigung auf Gegenseitigkeit. Ja, Otti fand den Mann von der Security-Abteilung womöglich noch viel widerlicher, obwohl er nicht genau sagen konnte, was ihn an dem Mann störte.
„Er ist so großkotzig, dass man es kaum noch ertragen kann!“ schnaubte er zu Nick Reißig, seinem Beifahrer. „Es würde mich nicht wundern, wenn ihm eines Tages jemand seine Fresse poliert.“
„Es würde ihm jedenfalls gut tun“, stimmte Nick zu.
„Wenn ich nicht so besorgt wegen meinem Vater wäre, würde ich es selber tun“. Otti sagte das vielmehr nur, um seine Frust abzubauen, denn er war zu schmächtig und unerfahren, verglichen mit dem gut durchtrainierten und kampferfahrenen Security-Mann. Der junge Deutsche hatte seine Kenntnisse in ein paar Rangeleien bei Linksautonomen Krawallen gesammelt, hielt sich daher für einen erprobten Kämpfer und hatte das hemmungslose Selbstvertrauen, das den jungen Männern seines Alters charakteristisch ist. Aber dennoch wäre er vor einem echten Kampf mit Mario zurückgeschreckt, denn dieser, so erklärte sich Otti seine Bedenken, kannte bestimmte Geheimkniffe, die man ihm damals beigebracht hatte, als er noch Mitarbeiter einer internationalen Sicherheitsfirma in Kenia war.
Nick war Ottis bester Freund, aber wie oft die besten Freunde sind, gab es eine gewisse Rivalität zwischen den Beiden, zumindest bei den kleinen Belanglosigkeiten des Alltags. Wenn es ernst wurde, dann hielten sie natürlich zueinander und verteidigten sich gegenseitig. Ottis Selbstüberschätzung gehörte aber zu der ersten Kategorie und Nick fühlte sich dazu verleitet, seinen Freund daran zu erinnern:
„Du bist einem wie Mario nicht gewachsen. Dazu bist du zu schwach. Was immer du über ihn sagen willst, was das Kämpfen angeht, hat der Kerl dir einiges voraus.“
„Meine Zeit wird schon noch kommen“, sagte Otti, nur um nicht gleich einknicken zu müssen.

Kapitel 10

 Nachdem Erika in Mikes Obhut sicher und unbeschadet auf dem Weg nach Frankfurt war, ging Thomas zu Vicky nach Hause, wo sie seine Wunden und Prellungen, die er bei der Schlägerei mit den jungen Südländern erlitten hatte, so gut sie konnte, versorgte. Er scheute sich zuerst, weil er ihre Familie nie besonders gut leiden konnte und das Letzte, was er sich in seiner derzeitigen Verfassung wünschen konnte war eine Begegnung mit Herrn oder Frau Tennewill. Vicky kannte seine Scheu vor ihren Eltern gut und beeilte sich, ihm zu versichern, dass niemand bei ihnen zu Hause war.
„Ich weiß, was für angepasste, grüne, gutmenschliche Spießer sie sind“, sagte sie ihm. „Aber was soll ich tun? Ich kann sie nun einmal nicht umtauschen. Wenn das Schicksal mich mit ihnen bestraft hat, muss ich sie einfach akzeptieren. Und ich gebe ehrlich zu, dass es auch Vorteile hat, reiche Eltern zu haben. Das Haus, das Taschengeld, mein Auto, das alles könnte ich nicht haben, wenn meine Eltern nicht das wären, was sie sind.“
„Ich weiß nicht, ob diese Vorteile ausreichen, um das alles wettzumachen, was sie uns allen, dem ganzen Volk, antun“, sagte Thomas verbittert, denn seine Prellungen schmerzten immer stärker. Als erstes nahm er, sobald sie in Vickys Zimmer waren, ein Aspirin. Dann erst ließ er zu, dass sie seine Prellungen einsalbte und die blutende Platzwunde an seiner Schläfe und an der Faust mit je einem Pflaster versorgte.
Nachdem all das erledigt war, machte er sich daran, seine Handyaufnahmen abzuhören. Leider waren die Aufnahmen von zu vielen Geräuschen begleitet und ihre eigenen Stimmen übertönten das Gespräch zwischen dem fremden Pfarrer und dem Kommissar.
„Siehst du, wenn mich etwas bei uns ärgert ist es das, dass wir nie den Mund halten können. Wir müssen erst lernen, uns diszipliniert zu verhalten. Den Linksautonomen würden solche Pannen nicht passieren. Sie geben sich so chaotisch und orientierungslos, aber dahinter steckt viel Disziplin. Wenn sie so eine Chance haben, dann kann man sicher sein, dass sie es nicht mit ihrem blödsinnigen Geschwätz verpatzen.“
Vicky dachte auch verbittert, dass sie noch sehr viel zu lernen hatten, denn sie waren nur klägliche Amateure, die durch die Notwendigkeit dazu gezwungen wurden, sich mit Dingen zu beschäftigen, die eigentlich die Aufgabe der Polizei und der Geheimdienste war. Aber wenn diese Organe ihre Aufgaben so kläglich vernachlässigten und die Gesellschaft schutzlos zugrunde gehen ließen, da musste man was dagegen tun, auch wenn man weder die Ausbildung noch die technische Ausstattung dafür hatte. Die Verantwortlichen ließen das Land den Bach hinunter gehen, der Feind breitet sich überall aus und saugte das Blut des Volkes, während die Befehlshaber, die das alles hätten verhindern müssen, sich nur noch darum kümmerten, ihre eigenen Taschen zu füllen, oder ihre Karrieren nicht zu gefährden. Ja, sie lebten in einer Welt, die gar nicht mehr sorglos und vergnüglich war, wie zu der Zeit ihrer Eltern.
Und was noch schlimmer war, sie waren auf sich allein gestellt, denn ihre Eltern taten nichts, sie stellten sich sogar blind, wenn sie von ihren Kindern darauf angesprochen wurden. Die Geschehnisse des Tages, mit der Schlägerei in Erikas Straße als krönender Höhepunkt, waren so ein Teil, zu der ihre Mutter nur ihre blödsinnige psychologischen Weisheiten abgeleiert hätte, dass sie allesamt nur unreife, pubertierende Kinder seien, und dass diese Entwicklungsphase in ihrem Leben eh bald vorüber sein werde. Ihr Vater hätte sie dagegen mit den vorgefertigten politischen Sprüchen seiner Partei traktiert, dass sie alle gleiche Menschen seien und gleiche Rechte hätten, egal welcher Herkunft sie auch sein mochten. Höchstwahrscheinlich hätte er ihnen sogar die Schuld an der Schlägerei gegeben, obwohl sie die Angegriffenen waren und wirklich nichts dafür konnten.
Während Vicky sich mit solchen Gedanken beschäftigte, hatte Thomas längst den Computer hochgefahren und versuchte seine Aufnahmen zu überspielen um sie dort qualitativ zu verbessern. Es waren immer noch zu viele störende Nebengeräusche zu hören, aber dazwischen waren jetzt einige Wortfetzen vom Gespräch des Polizisten mit dem Pfarrer deutlich zu hören.
„Vielleicht könnte Andrej etwas damit tun?“ fragte Vicky zögerlich.
Thomas aber war skeptisch.
„Ich glaube nicht. Andrej hat ein paar Mal gesagt, dass er mit Bilder und Videos nichts machen kann, da er sich mit den Graphikprogrammen gar nicht auskennt. Deswegen nehme ich an, dass er mit den Soundprogrammen noch weniger klarkommt. Was wir brauchen ist ein richtiger Tontechniker. Dein Vater hat sicher welche beim Sender, aber – „
Vicky unterbrach ihn auf einmal:
„Hör mal, was hat er gesagt?“
„Was?“
„Kannst du bitte zurückspulen?“
Aber Thomas hatte schon selber den Rücklauf betätigt. Er schnitt die fragliche Stelle mehrfach hintereinander zusammen. Man hörte zwischen den anderen Fetzen deutlich die Worte:
„Abrahams Gott und seine…“ sagte der eine. Und die andere Stimme: „…Ja… diesem… Abrahams Gott …“
Vicky war aufgesprungen und versuchte angestrengt, sich zu erinnern.
„Was ist los? Ich verstehe gar nichts von diesem Gebrabbel. Es gibt nichts, was irgendwelche Bedeutung haben könnte.“
„Halt‘ den Mund!“ fuhr ihn Vicky an und drehte ihm den Rücken zu, damit sie sich besser konzentrieren konnte.
Normalerweise hätte sich Thomas so eine Abfuhr von ihr nicht gefallen lassen, aber es war offensichtlich, dass sie irgendeine Spur im Kopf hatte. Vielleicht hatte sie einen Faden, den sie noch nicht am Ende packen konnte, um sich an den Rest erinnern zu können?
Sie drehte sich auf einmal um und platzte instinktiv heraus:
„Und seine Kirche! Ja, das ist es!“, rief sie, indem sie sich mit ihrer Handfläche auf die Stirn schlug: „Abrahams Gott und seine Kirche“.
„Was soll das sein?“, fragte Thomas, der immer noch nichts verstand.
„Ich weiß es auch nicht“, antwortete sie mit dem selbstverständlichsten Ton der Welt. Aber da ist etwas. Ich weiß nicht, wo ich das gelesen oder gehört habe, aber ich kenne diesen Spruch irgendwoher.“
Dann auf einmal erinnerte sie sich. Sie ging zu ihrem Kleiderschrank und warf alle Jeans auf den Boden, bis sie die eine fand, die sie am vergangenen Sonntag beim Brunch anhatte. Sie suchte alle Taschen mehrfach fieberhaft durch, bis sie den Zettel fand. Er war da, aber zuerst hatte sie ihn übersehen, denn er war in einer Ecke der Hosentasche verborgen.
„Hier ist er!“
Sie kam damit zum Thomas zurück, der sie aber gar nicht beachtete, denn er hatte inzwischen im Internet gesucht und dort einige interessante Angaben zum Verein „Abrahams Gott und seine Kirche e. V.“ selber gefunden.

Abraham‘s God and his Church
Abrahms Gott und seine Kirche e. V.

Sprachauswahl: English, Deutsch, Arabisch, Hebräisch

Thomas wählte die deutsche Sprache und gelangte hiernach auf der Startseite, mit dem leuchtenden Spruch:

„Der Gott Abrahams ist der einzige Gott“

Wir sind alle Enkelkinder des weißen Abrahams, ob Juden, Muslime oder Christen. Wir alle zusammen kennen nur einen Gott, der seine jüdischen, muslimischen und christlichen Kinder gleichermaßen liebt. Wir, die Kinder Nachfahren des Abrahams wollen unser Haus, die Erde, gemeinsam beherrschen.
Wir, Juden, Muslime und Christen feiern gemeinsam unsere Feste, ob das Passa-Fest, Ramadan oder Weihnachten. Die Versöhnung mit unseren Brüdern im Glauben ist ein Gebot eines gütigen, friedliebenden Gottes, in dessen Namen wir eine offene Religion anstreben.

Anschließend kam die Aufforderung zu Spenden, mit Kontoverbindung bei Unicredit, und auch durch Paypal.
Der Mutterverein war irgendwo in Südafrika eingetragen, mit mehreren Niederlassungen in Europa und auch in Israel. Auch in Deutschland waren einige Städte eingetragen, darunter Düsseldorf und auch Frankfurt, aber eine Adresse war zu keiner Niederlassung angegeben. Lediglich ein Postfach für Düsseldorf und eine E-Mailadresse waren alle Kontaktmöglichkeiten, die der Verein in Deutschland anbot.

***

Es war Mittwoch, ein herrlicher Tag. Einer jener Tage, von denen man bereits am Morgen erkennt, dass sie sich strahlend schön entfalten werden, ohne die kleinste Wolke am Himmel. Herr Gudweiß wusste sofort, als er die Augen öffnete, dass dies sein Glückstag war. Er hatte sich gleich nach seinem üblichen ersten Weg ins Badezimmer zu seiner Frau begeben, um mit ihr das große Ereignis zu besprechen, das auf ihn wartete, denn sie schliefen schon seit Jahren getrennt, seit jenem Tag, an dem Frau Gudweiß gedroht hatte, entweder ihn oder sich zu erschießen, wenn er nicht endlich was gegen sein unerträgliches Schnarchen unternahm.
Und da geschah gleich das erste Wunder. Sie hatten nach sechs Jahren Abstinenz wieder Geschlechtsverkehr miteinander, trotz der ärztlich attestierten Impotenz des Herrn Gudweiß. Anschließend schlief Herr Gudweiß von der Anstrengung wieder ein, und hörte nicht einmal das Telefon, als Therese Sommer-Widde mehrmals klingeln ließ, um sich zu erkundigen, ob Herr Gudweiß sich zu seinem Ritterschlag gebührend vorbereitet hätte und ihm eventuell die letzten notwendigen Instruktionen zu erteilen. Seine Frau nahm den Anruf entgegen und schlich leise aus dem Zimmer, um ihn nicht zu stören, denn es stand ihnen ein anstrengender Tag bevor und Herr Gudweiß hatte bereits eine außergewöhnliche Leistung hinter sich gebracht, sagte sie sich.
Er wachte erst kurz vor elf Uhr auf und nahm ein spätes Frühstück, während seine Frau seinen Anzug herauslegte und minutiös überprüfte, damit kein Fleck und kein Staubkörnchen, egal wie winzig klein, sich in irgendeine Falte verbergen konnte.
Währenddessen las Herr Gudweiß noch einmal seine Dankesrede in Pantoffeln und im neu angefertigten Ritterumhang, aber ohne der nach den historischen Vorbildern gemachten Kopfbedeckung, denn diese war etwas zu klein geraten und so hatte er sie dem Hutmacher zurückschicken müssen. Das war zwar ein ärgerliches Übel, aber keines dem man nicht abhelfen konnte. Frau Ritter Therese Sommer-Widde hatte versprochen, die Kopfbedeckung ihres verstorbenen Ehemannes mitzubringen, der sie ja eh nicht mehr brauchte.
Nachdem all diese Details vorbereitet und besprochen wurden und Herr Gudweiß seine Rede zweimal vor dem Spiegel wiederholt hatte, faltete er sie zusammen und das Ehepaar begab sich im 500er Mercedes nach Eberbach, wo in den Gemäuern des ehrwürdigen mittelalterlichen Klosters die Zeremonie stattfinden sollte.
Der Orden hatte für das Jahrestreffen der Gesandten das Laiendormitorium reserviert, das mit seinen romantischen Gewölben, obwohl erst im siebzehnten Jahrhundert erbaut, eine Stimmung aus der Blütezeit des Rittertums herauf beschwor. Neunundvierzig Ordensritter hatten ihre Teilnahme zugesagt, die meisten von ihnen in Begleitung ihrer Ehefrauen, um sich selber zu feiern und natürlich um die drei Neulinge in ihren Reihen aufzunehmen.
Der Raum streckte sich einladend in die Länge hin, mit den vielen Säulengewölben, die mit ihren Schattenspielen einen geheimnisvollen Weg von zwei Seiten einsäumten, der in eine vergangene Zeit hineinzuführen schienen, in der all das noch eine aktuelle, politische Bedeutung hatte, was heute die kleine Rittergemeinschaft in ihrer gespielt historischen Realityshow heraufbeschwor. Keiner von den Anwesenden empfand die Szene als eine Inszenierung, denn sie alle glaubten selber die wahrhaftigen Ritter eines echten Ritterordens zu sein. So lange sie beisammen waren, hielt der Zauber an und sie teilten alle ein gemeinsames Gefühl. Später, wenn sie sich verabschiedeten und durch die Tür gingen, gelangten sie ebenfalls wie durch einen Zauber wieder ins Heute, in ihr prosaisches Leben zurück, als Steuerberater, Anwalt, Apotheker oder Geschäftsmann, die kaum etwas aus ihrem jetzigen Gemeinschaftsgefühl in ihren von Arbeit und Verantwortung angefüllten Alltag mitnehmen konnten.
Am Ende des Ganges tauchten die drei Fahnenträger auf, mit einer blauseidenen, silberbestickten Flagge und stellten sich auf, um die Flagge hinein zu tragen. Ein Ritter am Tische des Großmeisters vorne stand daraufhin auf und schaltete einen CD-Player in der Ecke ein, aus dem eine schrille, bretonische, mittelalterliche Prozessionsmusik mit einer denkbar schlechten Akustik ertönte.
Genau so schrill und gekünstelt wie die Musik wirkte die ganze Veranstaltung, die sich über mehrere Stunden erstreckte und immer weinseliger wurde. Die eigentliche Zeremonie hatte nur etwas mehr als eine halbe Stunde in Anspruch genommen, denn zu viel gab es nicht zu berichten. Der Orden hatte ein Statut, das vorsah, überall in der Welt Gutes zu tun, Spenden zu sammeln um damit bedürftigen Menschen anderswo in der Welt zu helfen, aber das diente nur als Mittel zur Selbstbeweihräucherung, damit man sich über die gemeinsame Wohltätigkeitsarbeit freuen konnte. Nach dem Jahresbericht des Geschäftsführers und dem Kassenbericht des Schatzmeisters ließ der Großmeister, ein kleiner, von den Jahren nach vorn gebeugter ehemaliger Opernsänger die Novizen von ihren jeweiligen Patronen, die sie empfohlen hatten, vorstellen, natürlich mit den dazugehörigen Lobesreden. Diese waren so bombastisch, dass es im normalen Leben jemand schwerfallen musste, ohne rot zu werden solche Lobreden über sich selber anhören zu müssen. Der jeweilige Novize war der edelste Mensch, den man sich nur vorstellen konnte, der Tag und Nacht bemüht war, allerlei bedürftigen Menschen zu helfen.
Die größte Güte, die der Orden sich aber von den neuen Mitgliedern versprach, war ein einfacher, banaler Check, mit einem ansehnlichen Betrag darauf. Die Erwartungen waren besonders bei Herrn Gudweiß recht hoch, denn das Wichtigste, was man über ihn wissen musste, hatte Therese Sommer-Widde bereits in ihrer privaten Empfehlung an den Würdenträger mitgeteilt, nämlich dass die Gudweißes sehr reiche Geschäftsleute waren, die es kaum noch nötig hatten, das Geschäft zu betreiben und nur noch als Privatiers lebten.
Herr Gudweiß war sich vollkommen bewusst, was man von ihm erwartete, und er war auch bereit, es zu geben. Das ganze Leben war nach seiner Auffassung ein Geben und Nehmen. Wenn er das bekam, was er sich wünschte, war er auch bereit, dafür zu bezahlen.
Er wollte Bedeutung und Anerkennung innerhalb des Ordens, er wollte schnellstmöglich über den Rang des einfachen Ritter hinaus wachsen, denn wenn er etwas hasste, dann war es die langweilige Mittelmäßigkeit. Da er sein Anliegen schon im Vorfeld angedeutet und jetzt mit einem Check in vierstelliger Höhe untermauert hatte, beeilte man sich, ihn zufrieden zu stellen. Man erschuf zu diesem Zweck eigens ihm zu Liebe die Würde des Schwertträgers.
Bis dahin hatte der Orden eigentlich nur ein Schwertimitat benutzt, das der Großmeister vor vierzehn Jahren bei einem österreichischen Schmied anfertigen ließ. Aber Herr Gudweiß hatte in Anbetracht der Würde, die auf ihn in Eberbach wartete, ein echtes Schwert aufgetrieben. Es war vielmehr ein glücklicher Zufall, der ihn zu seinem Schwert brachte, als er ein paar antike Münzen bei dem griechischen Antiquitätenhändler ansehen wollte, den ihm ein alter Freund und Sammlerkollege empfohlen hatte. Aber als Achaios Simonidis ihn in sein Hinterzimmer führte, blieb sein Blick sofort auf dem Schwert haften, das wie ein verheißungsvolles Kreuz auf dem Tisch lag.
Der Griff, der aus einem mit dünnen Silbereinlagen verzierten Stahl bestand, zeigte einige interessanten Gravuren, und etwas in einer alten Schrift, die er nicht richtig lesen konnte. Manche dieser Zeichen erinnerten an bekanntem Symbole der Freimaurer, aber sie waren doch ein wenig anders, so dass man beim genaueren Hinsehen den Unterschied erkennen musste. Dicht an dem Faustschutz waren drei Steine in archaischer Goldschmiedefassung eingelassen, zwei tropfenförmige Bergkristalle, und zwischen ihnen ein blauer Stein, etwa so groß, wie der Daumennagel eines Mannes. Die Klinge selber zeigte starke Abnutzungsspuren und hier und dort waren hässliche Rostflecken zu sehen.
Der Antiquitätenhändler hatte das Schwert von einem alten Freund aus Kreta, der ihn gebeten hatte, es in Kommission zu verkaufen. Und der Preis war sehr günstig, nur sechshundert Euro. Herr Gudweiß feilschte gar nicht, sondern bezahlte den gewünschten Preis und nahm das Schwert sofort mit.
Die Ordensmitglieder, denen Herr Gudweiß das Schwert als zusätzliche Gabe bei der Gelegenheit seiner Ritterschlagung darbot, bewunderten es erwartungsgemäß, mit höflicher Begeisterung. Aber weiter weg, im ältesten Gebäudeteil des alten Klosters gab es jemand, der das heimkehrende Schwert mit viel größerer Zustimmung begrüßte. In der Gruft der ersten Ordensgründer bewegte sich eine steinerne Ritterfigur kaum merklich auf seinem, von lateinischen Buchstaben umrandeten Sockel, als Zeichen der Zufriedenheit, dass sein Schwert nach so vielen Jahrhunderten endlich zu ihm zurück gekehrt war. Das Schwert, das er auf dem Steinrelief über seinen Grab in den Händen hielt, fing an zu glühen und bekam die stählerne alte Klinge des Urbildes, mit den silbernen Drahtfäden um den Griff herum. Dicht am Faustschutz, dort, wo vorher drei kleine Steinwölbungen zu sehen waren, glühten jetzt drei Steine: zwei aus weißem Bergkristall und einer im dunklen Blau wie der Nachthimmel.

Kapitel 11

 Im kleinen Studio fand gerade eine Jubiläumsveranstaltung zur Ehre eines Frauenvereins statt, die dank ihres mutigen Einsatzes gegen Kinderehen in Afrika und Asien bekannt war. Die Veranstaltung plätscherte langweilig gutmenschlich vor sich hin.
Die Sendung wurde auf das Betreiben von Margit Tennewill initiiert, die auf dieser Art ihre Dankbarkeit für die außerordentliche Leistung von Sergio Domiani zeigte. Er hatte sich eine zweite Chance nach dem versäumten Bericht aus der Moschee erhofft und das hier war die beste Gelegenheit, ihm eine neue Aufgabe als Produzent zu verschaffen.
Die Sterne standen günstig, denn Margit war die Geschäftsführerin des Frauenvereins und als solche hatte sie, neben ihre Eigenschaft als Ehegattin des Chefintendanten noch einige zusätzliche Möglichkeiten, für die erste Produktionsaufgabe ihres südländischen Liebhabers die optimalen Bedingungen zu erschaffen.
Auf dem Podium befanden sich neben dem Landesparteivorsitzenden der Linken auch einige Podiumsgäste: Margit Tennewill, in ihrer Eigenschaft als Landesgeschäftsführerin des Vereins, zwei Feministinnen, eine evangelische Pfarrerin, eine Ärztin von „Ärzte ohne Grenzen“ und ein Fotograf waren anwesend. Der Fotograf, die Ärztin und die Pfarrerin hatten sechs Monate in Afghanistan Wohltätigkeitsarbeit geleistet. Während dieser Zeit hatten sie einige Vorfälle dokumentiert, die sie jetzt äußerst politisch korrekt, durch das Prisma des linksideologischen Multikulturalismus vor den Kameras des Senders vortrugen. Es waren nicht wenige Grausamkeiten darunter, dramatisch verpackt, um den Zuschauern die Notwendigkeit ihrer Arbeit zu vermitteln und dementsprechend einige Sponsoren zu gewinnen, ohne jedoch die politischen Befindlichkeiten ihrer Schirmherren zu reizen.
Die Filmpräsentation zeigte deswegen viele geschundene Frauen und kleine Mädchen, die von den Taliban entführt und zwangsverheiratet wurden, Frauen die ein Leben lang ihr Haus nicht verlassen durften. Der Film widmete einige Minute auch den grausamen Säureanschlägen, wenn die Frauen sich von ihren Männern trennen wollten. Und natürlich betonte man jedes Mal, dass mit nur sehr wenig Geld diese Grausamkeiten verhindert werden könnten.
Die Islamisten hatten sogar ganze Schulklassen mit Säure angegriffen, weil Mädchen dort in die Schule gingen. Eine der Höhepunkte der Grausamkeiten war eine Szene, in der ein junges Mädchen auf landestypische Art vergewaltigt wurde, weil ihr Schwager ein Polizist war, der bei der Festnahme eines Talibs mitgewirkt hatte. Die Männer filmten die Vergewaltigung mit ihren Handys und lachten dabei. Sie starb langsam und qualvoll, ohne dass man den genauen Todespunkt erkennen konnte. Als sie sich nicht mehr bewegte, übergossen die Männer ihre Leiche mit Benzin und zündeten sie an.
Eine der Feministinnen, die ältere der Beiden, konnte sich nicht mehr dazu überwinden, den Film weiter anzusehen.
„Es ist entsetzlich das auch nur anzusehen!“ entfuhr es ihr. „Wie können Menschen nur so grausam sein? Das sind keine Menschen, das sind Bestien! Männliche Bestien! Was für eine Psyche haben sie, um so was einer Frau anzutun?“
„Das passiert dort immer wieder“, sagte der Fotograf. „Das, was sie hier sehen, ist dort fast schon der Alltag.“
„Aber es ist Krieg dort!“ Margit Tennewill hatte nur ihre wissenschaftliche Erklärung zu der Frage der Feministin geben wollen, die sich wie ein Aufschrei in ihren Ohren festgefangen hatte. Die Feministin fand aber ihren Weg nicht mehr zurück zu der politischen Kompromissbereitschaft und Verständnis über die Beweggründe der Täter, wie es vor der Sendung vereinbart wurde. Sie setzte in ihrer Empörung fort:
„Wie können Sie solche Taten als normal ansehen? Und wie können Sie, Frau Tennewill, diese Grausamkeiten relativieren? Was wir hier sehen ist ein Verstoß gegen die Menschenrechte und gegen die Genfer Konvention. Man darf es einfach nicht hinnehmen, egal unter welchen Voraussetzungen es geschieht!“
Der Sender hatte die Zahl der Zuschauer genau berechnet, um einen ansehnlich vollen Saal zu haben, die das politische Thema optimal unterstreichen konnte. Sie waren eingeladene Gäste, die man ihrer Berufe wegen, oder wegen ihrer politischen Aktivitäten ausgesucht hatte. Eigentlich gehörten sie zu multikulturalistischen, pro-islamischen Gruppierungen, die sich während ihrer gesamten Karriere sehr entgegenkommend, ja verständnisvoll zeigten. Die Leiterin des Asylantenheims, zum Beispiel, die in der zweiten Reihe saß, war selber mit einem aus dem Irak stammenden Muslim verheiratet. Sie freute sich schon auf das Buffet mit dem Sektempfang nach der Übertragung. Sie hatte sich sogar ein neues Kleid für diesen Abend gekauft. Die Vorführung interessierte sie weniger, denn es gab nichts, was sie nicht schon hunderte Male gehört hätte. Die Frauen in ihrem Heim hatten immer wieder berichtet, was sie alles von ihren Männern, Vätern und Brüdern zu erleiden hatten, wie viele sogar deswegen nach Deutschland flüchteten, weil sie zu Hause in ihren Ländern von diesen Männern verfolgt, bedroht und misshandelt wurden. Aber es war halt eine andere Welt. Die Frauen selber wollten das so. Oft gaben sie die Misshandlungen als Asylgrund an und nach ein paar Monaten tauchte dann der Ehemann, vor dem sie geflüchtet waren, in Deutschland auf. Die Frauen zogen dann auch bald zu ihren Familien zurück, die ihnen viel mehr bedeutete, als alle Menschenrechte, Frauenrechte oder Integrationsprogramme, die man ihnen hier zur Verfügung stellte. Sie brachen ihren Sprachkurs oder ihre psychologische Therapien ab und zogen zu ihren Männern. Sie liebten ihre Männer und sie verziehen ihnen bereitwillig jede Art von Misshandlung. Und die Männer wussten, dass ihre Frauen ihnen alles durchgehen ließen, dass sie sie trotz allem liebten und sie als ihre Herren akzeptierten.
Dieses ganze Getue um Frauenrechte galt nur für die Öffentlichkeit in Deutschland, es war nur eine Show, die man veranstaltete, um bei Bedarf immer wieder die notwendigen Argumente zu den Menschenrechten und Verfolgungen hervorholen zu können. Und natürlich um das Budget zu rechtfertigen, das man überall brauchte.
Aber so schlimm war im Grunde alles nicht, das wussten die meisten Gäste in dem Saal. Und überhaupt, so wichtig war es nicht. Man lebte in einer Welt, in der man sich multikulturalistisch zu geben hatte. Man beschäftigte sich politisch korrekt mit solchen Fragen wie, die Integration oder die Förderung der türkischen Vereine wenn man Karriere machen wollte. Echte Kritiker des Islam waren sie nicht, nein! Kein einziger unter ihnen. Die Frauen in Afghanistan oder in der Türkei lebten weiter in ihrer islamischen Tradition, wie seit Jahrhunderten. Sie wussten nicht, was die deutschen Feministinnen und Journalistinnen über sie sagten. Und wenn die eine oder andere aufgeweckte Muslimin etwas mitbekam, dann betrachtete sie es als ein lustiges Kuriosum der abendländischen Ungläubigen.

***

Der Korridor von der Männertoilette zum Requisitenraum war nur etwa 20 Meter lang. Auf halber Strecke befand sich der Treppenaufgang des Lieferanteneinganges. Denic und Ali hatten bis achtzehn Uhr in der Männertoilette zu warten. Das war vielleicht der schwerste Teil ihrer Mission, denn sie mussten zusammen in einem engen Schrank still und unbeweglich sitzen. Vor allem, wenn jemand herein kam, trauten sie sich nicht einmal richtig zu atmen. Um achtzehn Uhr schlichen sie schließlich aus der Toilette heraus und gingen zum Lieferanteneingang hinunter, die Kapuzen ihres dunkelgrauen T-Shirts über das Gesicht gezogen. Der VW-Minibus bog gerade um die Ecke ein, fuhr lautlos vor und hielt ein paar Schritte vor dem Eingang.
Der Fahrer, ein südländischer Typ mit einem Palästinensertuch um den Hals, stieg aus, wechselte einen Gruß mit ihnen, dann ging er um den Wagen herum, machte die hintere Türe auf und holte einen länglichen Karton heraus, den er ihnen übergab. Dann stieg er ein und fuhr gleich wieder weg. Die ganze Aktion dauerte nicht länger als 30 Sekunden.
Die Zwei gingen mit dem Karton in den Requisitenraum. Denic blieb dort und wartete, während Ali wieder hinunter ging und die Türe einen Spalt aufmachte. Unachtsame Passanten hätten nichts verdächtiges bemerkt, nicht einmal fünf Minuten später, als vier dunkle, unauffällig vermummte Gestalten sich durch die Straße hinauf, zu der Lieferantentür bewegten uns schnell wie ein Wiesel hinein huschten.
Bis sie zum Requisitenraum kamen, hatte Denic bereits den Karton ausgepackt, die Patronenbehälter alle geladen und die Waffen aufgesetzt. Sie nahmen jeder eine Waffe in die Hand, außer Ali, der seine Waffe von Denic tragen lies, denn er hatte keine Hand frei. In seiner Rechte hielt er ein Jagdmesser und in der Linken eine Pistole.
So bewaffnet gingen sie zu den vier Eingängen des kleineren Veranstaltungssaals des TV-Senders S-TV und rissen die Türen auf. Die Türsteher ließen sich erschrocken überrumpeln. Ali setzte dem Mann, einem Bulgaren, den er beim Eingang fand, gleich das Messer an die Kehle und zog es mit einer kurzen Handbewegung von links nach rechts. Das Blut spritzte meterweit in den Raum hinein. Als er seine Hand wegzog, brach der Mann zusammen. Dann machte er einige Schritte nach vorne. Das Blut tröpfelte von seiner Hand und von seinem Messer auf das Boden. Die Zuschauer, die am Gang saßen, zogen sich entsetzt zurück, als ob er irgendwelche gefürchtete Giftstrahlen um sich verbreiten würde und sie fürchteten, von diesen Strahlen erfasst und vergiftet zu werden.
Die anderen Drei hatten unterdessen die geplanten Stellungen bezogen und kontrollierten mit ihren Kalaschnikows den Raum vollkommen. Es waren insgesamt etwa sechzig bis achtzig Leute im Studio anwesend, die Kameraleute mit eingerechnet.

***

Ali kam langsam und gemächlich vor, bis er die Empore erreichte und ins volle Licht der Kameras trat. Der technische Manager hatte ganz unauffällig die Werbung eingeschaltet, so dass die Zuschauer vor den Fernsehgeräten nur die ersten Sekunden mitbekommen hatten. Viele rätselten, ob dieser Terroranschlag echt oder nur eine von den vielen verrückten Realityshows war. Omar, einer der anderen Männer ging zur Glaswand, hinter der sich die Techniker befanden und zitterten. Er schoss eine Salve in die Glastür, einfach so aus Spaß oder vielleicht, weil er sich Respekt verschaffen wollte, bevor er eintrat, dann ging er zum Tisch des Produzenten.
Sergio Domiani wurde bei jedem Schritt, den Omar auf ihn zu tat, blasser und blasser. Seine empfindliche Blase hatte nachgegeben. Auf seiner hellen Khakihose breitete sich ein dunkler Fleck aus, dann lief das Wasser langsam am Rande des Stuhls herunter und tröpfelte geräuschlos auf den dunkelgrauen, industriellen Teppichboden, mit dem die Kabine ausgelegt war. Omar sah mit großer Genugtuung, wie sich der dunkle Urinfleck auf dem Boden ausbreitete. Er genoss seine unendliche Macht über diese kleine ungläubige Ratte, die so viel Furcht vor ihm hatte. Wenn er wollte, konnte er ihn mit einer Bewegung seines Fingers auspusten und der Mann wusste es. Aber er ließ sich noch Zeit damit.
Er spulte die Aufnahme zurück und auf dem großen Bildschirm, wie auch auf den kleinen Monitoren erschienen die letzten Minuten, die sowohl live übertragen, wie auch aufgezeichnet wurden. Es war seltsam, surrealistisch, wie die Anwesenden mucksmäuschenstill, um ihr Leben zitternd diese Bilder jetzt ansahen und die Worte hörten, die die Talkgäste vor nicht einmal zehn Minuten so unbesorgt in die Kamera hinein sagten.
Margit Tennewill, jetzt grün vor Angst, sah der anderen, selbstbewussten Margit Tennewill auf dem Bildschirm zu, wie sie gutgestylt, jugendlich sexy, sagte:
„Aber es ist Krieg dort!“
Die Worte klangen jetzt hohl und lächerlich. Die Wiederholung unter diesen radikal anderen Umständen führte die ganze Kleingeistigkeit und Weltfremdheit vor, die vorher im Saal geherrscht hatte. Denn der Krieg war jetzt bei ihnen angekommen und sie mussten ihn genau so ertragen, wie sie es zuvor den anderen Opfern, den fremden Gesichtern im Bericht zugemutet hatten.
Ob die Welt da draußen ihre Furcht und ihr Leid mitfühlen wird? Oder werden die Zuschauer es genau so abtun, wie zuvor sie selber? Die Experten werden sich wahrscheinlich sofort zur Wort melden und den Zuschauern verdeutlichen, dass es sich um einen sehr bedauerlichen, entsetzlichen Einzelfall handelte, der sicherlich so, in dieser Form nie wieder geschehen könnte. Und es war nur die Tat von ein paar fehlgeleiteten radikalen Islamisten, die man nicht verallgemeinern dürfe.
Einer dieser Islamisten, der das Kommando zu haben schien war inzwischen, bis zu den Talkgästen vorgedrungen. Es war Ali, der immer noch mit Pistole und Jagdmesser bewaffnet, sich den zitternden Gästen auf der Bühne näherte.
Margit Tennewill erkannte in dem Mann, der sich wie eine haarige Bestie mit dem von Blut triefenden Messer näherte, den Mann von damals an der Tankstelle. Nicht am Gesicht, nein. Das war gar nicht möglich, denn er war genauso wie die anderen fünf mit einer schwarzen Skimütze und einem Palästinensertuch maskiert. Es war das Messer und die Hand, die das Messer hielt. Es war dieser seltsame eiserne Ring und ein kleiner, etwa zwei Zentimeter großer Teil einer Tattoos, das aus dem Ärmel seines Kapuzenshirts herausragte, wenn sein Daumen sich über das Messer spannte.
Er hatte, wie der ganze Saal, diese Szene auch beobachtet und er stellte sich jetzt vor sie hin:
„Ja, richtig Schätzchen: Es ist Krieg und du kannst ihn erleben. Jetzt gleich“, sagte er, während er seine Hose aufmachte.
„Du wirst es genießen.“
Dabei verzog er die zweite Silbe des Wortes „genießen“ in die Länge und in die Höhe. Gleichzeitig gingen auch seine Mundwinkel in die Höhe, während die Lippen immer schmaler und länger wurden. Der Mann beugte sich über sie und das grinsende Gesicht, mit der Maske über den Augen kam immer näher. Sie versuchte instinktiv nach hinten auszuweichen, bis sie auf dem Couch fast zu liegen kam. Aber je weiter sie sich zurückzog, umso überwältigender breitete sich der Körper des Südländers über sie, mit den vielen kleineren und größeren blauschwarzen Haarbüscheln auf seinem Leib, wo er seine Hose heruntergelassen hatte.
„Halte die Kamera darauf, damit wir alle ein wenig Spaß haben“, brüllte Omar lachend aus der Kabine der Technik. Dabei besann er sich und prüfte, ob man auf Sendung war. Als er sah, dass der rote Knopf abgeschaltet und stattdessen die Werbung grün leuchtete, packte ihn die Wut.
„Du kleine Ratte!“ zischte er Domiani an. Gleichzeitig sauste der Kolben seines Gewehrs auf das Kinn des Produzenten herunter, während er mit der anderen Hand bereits die Schaltung betätigte. Dann verkündete er laut:
„Jetzt sind wir auf Sendung. Allahu Akbar! Ihr Ungläubigen da draußen, in der ganzen Welt! Ihr müsst unsere Forderungen hören! Ihr habt den Islam beleidigt und das Wort des Propheten, Friede sei mit Ihm, verspottet. Ihr habt gegen uns, Muslimen den Kampf geführt und unsere Länder verwüstet. Wir wissen, was ihr Ungläubigen Christen uns angetan habt und wir werden es euch vergelten. So wie dieser Frau hier, so wird es allen euren Töchtern und Frauen ergehen, wenn ihr euch nicht zum Islam bekehrt. Wir werden so lange gegen euch Kämpfen, bis die ganze Welt sich dem Willen Allahs dem Allmächtigen unterwirft und bis alle nach der Scharia leben. Allahu Akbar!“
Seine Freunde im Saal riefen im als Antwort zu:
„Allahu Akbar!“
„Jetzt kannst du loslegen!“ rief er anschließend auf Arabisch seinem Freund Ali zu. Die Kamera hat dich voll im Bild.“
Draußen in vielen kleinen aufgeräumten Wohnzimmern, mit gehäkelten weißen Spitzendecken auf dem Beistelltisch und dem buntgemusterten orientalischen Teppich darunter, sahen die Bürger zu und murmelten ihr „Allahu Akbar“ automatisch als die obligate Antwort. Auch die Frauen unter ihnen.

***

In einer Frankfurter Wohnung saßen drei Männer zusammen und taten besonders konspirativ. Sie hatten sich bis dahin nie verstecken müssen, denn sie waren sich jedweder Unterstützung seitens der Behörden sicher, auch wenn diese Tatsache geheim gehalten wurde. Sie hatten nicht selten dem einen oder anderen Politiker mit ein wenig Krawallkundgebungen geholfen, seine Linie durchzusetzen, wenn die Bürger oder die politischen Konkurrenten anders nicht zu überzeugen waren.
Das Spiel war bis dahin immer so einfach und überschaubar gewesen! Sie hatten es immer selber angeführt und hatten sich daran gewöhnt, immer die Fäden unter Kontrolle zu halten! Wenn mal irgendetwas dumm gelaufen war, dann hatten sie diese bestimmte grüne Nummer angerufen und im Handumdrehen waren die legalen Helfer da, wichtige Politiker, zusammen mit dem Pressefotograf und dem Journalisten der nächsten Zeitung. Oder bei Bedarf eben die Anwälte und die Ärzte, die dafür sorgten, dass die Polizei keine Chance hatte, sie festzunehmen.
Auf diese Art stellte man sicher, dass man im ganzen Land nur nach der eigenen Auslegung über einen Vorfall berichtete. Und wenn es nötig war, war ein Rechtsbeistand und ein Arzt sofort an der Stelle, der attestieren konnte, dass die Polizei „besonders brutal“ vorging und der „unschuldige Demonstrant“ „schlimmste Verletzungen“ erlitten hatte.
Aber all diese Tricks und Maschen halfen bei dieser jetzigen Klemme nichts, denn es fehlte Otti die Übersicht. Der Dekan Dobrig war nicht auf einer Aktion gegen die Rechtspopulisten verschwunden. Nein. Was immer ihm zugestoßen ist, es war auf dem sichersten Boden, sozusagen bei einem Heimspiel, Mitten in der Moschee, unter den Augen eines Journalisten und eines Pressefotografen verschwunden!
Und seitdem blieb er wie vom Erdboden verschluckt. Die ganze Sache war unheimlich. Noch schlimmer machte es, dass ein guter alter Freund seines Vaters, der Onkel Lipschitz, der seinerzeit in der DDR gelebt und die damalige Welt noch kannte, mit ihm ein langes Telefonat geführt und sie mit ähnlichen Geschichten traktiert hatte, aus der Zeit des Genossen Mielke, wie er sagte.
„Manchmal verschwanden auch Mitglieder der Partei auf Nimmerwiedersehen, wenn sie jemandem im Weg waren. Ja, mein Junge“, nickte Onkel Lipschitz, um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen, „nicht nur Dissidenten wurden nach Bautzen gebracht. Da war auch noch mancher, der nichts dafür konnte.“
Ursula weinte sich die ersten Tage ihre kleinen Taubenaugen rot und klammerte sich an jede Hoffnung. Nach und nach fand sie sich mit der Situation ab und arrangierte sich in ihrer kleinen Welt, zwischen ihrem Haus, ihren Freundinnen und ihrem Hund.
Sie glaubte nicht an ein politisches Verbrechen, denn das überstieg ihre Vorstellungsmöglichkeit. Sie lebte in einer heilen Welt und ihr Mann hatte immer nur Gutes getan, immer nur Gott gedient. Warum sollte ihn jemand aus dem Weg räumen wollen? Nein, so etwas passierte in den Krimis oder in den fernen Ländern, aber nicht in der Bundesrepublik, nicht in der Gesellschaft, in der sie lebte. Wenn ihr Mann verschwunden war, dann musste es gute Gründe dafür geben. Vielleicht musste er auf diese Weise jemand helfen? Wer weiß. Gottes Wege sind unerklärlich, tröstete sie sich. Er wird in ein paar Tagen wieder auftauchen, dessen war sie sicher.
Sie weinte immer noch, denn sie schämte sich auch vor ihren Freundinnen und auch vor den Mitgliedern der Gemeinde, dass sie jetzt allein war, ohne ihren Mann. Was werden die Leute über sie denken? Die Menschen in ihrer Umgebung sahen sie mitleidig an und glaubten, dass ihr Mann mit einer anderen Frau weggelaufen war. Die Menschen sind manchmal richtig böse, sagte sie sich. Wäre nicht der Hund gewesen, hätte sie am liebsten gar nicht mehr das Haus verlassen. Aber zum Glück gab es den guten alten Hektor, einen grauen Terrier. Und so war sie gezwungen, jeden Tag mit Hektor Gassi zu gehen. Sie ging jeden Morgen mit geröteten Augen und ihrem Hund die Straße entlang, bis zum Rhein hinunter, dann über die Brücke, bis zum Einkaufsgelände und zurück bei der Moschee, um Abends wieder genau dieselbe Strecke umgekehrt zu laufen.
Sie bildete schnell ein neues Alltagsleben, das noch grauer, noch bedeutungsloser war, als ihr vergangenes Leben, als Hausfrau an der Seite ihres Mannes.
Otti dagegen musste immer wieder an die Worte des Onkel Lipschitz denken und die Furcht nagte an ihm. Er gab sich die größte Mühe, seine Befürchtungen zu verdrängen, aber sie kamen auf heimtückische Weise zurück und zwar dann, wenn er am wenigsten mit ihnen rechnete.
„Andererseits kann es aber auch sein, dass dein Vater in etwas verwickelt war, von dem du keine Ahnung hast“, meinte Daggy. „Guck mal, ich habe in meinem Blog diesen Aufruf gemacht, wie du mich gebeten hast. Da waren einige Leute an diesem Tag dort in der Moschee. Unter ihnen auch dieser Fotograf von eurer Lokalzeitung. Er hat uns eine Mail geschickt, in der er schreibt, dass er deinen Vater zuletzt mit Erika gesehen hat und mit dieser blonden Frau. Es ist dasselbe, was uns auch Rabbi Yoda gesagt hat.“
Otti überlegte sich diesen Aspekt, aber es wollte für ihn gar nicht zusammen passen.
„Ganz ehrlich, mein Vater ist zu feige, um sich in etwas verwickeln zu lassen. Er ist nicht die Sorte, die den Helden spielt und zu seiner Überzeugung steht, wenn er sich bedroht fühlt“.
Daggy Palmer ließ ein sarkastisches „Ähm!“ hören. Ottis Beschreibung passte vollkommen zum Dekan Dobrig, da gab es keinen Zweifel.
„Du gibst dich keinen großen Illusionen hin, was deinen edlen Erzeuger angeht! Aber es könnte sein, dass du dich irrst. Manchmal kommt es vor, dass solche übervorsichtige Menschen wie er, sich verschätzen und in etwas hinein geraten, was ein mutigerer, erfahrenerer Genosse vorsichtig vermieden hätte. Wenn sie unversehens in irgendwelcher Schwierigkeit stecken, verlieren sie plötzlich den Kopf und finden nicht mehr heraus. Und die Chefs, schlau wie sie sind, lassen solche kleine Hasen ohne Warnung zu Bauernopfer werden wenn es ihnen Vorteile bringt.“
Nick, der ja nicht zu den Schnelldenkern gehörte, wollte noch einmal mit ihnen durchgehen, was der Rabbi Yodda, ihr wichtigster Augenzeugte, von dem ominösen Freitag in der Moschee berichtet hatte.
„Was hat eigentlich der Rabbi über deinen Vater und Erika gesagt?
Er sah zu Otti hinüber, von dem er eine Antwort erwartete, aber statt ihm übernahm es Daggy, der ja erst einen Tag zuvor mit dem Rabbi gesprochen hatte.
„Er sagte, dass der Dekan während der Zeremonie in der Moschee die Schahada aufgesagt hat.“ Dabei nickte er, um seinen Worten noch größere Bedeutung zu geben. „Das hört sich gar nicht gut an, Otti, wenn du mich fragst.“
„Warum ist das nicht gut?“ wollte Nick wissen.
„Weil es das islamische Glaubensbekenntnis ist und wenn es jemand aufsagt, bedeutet es, dass derjenige zum Islam konvertiert ist. Genau so, wie bei den Christen die Taufe: Wenn jemand sich taufen lässt, ist er dadurch zum Christ geworden. Es ist eine offizielle Handlung, wie zum Beispiel das Ehegelübde, oder eine Zeugenaussage vor Gericht oder so was ähnliches.“
„Und warum soll das schlecht sein?“
„Na, hör mal!“ rief Otti aus. „Mein Vater ist doch ein evangelischer Pfarrer. Kapiert? Er bekommt sein Gehalt von der evangelischen Kirche dafür, dass er ein Christ ist und das Christentum predigt, nicht den Islam.“
„Na und? Kann er nicht gleichzeitig Christ und Muslim sein? Ich sehe nicht ein, warum man nicht beides sein kann, wenn wir sowieso alle nur einen Gott haben.“
„Ich habe gar keinen“, wehrte Daggy ab, denn er war ein überzeugter Atheist. „Aber ich finde die Sache mit Erika viel schlimmer. Der Rabbi sagt, dass die Türken irgendwas gegen sie haben. Sie steht bei ihnen auf der schwarzen Liste, sagte er.“
„Warum? Das verstehe ich selber nicht“, sagte Otti. „Sie hat alles getan, um ihnen zu gefallen. Sie hängt nur noch mit den Türken ab. Ihre beste Freundin ist diese Türkin, sie ist voll verliebt in Hakan, sie ging zu ihnen in die Moschee und ihm zuliebe ist sogar zum Islam konvertiert. Sie hat alles Erdenkliche getan, um ihnen zu gefallen. Und all das soll nicht reichen? Was wollen sie noch mehr von ihr?“
„Der Rabbi wusste das auch nicht“, sagte Daggy.
„Oder er sollte es nicht wissen!“
„Oder er wollte nicht!“, bekräftigte Daggy Ottis Zweifel. Sie trauten beide dem Rabbi genau so wenig, wie dieser ihnen. Sie wussten, dass ihre Interessen manchmal miteinander verflochten waren, denn der Rabbi vertritt die Interessen des Zentralrates der Juden und dieser stand im Interessenbund mit den politischen Kräften, von denen Daggy und seine Freunde ihre Weisungen erhielten. Aber andererseits konnten sie nie vergessen, dass der Rabbi ein Jude war, dass er mit anderen Gruppen verbunden war, wie der Finanzwelt in New York oder den Unterstützern Israels, den Zionisten. Das Herz der drei Freunde schlug natürlich immer für die Palästinenser. Auf diesem Gebiet konnten sie nie vergessen, dass die Juden zu den Erzfeinden der Linken zählten.
Deswegen unterstützten sie sich gegenseitig mit dem Rabbi, aber gleichzeitig hielten sie immer einen gewissen Abstand und prüften jedes Mal vorsichtig, wenn er ihnen half, ob nicht etwa irgendwelche verborgenen jüdischen Interesse dahinter standen.
„Jedenfalls haben wir die Fotos, die uns der Fotograf vom Stadtanzeiger geschickt hat. Aber bitte behaltet für euch, dass ihr diese Bilder gesehen habt, denn er hat mich schwören lassen, dass wir sie niemandem zeigen. Er hat diese Aufnahmen versteckt aufgenommen und wenn die Muslime Wind davon bekommen, dass er dort fotografiert hat, ist er erledigt. Er kann deswegen seinen Job verlieren.“
Otti zog sich einen Hocker neben Daggy´s Computerstuhl und sah sich die Fotos eines nach dem anderen an, wie sie Daggy durchklickte.
„Noch schlimmer. Wenn jemand das rauskriegt, kommt dieser Fotograf auf die Todesliste der Muslime. Und wenn sie einmal etwas gegen ihn haben, dann ist es egal, ob er noch seinen Job bei der Zeitung behält, oder rausfliegt.“
„Höchstwahrscheinlich“, bestätigte Daggy.
Sie waren damit beschäftigt auch die Aufnahmen der blonden Frau zu finden, von der ihnen der Rabbi und der Fotograf erzählt hatten, aber sie konnten nirgendwo etwas entdecken, was der Beschreibung auch nur annähernd entsprach. Egal wie sie die Aufnahmen um Erika vergrößerten, den Kontrast verschärften, oder die dunklen Schatten aufhellten, da war keine Spur von irgendeiner blonden Frau.
„Vielleicht hat sie auch ein Kopftuch getragen, wie all die anderen?“, mutmaßte Nick.
„Ja, das könnte sein“, meinte Daggy.
„Aber woher wussten die Anderen dann, dass sie blond war?“ zweifelte Otti. „Irgendwie müssen sie ihre Haare auch gesehen haben.“
Sie prüften nun auch die Frauen mit Kopftuch, aber sie fanden nicht, wonach sie suchten. Daggy legte die Hand auf das Telefongerät, um den Fotografen noch einmal anzurufen und nach ihr zu fragen. Genau in diesem Moment klingelte das Gerät in seiner Hand. Der Anrufer, einer seiner Mittblogger, klang sehr aufgeregt:
„Mann, schalte sofort S-TV ein!“ rief er.
Daggy lehnte es zuerst wegen seinen Gästen ab, aber der Anrufer bestand darauf, dass er es auch seinen Gästen zeigen sollte.
„Der Sender ist von Islamisten besetzt und da ist ein Anschlag im vollen Gange!“ rief es aus dem Hörer. „Sie vergewaltigen gerade die Frau des Intendanten!“
Otti hatte inzwischen mit einem Satz das Fernsehgerät erreicht und auf den Knopf gedrückt, noch während Daggy in der chaotischen Wohnung die Fernbedienung suchte.

Kapitel 12

Fischer hatte ursprünglich für den nächsten Monatsanfang seinen Jahresurlaub geplant. Zuerst wollte er einen Taucherurlaub auf den Malediven oder in Ägypten buchen, aber die Lage war inzwischen in diesen Ländern derart angespannt, dass er von diesem Plan Abstand nahm.
Darüber hinaus machte er sich in der letzten Zeit Hoffnungen auf ein kleines Abenteuer mit Dorina. Eine richtige Beziehung wünschte er sich nicht, denn er war ein eingefleischter Junggeselle. Man brauchte die Frauen, denn ohne sie war das Leben nicht lebenswert. Aber Fischer war nicht bereit, seine Unabhängigkeit für eine Frau aufzugeben. Er wollte seine Freiheit behalten und er wollte keine Verantwortung im Privatleben für andere Leute übernehmen. Er hatte genug davon im Beruf, sagte er sich. Ab und zu ein kleines Abenteuer von ein, zwei Monaten war genau das richtige Maß, um seinen Bedarf nach Liebe zu decken. Die schönste Zeit war eh immer nur der Anfang in jeder Beziehung, die Zeit die man genießen konnte.
Er hatte sich mit Dorina bereits dreimal getroffen und sie telefonierten fast jeden Abend. Wenn alles klappte, musste ihre Beziehung bis zu seinem Urlaub genau richtig herangereift sein. Sie könnten vielleicht gemeinsam irgendwohin für ein paar Tage verreisen oder wenn Dorina nicht frei bekommen konnte, dann mindestens für ein verlängertes Wochenende.
Er hatte ihr auch schon Andeutungen gemacht, obwohl noch sehr zurückhaltend, weil man mit solchen Dingen nicht mit der Tür ins Haus fallen sollte, sagte er sich. Er hatte ihr von Rom erzählt und auch von Wien, um sich heranzutasten, was ihr lieber wäre.
„Ich würde mir auch einmal gerne Warschau ansehen“, sagte er zu ihr und hoffte damit eine heimatliche Seite in ihr zu berühren.
In den letzten Tagen sah es aber eher so aus, als dass er derjenige sein könnte, der keinen Urlaub bekam. Matthäus sprach sogar schon davon, die Kollegen vom Urlaub zurückzurufen und wenn es nötig war, wollte er sogar die Frührentner zurück beordern.
Früher hatten die Innenminister in den verschiedenen deutschen Bundesländern immer wieder vom Stellenabbau bei der Polizei gesprochen. Aber das gehörte der Vergangenheit an. Bei der gespannten Lage würde nur ein Verrückter auf solche Ideen kommen, noch mehr Stellen abzubauen. Im Gegenteil, man fing an von neuen Stellen zu sprechen. Es war auch nötig, denn sie schafften es trotz aller Überstunden nicht mehr, die Arbeit halbwegs zu erledigen.
Es passierten jeden Tag so viele Dinge, dass sie die meisten Anzeigen gar nicht mehr verfolgen konnten. Sie kümmerten sich nur noch um die wichtigsten Sachen, wie diese Morde bei der Moschee.
Sie hatten einige Verdächtige festgenommen, aber sie mussten sie wieder laufen lassen, denn man hatte nichts Konkretes gegen sie in der Hand.
Die Fäden führten immer wieder zum mysteriösen Imam Hafiz, aber Matthäus weigerte sich, ihn festnehmen zu lassen. Er sagte, dass er zunächst lückenlose Beweise gegen den Mann bräuchte, bevor er einen Haftbefehl gegen ihm unterzeichnet.
Der Imam hatte ganz sicher etwas mit den Morden zu tun. Das war nach den Aussagen der Zeugen sonnenklar. Und auch die Spuren, die sie bis dahin sichergestellt hatten, deuteten meistens auf den Imam. Aber er hatte mächtige Beschützer. Und auch ohne diese Hintermänner konnte es sich der Staatsanwalt nicht leisten, einen Fehler mit dem Imam zu machen, denn die Medien hätten ihn sofort zerrissen, wenn die Gründe nicht hieb- und stichfest zu belegen waren.
Sie mussten unbedingt den kleinen dicken Mann finden, von dem mehrere Zeugen sagten, dass man ihn öfters mit Imam Hafiz gesehen hatte. Imam Dimriz hatte den kleinen Mann auch schon im Vorfeld des Überfalls an der Jüdin und dem Griechen gesehen, wie dieser mit Imam Hafiz gesprochen hat. Imam Dimriz wollte bei seiner Aussage natürlich zuerst nichts davon erwähnen. Aber sie hatten einen V-Mann in der Moscheegemeinde, der den Imam belauscht hatte, wie dieser mit einem Gemeindemitglied über den dicken Mann mit dem Goldzahn gesprochen hatte. Auch so hatte es eine ganze Weile gedauert und Fischer musste ihm mit der Ausweisung aus Deutschland drohen, um seine Zunge zu lockern. Erst als Fischer ihm die Formulare zeigte, war der Imam bereit, darüber zu sprechen:
„Der Mann mit dem Goldzahn hat ihm Befehle gegeben. Er gibt Befehle und Imam Hafiz führt sie aus“, sagte der Imam und streckte dabei beide Arme vor sich hin, mit den Handflächen fragend nach oben gerichtet. „Ich frage Sie, wer ist er? Ist er ein Islamist? Ist er ein Mann vom Geheimdienst?“
„Warum sollte er vom Geheimdienst sein? Von welchem Geheimdienst?“
„Ich weiß nicht. CIA? Mossad? Oder von einem arabischen Staat? Ich weiß nichts. Aber ich habe Angst vor ihm. Der kleine Mann ist kein guter Mann“, sagte der überzeugt.
„Warum soll er kein guter Mann sein“, wollte Fischer wissen. „Was hat er getan oder gesagt, dass Sie das glauben?“
„Nichts. Er hat nichts getan. Aber es ist etwas Böses in seinen Augen. Etwas, dem man nicht trauen darf“, sagte der Imam mit seinem stark türkischen Akzent.
So suchte die Polizei überall nach dem kleinen Dicken. Aber da war etwas Seltsames mit dem Gesuchten: Obwohl es viele Zeugen gab, die den kleinen Mann gesehen hatten, war er auf keinem der Fotos oder Videoaufnahmen darauf. Es gab einige Bilder, denn nicht nur der Fotograf vom Tagesanzeiger hatte Aufnahmen gemacht, sondern auch der Moscheeverein selber hatte ein Video von der Feier gemacht.
Imam Dimriz war kein Feind der Fotos und Videos, wenn diese nicht gerade die rituellen Handlungen zeigten, wie etwa die Menschen beim Gebet.
Von dem Mann mit dem Goldzahn konnte man jedoch keine Spur finden. Die Leute wussten nicht einmal mehr zu sagen, ob er etwas angefasst, getrunken oder gegessen hatte. Und es waren sehr viele Leute in der Moschee anwesend gewesen, so dass Fingerabdrücke oder eine Suche nach DNS-Spuren überhaupt keinen Sinn machten.
Der einzige, der den kleinen Dicken besser kannte, war anscheinend nur der Imam Hafiz. Er verleugnete es aber, er wollte zuerst gar nicht zugeben, mit ihm gesprochen zu haben. Als man ihm sagte, dass mehrere Zeugen ihn dabei beobachtet hatten, gab er es widerwillig zu, behauptete aber zuerst, dass er ein Gast des Imam Dimriz gewesen sei, dann korrigierte er sich, dass es ein Geschäftsfreund von Faisal Edal sei und dann wiederum behauptete er, dass er ein Gast aus der Türkei war.
Alles Lügen, sagte sich Fischer. Für heute reichte es ihm. Die Türken können bis morgen warten, beschoss er, und teilte Goretzki mit, dass er heute früher Feierabend machen wollte.
„Mach nur“, antwortete sein Kollege. „Du hast es dir mit all den Überstunden in den letzten Tagen reichlich verdient.“
Als erstes rief Fischer bei Dorina an.
Sie erzählte ihm gleich voller Freude, dass ihre Tochter aus Spanien zurückgekehrt sei. Sie war sehr euphorisch und merkte kaum, dass Fischer ihre Freude nicht teilte.
„Meine Tochter ist heute nach Hause gekommen, aus Barcelona“, erzählte sie gleich. „Sie ist mit ihrer Ausbildung dort endlich fertig. Ich freue mich so sehr, mein kleines Mädchen wieder bei mir zu haben. Sie hat mir richtig gefehlt.“
Dorina hing sehr an ihren Kindern. Auch wenn sie sich in anderen Dingen des Lebens sehr fortschrittlich gab, als Mutter war sie sehr altmodisch, hatte sie immer gesagt. Sie liebte ihre Kinder und sie wollte sie am liebsten immer in ihrer Nähe haben, ihre Tochter gar noch mehr als ihren Sohn. „Mein Sohn ist ein Mann, weißt du?“, erklärte sie Fischer. „Und die Männer müssen immer gehen, denn es zieht sie in die Welt hinaus. Die Frauen aber brauchen ein Zuhause, sie brauchen Wärme und Familie.“
„Ich kenne einige Männer, die das genau so brauchen. Da ist hier ein Mann, der sehr gern ein wenig Wärme hätte“, neckte sie Fischer.
Er war etwas enttäuscht, denn er hatte sich den Abend anders vorgestellt. Er hatte gerade beschlossen, während sie weiter plapperte, gleich nach dem Telefonat eine Pizza zu bestellen und den Abend vor dem Fernseher zu verbringen, als sie auf einmal sagte:
„Komm doch vorbei. Ich mache uns allen was Gutes zum Essen.“
„Das geht nicht. Du wirst sicher mit deiner Tochter allein bleiben wollen. Ihr habt Euch viel zu erzählen, heute am ersten Tag.“
„Mach dir keine Sorgen. Sie hat auch einen Freund eingeladen, so ist es gut, wenn du auch kommst. Sie wird sich sicher mit ihrem Freund, mit diesem Andrej unterhalten und dann ist es besser, wenn ich auch jemand für mich hier habe.“
So duschte er sich, kaufte unterwegs bei einem Weinhändler einen französischen Wein – er hatte lange zwischen einem Moselwein und einem französischen gezögert, bis der Burgunder das Rennen machte – und stellte sich bei ihr ein.

***

Der Abend fing sehr angenehm an. Sonka war ein nettes Mädchen und ihre Rückkehr nach sechs Monaten aus Spanien bot genug Gesprächsstoff, um die Atmosphäre aufzulockern, während Dorina mit dem Abendessen in der Küche beschäftigt war. Sonka unterschied sich in vielen Sachen von ihrer Mutter. Dorina hatte viel von der osteuropäischen Volkseele bewahrt. Sie hielt es für selbstverständlich, in verschiedenen Situationen die passenden Gefühle zu zeigen.
Sonka benutzte ihre osteuropäische Herkunft manchmal auch, um sich ein wenig andersartig, interessant zu machen, aber wenn jemand auf ihr Spiel näher einging, dann gab sie es gleich auf, weil sie im Grunde weder über Rumänien noch über Polen viel mehr sagen konnte als ein durchschnittlicher Tourist.
Sonka hatte für esoterische Sachen gar kein Interesse. Sie betrieb es vielleicht ab und zu als ein Partyspiel, wenn andere Leute dabei waren und man damit Spaß hatte. Ihr sagten vielmehr Computerspiele mit mythischem oder esoterischem Inhalt zu, mit ein paar erfundenen Gruselgestalten darin, die man aber mit der Maustaste beherrschen und lenken konnte. Sie liebte Diabolo, Ghost oder Drachenwächter – die Prophezeiung.
„Heute hat mir ein Mann im Zug eine DVD gegeben, eine Demo-Version von einem neuen Spiel, das Sigurds Schwert heißt. Es ist ein dreiäugiges Schwert darauf abgebildet, das man suchen soll und wenn man es gefunden hat, kann man damit die Welt retten, hat mir der Mann gesagt. Ich bin sehr gespannt auf das Spiel“.
Ihr Freund, Andrej, machte den Eindruck, ein unkomplizierter, gescheiter junger Mann zu sein. Er klingelte genau in der Sekunde an der Tür, als Dorina mit dem Essen fertig war und laut sagte: „Jetzt könnte dein Freund Andrej kommen“. So hatten sie alle einen guten Witz um darüber zu lachen und Dorina einen Grund um von Telepathie zu sprechen.
Das Abendessen war gut gelungen, auch wenn es ein wenig schwer im Magen lag. Es war eine Art polnisches Nationalgericht.
„Es nennt sich Bigos“, erklärte Dorina. Eine Art Schweinegulasch gemischt mit Pilze und Sauerkraut.“
Nach dem Essen machte sie einen italienischen Espresso. Es war aber eher ein türkischer Kaffee. Fast dasselbe wie Mocca, aber weniger geschmacksintensiver und mit mehr mehligem Kaffeesatz darin.
„Man muss die Tassen umdrehen, wenn man den Kaffee getrunken hat“, erklärte sie.
„Warum soll ich meine Tasse umdrehen?“ wunderte sich Fischer.
„Sie will dir die Zukunft lesen“, sagten Sonka und Andrej gleichzeitig.
Fischer verfolgte die Vorbereitungen mit skeptischer Miene, denn die Hellseherei passte gar nicht zu seiner nüchterneren Denkweise eines Kriminalbeamten. Er merkte, dass der junge Freund Sonkas genau so skeptisch dreinsah und zu einem gewissen Zeitpunkt sogar laut sagte:
„Für mich brauchst du das nicht zu machen, danke. Mach es für Roland, wenn er will, aber ich mache mir meine Zukunft selber. Ich brauche sie nicht aus einer leeren Kaffeetasse zu erfahren.“
Fischer wollte sich dem gleich anschließen und seinerseits verkünden, dass er es ebenso wenig brauche, aber Sonka winkte sie beide ab:
„Lasst sie nur machen. Es schadet euch nicht und es macht Spaß.“
„Was ist der Spaß daran? Ich sehe nichts, was mir…“
Sonka nahm seine Hand und sah ihn bittend an:
„Wenn du kein Spaß hast, dann mach es für uns. Mama hat ihre Freude daran und sie hat sich auf diesen Abend sehr gefreut. Sieh hin, wie viel Mühe sie sich gegeben hat, alles für uns vorzubereiten.“
Diese Art überraschte Fischer, der sie jetzt beide, Mutter und Tochter, verstohlen beobachtete. So viel Rücksichtnahme von einem Jungen Mädchen auf ihre Mutter war ihm ungewöhnlich und es beeindruckte ihn auf eine angenehme Weise. Er war ganz anderes gewöhnt, denn bereits in seiner Generation hatten er und seine Freunde die Eltern nur noch auf Distanz gehalten, als notwendige Übel, die ihnen die finanzielle Mittel, den Wohlstand zur Verfügung zu stellen hatten, aber sonst keinerlei Respekt und keine Liebe verdienten, weil sie zu einer Welt gehörten, die Schuld an allem war, wogegen sie sich auflehnten. Man hatte sie in der Schule damit erzogen, dass die Generation ihrer Eltern die Schuld an dem fürchterlichen Krieg und an dem Holocaust trug. Und die heutige Jugend, das wusste er aus seinem Beruf, war noch schlimmer. Die Eltern waren die Prellböcke, die Fußabtreter, die „Alten“, die „verbohrten Spießer“, die nervten wenn sie nicht schnell genug und nur zu wenig Kohle rausrückten.
Und hier saß ein hübsches junges Mädchen vor ihm, gescheit und bewundernswert weltoffen, die ihre Mutter mit Respekt und Rücksichtnahme behandelte, auch wenn diese sich mal in etwas Albernem verfangen hatte, wie diesen Kaffeesatzhumbug, womit sie sich jetzt gerade beschäftigte. Er war so beeindruckt, dass er sofort nachgab und Dorina seine Tasse mit der größten Zuvorkommenheit überreichte. Ja, er bat sie sogar, nachher ihm ihre Tarotkarten zu zeigen, von denen sie früher immer wieder erzählt hatte. Er hatte bis dahin jedes Mal abgelehnt. Nun wollte er sich auch die Karten zeigen lassen, damit er die Stimmung des Abends nicht zerstörte.
Er konnte sehen, dass der junge Mann ähnlich dachte. Er war genau so unter den Zauber des Mädchens geraten und durch das Mädchen auch unter den der Mutter. Sie bildeten alle zusammen einen kleinen, innigen Kreis, der harmonisch und fröhlich war. Sie glaubten nichts, mussten es auch nicht, denn niemand forderte es von ihnen, aber sie taten alle so, als ob. Und Dorina las ihnen kleine pfiffige Sätze aus dem dunklen Kaffeesatz heraus, die sie sicherlich schon unzählige Male anderen Zuhörern vorgesagt hatte, bei anderen Gelegenheiten. Sätze, die lange Generationen von Frauen vor ihr ebenso anderen Zuhörern vorgesagt hatten. Es ging immer um die Liebe, Eifersucht, Geld, Wege, Glück, um Feind oder Freund. Manchmal auch um Krankheiten, um Reisen und Ähnliches.
„Du musst sehr aufpassen, Roland“, sagte sie zu ihm. „Ich sehe hier eine große Gefahr, in der du geraten wirst. Es ist in drei Punkten.“
„Ein Kunststück!“ platzte Andrej damit laut heraus, was sie alle dachten, aber für sich behielten: „Er ist doch ein Polizist. Sicher kommt er ständig in gefährlichen Situationen“.
„Stimmt das?“ fragte daraufhin Dorina besorgt. Sie saß so süß, so hinreißend aus, als sie sich um ihn Sorgen machte, dass er sie am liebsten geknuddelt hätte. Es war so lange her, seitdem sich jemand um ihn gesorgt hatte, dass er das Gefühl schon längst vergessen hatte. Es war etwas neues, es wärmte seine Seele. Komisch, dachte er sich, denn früher hätte er nie so einen Ausdruck benutzt. Er hatte aus Prinzip vermieden, so zu sprechen, als ob der Mensch eine Seele hätte.
Der Abend war einfach zauberhaft, und er wünschte sich, dass er nie enden möge. Dorina holte ihre Tarotkarten und breitete sie vor ihnen aus, während Sonka ihren Laptop auf den Tisch stellte und Andrej die DVD gab, die sie am Vormittag von dem Mann im Zug erhalten hatte.
„Es sieht interessant aus“, stellte Andrej fest, bevor er sie überhaupt ins Laufwerk hinein schob. „Ich bin mal gespannt.“
„Ist es so eines von diesen Aktionsspielen?“ fragte Fischer, der vom Computerspiel des Mädchens mehr interessiert war, als vom Kartenspiel der Mutter.
„Ja, so eine Art Phantasy, glaube ich. Mit alten Göttern und Sagen und so. So habe ich es zumindest verstanden, als der Mann im Zug es mir gab. Aber er hat wenig gesprochen, er war irgendwie…„
„Wie?“
„Ich kann es gar nicht sagen. So merkwürdig im Gesicht. Fast so, als ob er selber einer von diesen Gestalten aus dem Spiel wäre. Und dann ging er gleich weg.“
„Wie Arnold Schwarzenegger?“ fragte Roland, denn ihm fiel bei der Beschreibung des Mädchens automatisch der österreichische Schauspieler ein.
„Wer zum Henker ist das denn?“ fragte Sonka verdutzt.
„Das war ein Schauspieler, bevor du geboren wurdest“, klärte Dorina sie auf. „Jetzt lebt er irgendwo in Amerika.“
„Er war damals sehr berühmt und er spielte solche Rollen, wie der Mann, von dem du sprachst“, übernahm jetzt auch Roland die Rolle des ältlichen Lehrers, denn er besann sich wieder, dass das Mädchen und der Junge vor ihm einer neuen Generation angehörten, für die solche Filme wie Conan der Barbar bereits zu den Altertümern der Filmgeschichte gehörten.
„Egal, ich kenne ihn nicht“. Winkte Sonka ab. „Und der Mann ist nicht so wichtig. Er ging weg und ich werde ihn nie wiedersehen.“
Andrej, der die DVD in das Notebook gesteckt und inzwischen auch gestartet hatte, forderte ihre Aufmerksamkeit für das Spiel, so dass sie sich von Roland abwandte und gespannt den Bildschirm verfolgte.
Roland kehrte zurück zu Dorinas Kartenspiel, das vor ihm auf den Tisch ausgebreitet wurde, während sie ihm geduldig die Karten eine nach der anderen erklärte:
„Die Hohepriesterin, das bin ich“. Sie hob die Karte vielsagend in ihrer Hand, während sie ihm einen gekonnt aufreizenden Blick aus den Augenwinkeln ihres leicht geneigten Gesichts zuwarf.
„Ja, sie ist sehr hübsch“, nahm Fischer ihr Spiel auf, und gab ihren Blick zurück. „Und was muss ich dabei tun?“
„Nichts. Du musst nur zuhören.“
„Die Karten sind nicht zum spielen, sie sind fürs Zukunftsdeuten“, warf Sonka von der anderen Seite des Tisches dazwischen.
Dorina zeigte ihm die einzelnen Karten und gab dazu ihre Erklärungen: Der Stern, der Turm, was sie bedeuteten, wie man sie in Formation legen und nachher die jeweiligen Bedeutung interpretieren musste. Ihre angenehme Stimme plätscherte dahin, ohne dass er ihr zu aufmerksam zuhörte. Ab und zu drangen Fetzen der Konversation von der anderen Seite zu ihm:
„… ich gebiete allen, mir zuzuhören… hohen Herren und…„
Er nahm ein Schluck Wein und achtete wieder auf die Karten, denn Dorina forderte jetzt wieder seine Aufmerksamkeit für sich:
„Das hier ist die Drei der Schwerter, und das der Teufel“, sagte sie. „Wenn sie neben einander stehen, das ist sehr schlecht“.
Von der anderen Seite des Tisches murmelte es:
„…hohe Herren und… und niederes…“
„…niederes Volk! Volk muss es heißen.“
„Aber was bedeutet das hier? Andrej zeigte auf etwas, das klein und unsichtbar sein musste, denn Sonka beugte sich ganz nahe zu ihm hin, um besser sehen zu können.
„Es ist so was wie… ich weiß nicht. Ich glaube, du musst etwas dort suchen. Das Schwert, vielleicht. „Versuch einmal Schwert mit drei Augen einzugeben. Vielleicht ist es das?“
„Nein, das passt auch nicht“ sagte Andrej. „Wie kommst du darauf?“
„Vielleicht Schwert mit drei Karfunkeln? Oder probier mal Sigurds Schwert. Der Mann im Zug hat zu mir von Sigurds Schwert gesprochen.“
„Warum sagst du es dann nicht richtig? Das passt! Sigurds Schwert ist gut!“
Dorina zeigte Fischer ihrerseits gerade die Karten der Schwerter und sie fuhr hoch, als sie die anderen Zwei auch von einem Schwert sprechen hörte:
„Was? Habt ihr dort auch Schwerter in eurem Spiel?“
Fischer benutzte sofort die Gelegenheit um vom Tarot weg zu kommen und eine allgemeine Unterhaltung mit allen Vieren anzuschüren:
„Das ist ja interessant. Wir haben hier auch ein paar Schwerter. Wie heißt euer Schwert?“
„Unserer ist ein Schwert mit drei Augen“ antwortete Sonka.
„Warum sagst du nicht richtig Sigurds Schwert?“, wies sie Andrej zurecht? „Du musst es richtig sagen, so wie es da steht.“
Dorina aber fand, dass alle Schwerter von Computerspielen nur bedeutungslose Unterhaltungszubehör waren, verglichen mit ihren Tarotkarten, die dazu bestimmt waren, das Schicksal der Menschen in sich zu tragen, und sagte etwas pikiert:
„Ach was, das ist dort nur ein Spiel! Aber das hier ist dein Schicksal!“ Sie zeigte mit dem Finger nachdrücklich auf die Karte und sagte betont: „Das hier ist der As der Schwerter! Das ist die stärkste… „
Das Licht ging mit einem Knall aus und draußen war das abstellen eines Summens auffällig zu hören, als der Geschirrspüler in der Küche seinen Geist aufgab. Auch das kleine Wasserspiel in der Ecke des Wohnzimmers hatte den Dienst quittiert, denn es funktionierte ebenso elektrisch. Und die Fische im kleinen Aquarium mussten sich gleichfalls der Dunkelheit hingeben.
Nur aus dem Notebook blitze es wütende Strahlen heraus, die das Zimmer in ein unheimliches, bläulich schneidendes Licht einhüllten. Und aus den Lautsprechern des Notebooks sagte eine wütende Stimme, die sich nur ungenügend zügelte, um nicht ganz auszurasten:
„Schweig! Schweig du unnützes, dummes Weib! Ich sage, was richtig und was falsch ist! Es gibt nur ein richtiges Schwert! Das ist mein Schwert, das Schwert des Sigurd! Das müsst ihr suchen, mein Gram mit den drei funkelnden Augen.“
Das Notebook stürzte ab und wurde dunkel.
Fischer sammelte sich zuerst und suchte gleich nach dem Verteilerkasten, um die Sicherungen einzuschalten. Dorina stand in der Mitte des Zimmers und blickte sichtbar verwirrt um sich.
„Was war das?“ fragte sie.
„Nichts. Wahrscheinlich war dieses blöde Spiel schuld daran, dass die Sicherungen rausgeflogen sind“, beruhigte sie Fischer, der inzwischen den Strom wieder eingeschaltet hatte, so dass das Licht jetzt wieder anging und alle Geräte ihren surrenden Betrieb wieder aufnahmen.
„Und wieso ist dann dein Computer nicht ausgegangen?“
„Das ist ein Notebook, Mama. Das funktioniert mit einem Akku.“
„Aber der Akku steckt auch in der Steckdose“, sagte Dorina immer noch irritiert.
„Macht nichts“, jetzt ging Andrej auch hin um sie zu beruhigen. „Der Akku ist wie eine Batterie.“
Damit fanden sie sich zuerst alle ab, um Dorina nicht noch mehr zu beunruhigen. Denn die unheimlichen Worte hallten noch in ihren Köpfen, und sie konnten nicht vergessen, wie bedrohlich wütend sie klangen. Die Wut des Sprechers, wer immer dieser war, richtete sich scheinbar gegen Dorina.
Sie gaben gegenseitig Zeichen und Winks, um nicht weiter zu sprechen. Sonka lenkte bewusst ab, indem sie ein Eis als einen zweiten Nachtisch vorschlug. Fischer wollte zwar keinen, aber er willigte sofort ein, genau wie Andrej. Während Dorina in der Küche beschäftigt war, machten sie schnell unter einander aus, dass Andrej das Notebook mitnahm und es zu Hause gründlich untersuchte, um das Geschehene, so weit es möglich war, aufzuklären.
Denn er war, genauso wie Fischer, überzeugt, dass diese Sache eine ganz nüchterne, logische Erklärung hatte. Irgendwer hatte sich mit ihnen ein Scherz erlaubt und er werde es herausfinden. Fischer sah ihn zweifelnd an, aber Sonka beruhigte ihn:
„Mach dir keine Sorgen, Roland“, denn sie hatten sich gleich vom ersten Moment darauf geeinigt, sich zu duzen. „Andrej ist einer der besten Programmierer, die es gibt. Er arbeitet als Sicherheitsberater fürs Internet bei einem der größten Unternehmen der Welt. Wenn etwas in einem Computer herauszufinden ist, dann wird er es finden.“

Kapitel 13

Nach dem Anschlag auf den Sender musste der Ausnahmezustand über die Stadt ausgerufen werden, um die kochende Atmosphäre einigermaßen zu beruhigen und die Lage unter Kontrolle zu bringen. Die Stadt zerfiel in verschiedene Ghettos und Stadtteile, die immer mehr auseinander drifteten, wenn sie sich nicht gar öffentlich anfeindeten. Die Grenzen zwischen ihnen waren unsichtbar, aber sie waren da und niemand übertrat sie, wenn er nicht unbedingt musste.
Dort, wo eine Ethnie in größerer Zahl lebte, stellte sie Bürgerwehre auf, die in der Nacht auf Patrouille gingen. Solche Bürgerwehre überwachten des Nachts die Straßen im Türkenviertel, bei den Italienern und auch bei den Russen. Diejenigen aber, die in geringerer Zahl in der Stadt lebten, sperrten abends ängstlich die Tür ihres Hauses ab und blickten hinter ihren dichten Jalousien heraus, wenn immer ein ungewohntes Geräusch draußen auf der Straße zu hören war.
Die Deutschen, vor allem die älteren Bürger, sahen all dem hilflos zu. Es gab zu wenig junge Männer, und diese waren auch nicht aus dem Holz geschnitzt, aus dem man Bürgerwehre macht. Die meisten von ihnen konnten es nicht mit ihrer Gesinnung in Einklang bringen, denn sie wurden für eine andere, bessere Welt erzogen, in dem alle Kulturen in Frieden miteinander lebten. Wie durch einen bösen Zauber wurden sie jetzt in diese andere Welt geworfen, in der die Behörden und die Gesetze niemanden mehr vor der Gewalt beschützen konnten, aber sie klammerten sich immer noch hilflos an beides: Behörden und Polizei.
„Die Polizei! Das ich nicht lache!“ sagte Goretzki verbittert. „Sie haben so lange die Befugnisse der Polizei eingeengt, Stellen abgebaut und uns lächerliche, erzieherische Aufgaben in Kindergärten und Schulen zugeteilt, bis wir jetzt mehr Psycho-Kindergärtnerinnen und Lehrer als wie Polizisten aufstellen könnten.“
„Ja, echt!“ nickte Willy der Wirt. „Neulich erzählte mein Enkelsohn, dass drei Polizisten bei ihnen im Kindergarten waren und den ganzen Tag mit ihnen spielten. Er sagte zu mir, Papa, weißt du, der Polizist hat mir gezeigt, wie ich über die Straße gehen muss, wie ich meine Hand ausstrecken muss, wenn ein Auto kommt und alles. Ich habe es schnell gelernt, weil du mir das schon vorher gesagt hast. Aber Emine wusste es nicht. Zwei Polizisten haben es ihr so oft gezeigt und sie konnte immer noch nicht richtig über die Straße gehen.“
Willy tippte dabei mit dem Finger auf die Stirn:
„Die haben einen Vogel, die bei euch so etwas veranlassen, das sag ich dir, Markus. Wenn die bei mir eingebrochen haben, da hat die Polizei nichts getan. Es war sonnenklar, wer es getan hat, aber die sagten, sie können nichts tun, weil sie keine Beweise haben. Ich frage dich wie einen ehrlichen Menschen, für den ich dich halte: Ist es die Aufgabe der Polizei, Kindergartenkinder zu erziehen oder Einbrecher zu jagen?“
Noch vor kurzer Zeit hätte Goretzki und auch Fischer lautstark protestiert, aber jetzt war ihre Stimmung im Keller. Alle Kollegen hatten längst resigniert, denn sie fühlten sich hilflos. Die Politiker und die Medien hatten sie nach dem Einsatz im TV-Sender gegen die Terroristen zuerst einmal lautstark kritisiert und verteufelt, als ob sie, die Polizei daran Schuld wären, dass der Anschlag überhaupt stattgefunden hatte.
„Diese hirnlosen Schafsköpfe fordern jahrelang Datenschutz und keinen Überwachungsstaat. Sie haben uns dazu veranlasst, die Überwachungskameras überall in der Innenstadt und am Bahnhof abzuschalten, weil sie es nicht mit ihrem Recht auf Datenschutz vereinbaren konnten. Sie fühlten sich zu sehr beobachtet, wenn sie in die Innenstadt gingen, um die Sau raus zulassen, beim Kiffen oder auf dem Babystrich und dem Schwulenstrich. Deswegen mussten wir alle Kameras abschalten. Und jetzt wo das passiert ist, wo die gnädige Frau Dr. Tennewill und die andere Feministin vor den Augen der halben Welt von den Türken vergewaltigt wurden und noch zwei Menschen umgebracht wurden, da schreien auf einmal alle Gutmenschen nach uns und kritisieren uns, dass wir unsere Arbeit nicht richtig tun. Aber wie soll man denn noch arbeiten, wenn sie uns ständig alles verboten haben und beim kleinsten Verstoß sofort mit Disziplinarverfahren und Verlust der Pension oder sogar mit Haftstrafen drohten? Ein türkischer Gewaltverbrecher kann einen totschlagen und ihm passiert nichts. Er kommt höchstens für zwei Jahre in den Knast und wenn er rauskommt, dann ist er ein noch größerer Pascha als vorher. Aber wenn ein Polizist auch nur einen dieser Kerle verletzt, riskiert er seine ganze Kariere. Kein Polizist traut sich, unter solchen Umständen richtig zu arbeiten, denn man muss sich ständig in Acht nehmen. Und diese Schweine haben auch noch immer und überall Kameras dabei, so dass sie uns ständig filmen. Aber wir dürfen sie nicht filmen, denn das ist sofort ein Verstoß gegen den Datenschutz, nicht wahr?“
Sie saßen zusammen im Weißen Ochsen, dem einzigen Ort in der Stadt, wo sie sich noch trauten, so offen zu sprechen. Einfach so, wie einst am Stammtisch, ohne dass jemand kam und sie deswegen gleich zu Nazis machte.
Fischer war genau so verbittert, wie sein Kollege. Es war klar, dass die Rädelsführer hinter dem Anschlag in der Moschee zu suchen waren. Man hatte dort gleich nach dem Anschlag eine Razzia durchführt, ja man breitete sogar Hausdurchsuchungen in all den anderen Moscheen in der Stadt vor. Man hatte auch einige Leute festgenommen, darunter auch den Neffen des Imam Dimriz, Hakan. Aber gleich am nächsten Tag musste man ihn wieder laufen lassen, denn die Türken schickten gleich mehrere Anwälte, die alle möglichen Tricks auf Lager hatten. Auch die Araber hatten einige Anwälte geschickt, um ihre Leute heraus zu boxen, die wahrscheinlich von Faisal Edal bezahlt wurden. Und der Türkische Konsul hatte sofort angerufen und für den nächsten Tag seinen Besuch angekündigt. Und um allem den Deckel darauf zu setzen, hatte sich auch die Regierungspartei gemeldet.
„Sogar der Intendant Tennewill hat uns sagen lassen, dass wir die Ermittlungen taktvoll, mit Rücksicht auf die politische Lage zu führen haben. Kannst Du dir das vorstellen?“ fragte Fischer den Wirt im Ton der verzweifelten Empörung. Dieser hielt nun seinen Bauch vor Lachen.
„Ich glaube das nicht Mann! Ich kann gar nicht mehr vor Lachen! Sie vergewaltigen seine Frau vor laufender Kamera und er fordert euch auf, dass ihr taktvoll zu denen seid?“
Goretzki bestätigte es auch:
„Wenn ich ihn nicht selber gehört hätte, hätte ich es nie geglaubt. Aber ich war da, als er das zu Matthäus sagte. Nur er und Matthäus und ich, sonst hat es niemand gehört.“
Komm, Junge, ich bringe dir einen Wein, damit du bessere Laune kriegst. Der geht aufs Haus.“
Fischer hatte Goretzki gebeten, mit ihm zum Mittagessen in den Weißen Ochsen zu gehen, weil er mit ihm über das seltsame Videoprogramm sprechen wollte, das er bei seinem Besuch bei Dorina gesehen hatte. Er hatte bis dahin kaum Zeit gehabt, sich um das seltsame Computerspiel zu kümmern, aber er machte sich ernsthaft Sorgen darüber.
Als nüchterner Mensch, der an keinerlei Wundersachen glaubte, tat er sich ein wenig schwer mit dem Anfang.
„Es ist genau dasselbe, wie das, was du bezüglich dem Intendanten Tennewill sagtest: Wenn du nicht dabei gewesen wärst, hättest du es nicht geglaubt. Nun, mir ist etwas Ähnliches passiert oder vielleicht etwas noch schlimmeres: Ich war dabei, aber ich kann es immer noch nicht glauben. Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll. Dorinas Tochter ist diese Woche aus Spanien zurück gekehrt und im Zug wurde sie von einem Kerl angesprochen, der ihr eine DVD gab. Sie sagte, dass er so ein großer blonder Kerl war, wie der Schwarzenegger im Film Conan der Barbar. Ich war bei ihnen am Mittwochabend zum Abendessen eingeladen, genau an dem Tag, als Sonka nach Hause kam.“
„Dann war das der Grund, warum ich dich am Mittwoch nirgendwo erreichen konnte, als der Anschlag auf den Sender passierte? Ich habe es überall versucht, denn Matthäus hat gesagt, dass wir jeden sofort anrufen sollen, den wir nur erreichen können.“
„Ja, ich war bei ihr.“
„Sie scheint dich richtig zu mögen.“
„Ich hoffe es.“
Früher sprachen sie eher selten über ihre Beziehungen obwohl sie schon seit Jahren zusammen in einem Büro arbeiteten. Aber in den letzten Tagen war es schwierig geworden, das Private vom Beruflichen zu trennen.
„Dieses Computerprogramm, von dem ich dir erzählen will, ist ein Spiel. So ein Computerspiel, irgendwas mystisches, vielleicht so eine alte germanische, oder keltische Saga. Sonka hatte einen Freund zu sich eingeladen, einen Russen, oder Ukrainer, der heißt Andrej und kennt sich mit solchen Computersachen gut aus. Sonka sagt, dass er einer der Besten in seinem Fach sei. Dieser Andrej hat das Spiel gestartet und sie mussten irgendwelche Hürden absolvieren, oder Sachen finden – na ja. Du kennst diese Spiele.“
„Nicht besser als du. Wann habe ich schon Zeit für Computerspiele?“
„Ich auch nicht. Aber egal. Jedenfalls haben sie dort etwas zusammengekriegt, so dass sie auf eine höhere Stufe kamen, oder wie man es nennt. Sie sollten ein Schwert finden. Ein Schwert mit drei Augen. Ich war mit Dorina beschäftigt, denn sie hatte mir genau zu dieser Zeit ihre Tarotkarten gelegt.“
„Aha!“ schmunzelte Goretzki.
„Nix aha! So weit sind wir noch nicht!“ wehrte sich Fischer. „Jedenfalls sagte Dorina abwertend, dass das Computerspiel nichts Ernstes sei und schmälerte es, verglich es mit ihren Karten, die magische Kräfte hätten und die Zukunft zeigten.“
„Was sonst soll ein Computerspiel sein?“
„Na ja, ich weiß nicht. Da blitzte es auf einmal auf und eine wütende Stimme schalt böse gegen Dorina, als ob sie eine Gotteslästerung begangen hätte.“
„Das muss ein geniales Programm sein. Jemand hat sich einen üblen Scherz mit dieser Frau erlaubt. Jemand, der die Familie kennt“, gab Goretzki seine Meinung dazu. „Du sagtest, dass sie geschieden ist. Vielleicht war es sogar ihr Exmann?
„Der ist verreist, irgendwo in den Himalaya, zusammen mit dem Sohn.“
„Er hätte es trotzdem sein können. Vielleicht hat er jemanden beauftragt? Oder ein Freund der Familie? Der Kinder?“
„Nein, das glaube ich nicht. Denn das war noch nicht alles. Auch der Strom war genau in diesem Moment ausgefallen.“
„Aber wie habt ihr dann das Computerspiel hören können? Oder war es ein Notebook?“
„Ja es war ein Notebook. Und genau das hatten wir auch Dorina gesagt, um sie zu beruhigen. Sonka hat ihr gleich gesagt, als sie danach fragte, dass es mit dem Akku weiterlief. Aber der Akku war nicht drinnen. Sie hatten das Kabel direkt ins Netz gesteckt. Andrej hatte mich mit einem Zeichen darauf aufmerksam gemacht, so dass ich es selber sehen konnte. Ich bin gleich zum Verteilerkasten gegangen um den Strom wieder einzuschalten. Die Hauptsicherung war heruntergeklappt. Es gab keine Erklärung, wie das Notebook weiterlaufen konnte, denn zu dieser Zeit war die ganze Wohnung ohne Strom, bis ich ihn selber wieder eingeschaltet hatte.“
„Tz!“ Goretzki schnalzte mit der Zunge: „Seltsam, das muss man zugeben. Ich hätte mir das Notebook näher ansehen wollen.“
„Wir wollten Dorina nicht beunruhigen, aber Andrej hat es mitgenommen. Er will sich sowohl das Notebook wie auch dieses Spiel näher ansehen, hat er mir gesagt.“
„Kennst du ihn?“
„Nein, eigentlich nicht. Ich habe ihn am Mittwoch kennengelernt. Nachher will ich mich noch mit ihm treffen.“
„Du hast doch sicher in unsere Datenbank reingeguckt?“
Fischer grinste verlegen, dann aber fuhr er fort:
„Ja, das habe ich. Weißt du, wer er ist? Er ist mit der Tochter der Tennewills befreundet. Sie hängen in einer Clique rum. Es gehören noch ein oder zwei solche Leute in diese Gruppe. Und es sind auch einige junge Leute aus Frankfurt mit dabei.“
„Oh je. Das wird immer bunter“, seufzte Goretzki. „Weißt du übrigens, dass deine Freunde auch dieser Erika Dietmann geholfen haben, aus der Stadt zu verschwinden?“
„Ist sie weg?“
„Ja, sie ist auch weg. Genau am selben Tag, am Mittwoch. Einer aus der Gruppe deines neuen Freundes nahm sie nach Frankfurt mit, wenn es stimmt.“
Goretzki verstummte und blickte vor sich hin. Er brauchte zuerst noch ein Glas Wein, bis er sich dazu entschließen konnte, sein unheimliches Erlebnis seinem Kollegen zu berichten:
„Wenn wir schon ehrlich miteinander über solche übersinnlichen Erfahrungen sprechen, dann habe ich auch etwas zu erzählen, was dein Computerspiel vielleicht noch toppen kann: Ich glaube, ich kenne den blonden Riesen aus deinem Computerspiel. Ich hatte ihn nämlich vor ein paar Tagen selber getroffen. Er hat mein Leben gerettet, wenn ich ehrlich bin. Ein paar Türken oder Araber haben mich überfallen und… “
„Das hast Du gar nicht berichtet?“
„Ja, ich weiß, es ist ein amtliches Vergehen und mindestens eine Abmahnung wert. Aber ganz ehrlich, keiner von uns hätte über so eine Begegnung berichtet, denn alle Kollegen hätten lieber die Abmahnung als die Klapse riskiert. Wie sollte ich schreiben, dass ich des Nachts unterwegs von einem Freund zu meinem Wagen von drei Südländern überfallen und zu Boden geschlagen wurde und dass ein blonder Riese auf einmal wie aus dem Nichts auftauchte sie alle wie Conan aus dem Film in zwei Sekunden zusammenschlug und verjagte und dann genauso wieder verschwand, wie er zuvor aufgetaucht war: Aus dem Nichts kam er und ins Nichts ging er wieder zurück.“

***

Dieses mal brachen die Krawalle mit voller Wucht aus. Nicht in S. am Rhein, denn hier war es nicht einmal mehr möglich, gemeinsame Kindergeburtstage mit einer größeren Zahl von Kindern zu feiern, so intensiv waren die polizeilichen Maßnahmen, die über die Stadt verhängt wurden. Aber dreißig Kilometer weiter südlich, auf dem Parkplatz eines großen Handelskomplexes trafen sich die männlichen Jugendlichen verschiedenster Ethnien nach Absprachen in den Sozialnetzwerken.
Über achthundert Menschen verschiedener Zugehörigkeit gingen mit äußerster Brutalität aufeinander los, bewaffnet mit Messern, Ketten, Schlagringen, Baseballschlägern, Pfefferspray und sogar mit einigen Schusswaffen. Die Polizei hatte zwar in Facebook von der geplanten Schlägerei Wind bekommen, konnte sie aber dennoch nicht verhindern.
Der Konflikt begann mit einem Streit zwischen ein paar Griechen und Türken, wegen einem dummen Wortwechsel in einem You tube Video über Atatürk. Die Türken haben die Griechen in eine Falle gelockt und sie gnadenlos verdroschen.
Dreißig Türken standen gegen nur neun Griechen, so dass die letzteren keine Chance gehabt hatten, heil davon zu kommen. Sie sagten, dass man die Mordlust der Feinde in deren Augen sehen konnte, dass die Türken nur gekommen waren, um zu töten. Sie konnten nur wie durch ein Wunder entkommen, denn einige bulgarische Gastarbeiter und auch ein paar Serben kamen ihnen zur Hilfe. Das wiederum veranlasste die Kosovaren und die Muslime aus Bosnien, auf der Seite der Türken Stellung zu beziehen, zur großen Überraschung der Polizei. Man hatte diese Gruppen immer für Rivalen gehalten, denn sie mischten sich weder in ihren Moscheen noch sonst miteinander. Nur in den seltensten Fällen machten sie gemeinsame Sache. Und dann tauchten die Russen auf.
Die Schlägerei war mörderisch.
Einer der Anwesenden, ein gewisser Alexej, erzählte nachher:
„Als wir ankamen, waren die Christen im Rückzug. Die Türken hatten unsere serbischen Freunde bis zur Wand der hinteren Lagerhalle vom Logistics & Retailer zurück gedrängt und sie dachten, dass sie genau so zusammen geschlagen werden, wie die Griechen zuvor. Mit den Griechen sind die Türken sehr schlimm verfahren. Alle Neun mussten mit erheblichen Verletzungen und Knochenbrüchen ins Krankenhaus gebracht werden. Sechs sind noch immer in kritischem Zustand. Inzwischen waren es etwa drei- oder vierhundert Türken und es kamen immer mehr dazu. Sie benachrichtigten die Türken in den anderen Städten per Handy und die kamen alle mit den Autos und sogar mit Bussen, bis die Polizei die Straßen gesperrt hat. Die Christen kämpften tapfer, aber sie hatten keine Chance gegen sie. Sie standen mit dem Rücken zur Wand.
Aber die Türken können nicht kämpfen. Sie stopfen sich voll mit Drogen, bis sie blind vor Wut sind, wie ein Stier, der rot sieht. Aber sie haben keinen Verstand. Und sie haben keine Disziplin, keine Taktik. Wir sind durch sie durchmarschiert wie ein Rasenmäher. Unser Chef, Dimitrij Jarosti hat mit uns solche Kämpfe trainiert, deswegen wussten wir alle, was wir zu tun hatten. Damit haben die Türken und Schaktoren nicht gerechnet.
Unser Dimitrij hatte seinen Job im Tschetschenienkrieg gelernt, denn er war dort Offizier gewesen und er weiß, wie man einen Kampf anführt. Er hat uns in drei Einheiten aufgeteilt, mit drei Kommandanten. Die erste Truppe musste so tun, also ob sie sich kopflos in den Kampf stürzen wollte und lenkte damit die Aufmerksamkeit der Gegner auf sich. Ich war bei dieser Gruppe und wir hatten den härtesten Kampf von allen. Wir haben so getan, als ob wir uns verrechnet hätten und ließen uns zu den Serben und Griechen ebenfalls bis zur Wand drängen. Die Türken schlugen auf uns so wild ein, dass wir alle Verletzungen davon trugen und sechsundzwanzig von uns mussten im Krankenhaus behandelt werden. Ich habe auch einen Schnitt über meinem rechten Auge abbekommen und meine linke Faust kann ich immer noch nicht wieder richtig benutzen.
Die andere Gruppe, dort waren die meisten, es waren um die zweihundert Leute dabei, griff dann von außen an, so dass sie die Türken beschäftigt hielten. Und die dritte Gruppe sollte von hinten versuchen auf das Dach des Lagerhauses klettern. Von dort aus fingen sie an zu schießen und mit Steinen zu werfen. Sie hatten sogar mit Feuerwerkraketen nach den Türken geworfen. Dass hatte sich Jarosti sehr schlau ausgedacht. Wir unten, die an der Wand standen hatten die Hydranten aufgebrochen und den Schlauch zu denen auf dem Dach geworfen. Wir haben den Kampf beendet, wir die Russen, obwohl wir viel weniger waren als die Türken. Es waren nicht einmal dreihundert von uns, und die Türken waren mindestens fünf-, wenn nicht gar sechs- oder siebenhundert.
Die Polizei hat nichts getan. Sie konnte auch gar nichts tun, denn es war nicht genug Polizei da. Wenn sie hineingegangen wären, hätte man sie zu Hackfleisch gemacht. Sie standen nur herum und beobachteten uns, wie wir kämpften.
Es waren auch ein paar deutsche Freunde mit uns, so vielleicht zehn oder fünfzehn. Auch auf der anderen Seite waren Deutsche, von der Antifa.“

Das alles hatte Alexej über den Kampf berichtet und er hatte auch einige Fotos aus dem Inneren des Sturms bei der Wand der Lagerhalle dazu gegeben. Er gab es Andrej, den er von früher kannte und dieser ließ den Bericht durch Vicky an PI-News weiterleiten.

Natürlich berichteten die Regionalmedien auch über die Schlacht, aber dort klang es viel harmloser, eigentlich nur eine Rangelei zwischen irgendwelchen Jugendlichen, die sich über irgendetwas gestritten und sich anschließend zu einer Schlägerei in Facebook verabredet hatten. Man widmete anschließend viel Raum für die Expertenmeinungen, ob man die sozialen Netzwerke besser überwachen sollte und man forderte ein Verbot der ausländerfeindlichen, rechtsextremistischen Internetseiten.

***

Die andere Schlägerei entstand bei einem Hip-Hop Konzert eines kurdischen Sängers in einer anderen Stadt, nur 18 Kilometer nördlich vom S. am Rhein entfernt. Aber auch hier gab es schlimme Opfer, obwohl das kaum verständlich war, denn man hätte es leicht vermeiden können. Es gab auch einen Toten. Es war Huberts Freundin, Güzel Mutoglu. Hubert selber überlebte zwar, aber er hatte schlimme Rückenverletzungen erlitten und es war noch nicht sicher, ob er je wieder würde laufen können oder für immer an den Rollstuhl gefesselt sein würde. Eine radikale türkische Bande hatte die Zuschauer angegriffen, zumeist kurdische Fans, aber auch einige deutsche Multikultis und Linksautonome waren darunter, hieß es überall.

***

Vicky besuchte ihren Bruder im Krankenhaus und versuchte sich um ihn zu kümmern. Margit Tennewill war seit ihrer Vergewaltigung immer noch in der Psychiatrie unter Intensivbetreuung. Ihre körperlichen Verletzungen stellten sich als nicht so gravierend aus, aber ihr psychischer Gesundheitszustand war katastrophal. Und ihr Vater war ganz uninteressiert. Er kümmerte sich kaum um seine Frau, als ob das die normalste Sache der Welt wäre, während einer Sendung vergewaltigt zu werden.
Victor Tennewill war fast immer unterwegs und wenn er nach Hause kam, dann nur um zu schlafen oder um einige dringende Unterlagen zu bearbeiten, von denen er nicht sagte, ob sie mit seiner Arbeit verbunden, oder private Angelegenheiten waren.
„Du siehst langsam besser aus“, tröstete Vicky ihren Bruder, als sie ihn zum zweiten Mal besuchte. „Vorgestern dachte ich noch, dass du es nicht überlebst.“
„Na danke“, antwortete er sarkastisch. „Ich fühle mich immer noch wie ein Hackfleischbällchen.“
Sie vermied es, zu ihm über Güzel zu sprechen oder über ihre Meinung zu den Türken und den Islam, denn sie wollte ihn schonen. Aber er kam selber darauf zu sprechen:
„Jetzt bin ich also Witwer“
„Wie? Warst du mit ihr verheiratet?!“ fuhr sie auf, denn er hatte nie auch nur mit einem Wort erwähnt, dass er beabsichtigt hätte, die Türkin zu heiraten.
„Ja, wir haben vor einem halben Jahr geheiratet, aber nur auf islamische Art.“
„Bist du also zum Islam übertreten? Das hätte ich nie von dir gedacht!“
Sie schüttelte ungläubig den Kopf und zeigte ihm sogar den Vogel, aber nur als Witz, denn sie fand es unangebracht, ihn in seinem jetzigen Zustand zu schelten. „Und jetzt? Bleibst du jetzt auch noch bei ihnen, wo deine – deine Frau, tot ist?“
Sie tat sich schwer, das Wort auszusprechen, denn sie konnte sich die Türkin auch jetzt, da sie tot war, nicht als die Frau ihres Bruders vorstellen. Er verstand sie.
„Du brauchst nichts zu befürchten. Ich habe nie an irgendeinen Gott geglaubt und ich habe auch nichts, was mich an den Islam bindet. Es war nur ihretwegen.“
„Das ist auch besser so, Hubert, glaube mir! Sieh mal, wohin dich diese Nähe zu den Türken gebracht hat.“
Er sah ihr eindringlich in die Augen und flüsterte kaum merklich:
„Es waren aber keine Türken, die Güzel getötet haben, Vicky.“
Sie sah ihn überrascht an.
„Wer dann, wenn nicht sie?“
Er gab aber nur ein kurzes, halb geflüstertes „Pst!“ als Antwort und lenkte das Gespräch sofort auf etwas anderes.

Kapitel 14

In Frankfurt fühlte sich Erika bereits ein wenig sicherer, denn hier musste sie sich nicht auf Schritt und Tritt fürchten, erkannt zu werden. Dennoch traute sie sich kaum auf die Straße, denn sie wusste, dass Hakan hier lebte und viele Freunde in der Stadt hatte. Einmal, als sie am Museumsufer joggte, glaubte sie, dass sie jemand auf dem Fahrrad verfolgte. Mike konnte sie aber beruhigen, als er ihr erklärte, dass Muslime äußerst ungern Fahrrad fahren und wenn einer von ihnen sie verfolgte, dann sicher nicht auf dem Fahrrad. Aber man wusste ja nie.
Sie hatten trotz aller Recherchen bis zu dieser Zeit keinen einzigen Hinweis gefunden, wer hinter den Anschlägen auf Erika steckte und aus welchem Grunde man sie beseitigen wollte. Deswegen galt es, besonders vorsichtig zu bleiben.
Sie war eine recht fade, nervenaufreibende Person, die noch dazu auf jede Kleinigkeit sehr empfindlich und zickig reagierte. Mike musste sich zusammen reißen, um sich mit ihr nicht in die Wolle zu kriegen. Er nahm ihr auch ihre Konvertierung übel, obwohl er sich immer wieder sagte, dass es nur ein vorübergehender Fehler war und dass sie inzwischen zu ganz anderen Einsichten gelangt war. Er hatte auch wichtigeres zu tun, als für sie Babysitter zu spielen.
Die Zusammenstöße in S. am Rhein und die überspannte Atmosphäre in der ganzen Region hatten gezeigt, wie wichtig und dringend notwendig es war, ein Netzwerk von lokalen Gruppierungen aufzubauen, so dass sich auch die deutsche Bevölkerung wehren konnte und die Straße nicht einfach den ausländischen Bürgerwehren überließ. Es war eine sehr heikle und schwierige Aufgabe, denn bei jedem kleinsten Fehler schwangen die herrschenden Medien und die anderen Moralwächter unerbittlich die Nazikeule über dem Kopf des Agierenden und dieser war dann für immer und unwiederbringlich beruflich und privat erledigt.
Mike war deswegen allmählich zu dem Ergebnis gekommen, dass man für Erika unbedingt eine andere Bleibe finden musste und er ließ alle überall nach einer Unterkunft für Erika suchen.
Auch wenn er es nicht zeigte, war er überglücklich, als Vicky, eines Abends anrief und verkündete, dass sie eine geeignete Bleibe für Erika gefunden hätte.
„Es ist meine Tante Therese in Karlsruhe. Bei ihr würde sie niemand suchen und Therese hat eine große Villa in der Nähe des Bahnhofs. Bei ihr ist Erika sicherer als überall sonst und es stellt sich auch nicht die Frage, wovon sie leben soll, denn Therese ist ziemlich reich. Sie hat mir vorher erzählt, als sie hier war, um Mama und Hubert zu besuchen, dass sie jetzt keine Putzfrau und keinen Gärtner mehr hat und dringen nach jemandem sucht. Das Pärchen, das bei ihr in der Gartenwohnung gewohnt und ihren Haushalt geführt hatte, ist abgehauen, weil der Mann von der Polizei gesucht wird. Wir können also Erika sehr gut bei ihr einquartieren. Und wenn es nötig sein sollte, haben wir dort sogar noch für einen Mann Platz.“
Mike war zunächst skeptisch:
„Ich weiß nicht, ob sie darauf eingeht, denn sie ist verwöhnt und zickig. Wir müssen erst mal abwarten, ob sie bereit ist, bei deiner Tante Therese die Toilette zu putzen.“
„Hör mal, ich bin auch verwöhnt und brauche meinen Luxus im Alltag, aber wenn es um solche wichtige Sachen geht, kann sogar ich über meinen Schatten springen. Ich habe einmal in einem Filmbericht gesehen, dass die verwöhnten Frauen der reichen jüdischen Familien, die bis dahin Hauspersonal hatten und überallhin nur mit dem Wagen fuhren, auf einmal kilometerweit marschieren konnten, ohne aufzumucken, als man sie deportiert hatte. Die Menschen können viel mehr ertragen als wir denken. Und auch wir, die verwöhnten Jugendlichen von heute, können uns sehr schnell ändern, wenn wir dazu gezwungen werden.“
Erika hatte viel schneller eingewilligt als Mike es sich gedacht hatte. Im Grunde hatte sie nichts gegen diesen Plan einzuwenden, denn sie hatte genau so wenig Zuneigung zu Mike empfunden, wie er zu ihr. Vielleicht war Vicky alte Tante etwas schrullig, aber sie sollte ein großes Haus haben, mit einer separaten kleinen Gartenwohnung und darüber hinaus war die Tante oft verreist.
So hatte man sich geeinigt, dass Mike sie am kommenden Freitag nach der Arbeit zu Tante Therese nach Karlsruhe fahren sollten. Erika fing an, die Tage bis zum Freitag, bis zu ihrem Umzug zu zählen.

***

In einem ganz anderen Teil Frankfurts, in einem einfachen, altmodisch möblierten Zimmer im Erdgeschoss einer ruhigen Seitenstraße in Bockenheim saßen drei Männer zusammen, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten und unterhielten sich über eine Angelegenheit, die die einzige Bindung zwischen ihnen stellte: globale Religion, die nur einen einzigen Gott kannte. Sie huldigten aber diesem einen Gott auf die unterschiedlichste Weise, die man sich vorstellen konnte. Der eine predigte im Namen desselben Gottes die Liebe bis zur kompletten Selbstaufgabe. Der andere animierte im Namen dieses einzigen Gottes seine Zuhörer dazu, all diejenigen anzufeinden und gar zu töten, die sich seinem Glauben widersetzten. Und der dritte betrachtete die anderen zwei verächtlich, denn er wusste, dass dieser einzige Gott ihn und sein Volk seit Urzeiten auserwählt hatte und weit über die anderen stellte, die ja in der Gunst dieses Gottes minderwertige Völker waren. Diese drei geistigen Führer ihrer Völker waren, wie sie da aus puren irdischen, niederen Interessen beisammen saßen, die leibhaftige Verkörperung der berühmten Lessingschen Ringparabel, aus dem der Pfarrer Topfling dem Kriminalbeamten Goretzki zitiert hatte.
Der Pfarrer war auch dieses mal anwesend. Zusammen mit Imam Hafiz war er zu Gast bei Rabbi Yodda. Dieser empfing seine Religionsverbündeten keinesfalls in seiner Villa, denn es widerstrebte ihm, den zwei Männern die Türe seines Hauses zu öffnen. Sie gehörten einfach nicht zu seiner Welt. Für solche Zwecke hatte er eine bescheidene Wohnung, von der er behauptete, dass sie einem guten Freund namens Eckstein gehörte, von dem aber niemand etwas Näheres wusste. Man war aus Interessensgründen gezwungen, mit den anderen zusammen zu arbeiten, aber privat wollte er nicht mit ihnen verkehren.
Bereits sein Schwiegervater hatte damals in den sechziger Jahren das Haus in der Nebenstraße gekauft, um dort eine Adresse zu haben, von wo aus er seine diskreten Geschäfte abwickeln konnte. Das Haus grenzte hinten an das Grundstück der großen Villa in der der Rabbi mit seiner Familie wohnte an, aber nur seine vertrauten Freunde und die treuesten Gemeindemitglieder kannten diese Regelung. Der Rabbi zählte weder den Imam noch den Pfarrer dazu.
Das launische Schicksal erforderte manchmal von einem, den Umgang zu Menschen zu pflegen, zu denen man sonst keine seelische Bindung hatte. Und die Angelegenheit, bei der sie miteinander zu tun hatten, entwickelte sich nicht so, wie er es sich gewünscht hatte. Der Imam forderte die Zahlung, obwohl sich den Gegenstand, für den dieser hohe Betrag vereinbart wurde, nicht in seinem Besitz befand, wie er selber zugab.
„Zu meinem tiefsten Bedauern muss ich noch einmal betonen, dass wir ohne Sicherheit keine Zahlung vornehmen können. Wer garantiert uns, dass Sie dieses Artefakt besorgen können? Wir haben Ihnen bereits zweimal die notwendige Information geliefert. Ihre Leute hätten nur hingehen und den Gegenstand holen müssen, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre. Und was machen sie stattdessen? Sie ermorden drei Menschen.“
„Wir haben diese Frau nicht ermordet. Es waren nicht unsere Leute.“
„Wer sonst? Ist ihnen bewusst, dass sie eine Jüdin war?“
Der Imam schaute äußerst bestürzt drein. Der Tod des türkischen Mädchens in jener verfluchten Nacht war eine dunkle Sache, die ihn selber beunruhigte und ihm viele schlaflose Nächte beschert hatte. Er wusste nicht, wer sie ermordet hatte, aber vermutete dass entweder der Rabbi oder Pfarrer Topfling die Tat zu verantworten hatten. Dieser Pfarrer, der vor der ganzen Welt nur Frieden und Verständigung zwischen allen drei Religionen predigte und sich als Wohltäter der ganzen Welt ausgab, war hinter der Fassade seiner christlich humanistischen Menschenliebe ein sehr verlogener, gefährlicher Mensch.
Auch der Rabbi verdächtigte den Pfarrer, dass er und seine Organisation hinter den Morden stecken könnte. Andererseits verdächtigte er aber auch den Imam.
Der Imam konnte seine Anschuldigungen nicht laut aussprechen, so wiederholte er nur, dass er damit nichts zu tun hätte. Er hatte die jungen Männer lediglich damit beauftragt, den Griechen zu treffen und von ihm diesen verdammten Sockel zu übernehmen, denn dieser nach Deutschland gebracht hatte. Es war schon schlimm genug, dass man den Sockel über Griechenland geschmuggelt hatte, aber das musste sein, denn die Zollbeamten in Syrien und in der Türkei waren streng und wenn man erwischt wurde, riskierte man einige Jahre Gefängnis. Deswegen hatte man den Weg über Zypern und Griechenland gewählt. Aber warum musste der Grieche selber damit nach Deutschland fahren? Er hätte den Sockel ganz einfach schicken können. Und wenn er ihn schon selber nach Deutschland brachte, warum gab er ihn nicht einfach dieser Türkin, und fertig. Denn sie war eine Türkin, keine Jüdin. Der Imam wollte die Behauptung des Rabbis nicht glauben.
„Glauben Sie mir, Imam Hafiz. Wenn ich Ihnen sage, dass sie eine Jüdin war, dann war sie eine. Es gibt einige Juden in der Türkei. Sie stammen aus Izmir und gehören zu den Sephardischen Juden, die schon immer dort lebten.“
Der Rabbi legte die Fingerkuppen seiner Hände aneinander und sah den Imam vorwurfsvoll an.
„Sie war ein schönes, junges Mädchen und ihre Eltern wollten sie nächstes Jahr nach Antwerpen verheiraten.“
Er schloss die Augen und atmete tief. Dann blickte er vorwurfsvoll den Imam an:
„Jetzt ist sie tot.“
Der evangelische Pfarrer mischte sich jetzt auch in das Gespräch ein, um den Rabbi zu unterstützen:
„Es ist schwer, mit Ihren Leuten zusammen zu arbeiten, Imam Hafiz, weil die Muslime ihre Triebe nie zügeln können. Wenn es um solch wichtige Angelegenheiten geht, wie dieser Sockel, dann darf man nicht so verblendet vor Lust sein und derart grobe Fehler machen.“
Der Pfarrer wandte sich zum Rabbi und sprach die nächsten Worte in völlig anderem Ton:
„Sie hätten diesen Auftrag lieber uns geben sollen, Rabbi. Unsere Security-Firma hat ganz andere Arbeitsmethoden. Unsere Leute folgen präzise ihren Anweisungen. Sie tun nicht mehr und nicht weniger als das, was man von ihnen verlangt.“
„Aber wir haben sie nicht umgebracht“, wehrte sich der Imam. „Ich weiß nicht, wer das getan hat, aber Muslime waren es garantiert nicht.“
„Wer sonst?“
Der Imam breitete die Handflächen nach oben aus, als Zeichen, dass er keine Ahnung hatte.
„Woher soll ich es wissen? Vielleicht waren es Deutsche? Es können die Nazis gewesen sein. Ihr habt gesehen, wie es mit den ermordeten Döner-Verkäufern war. Jahrelang habt ihr uns gesagt, dass es die Muslime waren, wegen der Schutzgelderpressung. Und jetzt stellt sich heraus, dass Ihr es wart, die Deutschen.“ Dabei sah der Imam nicht den Pfarrer, sondern den Rabbi an, den er genauso für einen Deutschen hielt.
Der Rabbi war angesichts dieser Frechheit innerlich wütend. Dieser Muslim, der sich mit ihm ebenbürtig fühlte, nur weil er in einer staubigen Koranschule im Jemen oder in Alepp den Islam studiert hatte, wagte es, ihm Rabbi Yodda, eine Mitschuld an den Morden der deutschen Nazis aus Zwickau zu geben. Dieser Anbeter Allahs hätte einen Schlag ins Gesicht verdient. Aber natürlich war er zu selbstbeherrscht, um auch nur mit einem Wimpernzucken seine Gedanken zu verraten. Dafür aber empörte sich der Pfarrer, denn er fühlte sich als Vertreter des christlichen Deutschlands doppelt angesprochen und wusste instinktiv, dass er, wenn er die Anschuldigung nicht wenigstens symbolisch zurückwies, die Verachtung des Imams auf sich zog.
„Aber lieber Imam Hafiz! So etwas dürfen Sie nicht sagen. Wir haben eben so wenig mit den Döner-Morden der Nazis zu tun, wie Sie mit dem Terrorismus der radikalen Muslime!“
Das war ein fehlerhafter Vergleich und erreichte genau das Gegenteil von dem, was beabsichtigt war. Der Imam war nur noch überzeugter, dass seine Behauptung, die er zugegeben nur so unbedacht dahin gesagt hatte, doch nicht ganz unbegründet war. Er nahm sich vor, zukünftig genau auf den Pfarrer zu achten, denn dieser Ungläubige schien tatsächlich etwas über seine geheimen politischen Tätigkeiten zu wissen. Er hatte bis dahin angenommen, dass diese Aktivitäten so streng geheim waren, dass nicht einmal die deutsche Geheimpolizei etwas davon wusste.
Auch der Rabbi hatte sofort denselben Gedanken gehabt, denn er vermutete schon lange, dass der Imam Hafiz einer der führenden Gestalten der Islamistenszene Deutschlands war. Die Informationen, die ihm zugetragen wurden, deuteten darauf hin, dass in S. am Rhein einige radikale muslimische Aktivitäten stattfanden. Und er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass der ängstliche Imam Dimriz dafür verantwortlich war. Also kam nur Imam Hafiz als Zentralgestalt in Frage. Und die Ausführung der Grobarbeit lag sicherlich bei dem gefürchteten arabischen Clanchef Faisal Edal.
„Es ist nicht die richtige Zeit, uns über solche kindischen Beschuldigungen zu streiten. Der Schaden ist geschehen, weil wir einen schlimmen Patzer zugelassen haben. Jetzt müssen wir sehen, wie wir diesen Fehler ausbügeln. Dieser Sockel muss schnellstens und unauffällig wiederbeschafft werden.“
„Wir werden ihn noch diese Woche hier auf dem Tisch haben!“, sagte der Imam ohne den geringsten Zweifel im Ton. „Schon morgen werden wir diese Statue haben.“
Der Pfarrer fühlte sich verpflichtet, ihn zu korrigieren.
„Es ist nicht die Statue. Wir sprechen lediglich vom Sockel. Wenn Sie, Imam Hafiz, uns die Statue hier auf den Tisch legen können, dann erhalten Sie von uns sofort die Finanzierung einer mittelgroßen Moschee hier in Deutschland oder in den Niederlanden. Zusammen mit der notwendigen Baugenehmigung.“
Ja, das hätten sie alle gerne gewusst, wo sich die Statue derzeit befand. Eigentlich war das ihre größte Sorge, viel größer als der Sockel. Und selbstverständlich auch größer als die Vorkommnisse in der Moschee oder die Unruhen, die in der letzten Zeit immer stärker um sich griffen. Viel lieber noch hätten sie sie in der Hand gehalten oder in ihrem Safe eingeschlossen, gut überwacht. Kein Opfer war zu groß, wenn es galt, die kleine Figur in ihren Besitz zu bringen, denn sie war es Wert, dafür Menschen zu töten oder sogar Kriege zu führen, wenn es sein musste. Ein paar unbedeutende Morde oder einige lokale Massenschlägereien irgendwo am Rhein waren angesichts der kostbaren kleinen Alabastergöttin nicht einmal erwähnenswert. Wer sie bekommt, wird die Macht über die anderen, ja über die ganze Welt bekommen. Diese kleine Figur, die sie nie zu Gesicht bekommen hatten, von der sie lediglich gehört hatten, dass sie etwa zehn Zoll groß war, hatte unendliche Kraft. Mit ihrer Hilfe konnte man Kriege beginnen oder beenden, wie man es gerade brauchte.
Natürlich wird man dann sehen müssen, wie man sich der anderen zwei Verbündeten entledigt, aber bis dahin war es noch ein langer Weg, den man gemeinsam gehen musste, schon allein deswegen, um sicher zu stellen, dass die anderen zwei keinen Vorsprung errangen.
Derzeit hatte der Rabbi einen leichten Vorsprung über die zwei anderen, weil er wenigstens das Armband hatte, oder wenn nicht, in der glücklichen Position war, es von der Polizei zu bekommen. Es war ein sehr geschickter Schachzug, mit der Beschaffung des Armbandes eine Türkin zu beauftragen, von der niemand ahnen konnte, dass sie in Wahrheit eine Jüdin war, aber es hat dem Rabbi am Ende wenig genutzt, denn sie war jetzt tot und vielleicht befand sich das Armband gar nicht bei der Polizei, sondern zusammen mit dem Sockel bei den Mördern.

***

Das Wesen hatte den Rhein in einer pechschwarzen Nacht überquert und bewegte sich im Schatten der Wälder immer weiter nach Osten. Seit jener Nacht in Metz waren einige andere vergangen, Nächte in denen es ein Tier oder einen Menschen gerissen hatte. Er folgte einfach dem Ruf der Schicksalsgöttinnen, die ihn, Apedemak, nach über dreitausend Jahren Schlummer dazu bestimmten, seinen Weg nach Europa zu finden, um dort das voranzubringen, was seine Bestimmung war: Den Krieg. Er wusste es seit jeher, ohne es hören, sehen oder erfahren zu müssen. Oder genauer gesagt, er tat, was er tut musste und war, was das Sein für ihn bestimmt hatte: Er war Gott.
Er war nicht allein, es gab auch noch andere solche wie er und sie bewegten sich genau wie er. Wohin sie sich bewegten und welche Spuren sie auf ihrem Weg zogen, das gehörte nicht zu seiner Sphäre. Er war fixiert einzig auf seinen eigenen Weg dorthin, wo der Krieg ausbrechen sollte.
Auf seinem Weg hatte er bereits sieben Leichen hinterlassen, aber wen kümmerte es? Ein Gott zählt nie die Leichen, die er hinterlässt. Schon gar nicht Apedemak , der löwenköpfige Gott des Krieges aus der heißen Wüste Nubiens.

***

Das Leben musste irgendwie weiter gehen, sagte sich Margit Tennewill, aber sie hatte keine Vorstellung, wo sie damit anfangen sollte. Wo war der Faden zu finden?
Sie hatte ihren Patienten in Krisensituationen so viele gute Ratschläge erteilt und ihnen mit den modernsten psychologischen Methoden aus ihren seelischen Nöten heraus geholfen, aber sich selber konnte sie nicht helfen.
Es hatte immer so einfach geklungen, als sie den anderen sagte, sie sollen einen ersten Schritt tun, und dann einen nächsten, und wieder einen. Jetzt, wo sie selber betroffen war und Hilfe brauchte, ging es einfach nicht. Sie konnte sich nicht entscheiden, was ihr erster Schritt sein sollte, in welche Richtung, mit welcher Tat. So lag sie einfach auf dem Bett in ihrem Krankenzimmer und sagte sich, dass sie erst morgen anfangen wollte. Und am nächsten Tag ging es wieder von vorne los und sie verschob es wieder auf den nächsten Morgen.
Ihre körperlichen Verletzungen waren nicht allzu gravierend gewesen, aber ihr Selbstvertrauen als Frau, ihr Selbstverständnis als Psychologin, ihr ganzes Weltbild waren in tausend Scherben zerbrochen. Sie wusste, dass unabhängig davon, was ihr die Zukunft noch brachte, sie in ihr altes Leben nicht mehr zurückkehren konnte.
Das war ein abgeschlossenes Kapitel! Es war ein Ding der Unmöglichkeit. Sie konnte nie mehr vor ihre Kollegen treten, oder vor eine Gruppe Studenten, die alle gesehen hatten, was man ihr bei dem Anschlag auf den Sender angetan hatte, wie sie von diesem ekligen fremden Menschen mit seinem unerträglichen Körpergeruch vergewaltigt wurde. Die Menschen um sie taten alle so, als ob nichts geschehen wäre. Aber es war sehr viel passiert, es war ein irreparabler Bruch auf die Achse ihres Lebens.
Sie war sich nicht mal sicher, ob sie zu ihrer Familie, zu ihren Kindern zurückkehren konnte. Sie fand es seltsam, dass sie die ganze Zeit ihres Klinikaufenthaltes nur ihre Tochter besucht hatte. Sie hatte weder ihren Mann noch ihren Sohn gesehen. Die Wahrheit war, dass sie sich geweigert hatte, einen von ihnen zu empfangen, wenn sie gekommen wären. Da sie aber nicht kamen, blieb ihr diese Erkenntnis erspart.
Sie brauchte jemanden, dem sie die Schuld an dem erlittenen Leid geben konnte, um damit fertig zu werden und um sich selber ertragen zu können. Ihr Mann kam an erster Stelle auf ihrer Liste. Wer, wenn nicht er, war der Hauptverantwortliche? Er, der Chefintendant des Senders, war für alles verantwortlich, auch für die Sicherheit im Studio. Er war als ein bedeutender Medienpolitiker dafür verantwortlich, dass die Muslime keine Chance mehr sahen, auf die Ungerechtigkeit und auf ihre soziale Benachteiligung in der deutschen Gesellschaft anders aufmerksam zu machen, so dass sie sich zu dieser Verzweiflungstat genötigt sahen. Denn es war eine Verzweiflungstat, zu der sich diese jungen Menschen nicht aus freien Stücken entschlossen hatten, sagte ihr ihre mehrjährige Berufserfahrung. Das waren die üblichen Sätze aus ihren früheren Vorträgen und Artikeln und sie wandte sie auch jetzt automatisch an, ohne nachzudenken. Sie konnte sich gar nicht mit diesen Fragen intensiv beschäftigen, denn sie musste es vermeiden, über die Identität der Täter nachzudenken.
Ihr Verdrängungsmechanismus arbeitete auf Hochtouren, bis sie das Ganze nur noch in der Passivform erlebte, als etwas, was sie erlitt, was ihr zugefügt wurde, ohne dass die Täter dahinter noch irgendwie vorhanden waren.
Der behandelnde Arzt scheute sich ihr, der berühmten Psychologin, irgendwelche Ratschläge oder gar Vorschriften zu machen. Auch ihre Tochter ließ sie gewähren. Vicky war froh, als sie sah, dass ihre Mutter überhaupt anfing Interesse an ihre Umgebung zu zeigen. Sie hatte sich lange Zeit das hin und wider überlegt, ob sie ihr von Huberts Verletzungen und Güzels Tod erzählen sollte. Sie entschied sich teils aus Bequemlichkeit, teils aus Überzeugung, damit noch zu warten.
Irgendwann, etwa eine Woche nach dem Anschlag, fing Margit an zu schreiben. Ihre Patienten hatten bei ähnlich traumatischen Erlebnissen die Musik oder die Malerei als Ausdrucksmittel gewählt, aber Margit hatte weder für die eine noch für die andere Technik eine Begabung. Ihr blieb nur das Schreiben.
„Mama, ich finde das sehr gut, was du hier geschrieben hast“, lobte sie Vicky, als sie bei einem ihrer Besuche um ihre Meinung gebeten wurde. „Du schreibst so überzeugend, so feinfühlig und realitätsnah, dass es bestimmt viele Leute gerne lesen würden. Vielleicht solltest du ein paar Kurzgeschichten schreiben. Wir könnten jemanden finden, der sie veröffentlicht.“
Es war nur eine banale Erzählung von einem Erlebnis auf einer Reise, das sie vor Jahren erlebt und seither verdrängt hatte. Sie war nach einem Burnout kurzentschlossen nach Zypern geflogen. Es war das Frühjahr 2006, und dieser Teil der Insel war so früh im Jahr noch ziemlich verlassen. Sie hatte ein Viersternehotel östlich von Limasol, in einem Ort namens Amathus, einer Stätte der Göttin gebucht. Oben auf dem Hügel, wo sich einst das Heiligtum der Göttin und später eine Kirche der Jungfrau Maria befunden hatte, war heute nur eine verlassene archäologische Grabungsstätte, in der im Sommer, in den Semesterferien deutsche Archäolgiestudenten arbeiteten. Von der Terrasse des Hotels konnte man dorthin sehen.
Sie liebte es, morgens ihr Frühstück dort zu sich zu nehmen, mit dem Blick auf den fernen Hügel gerichtet, auf deren Spitze eine große weiße Amphore wie ein Leuchtturm des Himmels strahlte. Unter den wenigen Gästen des Hotels befand sich eine kleine, zierliche Indianerin. Sie war eine Angestellte der US-Armee, die in Nürnberg stationiert war und ihren Urlaub auf Zypern verbrachte.
Margit war ein paarmal mit der Indianerin oben auf den Hügel bis zu der Amphore der Göttin gewandert und sie hatten sich dort niedergesetzt, um von dort oben das Meer zu betrachten. Dort irgendwo, auf halber Höhe, befand sich auch ein Wunschbaum, eine Kermeseiche mit vielen kleinen Bändchen an ihre Äste gebunden, jedes einzelne von ihnen symbolisierte den Herzenswunsch irgendeiner unbekannten Frau, um dessen Erfüllung sie auf dieser Art die Göttin gebeten hatte.
Margit hatte auch ein Bändchen an den Baum gebunden, allerdings wusste sie nicht mehr, was sie sich damals gewünscht hatte. Sicher etwas Banales, was man in ein paar Wochen oder Monaten wieder vergessen hatte. Die Indianerin, Margit erinnerte sich nicht mehr an ihrem Namen, hatte so ein kleines Glücksbändchen gehabt, und es an den Baum gebunden. Sie sagte, dass sie es nicht mehr brauchte, da sie am Tag zuvor in einem kleinen Dorf oben in den Bergen ein Fatima-Armband gekauft hatte, welches ihr viel besser gefiel.
Margit wünschte sich, als sie das zierliche Armband erblickte, ein ebensolches. Sie nahmen am nächsten Tag einen Mietwagen und fuhren nur deswegen in die Berge hoch, damit sie sich auch ein Armband kaufen konnte. Unglücklicherweise hatte der Händler keine Armbänder mehr. Margit hatte so traurig dreingesehen, dass die Indianerin sich irgendwann bereit erklärte, ihr Armband im Tausch gegen einen hübschen kleinen, im antiken griechischen Stil bemalten Teller herzugeben. Sie hatte zu Margit gesagt:
„Hier! Nimm meines! Du wirst es brauchen. Für mich ist es nicht mehr so wichtig, denn ich fliege bald zurück nach Amerika.“
Wo konnte sie bloß das Armband hingelegt haben? Vielleicht in den Keller, in den Karton mit den alten Reisemitbringseln? Vicky versprach ihr, im Keller nach dem Armband zu suchen und es ihr das nächstemal mitzubringen.
Vicky hatte sich unter der Last der Verantwortung überraschend schnell verändert, wurde fast über Nacht erwachsen.
Sie verließ ihre Mutter, um sich mit Thomas und Andrej zu treffen, mit denen sie sich verabredet hatte. Allerdings wartete nur Thomas auf sie an der verabredeten Stelle, in der Cafeteria neben dem Bahnhof. Andrej konnte auf keinen Fall kommen. Er hatte mit dem Computerspiel zu tun.
„Ich glaube, dass dieses Spiel süchtig macht“, sagte Thomas zu ihr. „Andrej sagt schon seit mehreren Tagen immer wieder dasselbe, dass er nicht kommen kann, weil er mit dem Spiel weiter machen muss. Wenn ich irgendwas nicht begreifen kann, dann ist es das, wie sich erwachsene Menschen mit solchen Spielereien und Märchen beschäftigen können?“
Vicky hatte keine Ahnung, um was es sich handelte, denn sie hatte in den vergangenen Tagen die Zeit im Krankenhaus mit ihrer Mutter und mit ihrem Bruder verbracht und musste sich erst alles erzählen lassen.
„Das klingt aber seltsam“, sagte sie, als sie Thomas‘ Bericht zu Ende gehört hatte.
„Es scheint, dass alle Leute sich auf einmal für Schwerter interessieren. Auch Herr Gudweiß hat sich ein Schwert gekauft, ein ausgefallenes Stück. Papa lachte zwar darüber, denn er findet das ganze Ritter-Theater lustig. Er sagt, dass diese Leute nur Faschingsritter in einem Karnevalsverein seien. Aber Tante Therese und Herr Gudweiß dürfen das nicht hören, denn dann wären sie fürchterlich beleidigt. Für sie ist das Ganze todernst. Herr Gudweiß sagt, dass er sich dieses verrostete alte Schwert von einem bekannten Antiquitätenhändler aus Italien oder aus Malta hat schicken lassen, und er war sehr besorgt, ob es rechtzeitig zu seiner Zeremonie ankommt. So etwas hätte er in jedem Requisitenladen in Deutschland kaufen können. Aber nein, es musste unbedingt sein italienisches Schwert mit den drei Funkelaugen sein, wie er sie nennt.“
Thomas hatte kaum zugehört, denn er war gerade mit der Rechnung beschäftigt.

Kapitel 15

Hakan, der zuvor noch durch das Zimmer hin und her ging, blieb am Tisch stehen und ergriff die Lehne des Stuhls vor ihm, als ob er einen Stier an den Hörnern packen wollte:
„Was willst du Vater? Was erhoffst du dir? Sie werden uns nie in Ruhe lassen. Wir haben keinen anderen Weg als die Gewalt. Freiwillig gibt uns hier niemand etwas.“
Emre Mutoglu sah seinen Sohn mit ernsten Augen an. Er machte sich Sorgen um seinen Jungen, denn er vermutete, dass dieser sich mit gefährlichen Freunden abgab und sich immer mehr in Dinge verwickelte, aus denen es keinen Ausweg mehr gab.
„Und ich frage dich, was willst du, Hakan? Willst du, dass eines Tages die Polizei kommt um dich ins Gefängnis zu stecken? Das willst du? Das würde deiner armen Mutter das Herz brechen. Wir sind anständige Menschen und wir sind nach Deutschland gekommen um hier zu arbeiten und gutes Geld zu verdienen, um unseren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen und nicht, dass sie zu Verbrechern werden.“
„Ein besseres Leben! Ha!“ Hakan hatte eine verächtliche Antwort auf der Zunge, aber er besann sich wegen dem Respekt den er seinem Vater schuldig war und zügelte sich gerade noch rechtzeitig.
„Wir werden zurückgehen in die Türkei, wir haben dort das Haus am Meer und die Geschwister deiner Mutter werden uns helfen. Aber auch dein Onkel Kilis hat uns versprochen, dass er uns hilft, wenn wir uns zu diesem Schritt entscheiden. Deine Mutter drängt mich schon lange und ich musste ihr versprechen, dass wir zurückkehren, sobald wir auch Ayla verheiratet haben.“
Mutter Mutoglu hatte durch die offene Küchentür mitgehört, denn die Kinder waren noch in der Schule und so war es in der Wohnung noch recht ruhig.
Sie blieb immer bescheiden im Hintergrund, wenn ihre Männer über wichtige Männerthemen sprachen, denn sie war nur eine unwissende Frau, wie sie immer sagte. Aber sie steckte manchmal ihre Nase doch in die Gespräche ihrer Männer und dann wusste sie genau, wie sie sowohl ihren Mann als auch ihren Sohn bedrängen musste, um ihren Willen durchzusetzen. Ja, sie hatte ihre Waffen, die zwar zum Blutfließen ungeeignet waren, aber dafür oft wirksamer ihr Ziel erreichten. Sie benutzten ihre Tränen, Klagen und Vorwürfen meisterhaft abwechselnd, denn sie kannte ihre Männer und sie beherrschte die ganze Klaviatur perfekt.
Als sie erkannte, dass es wieder einmal um ihren Herzenswunsch ging, kam sie sofort aus der Küche, den Holzlöffel noch in der Hand:
„Hör auf deinen Vater, Hakan. Es ist besser für uns in der Türkei als hier, in der Fremde. Zu Hause unter unserm eigenen Volk wird es uns besser gehen. Wir können so bescheiden leben, wie damals bei meinen Eltern, als ich noch ein Mädchen war. Wir waren sieben Geschwister, aber es hat uns allen gereicht. Und wir waren damals glücklich und zufrieden. Viel glücklicher, als ihr es hier in Deutschland seid. Wir haben alles gehabt, was wir zum Leben brauchten. Heute haben wir zwar mehr; wir haben alles, was wir brauchen, um in der Türkei gut zu leben. Unser Haus in Izmir steht die meiste Zeit leer. Und wir haben dreißigtausend Euro gespartes Geld. Das reicht, um nochmal ein neues Leben in der Türkei anzufangen. Du kannst einen Laden für Touristen aufmachen, so wie mein Cousin Kilis, dein Onkel. Er wird uns am Anfang helfen, er hat es uns versprochen.“
„Sie haben selber nicht genug. Und wovon sollen wir dort leben? Mach deine Augen auf, Baba! Und sieh der Realität in die Augen! Wir können nicht mehr zurück gehen, auch wenn es hier schlimmer werden sollte. In der Türkei gibt es keinen Platz mehr für Rückkehrer. Meine Cousins wollen auch alle nach Deutschland, egal wohin. Mein Onkel Kilis hat selber gesagt, als ich voriges Jahr bei ihnen war, dass er hofft, meinen Cousin nach Deutschland schicken zu können. Und mein anderer Cousin, Ali, hat mich auch gefragt, ob es hier keinen Platz für ihn gäbe.“
Seine Mutter tat sich schwer mit solch düsteren Aussichten. Sie hatte sich ein Leben lang eingesperrt in der kleinen alten Wohnung im S. am Rhein und sich für ihre Familie aufgeopfert. Sie fühlte sich in der Fremde isoliert, wie eine einsame Dienstmagd, während ihr Mann und ihre Kinder bei der Arbeit oder in der Schule waren. Sie tröstete sich immer mit dem Traum in einer fernen Zukunft, wenn die Kinder versorgt und ihr Mann in Rente sein werden und sie zu ihren Freunden in die Türkei zurückkehren konnte. Jetzt war dieser Traum dabei, zu Staub zu zerfallen. Sie wehrte sich energisch dagegen.
„Aber sie sagen alle, dass es der türkischen Wirtschaft immer besser geht.“
„Wer sagt das?“ fragte Hakan herausfordernd.
„Alle! Auch gestern stand es in der Zeitung. In der Hürriyet. Da steht es!“ Sie machte sich schon auf den Weg, die Zeitung zu holen, aber ihr Mann winkte ab.
„Glaub ja nicht alles, was die Zeitungen schreiben, Frau. Sie schreiben es so, damit die Welt das sieht, was sie sehen soll und nicht das, was tatsächlich ist.“
„Aber auch mein Bruder Kilis hat es gesagt, dass sie sehr gute Einnahmen aus dem Cafe gemacht haben, als wir voriges Jahr dort waren. Er hat sich richtig in die Brust geworfen. Und die Schwägerin hat mir den ganzen Schrank voll mit der Aussteuer für Gülsun gezeigt. Sie haben viel Geld verdient, wenn sie das alles kaufen konnten, was sie mir gezeigt hat. Und so viel Gold!“ Sie spreizte die Finger, um es besser zu verdeutlichen: „Sie haben so viele goldene Ketten für Gülsun gekauft. Wir hatten für Güzel nicht mal halb so viel gekauft.“
Bei der Erinnerung an ihre ermordete Tochter kamen ihr wieder die Tränen. Es dauerte eine Weile, bis sie sich so weit beruhigen konnte, um zwischen dem Schluchzen und Tränen abwischen zu sagen: „Ich kann nicht hier bleiben, bis sie alle meine Kinder getötet haben. Sie werden dich auch töten, Hakan. Denn ich weiß gar nicht, was du in Frankfurt machst, wenn du von hier weg gehst. Du hast schlechte Freunde dort, die dich ins Verderben führen werden. Sie werden aus dir einen Terroristen machen.“
Hakan sah sie mit der Verzweiflung eines Erwachsenen an, der einem Kind etwas zu erklären versucht, das nicht reif genug ist, um es zu verstehen. Wenn seine Mutter anfing zu weinen, hatte sie eine Art, sich hinein zu steigern, dass es unerträglich war, zuzuhören. Und jetzt, seit Güzels Tod, was es noch viel schlimmer geworden.
Sie wollte gar nicht begreifen, wie die Realität aussah. In ihrer Jugend, als sie noch dort in der Türkei gelebt hatte, gab es noch so viele kleine versteckte Dörfer in den Bergen, wo die Menschen viel Platz für sich hatten. Sie lebten arm und bescheiden, aber es gab Platz für jeden. Es gab saftige Wiesen, wo sie ihre Tiere halten konnten. Und es gab viel Platz für ihre Gärten, die vielerorts zweimal im Jahr Ernte brachten.
Inzwischen hatte sich so vieles geändert! Die großen Städte sind um ein vielfaches gewachsen, wie ein Krebs der wuchert und wuchert und nie mehr aufhören will. Die Menschen strömen nach Istanbul, Ankara, Izmir oder nach Bursa. Und sie haben alle so viele Kinder mit sich gebracht und noch viele andere gezeugt, so dass es kaum noch Platz für all die Menschen und Häuser gibt. Die ganze Küste von Istanbul bis Izmir wurde mit Häusern bebaut, in einem zwei, vier, ja bis zu zwanzig Kilometer breiten Streifen. Bald gibt es dort kein Wasser mehr zu trinken, ja sogar keine Luft mehr zum Atmen, bei so vielen Menschen.
Nein, es war klar, dass er nicht in die Türkei zurückkehren wollte. Was hatte er dort noch verloren? Das hier war seine Heimat und er war bereit dafür zu kämpfen. Er war ein Deutschtürke und er war bereit für diese neue Heimat mit den Deutschen zu kämpfen und wenn es nötig war, auch zu sterben. Wenn die Deutschen die Türken nicht wollten, dann musste man sie zwingen, sie zu akzeptieren. Wenn es sein müsste, auch mit Terror. Sie, die Deutschen, werden sich beugen müssen und den Türken, die hier leben wollen, ihren Platz geben.

***

Fast denselben Satz sprach ein paar Straßen weiter Rudi Steiness im Hinterzimmer des Weißen Ochsen zu den vier jungen Männern, die ihm aufmerksam zuhörten.
„Wenn sie uns unsere Heimat wegnehmen wollen, dann haben sie sich geschnitten! Wir werden kämpfen und wenn es sein muss, werden wir auch unser Leben geben. Aber unsere Heimat nicht!“ Er schlug dabei mit dem Faust auf den Tisch, so dass die Gläser zitterten und der Wirt ihn mahnen musste:
„Hey, behalte deine Wut für die Türken! Aber lass meine Gläser in Ruhe!“
Aber auch Fischer hatte seine Einwendungen gegen diese kämpferische Ankündigung.
„Gedulde dich ein wenig, Rudi, so lange ich noch da bin. Ich trinke nur mein Bier aus, dann gehe ich gleich. Und dann kannst du von mir aus so stürmisch wüten, dass die Bude zusammen bricht.“
Fischer hatte seinem Freund schon am Telefon gesagt, dass er ihm gern ein, zwei Kontakte in S. am Rhein vorstellen möchte, aber er selber musste sich heraus halten.
Es war mit dem Beruf eines Kriminalbeamten unvereinbar, sich an irgendwelchen Treffen oder sonstigen Aktivitäten dieser Art zu beteiligen. Er war lediglich zu einer kleinen Gefälligkeit bereit gewesen, als sein Jugendfreund ihn um Kontakte zu irgendwelchen jungen Leuten im S. am Rhein gebeten hatte, die sich um die Situation Gedanken machten und irgendetwas dagegen unternehmen wollten.
„Es kann nicht sein“, hatte Rudi am Telefon gesagt. Es ist Krieg dort, die kämpfen alle, jeder gegen jeden, die Ausländer organisieren sich in Gangs und verteidigen die Straßen, in denen sie wohnen, mit Bürgerwehren. Nur die deutschen Jugendlichen tun nichts! Sie sehen untätig zu, wie die Türken die Macht auf unseren Straßen übernehmen. Und wenn jemand sich den Türken stellt, dann sind es die Russen, während die Deutschen ruhig auf ihrem Hintern sitzen bleiben und Däumchen drehen.“
Rudi war sehr verbittert und Fischer wollte das gar nicht hören. Der Polizist in ihm hatte sich dagegen aufgebäumt, hatte es als einen persönlichen Vorwurf empfunden. Es war Aufgabe der Polizei, die Ordnung auf der Straße aufrecht zu erhalten, nicht die der Jugendgangs.
Aber am nächsten Abend bekam er einen weiteren Anruf, dieses mal von dem jungen Russen, den er neulich bei Dorina kennengelernt hatte. Es ging um das komische Videospiel, das Sonka aus Spanien mitgebracht hatte. Er habe sich das Programm noch einmal angesehen und auch seinen Freunden gezeigt, aber sie waren zu keiner Lösung mit dem Spiel gekommen.
„Einerseits ist es ein Spiel“, sagte Andrej. „Aber andererseits kommen solche Sachen darin vor, die kein virtuelles Spiel mehr sind, sondern die Realität darstellen. Du hast damals bei Dorina gesehen, wie es zuerst ein Spiel war und dann war es auf einmal die reale Welt, wie das Spiel plötzlich im Zimmer und um uns herum war.“
Ja, Fischer hatte es gesehen. Aber begreifen konnte er trotzdem nicht so richtig, was ihm Andrej sagte. Er müsse sich das selber noch einmal ansehen, schlug Andrej vor. Und sie verabredeten sich für Donnerstagabend, denn da konnten auch Thomas und Vicky dabei sein, die das Spiel auch noch einmal sehen wollten.
Sie hatten sich in Andrejs Junggesellenwohnung getroffen, die für vier Menschen ein wenig zu eng war. Sie nahmen auf der Couch Platz und beobachteten gespannt, wie Andrej den Computer hochfuhr und das Programm sich selbst startete.
„Hast du es beim Startmenü eingefügt?“ fragte Thomas verwundert.
„Nein, das hat es selber getan.“
„Wie? Ihr müsst mir das ein wenig einfacher erklären“, bat Fischer. „Ich zähle mich nicht gerade zu den Computerspezialisten.“
„Du kannst einige Programme, die du sehr oft brauchst, so einstellen, dass sie gleich starten, wenn du den Computer einschaltest. Das sind ein paar wenige wichtige Programme. Aber die Computerspiele sind normalerweise nicht so gemacht. Dieses Programm ist sehr seltsam. Nachdem ich es hier installiert habe, wollte ich es von Sonkas Notebook löschen, damit Dorina sich nicht beunruhigt. Aber es ging nicht.“
„Wie es ging nicht?“
„Ich konnte es einfach nicht deinstallieren. Ich habe alles durchsucht, überall, alle Speicherplätze, die in Frage kamen, und alles gelöscht, was ich nur fand, aber das Programm war jedes mal wieder da.“
„Wenn es anders nicht geht, kannst du eine Neuinstallation machen.“ Vicky war die Verfechterin von Neuinstallationen als Universallösung bei jeder kleinsten Schwierigkeit. Sie sagte, dass eine Neuinstallation fast so wirkte, wie ein neuer Computer, oder eine schöne leere Wohnung, die man anfangen konnte, nach Lust und Laune zu möblieren. Dagegen war ein alter Computer vollgestopft mit zu vielen unnötigsten Sachen, so dass man sich mit den vielen Dateien kaum noch zu Recht fand.
Andrej winkte nur:
„So weit habe ich auch schon gedacht, mein liebes Mädchen. Du wirst es nicht glauben, aber es war auch nach der Neuinstallation genau so wieder da.“
„Du meinst, dass es sich auf der Festplatte festgefressen hat?“ fragte Thomas.
„Nein, nicht auf der Festplatte. Ich habe die Festplatte ausgetauscht, mit der Festplatte meines alten Notebooks, nur um es zu prüfen, aber auch damit hat sich nichts geändert.“
Fischer hörte zu, ohne viel mitsprechen zu können. Er begriff so viel, dass es sich um ein äußerst mysteriöses Programm handelte, ohne jedoch zu verstehen, was genau daran außergewöhnlich war.
„Ok, zeig uns bitte das Spiel.“ Er brannte schon darauf, es zu sehen. Neulich bei Dorina hätte er es sich auch gern angesehen, gleich vom Anfang an, aber er hatte sich zurückgehalten und stattdessen Interesse an Dorina´s Tarotkarten geheuchelt.
„Hier geht es hinein“, kündigte Andrej an, wie ein Showmaster, der seine Gäste führt. „Ich bin auch gespannt, was diesmal kommt.“
Als das Spiel startete, war eine merkwürdige Felsenlandschaft mit weißen und grauen Basaltfelsen sowie einigen schräggeschichteten Schieferplatten dazwischen zu sehen, das irgendwo in Nordeuropa, oder vielleicht auch in Island hätte sein können. Nebelwolken schwebten davon, mit einer ungewöhnlichen musikalischen Begleitung, dann erschien eine Frau, über einen Kessel gebeugt, in dem sie etwas herumrührte. Andrej klickte mit der Maus auf alle erdenkliche Stellen und Figuren auf den Bildschirm, aber es gab keinerlei Reaktionen, nichts änderte sich.
„Versuch es mal mit der Tastatur“, meinte Thomas.
„Es hilft nichts“, gab Andrej zur Antwort. Es macht, was es will. Und jedes Mal kommt etwas anderes.“
„Wie etwas anderes? Sind das Programmsequenzen, die durch einen Zufallsgenerator ausgewählt werden? Oder was meinst du?“
„Nein. Das wäre zu einfach. Das könnte man leicht verstehen. Da wäre nichts mysteriöses dran. Aber das Spiel passt sich jeweils der Realität an, die um uns herum ist. Ich hatte es vorgestern zur Arbeit mitgenommen, weil ich es in unserem großen Rechner analysieren wollte.“
„Und?“ fragte Fischer.
„Jedes Mal, wenn jemand kam, war der Sound auf einmal verstummt“.
„Wie? Du willst sagen, dass das Programm vorher wusste, wenn jemand zu dir ins Zimmer kam? So etwas gibt’s doch gar nicht!“ rief Thomas aus.
„Mann, wenn ich es dir sage, dann war es auch so!“
Fischer wunderte sich, denn auch wenn er nichts von Computerspielen verstand, erinnerte er sich vage, dass es ihm neulich bei Dorina ganz anders vorgekommen war. Auch Vicky betrachtete schweigsam den Bildschirm mit der Frau, die wie in sich vergessen, in einem Kessel rührte, der vor ihr auf dem Boden stand. Irgendwann später sagte sie:
„Das wird langsam langweilig. Was will sie da? Sie sieht aus, wie irgendeine alte Gestalt von Wagner. Irgendwer aus einer alten germanischen Sage.“
Die Frau schien auf ihre Stimme zu reagieren, denn sie hob den Kopf und sagte:
„Ich bin Völva, die Seherin…“
Dann beugte sie sich wieder über ihren Kessel und rührte weiter eine Zeitlang, bevor sie wieder fragte:
„Warum fragt ihr mich? Was erforscht ihr mich?“
Die vier Leute im Zimmer sahen vor Überraschung starr auf den Bildschirm.
Es war im Grunde die normalste Sache der Welt. Sie hatten schon einmal im Internet gechattet, und dabei Webcams benutzt, so dass es nichts Ungewöhnliches war, sich mit jemand auf dem Bildschirm zu unterhalten. Aber das hier war dennoch etwas ganz anderes. Sie konnten den Unterschied nicht sagen, aber sie fühlten es und sie waren gespannt wie es weitergehen würde.
Die Frau, die sich zuvor Völva nannte, blickte wieder auf und fragte:
„Was wollt ihr von mir?“
Sie wussten nicht, was sie darauf antworten sollten, so dass diese Frau, die sich selber Völva nannte, weiter rührte. Vicky besann sich zuerst und stellte einige Fragen:
„Was müssen wir tun? Und was für ein Schwert ist das, bei dem es in diesem… in diesem Spiel geht?“
„Es ist kein Spiel. Es ist Ernst.“
Völva fing an, sich zu wiegen und zu singen:

„Da gingen die Berater zu den Richterstühlen,
Hochheilige Götter hielten Rat…“

Sie sah wieder auf und schien gezielt zu Vicky zu sprechen:
„Es ist das Schwert des Sigurd . Das Schwert mit den drei Karfunkel Augen. Zwei aus Christall… Und einen aus dem Dunkel der Nacht. Die Zwerge Gandalfr und Windalfr hatten die drei Steine einst aus dem Bauch der Erde herausgeholt… Theckr und Thorin schmiedeten das Schwert aus dem Gold Guldeweins… Sigurd will sein Schwert zurück haben. Die christlichen Ritter hatten es auf ihren Kreuzzügen in den Orient mitgenommen. Findet es!“
Das Schwert blitzte kurz auf und leuchtete schwarz, bis das ganze Zimmer in einem dunklen Licht verhüllt war, dann verschwand es. Völva war wieder da, und sie rührte ungestört weiter in ihrem Kessel, als ob es gar keine Unterbrechung gegeben hätte.
Sie wussten nicht, was sie noch tun sollten. Sie trauten sich nicht, den Computer einfach abzuschalten, denn sie fühlten irgendwie, dass es ihnen nicht zustand, sich von der Frau abzuwenden. Sie warteten also ab, ob sie noch etwas zu sagen hatte. Sie schien aber selbstvergessen in ihrem Topf zu rühren, und es verging so eine Ewigkeit.
Irgendwann hob sie wieder ihren Kopf und sagte ohne jeden Zusammenhang:
„Du sollst Hroudolf nicht abweisen. Lass ihn kommen.“
„Wer ist Hroudolf?“ fragte Vicky.
„Er weiß es“, sagte die Frau und zeigte auf Fischer. „Hroudolf, der Sohn des Heinrich und der Petra“.
Dann sagte sie nichts mehr. Das Bild wurde von Nebeln verhüllt und irgendwann verschwand alles Ungewöhnliche vom Bildschirm. Vor ihnen lag der gewöhnlichste Bildschirm in Windows, mit einer Menge Icons, der übliche Bildschirm von Andrejs Computer.

Kapitel 16

So sah sich Fischer gezwungen, Rudi Steiness‘ Bitte nachzugeben, als dieser am nächsten Tag noch einmal anrief und ihn noch dringlicher darum bat, Kontaktleute in S. am Rhein zu finden.
„Ich tu das nur ungern, damit du es weißt“, wehrte sich Fischer immer noch auf seine Art.
„Macht nichts. Hauptsache du tust es“, gab Rudi unbekümmert zur Antwort.
„Ich kann echt nicht begreifen, wie du so weit gekommen bist. Du hast nie zu den Braunen gehört, seit dem ich dich kenne.“
„Ich habe mich nicht geändert. Es ist eure Welt hier in Deutschland, die sich geändert hat, ohne dass ihr es gemerkt habt. Eines Morgens wirst du aufwachen und entdecken, dass du auch zu einem Nazi geworden bist, weil sie dich dazu gemacht haben. Früher oder später können sie über jeden das Schild aushängen, dass er ein Nazi ist und dann ist er für immer erledigt, beruflich und privat. Einst machten sie jeden, den sie beseitigen wollten, zu Hexen, heute machen sie jeden, der den Mund aufmacht, zum Nazi.“
„Sagst du deswegen jedem so breitwillig, dass du ein Nazi bist?“
„Ich verstehe nicht, was du sagen willst.“
„Damals, als wir zusammen mit Dorina im Weißen Ochsen saßen, sagte sie dir auf einmal, dass du ein Nazi bist. Und du hast es einfach bestätigt, als ob es die normalste Sache der Welt wäre. Ich hatte damals echt geglaubt, dass du es ernst meinst.“
Rudi schüttelte den Kopf:
„Mensch, Roland, wach auf, und sieh dich um! Sie an, was sie mit uns tun! Mit unserem ganzen Volk! Sie vernichten uns alle und ihr helft ihnen dabei. Wie könnt ihr alle so blind sein?“
Fischer wehrte sich, denn er wurde durch seine jahrelange Ausbildung darauf trainiert, solche Worte als feindselige, negative Äußerungen einzustufen, und gegen sie vorzugehen. Es kostete ihn viel Überwindung, zuzuhören und er ertappte sich immer wieder dabei, dass er seinen Jugendfreund unterbrechen wollte.
Es fiel ihm sehr schwer, zuzuhören, ohne auszurasten.
Wenn jemand zufällig zuhört, oder es auf einer anderen Art mitbekommt, dann ist seine zukünftige Karriere für immer erledigt und er konnte gleich stempeln gehen. Aber andererseits war der Mann ihm gegenüber nicht irgendwer. Es war Rudi, sein Jugendfreund, mit dem er damals wie ein Bruder war. Sie hatten so viel Zeit miteinander verbracht, nur sie allein und das Meer, dass sie am Ende oft keine Worte mehr brauchten, denn sie fühlten und dachten wie ein Geist in zwei Körpern.
Wo ist denn diese Zeit geblieben? Wo diese Verbundenheit, die sie beide damals so genossen hatten und für die alle Menschen sie beneidet hatten?
Und da war auch noch das komische Computerspiel, aus dem er sich keinen Reim machen konnte. Das Spiel, was er bei Sonka und Andrej gesehen hatte, ging ihm seither nicht mehr aus dem Kopf. Auch wenn er nicht daran dachte, war es da, irgendwo unter seinen anderen, akuteren Gedanken und ließ ihn nicht mehr los. Es beunruhigte ihn umso mehr, weil er es nicht verstand.
Und Rudi sprach weiter in den Hörer:
„Überleg dir mal, Roland! Ich und Nazi! Ich war zehn Jahre lang bei einer Firma für Entwicklungshilfe angestellt. Ich weiß genau, was läuft und wie diese Burschen über uns denken. Mein bester Freund war in all diesen Jahren ein Schwarzer aus Kenia. Wenn du wüsstest, was ich alles mit Joshua Kembo geteilt habe, würdest du nie wagen, mich einen Rassist oder einen Nazi zu nennen. Ich bräuchte Tage, um dir alles, was wir mit Kembo zusammen erlebt hatten zu erzählen! Sie haben ihn eines Tages einfach abgeschlachtet, weil der arme Teufel zum Christentum konvertiert war. Ist das der Werdegang eines Nazis, frage ich dich?“
Fischer hatte tief in seinem Inneren vom Anfang an gewusst, dass er Rudi nachgeben würde. Er wehrte sich nur als eine Art Trägheitseffekt, weil es ihm nicht leicht viel, ein Verhaltensmuster, das ihm so tief eigebrannt wurde, zu übergehen.
„In Ordnung. Da sind ein, zwei junge Kerle hier in der Stadt, auf die deine Beschreibung passt. Ich bringe euch zusammen, aber dann möchte ich damit nichts mehr zu tun haben. Ich ziehe mich zurück und es ist eure Sache, was ihr dann miteinander macht.“
„Das reicht mir vollkommen“, gab Rudi zurück.
„Sagen wir, dass du nach einem Webdesigner gesucht hast, oder nach ein paar jungen Studenten, die für dich ein Webportal moderieren sollen.“
„Warum?“ Rudi verstand es nicht. Er selber hatte es als selbstständiger Geschäftsmann nicht nötig, sich zu verstecken und konnte sich gar nicht vorstellen, dass bereits wegen solchen Nebensächlichkeiten jemand, der im öffentlichen Dienst beschäftigt war, den Verlust seiner Pension fürchtete.
Zwei Tage später saß Rudi bereits im Hinterzimmer der Gaststätte zum Weißen Ochsen zusammen mit Andrej, Mike und noch zwei jungen Männern. Der eine Willys Sohn, Martin, und der andere ein junger Mathematikstudent, der sich Kai nannte.
Rudi musterte die kleine Ansammlung skeptisch. Aus diesen vier Männern sollte er eine Widerstandbewegung aufbauen, lautete sein Auftrag. Aber dazu bedürfte es überirdische Kräfte. Wie sollten vier unerfahrene Junge Männer sich dem ganzen Übel stellen und das Geschick der Welt wenden? Noch dazu war einer von ihnen, dieser Mike, von dem Rudi eher annahm, dass er einiges Organisationstalent besaß, mehr in Frankfurt zu Hause und befand sich nur zu Besuch in S. am Rhein.
„Wir haben noch einen Freund“, trösteten sie ihn. „Aber Thomas konnte heute nicht kommen, weil er nach Karlsruhe gefahren ist, um ein Mädchen hinzubringen.“
Auch Andrej versuchte ihn aufzumuntern:
„Und wir müssen auch Vicky mitzählen, weil sie alles mitmacht. Sie gehört zu uns, auch wenn sie ein Mädchen ist. Sie ist oft mutiger und entschlossener als manche Kerle.“
Kai war etwas skeptisch. Das, was sie hier machten, war Männersache und Mädchen waren seiner Meinung nach fehl am Platz.
„Wollen wir auch Mädchen in unserer Gruppe haben? Was machen wir mit ihnen, wenn es zum Kampf kommt?“
Rudi versuchte sein Bestes, sich eine Vorstellung davon zu machen, was auf sie alle wartete.
„Wir sind noch sehr weit davon entfernt, mit irgendwem kämpfen zu können. Wir könnten uns nicht einmal der kleinsten Gang entgegen stellen, so wie wir hier sitzen. Wenn ihr euch die Schlacht vom letzten Samstag auf dem Parkplatz der Firma Logistic & Retailer anseht, werdet ihr verstehen, warum. Sie hätte ebenso gut am Ural oder in Istanbul stattfinden können, denn es waren hauptsächlich Russen und Türken.“
Kai hatte zu den meisten Sachen eine Ergänzung hinzu zufügen, so auch diesmal:
„Es waren aber auch eine Menge andere Ethnien dabei: Griechen, Serben, Albaner und was weiß ich was.“
„Genau das wollte ich sagen“, winkte ihn Rudi ab. „Alle mögliche Nationalitäten, aber keine Deutschen. Höchstens zwei, drei linksautonome Mitläufer bei den Türken. Eine richtige deutsche Gruppe war aber an der Schlacht nicht beteiligt.“
Sie alle hörten ihm wie gebannt zu und warteten auf irgendwelche unbekannte militärische Wundermittel aus seiner Trickkiste, denn er erzählte ihnen von seinen ehemaligen Einsätzen am Hindukusch, in Kenia oder in Bosnien. In ihrer Unwissenheit stellten sie sich irgendwelche wundersame Geheimformel vor, die ihnen ermöglichen würde, sich den Hunderten, ja Tausenden von kampfbereiten Fremden, die gekommen waren, um ihnen ihr Land zu nehmen, zu stellen, und sich vor der totalen kulturellen Vernichtung zu wehren.
Aber Rudi sagte genau das Gegenteil:
„Es gibt kein Wunder. Alles, was getan werden muss, müssen wir gemeinsam tun. Das wichtigste für den Anfang ist, dass ihr Disziplin lernt. Ihr müsst euch einen Chef wählen und wenn es ernst wird, diesem eisern gehorchen. Keine Demokratie, keine Gleichberechtigung! Gleichberechtigte Abstimmung funktioniert nur, wenn man eine Zeit der Ruhe und des Friedens hat. Aber wenn wir unter Druck stehen, wenn der Feind uns bedrängt, dann gibt es nur einen Kopf, der entscheidet und alle anderen müssen sich unterordnen.“
Diese Vorstellung gefiel ihnen gar nicht.
„Wir wollen lieber gleichwertige Brüder sein“, sagte Andrej.
„Ja.“ Bekräftigte auch Kai. „So wie König Arthurs Ritter. Alle gleich, ohne Rangunterschiede.“
„Ein frommer Wunsch. Leider funktioniert er nur am Anfang, so lange ihr nur vier bis zehn Kerle seid. Aber wir müssen zahlenmäßig schnell wachsen. Und dann geht es ohne einen Kapitän und ohne Gruppendisziplin nicht mehr. Das hatten schon die wildesten Tatarenhorden gewusst. Ja sogar die Wüstenräuber oder die Piraten haben sich an die eiserne Regel gehalten, denn es war der einzige Weg zum Erfolg im Kampf: Sie wählten sich einen Chef, einen Kapitän, und sie führten seine Befehle aus. Wer sich weigerte, wurde hart bestraft.“
Schon diese erste Aufgabe schien die kleine Gruppe zu überfordern. Sie diskutierten lange hin und her und konnten sich nicht einig werden. Rudi gelang es schwer, sie von der Notwendigkeit zu überzeugen. Es war Andrej, der ihm zur Hilfe kam, als er sich auf die Strategie der Russen besann:
„Du hast recht, Rudi. Die Russen auf dem Parkplatz von Logistics & Retailer haben es auch so gemacht. Deswegen haben sie die Türken schlagen können, weil Dimitrij sie gut organisiert hatte. Er hatte sie in drei Trupps aufgeteilt und jeder Trupp hatte einen Leutnant, der verantwortlich war und der wusste, welche Befehle er ausführen musste.“
Als sie endlich nachgaben, und bereit waren, einen Chef zu wählen, tauchte ein neues Problem auf. Mike wollte am liebsten Thomas zum Chef wählen, der aber nicht da war.
„Du kannst nicht jemand wählen, ohne ihn zu fragen, ob er überhaupt will“, sagte Willys Sohn Marco, der insgeheim selber gehofft hatte, zum Anführer gewählt zu werden.
Sie waren schon dran und dabei, das Treffen zu verschieben, als Mike auf die Idee kam, Thomas anzurufen und ihn per Handy an der Abstimmung zu beteiligen.
Noch schwerer fiel es Rudi, ihnen zu erklären, wie wichtig es war, dass sie auch solche Entscheidungen akzeptieren mussten, mit denen sie nicht einverstanden waren. Jeder hatte eine Vorstellung, wie man die Sache angehen sollte, und keiner wollte davon auch nur ein Stück abgeben. Natürlich waren ihre Vorstellungen unbrauchbar, denn sie setzten voraus, dass man mindestens über eine gut organisierte Truppe von einigen Tausend Männern verfügte. Die Pläne, die sie schmiedeten, hätten sogar Organisationen wie die English Defence League überfordert, die ja über ein paar Jahre Erfahrungen verfügten, vom Geld und von Menschen gar nicht mehr zu sprechen.
Rudi hatte keine Ahnung, wie sein geheimnisvoller Auftraggeber sich diese Arbeit vorgestellt hatte. Die Art, wie ihm der Auftrag erteilt wurde, war genau so verrückt, wie die Aufgabe selber. Er machte sich ständig Gedanken, aber er mochte darüber mit niemand sprechen, denn er fürchtete, dass man ihn für verrückt hielt.
Da war zuerst eine kleine schrumpelige alte Dame, kaum größer als ein zehnjähriges Kind, schwarz gekleidet mit einem schwarzen Hut, wie aus den dreißiger Jahren, mit einer Falkenfeder daran. Sie stand so einsam und hilflos auf einem vergessenen Parkplatz bei Wetzlar und blickte verzweifelt um sich, dass Rudi Mitleid bekam und fragte, ob sie etwas verloren hätte.
„Ja, ich weiß auch nicht“ antwortete sie. „Ich glaube, man hat mich hier vergessen. Ich weiß nicht, wie ich von hier wegkommen kann.“
Als er sie fragte, wo sie hin wollte, sagte sie, wie Jemand, der einem Schwerhörigen oder einem Kinder etwas erklärt:
„Nach Göttingen, junge Mann. Göttingen, wie die Götter.“ Sie sprach das „t“ fast wie „d“ aus. Sie sagte nicht, wer sie dort vergessen hatte, aber Rudi nahm an, dass es irgendwelche dusselige Neffen oder Enkelkinder waren, die nicht darauf geachtet hatten, dass ihre Tante oder Oma ausgestiegen war, und waren ohne sie losgefahren.
Er bot ihr sein Handy an, damit sie ihre Freunde anrufen konnte, vorausgesetzt dass sie ihre Telefonnummer kannte. Sie nahm dankend an und Rudi reichte ihr das Gerät. Zunächst fiel ihm gar nicht auf, dass sie keine Nummer gewählt hatte, sondern einfach nur so sprach. Erst am nächsten Tag, als er anfing, sich darüber Gedanken zu machen, nahm er sein Handy und drückte alle Anrufe, aber er fand keinen gespeicherten Anruf um die betreffende Uhrzeit.
Dabei war er ganz sicher, dass sie mit jemand telefoniert hatte, denn er hatte die Stimme gehört, eine Respekt einflößende Männerstimme. Er sollte sie selber nach Göttingen bringen, befahl die Stimme durch die Lautsprechanlage seines Wagens.
Sie hatten sich während der etwa einstündigen Fahrt über alles Mögliche unterhalten, auch über einen Wagen, der vor ihnen fuhr und einen miserablen Fahrstil hatte, so dass Rudi sich kaum zurückhielt, gegen den Fahrer übel zu schimpfen. Als er endlich überholen konnte, sah er, dass es kein Fahrer war, sondern eine Fahrerin, mit einem Kopftuch dicht über die Stirn gezogen, so dass sie kaum was sehen konnte. Durch diesen Vorfall kamen sie auch über die Muslime zu sprechen, über die Einwanderung, und wie schlimm das Volk unter ihnen litt, wie es klagte, ohne dass sich die Politiker darum kümmerten.
„Niemand tut etwas dagegen!“ klagte Rudi bitter.
„Ja!“ hob die alte Dame ihre Hände fragend. „Wer soll was tun?“
„Alle. Sie alle klagen, aber jeder wartet, dass die Anderen etwas machen. Keiner will es selber anfangen, entweder weil man Angst um seine Arbeitsstelle hat, oder weil man keine Zeit hat. Entweder muss man das Kind zum Klavierunterricht fahren, oder mit dem Hund Gassi gehen, oder die Ehefrau möchte nicht, dass man sich in etwas verwickelt. Und so geht das Land unter!“
Rudi hatte sich richtig hineingesteigert, wie so oft in letzter Zeit. Die alte Dame blieb gelassen, während er seine bittere Tirade zu Ende sprach. Als er endete antwortete sie:
„Du musst es tun!“
„Ich? Wieso ich?“
„Weil Sigurd es will. Du wurdest auserwählt.“
„Sigurd? Wer ist Sigurd?“
Sie nickte mit ihrem Kinn in die Richtung der Lautsprechanlage:
„Er. Du hast mit ihm vorher gesprochen.“
Er hatte sie nicht ganz ernst genommen, denn sie war bereits in dem Alter, in dem die Menschen gelegentlich die Realität durcheinander bringen. Er hatte sie also bis nach Göttingen gefahren und ließ sie dort vor einem großen schmiedeeisernen Tor aussteigen, hinter dem sich ein breiter, mit alten Bäumen bewachsener Garten befand. Sie war allem Anschein nach dort zu Hause, denn aus der alten Villa weit hinter den Bäumen näherte sich jemand und begrüßte sie fröhlich.
Rudi war etwas enttäuscht, dass sie ihn nicht mal zu einer Tasse Kaffee eingeladen hatte, aber die alte Dame verschwand im Garten, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen.
Er hatte noch ein Stück zu fahren, so machte er sich auf den Weg.
Dann, am nächsten Morgen, fand er in seiner Mailbox eine seltsame Mail, mit dem Absender „Sigurd“.
Da begriff er erst, dass die alte Dame es ernst gemeint hatte, als sie von einem Auftrag sprach. Der Inhalt der Mail war in einer seltsamen, archaischen Sprache verfasst, fast wie ein Gedicht:
„Zum Rhein sollst du gehen, Freunde dort suchen, Gefolge berufen, ein Heer sollst du bilden, gegen die Feinde dich wehren. So befielt Sigurd.“
Als später die Post kam, erhielt er einen Umschlag mit einem Schlüssel darin und er musste mit Überraschung feststellen, dass er einen Safe bei der Kieler Bank besaß. Die Bankangestellte öffnete ihm den Saferaum, holte eine eiserne Kassette, die sie auf den Tisch im Raum stellte und ließ ihn allein, damit er den Inhalt studieren konnte.
Als er den Deckel aufklappte, konnte er seinen Augen nicht trauen. Zwölf glänzende Goldbarren lagen darin nebeneinander gereiht, wie zwölf kleine glänzend gelbe Särge. Das war über eine halbe Million, was dort in der eisernen Kassette vor seinen Augen lag. Dieser Sigurd musste ihm einiges zutrauen, um ihm, einem Unbekannten ohne eine Quittung einfach so viel Geld zu überlassen. Damit könnte man schon etwas anfangen, sagte sich Rudi.

***

Fischer hatte sich an diesem Abend sorgfältig gewaschen und seine Unterwäsche mit Bedacht ausgewählt, denn er rechnete inzwischen immer öfters damit, bei einem gelegentlichen Besuch bei Dorina über Nacht bleiben zu dürfen. Er hatte schließlich lange genug darauf gewartet und gehofft. Er sagte sich, dass wäre die richtige Kompensation für einen frustrierten Arbeitstag.
In letzter Zeit hatte er es immer schwerer empfunden, seine Aufgaben im Polizeipräsidium pflichtbewusst zu erledigen. Die Arbeit war zu einem Spießrutenlauf zwischen politisch korrekten Zwängen geworden. Man kämpfte mit zu wenig Personal und mit der wachsenden Aggression der Bevölkerung.
Manchmal, wenn er zu deprimiert war, spielte Fischer gar mit den Gedanken, den Dienst zu quittieren und sich selbstständig zu machen. Zuletzt hatten sie mit Goretzki darüber gesprochen, eine Schule für Sicherheitsberatung und Abwehrübungen aufzubauen. Nach langen Träumereien stellten sie mit Ernüchterung fest, dass ihnen das notwendige Startkapital fehlte.
Er klingelte bei Dorina, aber es dauerte unerwartet lange, bis sie die Tür öffnete. Und dann grüßte sie nur flüchtig und rannte gleich zurück zu ihrem Computer. Er war ein wenig enttäuscht, denn er meinte, dass sie ihn auf dieser Art auf Distanz hielt, indem sie ihn im richtigen Moment abweisend behandelte.
„Kannst du dir bitte ein Glas Wein einschenken? Ich bin gleich fertig hier“, warf sie ihm über die Schulter zu.
Sie blieb noch einige Zeit weg. Als sie zurück kam, entschuldigte sie sich überschwänglich:
„Es war mein Sohn, weißt du? Mein lieber kleiner Bub! Er hatte mich aus einem Internetcafé aus einem Ort namens Blarampur an der Grenze zu Indien angeschrieben und wir konnten nur eine kurze Zeit chatten.“
Sie schenkte ihm Wein nach und holte sich auch ein Glas, bevor sie weiter erzählte.
„Ich mache mir Sorgen um ihn, weißt du? Mein Mann hatte einen Unfall und ist dort im Krankenhaus. Es ist so ein verlassenes Dorfkrankenhaus, mit nur schlecht ausgebildeten Ärzten. Und Vaclav sagt, dass dort in Indien schlimme Sachen passieren.“
„Was für schlimme Sachen?“ fragte Fischer, der weder an Indien, noch an den verletzten Bergsteiger in einem gottverlassenen indischen Krankenhaus interessiert war. Er war sogar ein wenig eifersüchtig auf diese zwei Männer am anderen Ende der Welt, dort in den Bergen, weil er nicht wusste, ob ihre Sorge tatsächlich nur ihrem Sohn, oder auch ihrem Ex-Mann galt.
„Vaclav erzählte mir, dass es dort sehr unruhig ist. Überall brechen Kämpfe aus, zwischen den verschiedenen Ethnien. Sie sind so brutal wie nie zuvor. Vor alle zwischen den Hindus und den Muslimen gibt es blutige Kämpfe.“
Fischer drehte sein Glas leicht zwischen den Fingern und betrachtete die rubinfarbene Flüssigkeit darin.
„Zwischen den beiden Volksgruppen dort gibt es doch andauernd Kämpfe. Dafür braucht man gar kein Indienexperte zu sein, um es zu wissen. Man hört es immer wieder in den Nachrichten. Wir haben noch Glück, dass hier in Deutschland die Moslems den Hindus nicht an die Gurgel gehen. In Großbritannien geht es nicht mehr so friedlich zu.“
„Davon verstehe ich nichts“, winkte sie ab. Aber Vaclav sagt, dass es viel schlimmer ist, als man erwarten würde. Er sagt, dass es viele Leute dort auch nicht begreifen.“
„Das wundert mich. Wer sonst soll dafür zuständig sein, wenn nicht die Bewohner selber?“
Sie war sich nicht ganz sicher, ob er es sarkastisch meinte oder im Ernst sprach, aber es kümmerte sie im Grunde wenig. Sie war viel mehr daran interessiert, ihm von den geheimnisvollen, unerklärlichen Entwicklungen dort im fernen Indien zu erzählen.
„Vaclav sagt, dass in der Stadt, wo sie hingehen wollen, die Menschen in der letzten Zeit immer mehr übersinnliche Geschichten erzählten, bevor die Kämpfe ausgebrochen sind. Die Stadt heißt Ayodhya, oder so. Dort hat es schon immer einen Hindutempel gegeben, ein Tempel für einen Gott des Krieges. Und als die Muslime damals Indien eroberten, hatten sie Millionen von Hindus ermordet, hatten sie grausam abgeschlachtet oder in die Sklaverei getrieben. Ihre kleinen Mädchen hatten sie schon im Kindesalter den Muslim Soldaten als Beute gegeben, damit sie sie vergewaltigten und wenn sie wollten auch heirateten konnten. Den heiligen Tempel in Ayodhya haben sie zerstört und an der Stelle eine Moschee gebaut. Als Ghandi Indien befreit hatte, wollten die Inder dort wieder den alten Tempel errichten, aber die Muslime wollen ihn ihnen nicht zurück geben. Deswegen kämpfen sie dort immer wieder gegeneinander. Und einige Menschen haben gesagt, dass ein Hindugott sich dort vor einigen Tagen gemeldet hatte und die Leute zum Kampf gegen Moslems aufgefordert habe. Er heißt Rama, der Gott aus einer indischen Legende. Aber auch andere Kriegsgötter haben sich dort gezeigt. Einer dessen Namen ich mir nicht bemerkt habe, und der andere heißt Indra.“
Fischer fing an, genauer hinzuhören.
„Komisch ist das schon. Du wirst mir vielleicht nicht glauben, aber in der letzten Zeit hatte ich auch schon mal die eine oder andere ähnliche Geschichte gehört, hier in Deutschland. Manche von diesen Geschichten klingen ganz unglaublich.“
Sie verstand ihn nicht.
„Was ist daran neu und ungewöhnlich?“
„Ganz einfach: Manche Menschen neigen dazu, an Wunder zu glauben. In den letzten Jahrzehnten sahen manche Leute in Deutschland immer wieder Marienerscheinungen oder Jesuserscheinungen, wenn sie irgendwelche übersinnliche Erfahrungen machten. Oder höchstens noch die Geister von irgendwelchen verstorbenen Angehörigen. Aber an die alten heidnischen Göttern glaubte hier niemand mehr. Und jetzt auf einmal tauchen sie immer wieder an den verschiedensten Orten auf. Und immer sind es die Kriegsgötter.“
Dorina hörte nur halbherzig zu. Sie liebte zwar die übersinnlichen Geschichten, aber sie fand mehr Interesse an den Erzählungen ihres Sohnes als an Fischers vagen, nüchternen Sätzen.
„Warte, ich drucke den Chat mit Vaclav aus, dann können wir alles in Ruhe durchlesen.“
Sie holte ein paar Minuten später die Blätter aus dem Drucker, stellte die Getränke und ein Schälchen mit Gummibärchen auf dem Couchtisch zurecht, damit sie leicht erreichbar waren und kuschelte sich neben Fischer so hin, dass sie auf ihn reizvoll wirkte, ohne jedoch zu ermutigend zu erscheinen. Es war ihre Art mit ihm umzugehen: immer ein wenig aufreizend, aber ohne die gewisse Grenze zu überschreiten, die auf ihn wie eine Einladung hätte wirken können.
Sie nahm die Blätter in der Hand, so dass er sie auch mitlesen konnte, und zeigte ihm die Stellen aus dem Chat, die sie sie meinte, dass sie ihn interessieren müssten:

Vaclav: Mama, es kann sein, dass die Verbindung unterbrochen wird, weil der Strom immer wieder ausfällt.
Dorina: Geht es euch gut?
Vaclav: Ja. Es geht uns gut. Papa hatte eine Zerrung gehabt. Und einige Prellungen.
Dorina: Hat Papa sich verletzt?
Vaclav: Wir wurden in einer Stadt 40 Kilometer westlich von hier von wütenden Menschen angegriffen.
Dorina: Warum?
Vaclav: Weil sie erfahren hatten, dass wir aus Europa kommen.
Dorina: Nur deswegen?
Vaclav: Ja. Sie hassen Europäer. Sie glauben, dass die Christen sie vernichten wollen.
Dorina: Was für Menschen sind das? Ihr habt doch nie jemanden et was getan!
Vaclav: Ja. Aber sie sind Muslime. Und sie hassen uns wegen dem Afghanistankrieg und wegen der Amerikaner.
Dorina: Ich mache mir Sorgen um euch.
Vaclav: Das brauchst du nicht. Hier sind wir sicher.
Dorina: Wann kommt ihr nach Hause? Seht zu, dass ihr wegkommt, Kind.
Vaclav: Wir können noch nicht.
Dorina: Als ich 1990 mit Papa dort war, waren alle Menschen so freundlich. Auch die Muslime. Und die Inder noch mehr.
Vaclav: Jetzt sind alle feindlich. Auch gegeneinander. Und gegen uns noch mehr.
Dorina: Kind, kommt nach Hause. Sag es auch Papa.
Vaclav: Wir können noch nicht. Wenn die Kämpfe in Ayodhya nicht aufhören, müssen wir einen Umweg machen.
Dorina: Ist dort Krieg?
Vaclav: Noch nicht. Aber Unruhen. Die Leute sagen aber alle, dass der Krieg kommt.
Dorina: Fahrt zum nächsten Flughafen und fliegt gleich heraus aus diesem Gebiet.
Vaclav: Die Leute sehen überall die alten Kriegsgötter. Sie sprechen alle von Wundern, dass jemand irgendwo in einem Dorf Indra gesehen hat oder Rama oder einen anderen Gott. Und auch die Muslime sind sehr aufgebracht. Sie haben auch einen toten muslimischen Märtyrer gesehen sagen sie. Jemand, zu dessen Grab jedes Jahr hunderttausende von Muslimen pilgern, soll ihnen erschienen sein.
Dorina: Was?
Vaclav: Ich glaube, er heißt Ali Hussein, ein Märtyrer der Schiiten. Er soll ihnen gesagt haben, dass sie kämpfen müssen. Jemand will sogar Jesus irgendwo gesehen haben. Sie erzählten, dass Jesus in einer Kapelle irgendwo in Kerala erschienen ist, mit einem Maschinengewehr. Komplett in Gold gekleidet. Und er rief die Leute auf, zu kämpfen.
Dorina: Sie sind alle verrückt!
Vaclav: Sie haben Barrikaden zwischen den einzelnen Stadtvierteln errichtet. Und auch auf der Landstraße. Sie wollen alle gegen alle kämpfen. Es ist Krieg hier, Mama!
Dorina: Wo ist der nächste Flughafen, von dem ihr wegfliegen könnt?
Vaclav: In Gorakhpur. Aber die Straßen sind schlecht, wenn wir nicht durch Ayodhya fahren. Und Papa geht es nicht so gut. Wir müssen noch ein paar Tage hier bleiben.
Dorina: Was kann ich für euch tun? Soll ich zu der indischen Botschaft gehen?
Vaclav: Bete für uns, Mama.

Das war sicher keine Stimmung, in der man an Sex dachte, sagte sich Fischer enttäuscht. Er versuchte, so gut es ging, Dorina zu trösten, aber er fand wenig, was er dazu sagen konnte. Sie trank einen Schluck von ihrem Wein, dann erzählte sie, dass die Menschen dort in den Bergen von Nordindien schon immer sehr religiös und wundergläubig waren, aber das damals, als sie vor über zwanzig Jahren mit ihrem Mann dort war, sie viel aufgeschlossener und friedfertiger waren.
Ja, das hatte Fischer auch gleich zwischen den Zeilen verstanden, denn Václavs knappe Sätze klangen so, als ob die kleine Gruppe europäischen Bergsteiger von der kriegerischen Stimmung dort vollkommen überrascht wurde.

***

Auf der Autobahn von Frankfurt nach Süden war wie immer viel Verkehr und so dauerte es länger als geplant, um Erika nach Karlsruhe zu fahren. Vicky wäre am liebsten weggeblieben, denn sie empfand immer noch eine gewisse innere Ablehnung gegenüber Erika.
„Sie hatte genug erlitten und sie ist jetzt auf unsere Seite“, versuchte Thomas ihr zuzureden. Aber so schnell konnte Vicky die Zeit nicht vergessen, in der sich Erika hochnäsig als das gute Mädchen ausgegeben, und Vicky mit ihren Freunden von oben herab behandelt hatte. Erika, sie war der Liebling der Lehrer gewesen, sie hatte in der vierten Stufe den Umweltpreis bekommen und sie war später in der Gruppe, die den Wettbewerb der multikulturellen Vielfalt gegen Rassismus gewonnen hatte.
„Wenn sie glaubt, dass es ausreicht, jetzt einfach zu uns zu kommen und einmal ‚es tut mir leid‘ zu sagen, dann hat sie sich geschnitten. So schnell kann ich nicht vergessen, wie sie sich die ganze Zeit aufgeführt hatte. All die Jahre hat sie uns alle wie die Aussätzigen behandelt. Sie hatte euch genau so verachtet und verabscheut.“
Aber Thomas war nicht so leicht von seinem Entschluss abzubringen.
„Sieh es anders, Vicky. Wir tun das nicht für Erika, sondern für uns alle. Es geht nicht mehr um sie, sondern um die ganze Sache.“
„Was für eine Sache? Wir wissen gar nicht, was dahinter steckt.“
„Eben darum. Nicht mal die Polizei weiß, warum die Moslems sie unbedingt umbringen wollten. Es hängt alles irgendwie mit ihrem Kampf gegen uns zusammen, das ist sicher. Das hat auch dieser Kriminalbeamte vorgestern bei Andrej gesagt, bevor wir uns getrennt haben. Niemand weiß worum es richtig geht, aber es hat mit den Muslimen und mit der Moschee zu tun.“
Vicky blieb immer noch trotzig, obwohl sie sich bereits entschieden hatte, mitzufahren, und obwohl sie es gewesen war, die für Erika die Unterkunft bei Tante Therese organisiert hatte.
„Wenn dieser Fischer es so sieht, dann hätte er als Polizist was führ ihre Sicherheit tun können. Sie geben sich als Freund und Helfer aus, aber wenn die Leute in Gefahr sind, dann müssen wir uns mit den Türken herumschlagen, und die Polizei steht nur untätig daneben und sieht zu, wie wir verprügelt werden.“
Als jedoch Erika mit ihrem Gepäck aus Mikes Wohnung auftauchte, ließ Vicky sie nichts von ihrer ursprünglichen Ablehnung spüren.
Während der Fahrt erzählte sie über Tante Thereses schrullige Art, um sie zu beruhigen, und auch um sie ein wenig darauf vorzubereiten, was sie in Karlsruhe erwartete. Denn wer mit Tante Therese auskommen wollte, musste auf ihre seltsame Art gefasst sein.
„Sie ist ganz in Ordnung, auch wenn manche Leute behaupten, dass sie spinnt. Ich komme mit ihr gut zurecht. Sie mag nur nicht, wenn die Leute versuchen, ihr was vorzumachen. Sie ist zu intelligent und merkt es sofort. Und zu viele Leute versuchten bisher sich bei ihr einzuschleimen, weil sie so reich ist.“
„Das dürfte kein Problem sein“, stellte Thomas ironisch fest. „Du wirst sie ganz sicher nicht beerben wollen. Nicht wahr, Erika?“
Als sie ankamen, hatten sie erst mal nach den Benimmregeln der alten Zeit im Esszimmer der großen alten Jugendstilvilla Platz nehmen und Kaffee trinken müssen.
Therese Sommer-Widde konnte sich kaum vorstellen, Freunde am Nachmittag zu empfangen, ohne den obligatorischen Kaffee und Kuchen zu servieren. Wenn man ankam, standen die Tassen und Teller schon längst vorbereitet auf dem Tisch, so dass Vicky sie verdächtigte, den Tisch immer für Kaffee gedeckt zu halten.
Die Kuchen der Tante Therese waren die schlechtesten, die man sich vorstellen konnte. Sie schwärmte für die Walnusskuchen einer Freundin, die in Bremen eine Bäckerei leitete, und so ließ sie sich diese Kuchen in Isolierpackung schicken, legte sie in die Tiefkühltruhe und servierte sie jedes Mal, wenn sie Gäste hatte. Die Kuchen schmeckten alt und ranzig, nach Tiefkühltruhe.
Diesmal hatte Therese neben ihrem Kaffee und Kuchen ihren Gästen auch einige Fotos von ihrer letzten Ritterveranstaltung auf den Tisch gelegt, denn sie war überzeugt, dass sich jeder Mensch an allem, wofür sie sich begeisterte, gleichermaßen interessieren musste.
Die Fotos waren noch langweiliger als der Kaffeetratsch, dachte Thomas und blickte schon verstohlen auf die antike Kaminuhr. Er versuchte sich auszurechnen, wie lange sie noch dort sitzen mussten, bevor sie sich endlich verabschieden durften. Er bemitleidete im Stillen die arme Erika und überlegte sich gerade, ob es nicht zu grausam war, sie in der großen, düsteren Villa mit der verrückten alten Frau allein zu lassen.
Therese zeigte ihre Fotos und erzählte mit großer Liebe zum Detail jede Kleinigkeit, was ihr zu der Veranstaltung im Kloster Eberbach einfiel:
„Du weißt ja Vicky, dass eure Freunde, die Gudweißes, auch dabei waren.“
„Ach, tatsächlich? Wie hast du sie dazu überredet, Tantchen?“, lachte Vicky.
Therese nahm ihr ihre burschikose, lockere Art nicht übel, denn sie kannte Vicky schon seit ihrer Geburt.
„Ich musste sie gar nicht überreden. Der Erwin Gudweiß hat mich doch selber gebeten, dass ich ihn für die Aufnahme in unserem Orden empfehle, als wir uns damals bei eurem Brunch kennengelernt haben.“
Vicky nickte in Erinnerung an dem Sonntag, damals zu Hause in S. am Rhein, als ihre Welt noch nicht aus den Fugen geraten war.
„Ich glaube, er passt gut zu euch.“
Dann wandte sie sich an Thomas:
„Du erinnerst dich an Herr Gudweiß?“
Thomas erinnerte sich kaum, aber er tat aus Höflichkeit so, als ob es ihn interessierte. Dabei dachte er, dass er sich nicht an alle Menschen erinnern konnte, die er irgendwo einmal zufällig traf.
„Ganz lustig war der Erwin mit seinem Schwert“, erzählte Therese weiter anhand der Fotos.
„Er hatte sich ein Schwert gekauft, denn er sagte, dass er auch ein Schwert braucht, wenn er schon zum Ritter geschlagen wird. Und es war genau so ein Schwert, wie auf dem Grab des Siegfried von Rhoudolfingen, einem der ersten Ritter, die das Kloster gegründet haben und dort begraben sind.“
Dabei zeigte Therese auf eines der Fotos:
„Hier ist es.“
Vicky reckte das Hals, um das Foto näher zu sehen.
Thomas griff nach den restlichen Fotos auf den Tisch, sehr zum Verdruss von Therese, die meinte, dass ihre Fotos nur zusammen mit ihren Erklärungen zu haben waren. Nach den notwendigen Entschuldigungen war sie aber gern bereit, ihnen die Fotos mit den Schwertern darauf zu zeigen, und erklärte gleich jedes kleinste Detail umständlich. Sie holte ihnen sogar ihr antikes Vergrößerungsglas, damit sie es besser sehen konnten. Ja sie ging in ihrer Großzügigkeit sogar so weit, dass sie ihnen die Aufnahmen leihweise übergab, um sie mitzunehmen und zu kopieren, nachdem sie versprachen, sie umgehend mit der Post zurück zu schicken.

Kapitel 17

Rabbi Yodda stand vor einer unangenehmen Aufgabe. Saras Schwester, Aliya Camaro und ihr Mann waren aus Uruguay nach Deutschland gekommen um Näheres über ihre ermordete Schwester zu erfahren und über die sterblichen Überreste der Verstorbenen zu verfügen.
Es war ausgemacht, dass der Rabbi sie am Flughafen im Frankfurt empfangen und nach S. am Rhein begleiten sollte. Der Rabbi hatte noch den Großvater der zwei Frauen gekannt, der das Glück hatte, auf einem griechischen Schiff einen Platz zu ergattern, der während des Krieges die Juden von Rumänien nach Israel rettete. Seine Familie, seine Eltern und seine Geschwister wurden allesamt nach Auschwitz deportiert. Viele jüdische Familien hatten dieses Schicksal geteilt und der Rabbi wusste sehr wohl, dass die Überlebenden ihren Kindern die Bitterkeit und Unversöhnlichkeit gegenüber denjenigen weitergaben, die ihrem Volk solches angetan hatten, oder tatenlos zugesehen hatten, dass solches geschah.
Man sagte es nicht laut, aber man trug den Hass in sich. Auch wenn man aus politischen Gründen von sich sagte, man sei Deutscher, Österreicher, Italiener oder Ungar, man war im Grunde Jude. Und man konnte es nicht vergessen, dass die anderen die Täter waren. Man wird es auch in Hunderten von Jahren nicht vergessen können.
Während der Fahrt von Frankfurt nach S. am Rhein versuchten sie, eine Unterhaltung in Gang zu bringen, die jedoch verkrampft war, denn die jungen Amerikaner kamen aus einer fremden Welt , die mit der konservativen Einstellung des Rabbi wenig anzufangen wussten. Hinzu kamen noch alle möglichen Sprachbarrieren.
Der Sohn des Rabbi, Michael Yoda, der sich bereit erklärt hatte, sie in seinem dunkelgrauen Audi nach S. am Rhein zu fahren, konnte einigermaßen gut spanisch, aber er konnte gar kein Jiddisch. Der Rabbi konnte sich mit Senor Camaro dagegen nur auf Jiddisch unterhalten, mit Frau Aliya Camaro dagegen sprach er nur gebrochen Englisch. So entstand im dunkelgrauen Mittelklassewagen ein internationales Durcheinander von mehreren Sprachen und manchmal wurden sie sogar alle gleichzeitig gesprochen. Der Rabbi litt unter leichter Schwerhörigkeit, die er aus einer falschen Eitelkeit nicht zugeben wollte, die aber dazu führte, dass er in solchen Fällen leicht reizbar wurde, wenn mehrere Leute gleichzeitig im engsten Raum verschiedene Sprachen verwendeten.
So war es eine Erlösung für ihn, als sie endlich vor dem Landeskriminalamt in S. am Rhein ankamen und er wieder auf Deutsch mit den dortigen Kriminalbeamten sprechen konnte.
Hier jedoch wartete eine neue Enttäuschung auf sie, denn Fischer, der ja mit dem Fall beauftragt war, teilte ihnen mit, dass die Polizei bis dahin keine nennenswerten Erfolge bei der Ermittlung erzielen konnte. Nach einigem hin und her und nach mehreren Fragen, die Senor Camaro dem Rabbi auf Jiddisch stellte, während gleichzeitig Senora Camaro dem Sohn Mihael Yodda Fragen auf Spanisch stellte, wollte der Rabbi wissen, bis wann die Polizei rechnete, den Fall aufklären zu können.
„Zu meinem Bedauern muss ich Ihnen mitteilen, dass wir derzeit keine Spuren mehr haben, die wir verfolgen können. Wir haben alles getan, was wir konnten, aber es hat nichts gebracht. Und aus Erfahrung wissen wir, dass es immer weniger Chancen gibt, den Fall aufzuklären, je mehr Zeit verstreicht, denn die ersten Stunden und Tage nach der Tat sind maßgebend.“
Fischer hätte selber alles daran gesetzt, diesen verdammten Fall aufzuklären und aus der Welt zu schaffen, denn dieser schien am Ausgangspunkt allen Übels zu stehen, welches seither über die Stadt gekommen war. Aber wie sollte er das diesen anständigen Leuten sagen, die da vor ihm standen und ihn mit vorwurfsvollen Blicken anstarrten? Von ihnen allen zeigte vor allem der Rabbi ein langes Gesicht, auf dem abzulesen war, dass er dem Polizisten nicht glaubte.
„Wissen Sie, es ist sehr schwer, im kulturellen Umfeld einer Moschee zu ermitteln“, versuchte Fischer ein wenig mehr Verständnis zwischen Ihnen aufzubauen. „Die Gläubigen einer Moscheegemeinde öffnen sich nicht gerne Fremden gegenüber.“
Seine Augen bettelten fast um Verständnis. Aber es kam keins. Die vier Menschen wahrten die Entfernung zwischen ihnen. Der Rabbi sagte:
„Vielleicht liegt es an der Moschee, vielleicht an unsere Religion… Wer weiß? Vielleicht, weil sie einen türkischen Pass hatte?“
Sie waren alle höflich, aber reserviert und kalt, mochte Fischer auch sagen, was er wollte. Allein bei dem jungen Mann, den der Rabbi als seinen Sohn vorgestellt hatte, konnte Fischer einen Funken Verständnis und gar Bedauern in dessen Augen erkennen. Er schien sagen zu wollen, dass er diese Situation bedauerte, aber dass er sich zu seinen Freunden loyal verhalten musste.
Dann wollte die Schwester noch wissen, ob Sara Wertsachen bei sich gehabt hatte, und ob man diese mitnehmen dürfte. Es war nur das Armband. Und ja, sie durften es mitnehmen.

Wieder zurück in Frankfurt, im Wohnzimmer des Rabbi, diskutierten die Vier sehr aufgeschlossen, bei einer Tasse Kaffee untereinander:
„Wir werden nie zu ihnen gehören“, sagte der Rabbi betont zu seinem Sohn. „Sieh dir Senor und Senora Camaro an. Auch wenn sie auf der anderen Seite der Welt wohnen, sie sind unser Bruder und unsere Schwester. Fleisch aus unserem Fleisch und Blut aus unserem Blut. Sie denken wie wir und fühlen wie wir. Sie sind unser Volk. Mit den anderen teilen wir nur die Sprache, aber nicht unser Herz.“
Michael hatte aus anerzogenem Respekt seinem Vater nicht widersprechen wollen, so schwieg er. Der Rabbi fuhr fort:
„Es ist nur eine Frage der Zeit, wann das nächste Pogrom losgeht und dann werden sie uns alle wieder verraten“, sagte er bitter. Sie tun heute schon nichts, um die Juden in Malmö, in Paris oder in Antwerpen vor den Übergriffen der Nazis und der Muslime zu schützen. Wir werden beschimpft, bespuckt und beschmutzt, aber was macht das ihnen aus? Sie wollen ständig nur Geld von uns, und wenn wir ihnen nicht mehr Geld geben, dann schimpfen sie auf das Finanzjudentum. Auch wenn die Finanzhaie reiche Christen, Araber, die Russenmafia oder die Chinesen sind, wollen sie das nicht sehen. Sie lasten uns die Taten aller Finanzhaie an, egal welchem Volk sie angehören mögen. Wenn sie wegen der schlechten Finanzlage verärgert sind, dann sprechen sie die Juden schuldig an der ganzen Misere, als ob es unsere Schuld wäre.“
Michael übersetzte die Sätze der Rabbi auf Spanisch. Er gab sich große Mühe, die Bitterkeit seines Vaters ein wenig zu mildern, denn Senora Camaro war sichtlich mitgenommen von der schlimmen Situation in Europa.
„Das klingt sehr schlimm“, sagte sie. „Ich hätte das nicht erwartet. Aber mein Großvater hat uns immer gewarnt. Er sagte uns, ihr werdet sehen: Eines Tages werden die Europäer wieder anfangen, die Juden zu töten. Und heute herrschen überall wieder die Nazis“.
Sie suchte in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch und wischte sich ein paar Tränen weg. „Meine arme Schwester! Arme Sara!“
Senor Camaro hätte sich gewünscht, dass der Rabbi ein paar tröstliche Worte zu seiner Frau über den Verlust ihrer Schwester sprechen würde, aber dieser war in seiner eigenen Bitterkeit versunken:
„Und in Osteuropa ist es noch schlimmer! In Russland herrschen ganz und gar die Nazis. Dort jagen sie sowohl die Muslime als auch die Juden heute schon offen auf der Straße.“
Er suchte in einem Stapel Zeitungen nach der richtigen Meldung, aber er fand sie nicht, so setzte er aus seiner Erinnerung fort:
„In einem Dorf in Kasachstan hatten sie vor zwei Wochen zwanzig Menschen umgebracht. Nur weil sie Juden waren.“
„Aber die Täter waren eine Bande tschetschenische Terroristen, Vater. Ich habe auch den Artikel gelesen, dort ging es um islamischen Terrorismus.“
„Das können wir gar nicht wissen, Michael. Heute schreiben die Zeitungen nur das, was sie meinen, dass wir glauben sollen. Aber ist das auch die Wahrheit?“
Senor Camaro, der durch Michaels spanische Übersetzung die Worte des Rabbi vernahm, blickte ungläubig drein.
„Ist es schon wieder so schlimm geworden? Zensiert man in Europa die Zeitungen schon wieder?“
Senora Camaro hatte inzwischen ihre Tränen ganz getrocknet und holte das Armband ihrer Schwester aus der Tasche heraus.
Sie hatte das Armband gemeinsam mit zwei Freundinnen gekauft, als sie damals zusammen in Jerusalem waren. Sie war nach dem Abitur dorthin gefahren und sie hatte sich in Jerusalem mit den zwei Mädchen angefreundet. Mit einem russischen Mädchen und einem türkischen Mädchen aus unserer Stadt, aus Izmir. Sie hatten sich diese Armbänder gekauft, als Zeichen ihrer Freundschaft.
„Nazis! Sind alle Nazis!“ sagte der Rabbi.
Senora Camaro verzerrte das Gesicht auf den widerholten Ausruf des verhassten Wortes und zerriss das Fatima-Armband. Ihr Gesicht war immer noch vor Wut und Hass gezeichnet, während die kleinen Kabala-Anhängern auf dem Boden rollten, unter den Tisch, unter den Stuhl, durch das gesamte Zimmer. Eine kleine metallene Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger landete unter der Heizung und zeigte von dort aus auf den Rabbi, wie ein schuldzuweisender Torazeiger. Die drei Männer hatten aufgehört zu reden und sahen Senora Camaro mit großen, erschrockenen Augen an.

***

Irgendwo am Ural hatte zur selben Zeit ein kleines Mädchen ihre Finger in das Armband ihrer Mutter eingehackt und zerrissen, während sie im Wartezimmer eines Kinderarztes saßen. Die Mutter beschimpfte sie leise und setzte es ab, um die heruntergefallene kleine Anhänger aufzusammeln. Eine kleine Hand zeigte beschuldigend zu dem Arzt, der gerade in diesem Moment in der Tür des Sprechstundenzimmers auftauchte. Der Arzt merkte den Fingerzeig gar nicht, denn er war müde und so viele Leute warteten auf ihn, hofften, dass er sie heilen würde. Aber er hatte weder die Zeit, um sich mit allen gründlich zu beschäftigen, noch die Medikamente. Die guten Medikamente waren kaum noch zu bezahlen. Man musste sie aus dem Westen besorgen, und dazu brauchte man Euros oder Dollars.

***

Kaum zurück aus Karlsruhe war Vickys erste Tat, bei der Familie Gudweiß anzurufen. Sie konnte sich leider nur mit dem Anrufbeantworter unterhalten, denn die Familie Gudweiß war offensichtlich nicht zu Hause.
„Was können wir jetzt tun?“ fragte sie. „Die Gudweißes könnten jetzt schon am anderen Ende der Welt sein, wie ich sie kenne. Sie sind mehr Tage im Jahr auf Reisen, als zu Hause“, stöhnte sie.
„Aber gibt es da niemand, der ihr Haus betreut, wenn sie weg sind?“ wollte Thomas wissen. Er kannte kaum reiche Leute, aber er vermutete aus den Filmen oder aus Vickys Erzählungen, dass alle reichen Leute Irgendwelche Hausangestellte hatten, die ihre Villen für sie behüteten und ihren Rasen mähten, während sie in der Welt herumgondelten.
„Ja, doch. Aber ich kenne sie nicht.“
„Egal. Wenn sie auf das Haus aufpassen, dann müssen wir sie dort beim Haus finden können.“
So beschlossen sie, gleich am nächsten Morgen hinzufahren.
Das polnische Ehepaar, das das Haus und den Garten betreute, sagte ihnen gleich, dass die Familie Gudweiß sich derzeit in Florida aufhielte, bei Freunden. Die Telefonnummer der besagten Freunde lag auf der Ablage neben dem Küchentelefon, dort wo die meisten Notizen für die Haushälterin bereit lagen.
Vicky wollte gleich anrufen, aber Thomas hatte sie zurückgehalten.
„Sie werden nicht erfreut sein, wenn sie mitten in der Nacht einen Anruf erhalten, nur weil wir unbedingt ihr Schwert sehen möchten. Überleg dir mal, was sie über uns denken würden.“
Das musste auch Vicky einsehen, dass es keinen guten Eindruck machen würde. Sie beschlossen, die Zeit bis zum Nachmittag mit einer Fahrt nach Eberbach zu überbrücken.
„Wir könnten dort zu Mittag essen und dann sind wir rechtzeitig zurück, um nach Miami zu telefonieren.“ Schlug Vicky vor.
Sie fuhren durch eine strahlende Sonnenlandschaft über den Odenwald. Entlang der Landstraße waren die vielen kleinen Ortschaften wie kleine, sagenhafte Perlen auf einer Kette alter Märchenerzählungen aufgereiht. Es war schwer zu entscheiden, was mehr Zauberkraft ausstrahlte, die alten Stadtkerne, mit ihren Spitzen Kirchtürmern und den vielen alten Fachwerkhäusern, mit dem historischen Brunnen vor dem Rathaus, von dem die Geschichtslehrer des Ortes jeweils behaupteten, dass ihr Dorf den echten Siegfriedbrunnen besitzen würde, oder die kleinen alten Schlösser inmitten dunkelgrüner Laubwälder. Über den Bergen in der Ferne hingen seltsame Wolken, die wie eine große graue Wand vom Himmel herunterhingen und das Sonnenlicht über die Landschaft noch leuchtender strahlen ließen.
Es war kurz vor Mittag, als sie vor dem Klostergelände auf dem Besucherparkplatz anhielten. Sie sahen zuerst auf das alte Eingangstor aus rotem Sandstein hoch, bevor sie unter dem Torbogen durchgingen.
„Es ist, als ob wir gleich in eine andere Welt hinein treten würden.“
Über dem Tor prangte in einer ausgeschmückten Barockkartusche das Wappen des Abtes Adolf II.
„Vielleicht ist er ein Urgroßvater von Hitler gewesen“, scherzte Thomas.
Vicky sah ihn mit einem gestellt bösen Blick an:
„Mönche heirateten nicht. Wenigstens so viel müsstest du wissen.“
Thomas wusste vor allem, dass sie auf seinen Scherz eingegangen war, denn er kannte sie zu gut. Und deswegen umarmte er sie und küsste sie gleich vor den Augen eines Mönches, der ihnen in seiner langen, braunen Kutte gerade in diesem Moment auf dem Weg entgegen kam. Er zeigte in keiner Weise, dass er den Kuss gesehen, oder wenn ja, dass er sich dadurch gestört oder beleidigt fühlte. Als er sie erreichte, grüßte er sie mit einem lauten, freundlichen „Grüß Gott“ und ging weiter seines Weges.
„Wäre das hier eine Moschee, dann wäre er bereits beleidigt gewesen“, bemerkte Thomas trocken und nahm Vicky an der Hand.
Sie zahlten ihren Eintritt und überlegten sich, wo sie mit der Besichtigung anfangen sollten. Eine Gruppe Touristen aus Sachsen war gerade dabei, die Besichtigungstour anzutreten und Thomas schlug vor, sich der Gruppe anzuschließen. Die Tour fing im ehemaligen Mönchsdormitorium an und sie mussten sich eine lange Geschichte anhören, bis die Gruppe zu der Abteikirche gelangte. Sie erfuhren dabei die Gründungsgeschichte mit den dreizehn Mönchen, die sich dort im zwölften Jahrhundert niedergelassen hatten.
Bernhard von Clairvaux , der große Prediger, der Kreuzritter gegen die muselmanischen Eroberungen im Heiligen Land, war der eigentliche Gründungsvater des Klosters, denn er hatte die dreizehn Zisterzienser nach Eberbach geschickt.
„Später“, erzählte der Rundgangführer den sächsischen Rentnern, „bot das Kloster den rückkehrenden Kreuzritter aus dem Heiligen Land ein Obdach. Und diese brachten einiges aus der Lehre des Orients mit sich, so dass man im Grunde sagen könnte, dass man bereits im Mittelalter unter dem Dach des Klosters sehr fortschrittliche Ideen verbreitete, dass das Kloster ein Hort der Toleranz und des religiösen Miteinanders war.
Heute organisierte man immer wieder interreligiöse Veranstaltungen, bei denen auch muslimische Religionsvertreter eingeladen waren. So war vor einigen Monaten ein Muezzin zu Gast, der im Dormitorium der Mönche den Muezzinruf ausgerufen hatte.“
Vicky zeigte mit allerlei Grimassen, wie widerlich diese Erklärungen auf sie wirkten. Thomas versuchte sie mit allen Mitteln abzulenken, indem er ihr kleine Belanglosigkeiten zeigte, ihr ein Küsschen zuwarf oder, wenn ihm nichts anderes mehr einfiel, einfach ihre Hand drückte.
Nach einiger Zeit, was schon wie eine Unendlichkeit wirkte, kamen sie endlich zu der Abteikirche und trennten sich bei der ersten sich bietenden Gelegenheit von der Reisegruppe.
Es war nicht einfach, die Grabplatte des Abtes Siegfried unter den vielen jüngeren Denkmälern zu finden. Die Platten waren alle beschriftet, aber Thomas und Vicky taten sich schwer mit den älteren lateinischen Buchstabenreihen, die ohne Rücksicht auf die Trennung zwischen den einzelnen Worten fortliefen. Sie halfen sich, indem sie Tante Therese anriefen und sie baten, ihnen den Weg zu weisen. Endlich, nach langer Suche, standen sie vor der alten, abgenutzten Grabplatte, mit dem Steinrelief des alten Rittermönchs darauf. Siegfried, der in seiner Jugend den siebten Kreuzzug ins Heilige Land mitgemacht hatte, wurde nach seiner Rückkehr in die Heimat zum Mönch. Auf der Grabplatte war er als solcher Abgebildet, in seiner kirchlichen Tracht. Nur noch sein Schwert erinnerte an seine soldatische Jugend, obwohl es umgekehrt abgebildet war, als ein Kreuz und nicht wie ein Schwert.
Der Zahn der Zeit hatte dem Stein zugesetzt und man musste sich anstrengen, um das Schwert richtig zu deuten. Gerade die drei Wölbungen dicht unter dem Faustschutz waren abgegriffen, als ob in früheren Zeiten viele Leute mit der Hand darüber gefahren wären.
„Wer weiß, vielleicht haben damals die Leute diesem Kreuz hier magische Kräfte zugesagt und deswegen hatten sie alle diese Stelle angefasst“, mutmaßte Thomas.
Als sie die Klosterkirche verließen, war ihnen die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Das Essen und der Wein aus der Klosterkellerei entschädigte sie einigermaßen für ihre Enttäuschung, aber sie waren sich trotzdem einig, dass sie hier nichts von dem gefunden, was sie sich erhofft hatten.

Kapitel 18

Goretzki war zu der Familie Efgenidis gefahren, um mit Alexios Elefteridis noch einmal zu sprechen. Zu seiner Überraschung musste er erfahren, dass die beiden Elefteridis, Vater und Sohn, weggefahren waren.
Die Eheleute Efgenidis verhielten sich ihm gegenüber sehr zurückhaltend. Goretzki konnte sich den Grund nicht erklären, denn erst vor ein paar Tagen waren die zwei alten, einfachen Menschen sehr freundlich und aufgeschlossen zu ihm gewesen. Alexios Elefteridis gehörte nicht zum Kreis der Verdächtigen und so hatte die Polizei keinen Grund ihn zurück zu halten, wenn er die Stadt verlassen wollte.
Andererseits war sein Fall noch nicht abgeschlossen und Goretzki hätte erwartet, dass er die Polizei von seiner Abreise benachrichtigen würde. Normalerweise waren die Opfer interessiert an der Aufklärung der Tat und meldeten sich selber ständig bei der Polizei, so dass sie manchmal sogar lästig wurden. Aber Alexios schien es gar nicht mehr zu kümmern, ob man etwas Neues über die Täter oder das Tatmotiv heraus gefunden hatte. Schon das letzte Mal, als Goretzki ihn im Krankenhaus gesprochen hatte, gewann er den Eindruck, dass der junge Grieche viel mehr Interesse an irgendwelchen Dingen hatte, die in der nächsten Zukunft auf ihn zukommen sollten, als an dem, was ihn zuvor bei der Moschee zugestoßen war.
Er hatte sich überlegt, den alten Trödler Achaios Simonidis zu besuchen, der ihm noch vor einer Woche so viel Sympathie entgegen brachte.
„Meine Tür steht jedem offen“, antwortete Simonidis auf die zaghafte Frage des Polizeibeamten. „Das hier ist ein Laden und ich wäre ein schlechter Verkäufer, wenn ich meine Tür vor den Kunden zumachte.“
Das war nicht gerade der Empfang, mit dem Goretzki gerechnet hatte, und er hatte es auch gleich auf seine höffliche, aber direkte Art gesagt:
„Es scheint mir, dass ich bei Euch nicht mehr ganz so willkommen bin, wie noch vor einer Woche. Weder bei Ihnen, noch bei den anderen griechischen Familien. Liegt es an mir, oder gibt es eine andere Erklärung, die mir entgangen ist?“
„Was erwartet ihr? Ihr steht da und seht tatenlos zu, wie die Türken unsere Söhne allesamt zu Tode prügeln? Ihr sprecht von Freundschaft, zwischen den Völkern, aber was habt ihr bisher für uns im Namen dieser Freundschaft getan. Ihr habt uns in die Europäische Union geholt, nur um unseren Reichen zu helfen, uns das Volk aber noch mehr auszubeuten. Und damit ihr eure Reichen nach Griechenland schicken konntet, um uns auszubeuten. Was denkst du, wer die Gläubiger Griechenlands waren? Eure Zeitungen sagten, dass wir hochverschuldet sind, aber sie sagten nicht, dass es eure Reichen waren, die es mit unseren Reichen ausgemacht haben. Und dann schreiben eure Zeitungen, dass ihr Griechenland retten wollt, damit euer Volk uns richtig hasst. Dabei verlässt das viele Geld, was ihr angeblich uns Griechen gebt, nicht einmal die Bank. Die Banken retten sich selber damit, dass sie unseren Namen beschmutzen und uns zu korrupten Betrügern machen. Und dann kommen die Türken und die Albaner und ihr seht tatenlos zu, wie sie uns verprügeln! Wenn wir uns wehren, dann bestraft ihr uns, anstatt unsere Angreifer zu bestrafen.“
Goretzki stand da wie vor den Kopf gestoßen. Was sollte er darauf antworten. Er konnte die Bitterkeit des alten Mannes verstehen. Aber was sollte er tun? Andererseits war er ein Deutscher und er empfing die Vorwürfe wie einen Schlag ins Gesicht.
„Du weiß ja, dass ich nur ein Polizeibeamte bin. Mit der Politik und mit den Staatsfinanzen habe ich nichts zu tun.“
„Ja, das sagt ihr alle. Aber was würdet ihr sagen, wenn es alles umgekehrt wäre? Wenn wir euch so behandelt hätten?“
Gorezki fühlte die ganze Last der Anschuldigung und er fühlte die Kluft, die zwischen ihnen entstanden war. Es war einerlei, sagte er sich, um nicht die Ruhe zu verlieren. Er hatte den Alten gemocht und hatte seinerseits gedacht, dass der Grieche ihm bis dahin immer freundlich gesinnt war. Macht nichts. Menschen ändern sich und manche Freundschaften schwinden eh mit der Zeit. So ist das Leben.
„Wo ist der Junge Alexios hin?“ wollte er wissen.
„Was geht euch das noch an?“
„Wenn er in Deutschland ist, will ich wissen, wo er sich aufhält.“
„Er ist nicht mehr hier. Er ist zu den Russen gegangen. Er sagt, dass auf die Deutschen kein Verlass mehr ist. Am letzten Samstag auf dem Parkplatz von Logistic & Retailer wären die Griechen verloren gewesen, wenn sie auf die deutsche Polizei gewartet hätten. Nur die Russen haben sie gerettet. Die Deutschen haben nicht mal einen Finger für sie gerührt.“
Goretzki war langsam dabei, die Geduld zu verlieren:
„Ist er jetzt mit der Gang von diesem Dimitrij zusammen, oder ist er mit seinem Vater zurück nach Griechenland?“
Achaios überlegte sich kurz, was er sagen sollte, ob er dem Polizeibeamten noch trauen durfte. Er entschied sich, in ihm einen Vertreter des Systems, der Regierung von Berlin zu sehen und hielt ihn stellvertretend verantwortlich für all das, was passiert war. Es ging dabei nicht nur um einen einzelnen Jungen, sondern um die vielen Griechen, die jetzt vor der Verarmung, vor Not und Elend standen, weil die Eurokraten in Deutschland und in Brüssel noch reicher werden wollten und dazu diese große Lüge brauchten.
„Nein, er ist nicht nach Griechenland gefahren. Was soll er dort? Bei uns herrschen nur noch eure Kommissare, und sie zwingen uns, unser Land den Türken zu überlassen und ihnen sogar Moscheen in Athen zu bauen. Das ist es, was eure Herren in Berlin und Brüssel von uns Griechen verlangen. Alexios ist zusammen mit ein paar anderen nach Petersburg gegangen, um dort den richtigen Kampf zu lernen. Das nächste Mal werden unsere Jungs nicht mehr so hilflos dastehen, wenn die Türken kommen. Sie werden sich zu wehren wissen, ob es euch passt oder nicht.“
Achaios Simonidis verzog bei den letzten Worten den Mund voll Bitterkeit. Er richtete seinen Blick zu Boden, als ob er sich selber darum geschämt hätte. Denn er konnte nicht vergessen, dass er immer noch hier in Deutschland, im Lande des Polizeibeamten zu Gast war und bis vor Kurzem zwischen ihnen beiden freundschaftliche Verhältnisse herrschten.
Goretzki fühlte seinerseits, dass einiges von dem, was der alte Mann sagte, stimmte. Und es lastete auf ihm, wie eine dunkle Wolke. Er wollte die Schuld der Politiker nicht auf sich nehmen, aber er konnte sie auch nicht ganz von sich weisen. Er wird später darüber nachdenken müssen, sagte er sich.
Es tat ihm Leid, die Freundschaft des Griechen zu verlieren, aber er konnte nicht dort stehen bleiben, um ewig darüber nachzugrübeln. Er musste weiter, die Arbeit wartete auf ihn. Einerlei, sagte er sich, als er in sein Wagen stieg. Damit hatte er wenigstens den Fall los, auch wenn er ihn nicht lösen konnte.

***

Endlich zurück in S. am Rhein, versuchten Vicky und Thomas als erstes die Familie Gudweiß anzurufen. Inzwischen musste es in Florida morgens zehn Uhr sein, eine annehmbare Zeit. Leider bekamen sie nur die spanische Hausangestellte zu sprechen, die ihnen im gebrochenen Englisch mitteilte, dass sich die Familie Gudweiß auf einem Ausflug nach Mexiko oder nach Südafrika befand. Sie wusste es nicht genau. Ihre Telefonnummer dort wusste sie auch nicht. Es blieb ihnen keine andere Wahl als abzuwarten, bis die Gudweiß von Mexiko oder von Südafrika genug hatten, oder bis sie geruhten, jemand eine Telefonnummer zu hinterlassen, unter der sie erreichbar waren.
Vicky und Thomas beschlossen, sich am Abend mit Andrej zu treffen, um zu hören, ob er inzwischen etwas erfahren hatte, oder ob vielleicht die komische alte Frau aus dem Computerspiel irgendwelche neuen Botschaften für sie hinterlassen hatte.
„Nein, wir haben nicht mehr mit dieser Völva gesprochen. Und auch Sonka hat nichts mehr von dem Mann Sigurd, oder wie er heißt, gehört. Aber Mike hat angerufen“, berichtete Andrej. „Mike sagte, dass irgendwelche christlichen Gruppierungen eine Kundgebung planen.“
„Wo?“
„Hier bei uns vor dem Rathaus, am Samstag Nachmittag.“
„Was für Gruppierungen sind es? Manche Christen sind selber so radikal, dass ich keine Lust habe, mit ihnen gemeinsame Sache zu machen.“
„Du bist auch nicht besser als Otti Dobrig und seine Freunde, wenn du so sprichst“, gab Vicky zur Antwort. „Sieh mal, Andrej glaubt noch weniger an einen Gott als du und trotzdem geht er hin.“ Sie wandte sich gleich an Andrej, als ob sie Bestätigung für ihre Worte suchte: „Du gehst hin, nicht wahr?“
„Ja, ich gehe hin. Denn es geht nicht allein darum, ob man ein gläubiger Christ ist oder nicht. Es ist gegen den Islam, gegen die Moscheen und auch gegen die Gräueltaten, die sie an den Christen in aller Welt verüben. Wir dürfen diese Menschen nicht im Stich lassen. Sie haben die Wahrheit auf ihrer Seite, aber die Gutmenschen hier wollen nicht sehen, zu was die Muslime alles fähig sind, dort wo sie die Macht und den Staat auf ihrer Seite haben.“
Andrej ging zum Fenster und sah hoch zum Himmel, dann drehte er sich wieder zu Vicky und sagte:
„Und was mein Glaube an einen Gott angeht, irrst du dich. Seit dem vergangenen Mittwoch glaube ich an einen. Und seit vorgestern glaube ich auch an Hellseherinnen. Ich habe am Freitag, nachdem ihr weg wart, ein wenig im Internet über Völva nachgelesen. Sie war eine Priesterin oder Seherin bei den alten Germanen, so stand es dort.“
Vicky überlegte sich, ob Völva nicht ebenso eine Göttin sein musste, wie Sigurd.
„Weißt du, Andrej, wenn sie nur eine Priesterin war, dann müsste sie jetzt schon tot sein, nicht wahr? Aber sie hat vorgestern aus deinem Computer zu uns gesprochen. Und das bedeutet, dass ihr die Zeit nichts anhaben kann.“
Thomas fand diese Haarspalterei belustigend.
„Du bist witzig, weißt du? Am besten fragen wir sie selber, ob sie eine Göttin oder eine Priesterin ist, wenn sie das nächste Mal mit uns spricht.“
Dann wandte sich Thomas praktischeren Dingen zu und wollte von Andrej hören, wie das Treffen am vergangenen Abend verlaufen war.
„Du weißt doch, wir haben dich zum Chef der Gruppe gewählt“, sagte Andrej, als ob das die selbstverständlichste Sache der Welt sei.
„Ich weiß nichts. Wieso habt ihr mich gewählt?“
„Wir haben dich doch angerufen. Du hast am Telefon Ja gesagt.“
„Ich habe nichts dergleichen getan. Ich habe gesagt, dass wir das besprechen, wenn ich wieder zurück bin.“
Er stand auf und ging in Andrejs kleinem Zimmer hin und her, um besser überlegen zu können. Er war nicht begeistert, zum Chef einer nichtexistenten antiislamischen Bewegung in S. am Rhein gewählt worden zu sein, bevor er sich seiner Meinung nach überhaupt zum Wahl gestellt hätte.
„Warum brauchen wir überhaupt einen Chef, wenn wir eh nur vier, fünf Freunde sind? Wir sind bisher immer klar miteinander ausgekommen, ohne dass einer von uns den Chef gespielt hätte.“
„Ja, aber Rudi sagt, dass wir einen Chef brauchen. Und Mike ist mehr in Frankfurt als hier. Du musst auch einsehen, dass von uns Dreien nur du in Frage kommst.“
„Warum nur Thomas?“ Wollte Vicky wissen. „Waren die anderen zwei Jungs nichts, die gestern zu dem Treffen kamen?“
Andrej erzählte ihnen, dass vor allem Marco, der Sohn des Wirts, gern den Chef gespielt hätte. Vom anderen Jungen, von Kai, konnte er wenig sagen.
„Dieser Kai ist ein schweigsamer Mensch“, sagte er. „Ein Mathematikstudent. Aber wir wissen wenig über ihn.“
„Wie ist er überhaupt zu uns gekommen?“, wollte Vicky wissen.
„Rudi hat ihn mitgebracht. Rudi sagte, dass er Kai aus dem Internet kennt. Aber er weiß auch nicht viel über ihn.“
„Und was für ein Mensch ist dieser Rudi?“ wollte Thomas wissen. Er fand seltsam, dass dieser Mann aus Norddeutschland wie aus dem nichts aufgetaucht war und sie alle wie selbstverständlich lenkte, formte, ohne sie richtig zu fragen, ob sie das überhaupt wollten.
Andrej tat sich schwer, eine passende Beschreibung des Mannes zu geben. Er hielt sich auch sonst nicht für den größten Menschenkenner, und scheute sich vor langen Erzählungen. Seine Welt war die der Informatik, eine konkrete Welt, in dem die jeweiligen Zeichen immer eine klare Bedeutung hatten.
„Ich weiß nicht“, antwortete er. Ich kenne ihn auch nicht so genau. Die Mutter von Sonka kennt ihn von früher. Aber wir möchten nicht, dass sie damit zu tun hat.“
„Wer ist wir?“ Wollte Vicky wissen.
„Sonka und ich. Und der Kriminalbeamte, Roland Fischer. Er hat eigentlich diesen Rudi zu uns gebracht. Er untersucht die Morde bei der Moschee.“
Als Vicky verwundert fragte, wer denn Sonka sei, antwortete Thomas statt Andrej:
„Sonka ist Andrejs neue Freundin.“
Dann überlegte er sich, was die Leute in seiner kleinen zukünftigen Gruppe taugten. Er hatte sich noch nicht entschieden, ob er die Rolle des Chefs annehmen oder ablehnen sollte, aber er stellte sich bereits unbewusst der Aufgabe, die auf ihn zukam. Er fühlte sich bereits verantwortlich für die Sicherheit der Leute, die von ihm abhängig waren. Es gefiel ihm nicht, dass er auf einmal mit so vielen fremden Menschen zu tun hatte, die er nicht einschätzen konnte.
„Nehmen wir die Leute der Reihe nach durch“, sagte er. „Warum wollt ihr nicht, dass die Mutter deiner Freundin da hinein gezogen wird?“
„Das ist wegen dem, was Mittwochabend passiert ist, als wir zum ersten Mal das Programm angesehen haben. Dieser Gott Sigurd hat aus dem Spiel zu ihr nicht gerade freundlich gesprochen und sie hat seither Angst, dass es gegen sie geht. Sonkas Mutter, Dorina heißt sie, hatte gerade die Karten für Roland, dem Polizisten, gelegt und der Geist, oder Gott oder was er war, ist über ihre Karten sehr wütend geworden. In Dorinas Karten ging es auch um irgendwelche Schwerter, und Sigurd verlangte von uns, dass wir sein Schwert suchen. Ihr wisst schon. Übrigens, habt ihr es dort im Kloster gefunden?“
Thomas und Vicky erzählten von ihrer Fahrt nach Eberbach, von der Grabplatte des Ritter-Abtes Siegfried und auch von ihrem Telefonat nach Florida. Thomas sagte, als sie mit dem Bericht zu Ende waren:
„Ich glaube, dass wir am besten anfangen, alles über diese alten Götter und dem Ritter Siegfried zusammen zu tragen, damit wir wissen, wer sie überhaupt waren. Daraus können wir schließen, welche Ziele sie mit uns verfolgen. Es ist auch gut, wenn mindestens einer von uns im Bilde ist, falls sie sich wieder melden. Sie könnten nämlich leicht verärgert reagieren, wenn sie sehen, dass wir keine Ahnung von ihren Geschichten haben.“
Er sah dabei Vicky vielsagend an, so dass diese gleich von sich aus antwortete:
„Ok! Ich habe schon verstanden. Ich werde mich darum kümmern.“
Dann galt es, die Kundgebung am kommenden Samstag zu besprechen. Thomas wollte wissen, wer die Leute hinter der Veranstaltung waren, was das ausgesuchte Thema war und wie die Kundgebung ablaufen sollte.
„Es sind irgendwelche Christen aus Frankfurt, die schon seit Längerem eine Veranstaltung gegen die Islamisierung planen, aber in Frankfurt können sie es nicht machen. Also haben sie uns gebeten, dass wir hier eine Kundgebung anmelden.“
„Also nicht sie, sondern wir sollen es machen?“ fragte Vicky.
„Ja. So habe ich zumindest verstanden, dass sie durch Mike fragen ließen, ob wir für den Samstag hier eine Kundgebung organisieren könnten. Es sind auch viele Leser von Politically Incorrect dabei, sagten sie. Sie würden alle kommen. Und die koptischen Christen, die freien Christen, und eine Menge andere Leute würden sich uns anschließen. Wir brauchen nur die Demo anzumelden, hat man uns ausrichten lassen.“
Thomas war skeptisch geworden. Er hatte es vorher so verstanden, dass eine andere Organisation oder Gruppe die Kundgebung organisierte und man sie nur als einfache Teilnehmer einladen wollte.
„Ich habe es auch nicht ganz richtig verstanden“, sagte Andrej. „Am besten du rufst noch einmal Mike an.“
„Weiß dieser Polizist von der Kundgebung? Was sagt er dazu?“
„Er nicht. Er ist gleich am Anfang wieder weggegangen. Er hat gesagt, dass er als Polizeibeamte uns nicht beraten darf und deswegen wollte er uns nur mit Rudi bekannt machen, dann ging er.“
Thomas rief also noch an demselben Abend seinen Freund an. Was er von Mike hörte, war nicht dazu geeignet, ihn für die Kundgebung zu begeistern.
„Ja, ihr solltet das anmelden, so war es abgesprochen.“
„Das gefällt mir aber gar nicht“, wehrte sich Thomas. „Wir haben so etwas noch nie gemacht. Keiner von uns hat die geringste Erfahrung, wie man so etwas organisiert und worauf man achten muss.“
„Keine Sorge“, beruhigte ihn Mike. „Ihr müsst sie nur anmelden, alles andere wird schon. Die Leute im Internet schreiben alle, dass sie sogar von Köln und von Mannheim kommen werden.“
„Wer schreibt das? Und wo schreiben sie es?“
„Vor allem bei Politically Incorrect, die Leser dort. Sie schreiben, dass wir mit mindestens fünftausend Menschen rechnen können, denn schon 2006 waren in Berlin über Viertausend, als man damals gegen die Moschee in Pankow demonstrierte.“
Mike klang richtig hingerissen, aber sein Enthusiasmus wirkte auf Thomas eher abkühlend. Es gab zu viele Unsicherheitsfaktoren und die Zeit war zu kurz, um etwas Derartiges vorzubereiten.
„Entschuldige bitte, wenn ich deinen Begeisterung nicht teilen kann“, fing er an. „Aber irgendwie stinkt mir die Sache gewaltig. Um damit anzufangen, ich kann mir nicht vorstellen, dass hier in dieser Stadt fünftausend Leute zu finden sind, die bereit sind, für so eine Sache auf die Straße zu gehen. Dafür sind sie alle zu feige. Auf die Menschen hier ist kein Verlass.“
„ Du brauchst dich nicht auf die Bewohner dort zu verlassen, denn es werden allein schon von hier, aus Frankfurt und aus Wiesbaden genug Leute kommen.“
„Ja. Die Muslime und die Linksautonome, um aus uns Kleinholz zu machen“, sagte Thomas, der immer skeptischer wurde, je mehr er über die Sache nachdachte.
„Keine Sorge. Dafür ist die Polizei zuständig. Sie werden schon aufpassen, denn sie können sich dort in S. am Rhein keine weitere negative Schlagzeilen leisten.“
„Vielleicht genehmigen sie die Kundgebung gar nicht“, meinte Thomas.
Aber auch dieser Einwendung konnte Mike von der rosigen Seite sehen:
„Eben. Wenn es irgendeine Gefahr gibt, dann genehmigen sie sie gar nicht.“

***

Die Polizei hatte aber gar nichts einzuwenden. Es war das Recht der Bürger zu demonstrieren und so genehmigten sie ohne weiteres die Kundgebung, deren Thema die Christenverfolgung war, mochte man sich darunter vorstellen, was man wollte.
Als dann der Samstagnachmittag kam, standen vor dem Rathaus nicht fünftausend, nicht fünfhundert, ja nicht mal fünfzig Leute. Die kleine, standhafte Gruppe tat ihr bestes, im Vertrauen darauf, dass sie auf der richtigen Seite stand. Die Passanten vor dem Rathaus waren sehr gespalten. Manche von ihnen beschimpften sie und nannten sie Rassisten, Ausländerfeinde. Andere wiederum waren so erfreut, sie dort zu sehen, als ob sie die rettenden Engel, das Licht in der Dunkelheit erblickt hätten. Mike, Sonka, Vicky und die Anderen unterhielten sich gern mit den Menschen und fanden den Nachmittag großartig. Sie waren immer wieder begeistert, dass es so viele Menschen gab, die noch ihren Kopf benutzen konnten, die sich von den Lügen der Medien nicht verblenden ließen. Thomas widersprach nicht, aber er dachte verbittert, dass dieses kleine Häuflein von dreißig, vierzig Menschen weit entfernt von der erträumten Zahl von fünftausend Teilnehmern war. Und er dachte, dass sie solchen Schlägertrupps wie die Russen und die Türken auf dem Parkplatz von Logistics & Retailer nichts entgegensetzen konnten, wenn es eines Tages hart auf hart kam.
Und eben als er diese Gedanken durch den Kopf wälzte, tauchten sie auf. Nicht die Russen, aber die Türken und die Linksautonome. Die Türken hatten sich hinten in der Reserve aufgestellt und ließen die Linksautonome vortreten, viele von ihnen mit einer Bierflasche in der Hand, manche schmuddelig, viele vermummt, manche mit schnell gebastelten Transparenten, auf Pappkarton geschrieben. Auch einige Flaggen der Linksautonomen wehten rot in der Luft. Die Aggression stand ihnen ins Gesicht geschrieben, noch bevor sie das erste Wort gesprochen hätten. Sie waren nicht gekommen, um sich auf ein Gespräch einzulassen, sondern um sich zu schlagen, um die Christen zu verjagen.
Das war vom ersten Augenblick an allen Betrachtern klar gewesen. Sie traten provokativ auf und riefen ein paar bedrohliche Sprüche durcheinander gegen das kleine Häuflein Demonstranten. Einige Muslime, die sich unter die hellhäutigen Linksautonomen gemischt und sich vorgewagt hatten, riefen obszöne Sprüche den Frauen entgegen, die sie mit eindeutigen Hüftbewegungen und Griffe zu ihren Geschlechtsteilen begleiteten.
Einige Gegenstände flogen aus ihren Reihen, den Christen entgegen. Zunächst waren es nur Abfälle und leere Plastikflaschen, aber dann kamen auch härtere Geschosse. Ein schwerer Aschenbecher verfehlte nur um haaresbreite Sonkas Kopf, bevor er wuchtig auf den alten Pflastersteinen um den Brunnen des Rathausplatzes aufschlug.
Die krawallsüchtigen Linksautonomen skandierten Sprüche wie „Nazis Raus!“, „Christen verpisst euch!“ und ein oder zwei Mal riefen sie sogar „Deutsche raus aus Deutschland!“.
Irgendwo ganz hinten, von der Mündung der Oberen Wilhelmstraße ertönte der Schlachtruf der Muslime:
„Allahu Akbar!“
Zuerst rollte der Ruf grollend über den Platz, wie der Wind, der einen Sturm ankündigt, dann wurde er immer lauter, bis er zu einem Markterschütternden Gebrüll einer wilden Raubtierhorde heranwuchs.
Und dann ging die Schlägerei richtig los.
Nicht die Muslime, die deutschen Jugendlichen, die sich bis dahin in Rausch getrunken und zugekifft hatten, stürmten auf die kleine Gruppe, die sich zu der Mauer des Rathauses zurückzog und jetzt buchstäblich mit dem Rücken zur Wand stand und sich wehrte, so gut sie konnte.
Andrejs Gesicht war blutüberströmt, so dass er kaum noch etwas sehen konnte und er schwankte nur noch hilflos hin und her. Aber er holte immer noch mit der Faust aus und fühlte, wie er noch ein letztes Mal jemanden traf. Auch Kai, der Mathematikstudent, war verletzt. Sein rechter Arm hing bewegungslos herunter, weil ihm jemand mit einer Eisenstange eins darüber gezogen hatte. Er konnte sich nur noch mit seinem linken Arm wehren. Sie versuchten sich vor die Frauen zu stellen, um sie einigermaßen zu beschützen, aber der Kampf war aussichtslos.
Die Einsatzfahrzeuge der Polizei standen am Rande des Platzes diskret und unauffällig und die Beamten beobachteten die Geschehnisse ohne irgendwelche äußeren Zeichen einer Anteilnahme. Einige von ihnen kochten innerlich vor Wut und hätten am liebsten ihre Uniform gleich ausgezogen, um sich an der Seite der Bedrängten zu stellen. Aber ihr Befehl lautete strickt, keine Einmischung. Sie sollten sich heraushalten, sie sollten jede Art von Provokation vermeiden, hatte man ihnen gesagt.
Thomas sah einen kleinwüchsigen blindwütigen, blonden Jungen auf sich zustürmen, den er als einen Freund des Otti Dobrig erkannt hatte. Er war sicher ein Junkie, alle wussten von ihm, dass er nur deswegen mit den Linksautonomen herumhing, weil sie ihm ab und zu einen Trip spendierten. Aber er konnte sich nicht um den Junkie kümmern, denn er wurde in diesem Moment von zwei anderen Kerlen von der Seite angegriffen. Er dachte noch an Vicky, die hinter ihm noch einigermaßen geschützt war. Wenn er jetzt fiel, dann verlor sie jeglichen Schutz, sagte er sich, und versuchte verzweifelt, auf den Beinen zu bleiben. Irgendwo in der Nähe hörte man einen Schuss.
Ein Schlag traf ihn auf den Kopf und vor seinen Augen verdunkelte sich die Welt. Er hörte noch jemand rufen:
„Sie haben das Tor des Rathauses geöffnet! Die Rathaustür ist endlich offen!“
Und jemand zog ihn hinein.
Das war die Rettung im letzten Moment für die kleine Gruppe. Sie zogen sich binnen Sekunden zurück ins Rathaus. Als die wütenden Linksautonome und Muslime ihnen folgen und das Rathaus stürmen wollten, schritt die Polizei endlich ein. Man benutzte Wasserwerfer, aber es reichte nicht. Am Ende war die Polizei genötigt, den wütenden Mob von Muslimen und Linksautonomen zu verscheuchen und das Rathaus davor zu bewahren, gestürmt zu werden.

***
Fischer hatte alles versucht, die Kundgebung zu verhindern. Er hatte der Kollegin vom Ordnungsamt ein umfangreiches Memo geschickt, das nachweisen sollte, dass unter den Teilnehmern einige Rassisten und Extremisten zu finden waren. Noch eine halbe Stunde vor der Kundgebung hatte er den Kollegen, der am Rathausplatz als Einsatzleiter zugeteilt war, angerufen und ihn gebeten, die Kundgebung zu verbieten. Dieser war ein alter Freund, mit dem er vor Jahren in derselben Dienststelle gearbeitet hatte und sogar seine Familie gut kannte. Dieser sagte Fischer im Vertrauen, dass er eindeutige Befehle erhalten hatte, und dass es für die Demonstranten sehr schlecht aussah. Die Landesregierung wollte an dieser Kundgebung einen Exempel statuieren und jedem, der etwa dieselbe politische Meinung vertrat, die Lust an Kundgebungen für immer vergraulen. Diese Information war streng vertraulich. Fischer erkannte gleich, dass die paar jungen Leuten in eine Falle gelockt wurden und kurz davor standen, für irgendwelche feige, hinterhältige Politik geopfert zu werden. Sie hatten keine Ahnung und sie liefen geradewegs in ihr Verderben.
Er versuchte Rudi zu erreichen und als dieser sich nicht am Telefon meldete, rief er bei Dorina zu Hause an.
„Sonka ist mit ihren Freunden in der Stadt“, sagte Dorina ahnungslos.
So fand er keine andere Möglichkeit mehr, als selber zum Rathaus zu gehen und dort vor Ort zu versuchen, die Demonstranten zu überreden, ihre Kundgebung aufzugeben. Als er am Rathaus ankam, war der Platz noch leer. Er sah die ersten Einsatzfahrzeuge auffahren und zog sich ins Rathausgebäude zurück, um nicht unnötig aufzufallen. Er hatte sich kurz zur Toilette begeben, um seine Hände zu waschen und als er zurück kam, sah er zwei Männer im Zivil, die gerade dabei waren, das Rathaustor abzuschließen.
Er dachte zuerst, dass es Beamten in Zivil seien, denn irgendwas an ihrer Haltung verriet ihm den Polizisten. Er zog sich in einer schattigen Nische zurück und hörte ihnen zu. Einer der beiden sprach nur gebrochen Deutsch, der andere sprach dagegen reinen Pfälzer Dialekt.
Fischer sah und hörte die Beiden, wie sie locker und unbekümmert Witze machten, wie die Islamkritiker zusammengeschlagen werden sollten. Sie nahmen billigend in Kauf, ja sie freuten sich darüber, wenn ein paar junge Leute verletzt oder vielleicht gar erschlagen wurden.
Er sah sich nach Gegenständen um, die er als eine Waffe einsetzen konnte, aber er fand nur einen Metallständer, an den man ab und zu ein Absperrungsseil bei besonderen Anlässen befestigen konnte.
Fischer nahm den schweren, metallenen Ständer und zog dem ersten Mann von hinten damit eins über den Kopf, so dass dieser gleich zusammenbrach. Der andere hatte sich sofort umgedreht und zog eine Pistole, die er auf Fischer losfeuerte. Dieser rammte ihm mit voller Wucht den Metallständer in die Brust, so dass der Mann taumelte und neben seinem Freund zusammenbrach. Dann ging Fischer auf das Tor zu und machte es auf, keinen Moment zu früh. Er winkte die Demonstranten herein, die neben dem Tor standen.
Noch bevor der erste richtig drinnen war, verschwand Fischer in die Dunkelheit der leeren Korridore. Erst als er sich sicher war, dass niemand ihn beobachten konnte, sah er sich die Stelle an, wo der Schuss ihn getroffen hatte. Er hatte den Schuss mit voller Wucht gefühlt, und er war sicher, dass er verletzt war. Er sah mit Erleichterung, dass seine Verletzung viel leichter war, als er angenommen hatte. Die Wunde war kaum ein Kratzer, nicht der Rede wert.

Kapitel 19

Sie trafen sich alle wieder im Hinterzimmer des Weißen Ochsen um ihre Niederlage zu besprechen. Einige Mitglieder der Widerstandsgruppe, die schwere Verletzungen erlitten haben, waren nicht mehr gekommen. Zu denjenigen, die fehlten, gehörten auch Thomas und Andrej, denn beide hatten schlimme Kopfverletzungen und so beschlossen Vicky und Sonka beide zu Thomas‘ Onkel zu fahren und dort die Nacht gemeinsam zu verbringen.
Vicky klärte Sonka über die Besonderheit des Hauses auf:
„Dort war immer unser Geheimversteck während unserer Kindheit. Bei seinem Onkel sind wir einigermaßen sicher, denn niemand würde heute auf die Idee kommen, uns dort zu suchen. Aber wenn doch, dann haben wir immer noch den Hobbykeller, wo wir uns verstecken können.“
Die Mädchen versorgten ihre zwei verletzten Freunde mit Beruhigungs- und Schmerztabletten. Als die Verletzten endlich eingeschlafen waren, einigten sich die zwei Mädchen, dass Vicky da bleiben sollte, um auf sie aufzupassen, während Sonka zu ihnen nach Hause fuhr und ein paar Sachen für sie einpackte, die sie annahm, dass die Jungs in der nächsten Zeit brauchen würden.

Währenddessen diskutierten die Leute im Weißen Ochsen eifrig über die Geschehnisse des Tages und versuchten zu ergründen, was schief gegangen war. Jeder wusste natürlich am besten, was sie falsch gemacht hatten, und sie verschonten keineswegs die Veranstalter. Mike hatte ein oder zwei Mal erwähnt, dass Thomas die ganze Zeit dagegen war, die Kundgebung anzumelden, aber das interessierte kaum jemanden.
Die Leute wussten auch, was sie das nächste Mal anders machen würden.
„Das nächste Mal werden wir es ihnen zeigen!“, sagte ein ältlicher Besitzer eines Tabakwarenladens aus einem Dorf bei Frankfurt. „Wir werden kämpfen, wenn es sein muss, aber wir lassen uns nicht vertreiben.“
Der brave Mann zeigte seinen schmählichen Bizeps und schüttelte seine Faust einem unsichtbaren Feind entgegen. Marco, der Sohn des Wirts, stimmte ihm begeistert zu und prostete ihm gleich auf ihren Sieg zu.
Mike lächelte müde und sah zum Eingang, denn gerade in diesem Moment traten Fischer und Goretzki herein. Sie blickten schweigend in die Runde und als sie Mike ausmachten, winkten sie ihn zu sich herüber. Er stand sofort auf und folgte ihnen, denn er lass aus ihren ernsten Gesichtern, dass sie eine schlechte Nachricht hatten. Fischer sah sogar ein wenig blass und mitgenommen aus, als ob er an irgendwas kränkelte.
„Hallo“, Mike streckte ihnen die Hand entgegen.
Die zwei Polizisten erwiderten den Gruß mit einem stummen Kopfnicken, und deuteten an, dass sie vertraulich und ungestört mit ihm sprechen wollten. Sie mussten bis in den Hof hinaus gehen, um ein ruhiges Plätzchen zu finden, denn vorne war der große Gastraum voll mit ahnungslosen, lärmenden Gästen. Erst hier, und erst nachdem die zwei Polizeibeamten sich mit Blicken in alle Richtungen vergewissert hatten, dass sie allein waren, fragte Fischer:
„Wo sind Thomas Kern und Andrej Radow?“
Mike sah besorg drein:
„Was wollt ihr von ihnen?“
„Wir nichts. Aber der Staatsanwalt. Er hat Anweisungen erhalten, Haftbefehl gegen die beiden zu erlassen.“
Mike pfiff ein überraschtes „Puh!“ zwischen den Lippen.
„Du tätest auch besser daran, zu verschwinden“, sagte ihm Goretzki wie nebenbei. „Am besten zeigst du dich eine Weile gar nicht mehr hier in der Stadt.“
Mike steckte die Hände in die Hosentasche, denn er bemerkte auf einmal, was für ein kalter Wind wehte. Der Mond verschwand gerade hinter einer dicken Wolkendecke, und draußen, im Hinterhof wurde es stockfinster. Mike sah die Polizeibeamten ungläubig an.
„Ist es so ernst?“
„Schlimmer als man sich vorstellen kann“, gab Goretzki zu Antwort. „Es sind die Leute von der Regierungspartei, dieser Victor Tennewill und seine Parteifreunde. Sie wollen die Stadt von allen Islamkritikern befreien. Deswegen haben sie euch alle wegen Volksverhetzung angezeigt.“
„Können sie das denn machen? Das Gesetz einfach so ignorieren?“
„Sie können alles, was sie wollen, mein Junge“, gab Fischer zu Antwort.
„Das kann doch nicht wahr sein!“ empörte sich Mike. „Diese elendigen Partei-Ratten! Der Victor Tennewill ist einer der kaltherzigsten, hinterhältigsten Kreaturen auf dieser Erde!“
Er warf einen hastigen Blick zum Aufgang in die Gaststätte, denn sie hatten ein leises Geräusch vernommen. Fischer winkte ihnen, sich in einen dunklen Winkel zu verziehen und ging dem Geräusch nach. Zum Glück war es nur ein streunender Kater irgendwoher aus der Nachbarschaft, der seine Nachtzüge um die Häuser machte.
Mike kam immer noch nicht darüber hinweg, dass gerade Vickys Vater derjenige war, der ihnen den Strick um den Hals legen ließ:
Dieser Mistkerl lässt sogar die eigene Tochter festnehmen, nur weil sie seine Karriere stört!“ schimpfte er.
„Das nicht gerade“, korrigierte ihn Fischer, der wieder zu ihnen trat, nachdem er sich wegen dem vorherigen Geräusch beruhigt hatte. „Gegen Victoria Tennewill haben sie keinen Haftbefehl beantragt. Nur gegen euch drei.“
Die drei Männer sahen sich eine Weile stumm an, dann nahm Goretzki wieder das Wort auf:
„Am besten ist es, du benachrichtigst deine zwei Freunde gleich.“
„Wo sollen wir denn alle hingehen?“ fragte Mike? „Sie nehmen uns unsere Heimat weg und zwingen uns in den Untergrund, wenn wir es wagen, dagegen zu murren.“
„Am besten macht mir dort auch Platz“, murmelte Fischer. „Ich glaube, ich komme auch bald zu euch hinüber.“
„Und wenn es so weiter geht, komme ich auch“, sagte auch Goretzki.

***

Gegen fünf Uhr im Morgengrauen verließen die drei jungen Männer die Stadt. Mike hatte noch in der Nacht gedrängt, sofort loszufahren, aber Vicky bestand darauf, dass sie sich ein wenig ausruhen sollten. Auch Fischer hatte gemeint, dass es gegen Morgen sicherer wäre, wenn die Kollegen der Nachtschicht langsam müde wurden. Er hatte sich sogar angeboten, ihnen behilflich zu sein.
Sie hatten keine Ahnung, wohin sie gehen sollten. Das wird der Tag entscheiden, oder die darauf folgenden Tage. Sie sprachen sich gegenseitig Mut zu, um nicht zu zeigen, dass ihre Stimmung total im Keller war. Sie waren sich aber vollkommen bewusst, wie verzweifelt ihre Lage war, ohne Geld, ohne ein Ziel, wohin sie gehen könnten, ohne Freunde.
Sie wussten nicht einmal richtig, weswegen man sie verfolgte, denn sie hatten nichts getan, außer von ihrem Recht Gebrauch zu machen. Ihre geschundenen Körper schmerzten noch immer, als sie das wenige Bargeld einsteckten und in den alten Kleintransporter einstiegen. Der Wagen gehörte Thomas‘ Onkel und sie hofften, damit unentdeckt aus der Stadt zu kommen, denn niemand konnte auf die Idee kommen, den alten Wagen mit ihnen in Verbindung zu bringen. Fischer bestand darauf, sie aus der Stadt hinaus zu fahren, bis zum nächsten Dorf, obwohl ihn seine Wunde auch schmerzte. Er konnte mit seiner Schussverletzung keinesfalls zu einem Arzt gehen, so musste es genügen, wenn er von einem der zwei Mädchen versorgt wurde.
Fischer wusste genau, welche Risiken er einging, aber langsam war es ihm einerlei. Ein Mann muss in jeder Situation versuchen, sich selbst treu zu bleiben, sagte er sich. Diesen Spruch hatte ihm eine seiner Tanten zur Konfirmation geschenkt, zusammen mit zweihundert Mark. Für das Geld hatte er damals sofort eine Verwendung, den Spruch warf er aber in den Papierkorb. Seltsam, dass ihm heute Abend dieser Spruch einfiel und ihn dazu verleitete, solche Gefahren auf sich zu nehmen, nur um ein paar unüberlegten jungen Männern aus der Patsche zu helfen. Er hatte keine konkrete Vorstellung, was man gegen die drei Männer vorbrachte. Im Haftbefehl stand etwas von Volksverhetzung, aber das musste ja ein Irrtum sein. Und es würde sich sicherlich in den nächsten Tagen klären, tröstete er sich. In einer anderen Ecke seines Hirns war er aber gar nicht so sicher. Gerade die Tatsache, dass es keinen nachvollziehbaren Grund gab, gegen die drei Männer auf diese Art vorzugehen, machte ihm Sorgen. Irgendwas stank bei der Sache gewaltig und er wusste nicht was.
Auch Vicky machte sich große Sorgen. Auch sie konnte nicht begreifen, wie es so weit kommen konnte. Als der Wagen mit ihren Freunden losgefahren war, sagte sie zu Sonka:
„Noch gestern hätte ich mir niemals vorstellen können, dass so etwas in unserem Land möglich ist. Ich bin mit so großartigen politischen Sprüchen aufgewachsen, dass wir hier die besseren Menschen sind, die bessere Gesellschaft haben, Menschenrechte, Demokratie, Rechtstaat und all das. Wo ist das alles hin? Noch gestern glaubten wir alle, mit gesetzlichen Mitteln von unserem Recht Gebrauch zu machen und dafür zu kämpfen, was uns während der ganze Schulzeit beigebracht wurde: Für den Erhalt dieses Rechtstaates, dieser freiheitlichen, offenen Gesellschaft. Und was tut der Rechtstaat? Er lässt diejenigen gewähren, die ohne jegliche Berechtigung uns brutal zusammenschlagen.“
Sonka folgte Vickys Gedanken und fiel ihr gleich ins Wort:
„Hatten diese Linksautonomen Schläger und die Muslime, die mit ihnen waren, überhaupt ein Recht auf Versammlung gehabt? Hatten sie ihre Kundgebung angemeldet?“
„Sicher nicht. Du kannst davon ausgehen, dass sie das nicht taten.“
Die zwei Frauen sahen sich an und verstummten. Sie hatten sich in einer schönen, gerechten Welt geglaubt, so wie man es sie gelehrt hatte. Sie hatten immer gedacht, dass die Ungerechtigkeit anderswo stattfindet und dass sie sich glücklich schätzen mussten, in einem freien Land leben zu dürfen. Durch die Geschehnisse der vergangenen Stunden wurden sie brutal wachgerüttelt und sie empfanden dabei einen tiefen Ekel, der so körperlich war, wie der schlimmste Kater ihres jungen Lebens.
Sie beschlossen, einen Kaffee zu kochen und anschließend gemeinsam einen Bericht für den Weblog Politically Incorrect zu schreiben. Es war die einzige Seite, die ihnen noch die Möglichkeit bot, die erlebte Ungerechtigkeit in die Welt hinaus zu tragen.
Nachdem sie ihren Bericht fertiggestellt und abgeschickt hatten, trennten sie sich.
Vicky beschloss, ihren Bruder im Krankenhaus zu besuchen, denn sie hatte sich schon lange Sorgen um ihn gemacht, aber kaum Zeit für ihn gehabt.
Das letzte Mal, als sie bei ihm gewesen war, hatte sie das Gefühl gehabt, dass Hubert ihr etwas sagen wollte, dass er vor irgendwas Angst hatte.
Huberts Knochenbrüche waren schon so weit verheilt, dass er aufstehen konnte. Er sagte, er wolle mit Vicky in den Hof hinunter gehen, um endlich eine Zigarette zu rauchen. Erst unten traute er sich, über die Sachen zu sprechen, die ihn bedrückten:
„Ich glaube dass man mich hier mit allen Mitteln festhalten will“, sagte er im Flüsterton.
„Unsinn!“, versuchte Vicky ihn zu beruhigen. „Warum sollen sie das tun?“
„Ich weiß auch nicht. Aber sie finden immer wieder etwas Neues, was mir angeblich fehlt.“
„Aber vielleicht fehlt dir wirklich was? Bleib lieber so lange hier, wie es der Arzt sagt.“
Er sah sie mit ängstlichen Augen an.
„Du verstehst nicht, Vicky!“, flüsterte er aufgeregt. „Sie geben mir Tabletten, von denen mir schlecht wird. Vor ein paar Tagen war mir bereits so übel, dass ich sie nicht mehr schlucken wollte, denn ich hatte jedes Mal große Schmerzen im Magen. So steckte ich sie in den Blumentopf auf dem Fenster und mir kommt es vor, dass sogar die Pflanze davon eingeht. Dann ging es mir langsam besser. Aber der Arzt fragte mich ständig ob ich keine Schmerzen hätte, und ob es mir nicht übel wäre. Er versuchte mir fast einzureden, dass ich was an der Bauchspeicheldrüse habe.“
Vicky wandte den Kopf ab, um ihren Bruder nicht ansehen zu müssen. Sie fühlte sich erschöpft und überfordert. Es war einfach zu viel Last für ihre zwanzigjährigen, jungen Schultern. Bis vor kurzem war sie noch das verwöhnte Mädchen aus gutem Hause gewesen, das sich alles herausnehmen konnte, was das Leben zu bieten hatte. Und jetzt waren alle Menschen, die hinter ihr gestanden waren und ihr den Rücken stärkten, weg oder in Not geraten. Sie alle brauchten sie und sie wusste nicht, wie sie allen helfen sollte.
„Was glaubst du, was dieser Arzt gegen dich hat?“
„Ehrlich gesagt, ich weiß es beim besten Willen nicht.“
„Wieso behandelt er dich? Ich dachte, dass Dr. Liebke dein behandelnder Arzt ist.“
„Dr. Liebke war zuständig, als ich noch auf der Intensivstation lag. Seitdem ich hierher in die Chirurgie verlegt wurde, ist Dr. Malik mein behandelnder Arzt. Aber ich fühle irgendwie, dass ich ihm nicht trauen kann.“
„Bist du ganz sicher, dass du schon so weit geheilt bist?“
„Wenn mir noch etwas fehlen sollte, dann kann mich auch unser Dr. Kernig behandeln, nicht wahr?“
Sie war sich nicht sicher, wie es mit der Krankenversicherung aussah, aber Hubert drängte so sehr darauf, aus dem Krankenhaus zu kommen, dass Vicky beschloss, selber mit dem Arzt zu sprechen. Sie suchte ihn im Ärztezimmer auf und bat um eine kurze Besprechung. Dr. Malik gab zuerst an, in Eile zu sein, aber Vicky lief ihm nach uns zwang ihn auf diese Weise, mit ihr zu sprechen.
Nach nur ein paar Sätzen fühlte sie Huberts Befürchtungen bestätigt. Der Arzt machte auf sie den Eindruck, dass er sich in seinem Beruf gut auskannte, aber es war irgendwas an ihm, das keinesfalls dazu geeignet war, ihr Vertrauen zu erwecken. Er sprach mit einem fremden Akzent und nannte sie Madame, anstatt sie mit Frau Tennewill anzusprechen, wie sie es von den deutschen Ärzten gewohnt war. Und er drängte regelrecht darauf, dass Hubert noch mindestens zwei Wochen im Krankenhaus bleiben müsse, sonst könnte niemand die Verantwortung für seinen Zustand übernehmen. Er sprach diese Worte mit so viel Nachdruck, dass Vicky sich fast schon so eingeschüchtert fühlte, wie ein kleines Kind vom Klassenlehrer, wenn es die Hausaufgaben versäumt hatte.
Erst als sie das Arztzimmer verließ, wurde sie sich bewusst, wie sehr er versucht hatte, sie zu manipulieren.
Sie wurde wütend. Sie ging zu ihrem Bruder zurück und sagte kurzgebunden:
„Komm, helf mir packen. Wir gehen jetzt.“
„Wie, jetzt? Ich habe nicht mal Klamotten hier. Wie soll ich gehen.“
„Du brauchst nur bis zum Parkhaus laufen.“ Sie sah ihn von der Seite an: „Oder hast du etwa Angst?“
Sie verließen das Krankenhaus unbemerkt. Zumindest glaubten sie, dass niemand sie bemerkt hätte. Die Angestellte an der Pforte hatte ihnen einen fragenden Blick zu geworfen, denn Hubert war offensichtlich ein Patient, auch wenn er einen Jogginganzug trug. Aber Vicky warf ihr geistesgegenwärtig zu:
„Er kommt gleich wieder zurück. Er kommt nur bis zum Wagen mit mir.“
Kaum aber waren sie aus dem Parkhaus herausgefahren, merkte sie, dass sie verfolgt wurden. Es war ein dunkelblauer französischer Wagen, der ihnen seltsam vorkam. Um ganz sicher zu gehen, hielt Vicky kurz am Straßenrand an und tat, als ob sie etwas suchen würde. Der Wagen überholte sie, blieb aber etwa zweihundert Meter vor ihnen stehen. Als sie wieder anfuhr und den Wagen überholte, bemerkte sie im Rückspiegel, dass der andere auch wieder losfuhr.
„Das wird immer irrwitziger!“ bemerkte auch Hubert.

***

Im Zug nach Frankfurt hatten sie sich bereits mit einigen Fahrgästen angelegt, nur weil sie wütend waren und weil man seinen Frust so gut auf diese Scheißdeutschen auslassen konnte. Sie hätten vielleicht den kleinen alten Mann richtig verprügelt, wenn der nicht rechtzeitig aus dem Zug ausgestiegen wäre.
Hakan wollte sogar aussteigen um dem unverschämten, kleinen, glatzköpfigen Lehrer nachzugehen, der es gewagt hatte, ihn zurecht zu weisen. Aber Ali hielt ihn zurück:
„Komm, Mann, lass‘ den Scheiß. Siehst du nicht, dass er sich bereits in die Hose gepisst hat?“
Zu Hause hatte es wieder Stress gegeben und das nervte ungemein. Mutter Mutoglu hatte wieder geweint und Hakan die Schuld an Güzels Tod gegeben. Auch der Vater hatte wieder davon angefangen, in die Türkei zurück zu gehen. Aber wovon sollten sie in der Türkei leben? Sollen sie zu Bettlern und Tagelöhnern werden?
Hakan dachte, dass seine Eltern zu ängstlich waren und jeglichen Bezug zur Realität verloren hatten. Wie anders sollte man erklären, dass sein Vater ihn vor dem neuen Imam in der Moschee gewarnt hatte.
„In der Moschee hat sich das Böse eingenistet“, hatte sein Vater gesagt. „Irgendwas dort im Keller ist nicht in gut. Es ist etwas, was der Imam dort eingerichtet hat. Ich weiß nicht was, aber es ist besser, wenn du nichts damit zu tun hast, Hakan.“
Sogar sein Onkel, der Imam Dimriz fürchtete sich und sprach von irgendwelchen bösen Geistern, die unter der Moschee wohnten. Seit den Morden waren die Menschen alle beunruhigt. Aber Morde sind kein Grund, um so über die Moschee zu sprechen.
Und was Imam Hafiz anging, Hakan hielt sehr viel von ihm. Er war viel besser als Onkel Dimriz, der sich immer nach den Wünschen der Deutschen richtete. Wenn die Deutschen es verlangten, war Imam Dimriz bereit, den Islam zu verraten. Der Imam Hafiz blieb aber hart. Zum Glück wohnte er in Frankfurt, und ging dort in die Moschee des Imam Hafiz, ohne dass seine Eltern oder sein Onkel davon wussten. Er musste nur ab und zu, wenn er nach Hause kam, so tun, als ob er nichts mit Imam Hafiz zu tun hätte.
Auch die Deutschen waren zu Hause zu seinen Eltern, im S. am Rhein, viel schlechter. Sie wollten mit den Türken nichts zu tun haben, diese verdammten Ungläubigen. Sie schimpften ständig auf die Türken und antworteten ihnen jedes Mal gleich, wenn ihnen was nicht passte, dann können sie ja zurück in ihre Land gehen, wo alles besser sei.
Hakan legte die Füße auf den Sitz gegenüber und spukte auf den Boden.
„Aptal Alman köpekler!“ schimpfte er. „Blöde deutsche Hunde!“
Er hasste dieses Land, in dem er leben musste und er hasste die Menschen hier, die sich immer so hochnäsig verhielten. Die Deutschen hielten sich für zivilisiert, aber das waren sie nicht. Sie waren nur Feiglinge. Sie konnten nicht mal kämpfen. Wenn man ihnen einen Tritt gab, dann winselten sie genau so wie ein elender, räudiger Hund. Er verachtete sie alle!
Auch Ali suchte den Streit mit allen Menschen, die ihnen irgendwie über den Weg liefen. Die anderen Fährgäste verzogen sich ängstlich. Niemand wollte in ihrer Nähe sitzen. Sie hatten in der letzten Zeit zu viele Fernsehberichte in den Talkshows gesehen, um nicht zu wissen, was es bedeutete, mit drei streitsüchtigen Südländern in einem Zug eingesperrt zu sein. Und man konnte nicht vergessen, dass die radikalen Islamisten, die den Überfall auf den Sender verübt hatten, immer noch frei herumliefen.
Die Polizei hatte nichts ausrichten können. Um die Menschen zu beschützen, hatten sie die Terroristen aus dem Gebäude des Senders entkommen lassen. Ja sie hatten ihnen sogar das geforderte Lösegeld gezahlt und ihnen die Fluchtwege frei gemacht, wie einer Siegerarmee.
Die drei jungen Muslime fühlten sich von einem solchen Verhalten nur noch mehr ermutigt. Sie waren die Herren im Zug und sie gaben es den anderen Fahrgästen zu verstehen, indem sie sich spreizten, und laute, spöttische Bemerkungen von sich gaben.
Sie sahen den Schaffner kommen, und Denic fragte Ali, was sie jetzt ohne Fahrkarten machen sollten. Dieser antwortete laut, dass der Schaffner es von weitem hören musste:
„Was für Fahrkarte, Mann? Wer bin ich, dass ich eine Fahrkarte brauche? Bin ich ein Deutscher?“
Denic lachte blöde.
„Er ruft die Polizei“
Der Schaffner war ein vorsichtiger, besonnener Mensch, der keinen Sinn darin sah, sich für die Deutsche Bahn von einer Bande wilder Jugendlicher krankenhausreif schlagen lassen zu müssen. Er hatte schon gemerkt, dass die Provokationen ihm galten, und dass die Drei nur darauf warteten, ihn in die Mangel zu nehmen. Er hatte sich in seiner Not mit einem kleinen Trick geholfen. Eine der Fahrgäste, eine alte Rentnerin, hatte ihre Karte fallen gelassen und jemand war darauf getreten. Der Schaffner erklärte kurzerhand die befleckte Fahrkarte für ungültig. Diese Situation verschaffte ihm genug Beschäftigung bis zur nächsten Station und auch einen Grund, mit der alten Frau auszusteigen und sie zur Bahnpolizei zu schleppen, ohne das Gesicht zu verlieren.
Die jungen Leute pöbelten daraufhin im Zug nur noch lauter.
Sie zündeten sich Zigaretten an, aber niemand traute sich, ihnen das Rauchen zu verbieten.
„Ei Mann“, versuchte Ali einen schmächtigen, kleinen Brillenträger anzumachen, der vielleicht ein Gutmensch, ein Lehrer, oder ein Büroangestellter sein konnte. „Willst du auch eine Zigarette?“
„Komm, rauch mit uns eine Zigarette“, lockte ihn auch Hakan. „Es sind gute deutsche Zigaretten, du brauchst keine Angst zu haben“.
Der Brillenträger wehrte höflich ab, und lächelte dabei freundlich:
„Nein, danke, ich rauche nicht. Es ist nicht erlaubt, im Zug zu rauchen.“
Denic lachte mit einem dünnen, fistelnden Ton, wie die Süchtigen und die Einfältigen zu lachen pflegen.
„Es ist nicht erlaubt, sagte er. Chi, hi, hi.“
Ali legte mit übertriebener Freundlichkeit seine Hand auf die Schulter des Mannes und sprach ihm Mut zu:
„Wenn du mit uns bist, dann darfst du rauchen. Du darfst alles tun, wozu du Lust hast, wenn du unser Freund bist.“
Hakan warf ihm auch einen freundlichen Blick zu und bestätigte warmherzig:
„Wir beschützen dich, keine Sorge!“
Der kleine Brillenträger war aber gerade jetzt so besorgt und verängstigt, wie noch nie zuvor in seinem Leben.
„Ich bin euer Freund, bestätigte er fast bettelnd. Ich liebe die Türkei. Sonne, Mond und Sterne… Und ich esse gern Döner. Döner ist mein Lieblingsessen“, winselte der Kleine.
Hakan legte seinen Arm ganz um den Mann, umarmte ihn, mit der verächtlichen Geste eines Alphahundes, dem sich ein kleiner Köter soeben ergeben hatte:
„Komm, wir spenden dir einen Döner in Frankfurt.“
Als sie aber in Frankfurt ankamen, vergaßen sie den kleinen Mann und den Döner, denn sie hatten wichtigeres zu tun.

Fortsetzung folgt

7 Kommentare

  1. Gering ausgebildete sozielle Intelligenz, kann Angriffe von Religion und Verseuchung des menschlichen Gemütes damit, nicht abwehren. Der naturbelassene, naive Mensch ist anfällig und infizierbar für Religion.
    Das haben diese orientalen Halunken des Mittelalters schnell dazu ausgenutzt, diese Seuche zu implementieren und das hält bis heute an.
    Aufklärung gegen den religiösen Unsinn ist notwendiger denn jeh, denn die Austrittsrate von Gläubigern von nur eingen Prozenmten, verschafft dieser Betrugsorganisation, namens Religionsgemeinschaft eine jahrzehntelange Atempause.
    Diese Tatsache, dass dieser behauptete Gott nicht existiert, prallt bei den infizierten Religioten einfach ab.

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  2. Ich gebe Bernd recht. Und ich denke mit einem Beta-Leser, der nochmal über Rechtschreibung und Grammatik guckt, kann die Geschichte sehr gut werden. Ich finde auch, dass es hier nicht so sehr um den Unterhaltungswert geht bzw. gehen sollte, sondern dass hier gezeigt werden soll, welchen Schaden Religionen, egal, ob jetzt Islam, Christentum oder sonstwas ermöglichen/provozieren können, da man sie immer für seine jeweiligen Zwecke missbrauchen kann. Und es gibt viel zu viele machtgeile, sadistische Leute, die im Namen irgendeines Gottes willkürlich Menschenrechte ignorieren. Wobei mir da der radikale Islamismus mit Sharia und Co., bzw. so manche Hexenverbrennung dir durch Christen in Brasilien „veranstaltet“ wird – ohne jetzt rassistisch sein zu wollen – bei weitesten am Gefährlichsten vorkommen.

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    • Interessant hin oder her, es handelt sich wohl kaum um die Vorstellung eines Groschenromans. Leute begreift endlich, alle Religionen dieser Welt sind Gift. Religionen der ganzen Welt haben nur die eine gezielte Aufgabe die Menschheit von Ihrem wahren ICH abzulenken. Durch den Wettlauf der Religionen untereinander welche Religion die wahre Wahrheit ist, wird Zwietracht auf dem ganzen Erdball gesät. Nur durch die Zwietracht der Völker untereinander die die Religionen anschieben und aufkochen und dabei Menschenhirne auf allen Seiten beeinflussen werden Eroberungen und Siege möglich und im Gegenzug entsteht wieder Hass bei den Verlierern. Wir brauchen das alles nicht. Es geht auch ohne Zwietracht und Religion. Schafft alle Religionen ab. Nur Liebe ist die reine Wahrheit.

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